Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Denkmalarten Kleine und große Kirchen Stile und Epochen 1700 1600 Denkmale in Gefahr Ausgabe Nummer Februar Jahr 2019 Denkmale A-Z S

In der Seeger Pfarrkirche muss die Decke restauriert werden

Raumwunder mit Hohlstellen

Die Pfarrkirche im Allgäuer Dorf Seeg ist ein Rokoko-Juwel. Nach dem Absturz eines Fresko-Teils muss die gesamte Langhausdecke restauriert werden.

Das Bild ist so absurd wie erschütternd: Don Juan d’Austria, dem strahlenden Helden der Seeschlacht von Lepanto, hat es die geharnischten Beine weggerissen. Stattdessen treten nackte Holzlatten zutage. Das Gesicht des Admirals ist hinter gepolsterten Stützen verschwunden. 


Das zentrale Deckenfresko in der Pfarrkirche St. Ulrich in Seeg soll den grandiosen Sieg der Heiligen Liga über die Osmanen im Jahr 1571 feiern. Doch in dem Meis­terwerk, das Johann Baptist Enderle 1769 schuf, klafft eine über zwei Quadratmeter große Lücke.

Schmerzliche Lücke im Hauptdeckengemälde: rechts im Bild Don Juan d'Austria mit Krone und goldener Rüstung.
Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Schmerzliche Lücke im Hauptdeckengemälde: rechts im Bild Don Juan d'Austria mit Krone und goldener Rüstung.

Im Frühjahr 2016 krachte über den vorderen Kirchenbänken ein gewaltiges Putzstück zu Boden – glücklicherweise in der Nacht, sodass niemand zu Schaden kam. Seit geraumer Zeit bleibt den Besuchern der Kirche der dramatische Anblick erspart. Dafür verbirgt ein Flächengerüst die gesamte Langhausdecke.


Eigentlich bietet das Dorf im Ostallgäu eine bayerische Bilderbuch-Szenerie: hochaufragende Berge, sanfte Hügel, kleine, von Riedgräsern gesäumte Seen und mittendrin die Pfarrkirche mit dem Zwiebelturm. Ein Besuch in St. Ulrich könnte die Krönung sein – das stattliche Gotteshaus zählt zu den elegantesten Rokoko-Schöpfungen in Süddeutschland.


Die Mitte des 17. Jahrhunderts errichtete Kirche wurde ab 1701 nach Plänen von Johann Jakob Herkomer (1652–1717) erweitert und umgestaltet. Der Füssener Universal-Meister war als Architekt, Stuckateur, Bildhauer und Maler hoch angesehen. So entstand, wohl unter Joseph Miller, ein großzügiger Saalbau mit eingezogenem Chorraum im Osten und doppelter Empore im Westen. 1725 erfolgte die Weihe. Die heutige Ausstattung kam erst in den folgenden Jahrzehnten hinzu: prächtige Rocaille-Stuckaturen von Andreas Henkel und grandiose Fresken von Balthasar Riepp sowie Johann Baptist Enderle. Sie ergeben im Zusammenspiel mit der Architektur ein stimmiges Gesamtkunstwerk, licht und leicht bei aller Bilderfülle.

Von außen stimmt das Bild: Die schmucke Pfarrkirche thront über dem Dorf.
Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Von außen stimmt das Bild: Die schmucke Pfarrkirche thront über dem Dorf.

Die 1650 gegründete Seeger Rosenkranzbruderschaft stellte immer wieder hohe Summen für die Kirche zur Verfügung. Daher durfte sie auch das Thema des Hauptbildes an der Langhausdecke bestimmen: Am Beispiel der Seeschlacht von Lepanto wird die Kraft des Rosenkranzgebetes dargestellt. Im Zentrum des Freskos erscheint die von Engeln umgebene Gottesmutter auf einer Wolkenbank. Dank ihrer Fürsprache bei der Dreifaltigkeit – Papst Pius V. hatte die gesamte Christenheit zum Rosenkranzgebet aufgerufen – soll der Sieg über die zahlenmäßig weit überlegene türkische Flotte gelungen sein.


Kein Wunder, dass dieser Bau, wenn auch nicht exklusiv, den Beinamen „die kleine Wies“ erhielt. Die berühmte Wies, die Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland im 20 Kilometer entfernten Steingaden, ist das fulminante Spätwerk von Johann Baptist und Dominikus Zimmermann. Sie zählt als Inkunabel der Raum- und Dekorationskunst des Rokoko schon lange zum UNESCO-Welterbe.


Gerne zitiert man hier in Seeg Theodor Heuss, der die Gegend für die Sommerfrische liebte und „immer erneutes Entzücken“ angesichts dieser „Kirche von fröhlicher Frömmigkeit“ empfand. Dies lässt sich erst recht nach der 2004–07 durchgeführten Instandsetzung, bei der die historische Raumfassung wiederhergestellt worden war, bestens nachvollziehen.

So soll sie wieder werden: die Langhausdecke mit dem Hauptbild, das die Hilfe der Gottesmutter bei der Seeschlacht von Lepanto zum Thema hat.
Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
So soll sie wieder werden: die Langhausdecke mit dem Hauptbild, das die Hilfe der Gottesmutter bei der Seeschlacht von Lepanto zum Thema hat.

Schon bei dieser Maßnahme stand die rührige Gemeinde eng zusammen und legte eine überwältigende Spendenbereitschaft an den Tag. Mehr als 500.000 Euro waren damals zusammengekommen. Woche für Woche hatten Freiwillige Schutt aus der Kirche geschafft, damit trotz der Arbeiten hier die sonntägliche Messe gefeiert werden konnte.


Umso schmerzlicher traf die Seeger der Absturz an der scheinbar intakten Langhausdecke. Für Mesner Norbert Riedler war es ein Schock, als er an einem Morgen im März 2016 nichtsahnend die Kirchentür aufschloss und in einer Staubwolke stand. Auf dem Boden und auf den Bänken lagen überall verstreut Hunderte von kleinen und großen Putzbrocken. Eine Woche lang haben Restauratoren alle Teile sortiert und zusammengefügt. Auf die erste Notsicherung des entsprechenden Bereichs folgten umfangreiche statische Untersuchungen der gesamten Decke. Schnell war klar, dass es mit der Reparatur der einen Fehlstelle nicht getan ist. Auch an vielen anderen Stellen haftet der Putz nur mangelhaft.

Brennen für ihre Kirche: Dr. Theo Waigel (r.) und Mesner Norbert Riedler (l.)
Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Brennen für ihre Kirche: Dr. Theo Waigel (r.) und Mesner Norbert Riedler (l.)

Was man mittlerweile weiß: So perfekt die freskierte Decke künstlerisch ist, so unzureichend erfolgte im 18. Jahrhundert ihr Aufbau. Die Spanten sowie die Latten, die die Unterkonstruktion für den Putz bilden, haben falsche Abstände, das Gefüge der Putzschichten ist insgesamt instabil. Diese Schwachstellen gilt es nun mechanisch zu festigen, ohne das Fresko zu beeinträchtigen. Wie schwierig und aufwendig das ist, kann auch der Laie erahnen.


Im vergangenen Sommer wurde bereits über ein Außengerüst der Dachstuhl ertüchtigt. Für dieses Jahr ist die restauratorische Sicherung geplant, die die gesamte Putzschale der Langhausdecke umfasst. Dafür müssen nicht nur die Außentemperaturen steigen, sondern auch die finanziellen Mittel. Die Kirchengemeinde hat viele Baumaßnahmen zu stemmen: Drei der fünf Kirchen im Sprengel sind gerade eingerüstet, die 21 Filialkapellen wollen ebenfalls gepflegt sein.


Immerhin hat St. Ulrich einen prominenten Fürsprecher. Ex-Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel engagiert sich mit großem Einsatz für die Baudenkmale im Ostallgäu, so auch für die Kirche seines Wohnortes. Er hatte schon anlässlich der Innensanierung ein Kuratorium gegründet, das auch jetzt wieder in ähnlicher Besetzung angetreten ist, um – ganz im Wortsinn – Sorge zu tragen und sich zu kümmern.

Wie ein Puzzle zusammengefügt: die geborgenen Freskoteile
Seeg, Pfarrkirche St. Ulrich © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wie ein Puzzle zusammengefügt: die geborgenen Freskoteile

Das Gotteshaus ist glücklicherweise auch als Baustelle belebt. Nur die Führungen, die immer viele Touristen angezogen haben, liegen brach. Gottesdienste und Konzerte aber finden im normalen Rahmen statt. Und selbst für festliche Ereignisse wie Trauungen und Taufen wollen viele Menschen nicht auf ihre Pfarrkirche verzichten. Dann wird das Gerüst eben mit Efeu umwunden und ganz pragmatisch in den Schmuck einbezogen.


Dass St. Ulrich eine ganz besondere Schönheit ist – das merkt man auch dann, wenn man zwischen Metallstangen durchblicken muss. Hauptsache, dieses Juwel kann diesmal für lange Zeit gesichert werden.            


Bettina Vaupel


Kirchplatz 5, 87637 Seeg,

Tel. 08364 272

Seeg liegt 30 km südöstlich von Kempten.

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