Großropperhausen, Gutshof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Denkmalarten Wohnhäuser und Siedlungen Ausgabe Nummer Juni Jahr 2019 Denkmale A-Z G

Über die gelungene Instandsetzung einer großen Hofanlage

Entschleunigung in Großropperhausen

Sie befinden sich mitten auf dem Land, stecken voller Geschichte und Tradition, sind groß, wunderschön – und nicht leicht zu erhalten: Gutsanlagen. Im hessischen Großropperhausen ist es der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) gemeinsam mit dem Eigentümer, den Stiftern und den heutigen Pächtern gelungen.

Schon im 13. Jahrhundert wurde erstmals eine   „Burg Ropperhausen“ erwähnt. Seitdem Generalleutnant Hans Ludwig von Baumbach den Besitz im Jahr 1699 gekauft hatte, blieb er in Familienhand. Die dazugehörige Hofanlage wurde von 1706 bis 1724 erneuert und befestigt; sie ersetzte die alte Burg. Von seinem Herrenhaus hat der Gutsherr bis heute alles im Blick: Das Pächterhaus, das Uhrenhaus und die großen Stallungen sind um den großen Hof herum angeordnet. Eine massive Feldsteinmauer umgibt das malerische Ensemble, das aus manchen Perspektiven wie ein kleines Dorf anmutet. Bis zur Mitte des ­20.­ Jahr­hunderts war es der Hauptarbeitgeber des Ortes, bis heute ist es das größte Barockgut Hessens.

Gerettete Denkmalsubstanz trifft auf einfühlsame Moderne in Form des Gästehauses (Gebäude mit Holzfassade links hinten): die Gutshofanlage Großropperhausen vom Herrenhaus aus gesehen.
Großropperhausen, Gutshof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Gerettete Denkmalsubstanz trifft auf einfühlsame Moderne in Form des Gästehauses (Gebäude mit Holzfassade links hinten): die Gutshofanlage Großropperhausen vom Herrenhaus aus gesehen.

„Mein Urgroßvater erlag während einer Rede einem Herzinfarkt“, erzählt Friedrich von Baumbach. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem zwei der drei Söhne   gefallen waren, musste sein Großvater das Studium abbrechen, um auf dem Gutshof allein neu zu beginnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es ihm dank der Hilfe fleißiger Flüchtlinge, vor allem aus dem Sudetenland, das Gut wieder nach vorne zu bringen. Als er 1964 starb, übernahm sein Sohn, der Vater des heutigen Eigentümers, das Gut und spezialisierte sich auf Schafzucht. Durch einen tragischen Brand des Schafstalls im Jahr 1968, bei dem alle Schafe umkamen, fand sie ein jähes Ende.


Fortan wurde nur noch Ackerbau und Waldwirtschaft betrieben, die ehemaligen Ställe standen seither leer und wurden nicht mehr unterhalten. Um ihre Vision zu verwirklichen, wieder Leben in die geschichtsträchtigen Gemäuer einziehen zu lassen, ermöglichten Mitglieder der Familie von Baumbach eine Treuhandstiftung unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ein ganzes Team war für das Großprojekt gefordert: Stiftungsfachleute, Architekten, Handwerker, Bauhistoriker, Landschaftsarchitekten, Gärtner, Fachleute, die Nutzungskonzepte für die einzelnen Bauten und die gesamte Anlage entwickelten – und erfahrene Spezialisten zur Koordination. Mit der DSD war ein Treuhänder gefunden, der letzteres leisten konnte.

 Lutz Heitmüller (l.) , Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, vor dem Herrenhaus im Gespräch mit Friedrich von Baumbach, dem Nachkommen der Gutsbesitzer.
Großropperhausen, Gutshof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Lutz Heitmüller (l.) , Vorstand der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, vor dem Herrenhaus im Gespräch mit Friedrich von Baumbach, dem Nachkommen der Gutsbesitzer.

„Als wir begannen, war das erste Dach bereits eingestürzt. Obwohl die zukünftige Nutzung noch nicht feststand, war daher der dringlichste Schritt die Sicherung der Bausubstanz. Danach erfolgte schrittweise die Instandsetzung, bei der es uns und Friedrich von Baumbach besonders wichtig war, den Charakter des Gutshofes zu erhalten“, erzählt Ute Willinger, die als Architektin in der Abteilung Denkmalförderung der DSD die Sanierung begleitete.


Eine Vielzahl typischer denkmalpflegerischer Fragestellungen war zu klären, für die die DSD durch ihre Fördertätigkeit umfassende Erfahrungen aufweist: von der Bestandsaufnahme der Bauten, der Untersuchung der Wände,   Putze und Holzbalken bis hin zur Auswahl der geeigneten Materialien für die Instandsetzung. Sie kooperierte dabei eng mit den Fachbehörden, insbesondere dem hessischen Landesdenkmalamt. Auch ökologische Nachhaltigkeit wurde in die Überlegungen mit einbezogen. So liefert heute Friedrich von Baumbach mit Holzschnitzeln aus dem eigenen Forst den Brennstoff für die neue Heizungsanlage.


Unstrittig war von Anfang an die Bedeutung des kostbaren, ummauerten Barockgartens als Teil einer früheren großzügig gestalteten Parkanlage. Sie wurde im 18. Jahrhundert von dem renommierten Landschaftsarchitekten Wilhelm Hentze angelegt und zeigt den hohen Anspruch des damaligen Bauherrn. Nach eingehender Grundlagenforschung konnten einzelne Gartenteile bereits von Fachleuten wiederhergestellt werden.

Gartendenkmalpflege liegt ihm am Herzen: Dr. Steffen Skudelny, Vorstand der DSD, hilft sachkundig bei der Bepflanzung der Parkanlage.
Großropperhausen, Gutshof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Gartendenkmalpflege liegt ihm am Herzen: Dr. Steffen Skudelny, Vorstand der DSD, hilft sachkundig bei der Bepflanzung der Parkanlage.

Auch wenn die Idee schon früh überzeugte, den Gutshof als Ganzes neu zu nutzen und wieder zu einem Zentrum mit Ausstrahlung zu machen, so benötigte ihre Realisierung einen langen Atem. Das Team der Stiftung versuchte über viele Partner und Freunde einen Nutzer zu finden. Die Suche zog sich über mehrere Jahre hin, bis sich der Kontakt zu Rainer und Ilona Wälde ergab: Als Betreiber einer erfolgreichen Akademie mit deutschlandweiten Veranstaltungen suchten sie schon ebenso lange einen festen Standort für ihre Aktivitäten und träumten von einem ländlichen Anwesen in der Mitte Deutschlands.


Als sie zum ersten Mal den Hof betraten, wussten sie sofort, dass sie angekommen waren. „Staunend hörten und sahen wir, dass die DSD in den letzten Jahren mit sehr viel Liebe zum Detail ‚unseren Gutshof‘ restauriert hatte, während wir (...) intensiv gesucht hatten. (…) Was für ein Wunder Gottes“, schreibt Rainer Wälde im Magazin der Gutshof-Akademie über den Beginn der Zusammenarbeit. Inzwischen hat sich die Akademie erfolgreich am Ort etabliert, neue Arbeitsplätze geschaffen und lockt jedes Jahr viele Gäste in die Region – Gut Großropperhausen ist wieder ein Zentrum mit Strahlkraft.


Die Wäldes wohnen seitdem selbst im historischen Pächterhaus und haben damit auch ihre persönliche Denkmal-Heimat gefunden. Die letzten Instandsetzungs- und Ausbauschritte an den einzelnen Gebäuden des Guts wurden gemeinsam mit ihnen, dem Eigentümer und den Stiftern geplant und entwickelt. Dazu gehört auch das neue Gästehaus, das die Lücke des abgebrannten Schafstalls im historischen Ensemble wieder schließt.

Entschleunigung pur: Die Akademie soll dem Ehepaar Wälde zufolge als „Zentrum für Sinnsucher und Sinnstifter“ dienen.
Großropperhausen, Gutshof © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Entschleunigung pur: Die Akademie soll dem Ehepaar Wälde zufolge als „Zentrum für Sinnsucher und Sinnstifter“ dienen.

So wie man auch in früheren Epochen neue Bauten in zeitgemäßer Formensprache ergänzte, fügt sich der Bau in seiner Kontur und den nachhaltigen natürlichen Baumaterialien ein, zeigt aber sein zeitgenössisches Gesicht. Er bietet den vielen, auch internationalen Gästen der Akademie eine temporäre Heimat auf dem Gutshof – und einen reizvollen Erfahrungsort. Die Abgeschiedenheit und Ruhe sind Teil des Konzeptes, „authentisch leben“ wird hier fühlbar. Entschleunigung erleben, neue Impulse finden und nach dem Aufenthalt mit einem geklärten Standpunkt ins Leben zurückzukehren, sind das Ziel.


Voller Freude und Dankbarkeit sehen Eigentümer, Stifter, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Akademiebetreiber und die Gäste, wie sich hier in seltener Weise alles ideal zusammenfügt: ein wundervolles Denkmalensemble durfte wieder aufblühen, es ist durch eine sinnstiftende Nutzung bereichert und kann umfassend in seiner Schönheit und Würde erlebt, erfahren und genossen werden.


Stefanie Kellner


Gut Großropperhausen, Gutshof,

34621 Frielendorf. Frielendorf liegt 50 km südl. von Kassel.

 

Für Gäste der Gutshof Akademie und im Rahmen des Tags des offenen Denkmals sowie weiteren

Verantaltungen ist ein Teil des Hofs zugänglich. Ab August finden Sie Details zu Führungen unter http://www.tag-des-offenen-denkmals.de


Informationen zu Seminaren wie „Biografie-Schmiede“ und „Waldbaden“ finden Sie unter:  http://www.gutshof-akademie.de

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