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Barocke Schiffskanzeln in Bayern

Im festen Glauben durch stürmische See

In einigen bayerischen Kirchen findet man originelle Kanzeln aus dem 18. Jahrhundert: Ihre Schiffsform ist reich an theologischen Bezügen.

Das leuchtend blaue Segel ist imposant gebauscht, goldene Putten machen sich geschäftig an der Takelage zu schaffen, an den Planken klebt eine Meeresschnecke. In der Irseer Klosterkirche versetzt das maritime Arrangement, das hier als Kanzel fungiert, jeden Besucher in Erstaunen.


Kanzeln, die von einem angedeuteten Schiffsrumpf unterfangen werden oder sogar selbst als solcher gebildet sind, wurden lange Zeit als kuriose, ja sogar alberne Spielerei abgetan. Die komplexen ikonografischen Hintergründe haben die Kritiker dabei verkannt. Heute weiß man die wenigen in katholischen Kirchen erhaltenen Schiffskanzeln besser zu würdigen – als kunsthistorische Besonderheiten mit einer äußerst beziehungsreichen Bildsprache.

Mit Christus sicher durch die Wellen: Petrus rudert links, der hl. Andreas rechts
Altenerding, Pfarrkirche Mariä Verkündigung © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Mit Christus sicher durch die Wellen: Petrus rudert links, der hl. Andreas rechts

Das Schiff war schon im frühen Christentum ein gängiges Symbol für die Kirche. Die Kirchenväter bedienten sich in ihren Schriften der nautischen Metapher, die in der antiken Rhetorik ohnehin allgegenwärtig war: Ob für das Leben, die Seele oder den Staat – die Fahrt übers Meer bot das passende Bild. Nun war es also das Schiff der Kirche, das allen Stürmen und sonstigen Gefahren trotzt, das nicht untergeht und den Hafen des Heils ansteuert. Die Vorstellung von Chris­tus als Steuermann und dem Mastbaum als Kreuz vervollständigte die Allegorie.


Sie hielt schnell Einzug in die christliche Ikonografie: Darstellungen vom Schiff der Kirche zeigen die Apos­tel oder die Evangelisten als Ruderleute, geleitet von Christus oder von Petrus. Zuweilen werden sie bedroht von Dämonen, die im Meer hausen.


In der rettenden Arche Noah hat das Schiff seine typologische Entsprechung, auch die Berufung Petri als Menschenfischer spielt mit hinein. Dieses Bild wurde im Zuge der Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert noch weiter entfaltet. Das „Schifflein Petri“, von dem aus Jesus (nach Lukas 5) das Volk lehrte, diente als kirchenpolitische Metapher, die die Autorität des Papsttums unterstreichen sollte: Als Nachfolger des Apostels Petrus kann nur der Papst das Schiff der Kirche sicher durch die Welt steuern.

Für die Pfarrkirche Mariä Verkündigung in Altenerding fertigten Christian Jorhan d. Ä. und Matthias Fackler um 1767 diese Schiffskanzel.
Altenerding, Pfarrkirche Mariä Verkündigung © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Für die Pfarrkirche Mariä Verkündigung in Altenerding fertigten Christian Jorhan d. Ä. und Matthias Fackler um 1767 diese Schiffskanzel.

Ein weiteres Leitmotiv der katholischen Propaganda jener Zeit lässt das Schiff der Kirche zum Kriegsschiff werden: die sogenannte „Türkengefahr“ – die Angst vor der Expansion des Osmanischen Reichs. Mit Waffen bestückt und vom Papst gelenkt, zieht es in die Seeschlacht, in den Kampf gegen Irrlehrer und Heiden.


All diese Facetten haben dazu beigetragen, dass das Schiffssymbol im Barock dann mitunter an sehr prominenter Stelle im katholischen Kirchenraum erschienen ist: als Predigtkanzel wie in Irsee. Der Bildhauer Ignaz Hillenbrand hatte das Kunstwerk 1724/25 für die Kirche der damaligen Reichsabtei im Allgäu geschaffen. Am unteren Teil des Kanzelkorbs deuten genagelte Planken einen Schiffsrumpf an, dieses Muster setzt sich auch an der Kanzelstiege fort. Auf der linken Seite prangt ein großer goldener Anker. Am Bug ist die Figur des mit dem Flammenschwert kämpfenden Erzengels Michael angebracht.


Ursprünglich befand sich darunter der gestürzte Teufel. Da dieses weit nach unten ragende Detail aber bei Prozessionen durch die Kirche im Weg war, wurde es im 19. Jahrhundert entfernt. Die goldenen Kartuschen am Kanzelkorb mit den Darstellungen der vier Evangelisten sind eine spätere Zutat. An der Rückwand weist das Wappen auf das römische Adelsgeschlecht der Orsini hin, dem der 1724 gewählte Papst Benedikt XIII. entstammte. 

Die Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters Irsee im Allgäu ist reich an ungewöhnlichen Ausstattungsstücken.
Irsee, ehem. Klosterkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters Irsee im Allgäu ist reich an ungewöhnlichen Ausstattungsstücken.

Am Schalldeckel sendet die Taube des Heiligen Geistes goldene Strahlen aus. Der Mast ist von einem blauen Wimpel mit den Buchstaben Alpha und Omega im Strahlenkranz bekrönt. Mit dem Mastkorb, den Wanten, dem Segel – dafür wurde echtes Leinen kaschiert – hat Hillenbrand die Anmutung eines Segelschiffes perfektioniert. Nur, dass hier Putten den Dienst an Bord verrichten und die Reise auf eine übergeordnete Ebene verlagern. 


„Höchst-beglückte Schiff-Fahrt über das Meer oder ­Yrsee dieser Welt“. So war die Trauerpredigt betitelt, die 1731 anlässlich des Todes von Abt Willibald Grindl, dem Auftraggeber der Kanzel, verfasst wurde. Neben der Anspielung auf den Ortsnamen hatte der Nachfolger im Amt dabei das altbekannte Bild von der gefährlichen Fahrt über die wilde See, die nur im sicheren Schiff der Kirche, also im festen Glauben, glücklich enden kann, bemüht. Das „Gewicht der Demut“ habe das Seelen-Schifflein vor dem Kentern bewahrt.

Ein Höhepunkt in der ehemaligen Klosterkirche ist die Schiffskanzel von Ignaz Hillenbrand (1724/25).
Irsee, ehem. Klosterkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Höhepunkt in der ehemaligen Klosterkirche ist die Schiffskanzel von Ignaz Hillenbrand (1724/25).

Mit der Wahl dieser Form für die Kanzel wurde der Priester zunächst ganz plakativ in die Nachfolge ­Petri gestellt. Es dürfte aber auch der Verweis auf besagte Türkengefahr eine Rolle gespielt haben. Ein his­torisches Ereignis wurde im 18. Jahrhundert in diesem Kontext von den Katholiken oft und gerne thematisiert: die Seeschlacht von Lepanto. Am 7. Oktober 1571 hatte die Flotte der Heiligen Liga die der Osmanen im Ionischen Meer überraschend geschlagen. Der Legende nach soll das Rosenkranzgebet den Christen zum Sieg über die „Heiden“ verholfen haben. Auf Anordnung von Papst Pius V. wurde der Jahrestag der Schlacht zum Gedenktag „Unserer lieben Frau vom Sieg“. Die katholische Kirche feiert ihn bis heute als Rosenkranzfest.


Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts war in Irsee eine Rosenkranzbruderschaft aktiv, die wahrscheinlich auf die Kirchenausstattung mit einwirkte. Auch das spricht dafür, dass die Schiffskanzel mit dem kämpfenden Erzengel nicht zuletzt diesen Triumph der Christen vergegenwärtigen sollte. Ungeachtet ihrer tatsächlichen politischen Bedeutung wurde die Seeschlacht in die Heilsgeschichte integriert, als himmlische Unterstützung für den katholischen Glauben interpretiert. So weist die Irseer Kanzel ein komplexes Bildprogramm auf – entstanden in einer Zeit, in der die Abtei zu einem Zentrum benediktinischer Gelehrsamkeit ausgebaut wurde.

Die Fischerkanzel der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Weißenregen schuf Johann Paul Hager 1758. Hier steht der Kanzelkorb nicht im Bootsrumpf, sondern ist selbst als Schiff gebildet. Unten entsteigt Jonas dem Maul des Wals.
Weißenregen, Wallfahrtskirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Fischerkanzel der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Weißenregen schuf Johann Paul Hager 1758. Hier steht der Kanzelkorb nicht im Bootsrumpf, sondern ist selbst als Schiff gebildet. Unten entsteigt Jonas dem Maul des Wals.

Tatsächlich gab es in Ingolstadt ein hochgerüstetes Pendant: Die heute verlorene Kanzel, die 1756 im Betsaal der dortigen Bürgerkongregation Maria de Victoria installiert wurde, hatte die Gestalt einer Galeere mit hölzernen Kanonen. Bei dem barocken Inventar des Oratoriums waren, dem Patronat der Maria vom Sieg angemessen, die Hinweise auf Lepanto allgegenwärtig.


Andere Schiffskanzeln in Pfarr- oder Wallfahrtskirchen stellen sehr viel deutlicher den allgemeinen biblischen Bezug zum Fischzug Petri her und verweisen damit ganz klar auf die Funktion der Kanzel als Ort des Predigers. In diesen Zusammenhang gehört auch die Darstellung von Jonas und dem Wal, wie sie etwa an der Kanzel der Wallfahrtskirche im oberpfälzischen Weißenregen zu finden ist: Der Prophet, der von dem Tier verschlungen und nach drei Tagen ausgespien wird, gilt als Präfiguration des auferstandenen Christus.

Seelenfang: Hölzerne Fische sind in das aus echten Seilen geknüpfte Netz der Apostel gegangen.
Weißenregen, Wallfahrtskirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Seelenfang: Hölzerne Fische sind in das aus echten Seilen geknüpfte Netz der Apostel gegangen.

In der Kirche ist das Schiff ein beredsames Symbol. Mit den Kanzeln bekam es Auftrieb – dank der Schaulust des Barock und der Künstler, die diese zu befriedigen wussten. Diese Sonderform breitete sich von Bayern nach Oberösterreich, nach Schlesien und weiter nach Polen aus. In Süddeutschland können einige Gotteshäuser mit solchen Kunstwerken aufwarten: in Irsee im Allgäu, im ländlichen Raum um München, namentlich in Altenerding, Niederding und Sittenbach sowie in Weißenregen im Bayerischen Wald.


Ende des 18. Jahrhunderts war die ‚Mode‘ vorbei. Als die bisweilen fast geschwätzige Detailverliebtheit wieder schlichteren Formen wich, mussten die Prediger die sinnstiftenden Bilder allein mit ihren Worten vor dem geistigen Auge der Zuhörer lebendig werden lassen. 


Bettina Vaupel



Pfarrkirche St. Peter und Paul, Klosterring 8, 87660 Irsee, tagsüber geöffnet, Führungen n. Anm. über das Pfarrbüro, Tel. 08341 2880 (Di 8–11, 17–19 Uhr)

https://www.irsee.de/kirchen-pfarreien-und-vereine/die-pfarreien/pfarrei-peter-und-paul.html


Pfarrkirche Mariä Verkündigung, Hofmarkplatz 2, 85435 Erding-Altenerding, geöffnet tägl. 8–16 Uhr

https://pfarrei-altenerding.de/


Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt, 93444 Bad Kötzting-Weißenregen, geöffnet April–Sept. tgl. 9–19 (Fr –17 Uhr), Okt.–März tägl. 9–16 Uhr

http://www.wallfahrtskirche-weissenregen.de/

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