Stegelitz, Dorfkirche © Andreas Winter

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Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende, die Dorfkirche von Stegelitz zu retten

Von außen nach innen

Die Kirche von Stegelitz zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten in der Uckermark. Jetzt besteht akute Einsturzgefahr.

„Warum läutet die Glocke nicht mehr? Wie geht es weiter mit unserer Kirche?“ Das handgeschriebene Flugblatt, liebevoll gestaltet mit einer Zeichnung der Kirche, landet in jedem Briefkasten von Stegelitz. Zu der so einnehmend beworbenen Informationsveranstaltung mit der Pfarrerin und dem Bürgermeister kommen am 4. November 2017 prompt über 30 Leute. Eingeladen haben Andreas Winter und Monika Danz – zugezogen vom Berliner Stadtrand in das kleine Dorf in der Uckermark und in die direkte Nachbarschaft der Kirche.


Nicht nur räumlich sind die beiden sofort in den Bann dieses stattlichen, aber schlichten Feldsteinbaus geraten. Dessen Inneres birgt wahre Schätze: Aus dem reichen Inventar des 17. und 18. Jahrhunderts sticht vor allem der prächtige Renaissance-Altar heraus, laut Inschrift 1598 gestiftet von Johann und Christoph von Arnim – Stegelitz war lange Zeit im Besitz der von Arnims zu Gerswalde. Der hölzerne Aufsatz zeigt auf vier Ebenen Szenen aus dem Leben Jesu, im Zentrum eine figurenreiche Kreuzigungsszene. Die geschnitzten Bildfelder weisen noch die originale Farbfassung auf.

Einsturzgefahr: Die kleine Kirche muss dringend notgesichert werden. Die wertvollsten Ausstattungsstücke sind hinter schützenden Spanplatten verborgen.
Stegelitz, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Einsturzgefahr: Die kleine Kirche muss dringend notgesichert werden. Die wertvollsten Ausstattungsstücke sind hinter schützenden Spanplatten verborgen.

Auch das marmorne Grabdenkmal, das sich Georg Abra­ham von Arnim 1734 selbst setzte, ist von erlesener Qualität. Geschaffen hat es vermutlich Johann Georg Glume, einer der bedeutendsten Berliner Barockbildhauer. Fast lebensgroß verewigte er den preußischen Generalfeldmarschall in Rüstung und Mantel, umrahmt von Herrschaftsinsignien. 


All das ist heute verwaist, verstaubt, verstummt. Das Geläut musste abgeschaltet werden – Erschütterungen kann das Mauerwerk nicht mehr verkraften. Der letzte Gottesdienst wurde hier 2015 zum Erntedankfest gefeiert. Mittlerweile ist die Kirche gesperrt. Der bauliche Zustand steht in krassem Gegensatz zu ihrer Bedeutung. Der Dachstuhl ist vom Echtem Hausschwamm so schwer geschädigt, dass einzelne Hölzer weggebrochen sind und sich das Gewölbe bereits verformt hat. Es besteht akute Einsturzgefahr.


Gemessen am tatsächlichen Bedarf gibt es zu viele bedürftige Kirchen im Sprengel, nicht jedes Dorf braucht hier wirklich ein eigenes Gotteshaus. Da drohte Stegelitz zwischenzeitlich von der Prioritätenliste zu fallen. Es wurde in der Vergangenheit sogar über die Entwidmung und die Umsetzung des prachtvollen Renaissance-Altars diskutiert – für die Denkmalpflege war das allerdings nie eine Option.

Trügerische Idylle: Von außen ist die Not nicht zu erahnen.
Stegelitz, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Trügerische Idylle: Von außen ist die Not nicht zu erahnen.

Im Winter 2017 kommt endlich Dynamik in die Sache. Den Vertretern der Kirchenverwaltung und der Denkmalbehörden ist klar: Wenn der Feldsteinbau und seine Ausstattung nicht unwiederbringlich verloren gehen sollen, muss schnell etwas passieren.


Und dann ist da noch Andreas Winter, der die Gefahr für das Dorf, seiner Mitte und Identität beraubt zu werden, aus nächster Nähe sieht. Er hat das Zeug, andere mitzureißen: Nur fünf Wochen nach der ersten Veranstaltung wird der Verein Freunde der Feldsteinkirche Stegelitz gegründet. Bei erfahrenen Fördervereinen holt man sich Rat und Anregungen.


Um wenigsten schon einmal das Umfeld zu verschönern, wird in freiwilligen Arbeitseinsätzen die Außenmauer von Efeu befreit, wird Gestrüpp vom Kirchhof entfernt, wird fleißig geharkt und geschnitten. Das tut nicht nur der Kirche gut, sondern auch dem Dorfleben. Die Stegelitzer, Alteingesessene und Neubürger, kommen zusammen und bleiben im Gespräch. Kaufmann, Bäcker und Kneipe gibt es hier nicht mehr.

Pfarrerin Heidi Enseleit und Andreas Winter, Vorstandsvorsitzender des Vereins Freunde der Feldsteinkirche Stegelitz, kämpfen gemeinsam für die Rettung des Denkmals.
Stegelitz, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Pfarrerin Heidi Enseleit und Andreas Winter, Vorstandsvorsitzender des Vereins Freunde der Feldsteinkirche Stegelitz, kämpfen gemeinsam für die Rettung des Denkmals.

Das ehrenamtliche Engagement vor Ort spricht sich schnell herum und hat einen Domino-Effekt. Endlich kommt auch die Zusage vom Land Brandenburg, eine ungewöhnlich hohe Summe für die Sicherung des Dachstuhls zur Verfügung zu stellen. „Das Wunder von Stegelitz“ nennt es Pfarrerin Heidi Enseleit, die es von Berufs wegen wissen muss. Doch spätestens beim Betreten der Kirche wird klar, dass es hier noch weiterer Wunder bedarf. Den Verein treibt die sichtbare Not nur weiter an.


Ein erstes Nutzungskonzept ist bereits erarbeitet, Visionen gibt es reichlich. Die Mitglieder wollen diverse kulturelle Aktivitäten etablieren. Das Ensemble des alten Schulhauses direkt neben der Kirche, das Andreas Winter als Gästehaus und Seminarstätte wiederbelebt hat, eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. Musiker mieten sich dort gerne für ein Probenwochenende ein. Nach den ersten Sicherungsmaßnahmen, wenn die Kirche wieder nutzbar ist, könnten hier Aufführungen stattfinden. Gerade für Chöre oder Bläser bietet der Kirchensaal eine sehr gute Akustik. In der Vergangenheit wurden solche Angebote gut angenommen.

Sie wollen die Kirche im Dorf lassen: Bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen packen die Stegelitzer gerne mit an.
Stegelitz, Dorfkirche © Andreas Winter
Sie wollen die Kirche im Dorf lassen: Bei den freiwilligen Arbeitseinsätzen packen die Stegelitzer gerne mit an.

Der Verein will die Historie des Ortes und der Kirche aufarbeiten, in Vorträgen und Ausstellungen präsentieren. Die Jugend im Dorf und in der Umgebung kann in diverse Projekte mit einbezogen werden. Darüber hinaus soll die Kirche in Zukunft für Touristen geöffnet sein – Stegelitz liegt direkt am Radweg Berlin–Usedom. Und selbstverständlich möchte Pfarrerin Enseleit hier auch wieder Gottesdienste feiern und von der schönen barocken Kanzel predigen. 


Der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg würdigte die Aktivitäten und das Konzept und bedachte die Kirchenretter aus Stegelitz 2018 mit dem „Startkapital für Kirchen-Fördervereine“. Das Preisgeld von 2.500 Euro ist hier auf jeden Fall gut angelegt. Ein Jahr nach der Vereinsgründung konnte das hundertste Mitglied begrüßt werden – ein beflügelnder Erfolg!


Man spürt, wie in Stegelitz alle an einem Strang ziehen. Der Verein arbeitet eng mit dem zuständigen Pfarramt Gerswalde zusammen. Heidi Enseleit sieht sogar Chancen darin, dass die dörflichen Strukturen hier nicht so gefestigt sind, es immer viel Bewegung gab: „Man kann Traditionen begründen, ohne alte umzustürzen.“ Stegelitz hat eben keine große, angestammte Kirchengemeinde, die die Wichtigkeit ihres Gotteshauses nach draußen trägt. Hier läuft es umgekehrt: Die Impulse gehen von außen nach innen.

Die Kirche von Stegelitz zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten in der Uckermark. Das kostbare Inventar ist mittlerweile eingehaust: der Altaraufsatz von 1598, die barocke Kanzel und das Denkmal des preußischen Generals Georg Abraham von Arnim.
Stegelitz, Dorfkirche © Andreas Winter
Die Kirche von Stegelitz zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten in der Uckermark. Das kostbare Inventar ist mittlerweile eingehaust: der Altaraufsatz von 1598, die barocke Kanzel und das Denkmal des preußischen Generals Georg Abraham von Arnim.

Das, was sich außen tut, macht Mut. Nicht nur auf den ersten oberflächlichen Blick, der über die sanften Hügel der Moränenlandschaft und die vielen kleinen Seen schweift. Es ist eine Region mit Zukunft, in der viele Menschen ihre Ideen einbringen und etwas bewegen wollen. Der ökologische Landbau ist im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin schon lange auf dem Vormarsch. Junge Familien haben sich angesiedelt, im Dorf gibt es einen Kindergarten. Dank eines erfolgreichen Crowdfunding-Projektes wird in der ehemaligen Stegelitzer Bäckerei ab Sommer 2019 eine kleine Brauerei entstehen. „Regionale Wertschöpfung“ scheint in dieser Gegend keine Worthülse zu sein. 

Das Gewölbe ist verformt, die Kirche gesperrt.
Stegelitz, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Gewölbe ist verformt, die Kirche gesperrt.

Noch einmal der Perspektivwechsel auf die gesperrte Kirche, ein vorerst letzter Blick ins Innere: Der verlassene Nebenraum über dem Eingang, der bis vor ein paar Jahren als Winterkirche und Gemeindesaal genutzt wurde, bietet ein trauriges Stillleben. Staub und Spinnweben haben sich des kleinen Behelfsaltars bemächtigt. „Aber die Kerzen sind noch nicht heruntergebrannt“, deutet Pfarrerin Enseleit das Bild um. 


Neu interpretieren – das können sie hier offenbar gut. Eine hoffnungsvolle Aussicht für die Stegelitzer Dorfkirche, die noch viele Unterstützer braucht! 


Bettina Vaupel


Dorfstr. 39B, 17268 Flieth-Stegelitz.

Stegelitz liegt ca. 90 km nordöstlich von Berlin.

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