Hamburg, Haus Anna Elbe © Stefan Timmann, Hamburg

Das Hufnerhaus in Hamburg-Altengamme

Fachwerk am Elbdeich

Wieder bewohnbar: Das Haus Anna Elbe von 1715 war dem Verfall nahe, bis eine tatkräftige Familie auf den Plan trat.

Wer schneller zu entmutigen gewesen wäre, sagt ­Tatiana Timmann, hätte den Anblick „katastrophal“ finden können. Doch hatten sie und ihr Mann schon einiges gesehen. Sie waren seit mehreren Jahren auf der Suche nach einem Vierländer Gehöft, als sie das alte „Voß'sche Haus“ am Altengammer Hauptdeich erstmals betraten und fasziniert feststellten, dass hier in drei Jahrhunderten offenbar nie ein eingreifender Umbau stattgefunden hatte.


Die originale Treppe war vorhanden. Die Holzvertäfelung in der guten Stube mitsamt den Schiebetüren der „Alkoven“, der früheren Bettkästen, ebenso die ursprünglichen bleiverstrebten Fenster im Obergeschoss. Dass die „historische Substanz relativ gut“ erhalten war, ließ die Timmanns über morsches Gebälk und fauliges Reet hinwegsehen. In Spätsommer 2015 kauften sie den Fachwerkbau.


Die Vierlande erstrecken sich östlich von Hamburg entlang der Elbe. Das Dorf Altengamme, heute ein Hamburger Stadtteil, wurde 1188 erstmals urkundlich erwähnt. Auf historischem Grund steht auch das idyllisch zwischen Elbdeich und Naturschutzgebiet gelegene Anwesen, das heute die Timmanns mit drei Kindern bewohnen. Um das Jahr 1500 befand sich hier schon eine Hofstelle, deren Besitzer namentlich bekannt ist.

Eingebettet ins Naturschutzgebiet „Borghorster Elblandschaft“ – das restaurierte Hufnerhaus in Altengamme.
Hamburg, Haus Anna Elbe © Stefan Timmann, Hamburg
Eingebettet ins Naturschutzgebiet „Borghorster Elblandschaft“ – das restaurierte Hufnerhaus in Altengamme.

Der heutige Bau wurde 1715 als Hufnerhaus errichtet, als Wohnstätte für Bauern also, die auf eigenem Grund wirtschafteten. Sehr wohlhabend waren sie vermutlich nicht. In der Holzvertäfelung fehlen die Intarsien, schmückende Einlegearbeiten mit andersfarbigen Hölzern, die sich in stattlicheren Vierländer Gehöften finden. Segensreichem Geldmangel ist es womöglich auch zu verdanken, dass heute noch so viel von der ursprünglichen Ausstattung vorhanden ist.


Zu Beginn des 20. Jahrhunderts diente das Haus als Gaststätte. In der Nachkriegszeit beherbergte es einen Lebensmittelladen, zuletzt eine Fahrradwerkstatt. Zehn Jahre lang stand es schließlich leer und war dem Verfall preisgegeben, wenn auch nicht ganz vergessen. Hin und wieder stellten die Vorbesitzer in den verlassenen Räumen die Heizung an, was den Niedergang der Bausubstanz immerhin verlangsamte.


Nach wie vor gehörte das Anwesen den Erben seiner Erbauer aus dem frühen 18. Jahrhundert, einer Familie Voß. Als die Timmanns es erwarben und in „Haus Anna Elbe“ umbenannten, erlebte es den ersten Besitzerwechsel. Ein Jahr nahm allein die Entrümpelung in Anspruch, bei der Relikte unterschiedlicher Nutzungsperioden zutage kamen. Flaschen und Gläser aus der Zeit, als im Erdgeschoss der Schankraum untergebracht war. Vergilbte Dokumente, eine alte Wäschemangel, ein Oblateneisen. Der bemerkenswerteste Fund freilich waren belichtete Fotoglasplatten aus dem 19. Jahrhundert, die das Haus und einige seiner damaligen Bewohner zeigen.

Eine kleine Besonderheit: die nach oben zu klappenden Fensterläden im Erdgeschoss.
Hamburg, Haus Anna Elbe © Stefan Timmann, Hamburg
Eine kleine Besonderheit: die nach oben zu klappenden Fensterläden im Erdgeschoss.

Im September 2016 begann mit der Erneuerung von Dachstuhl und Reetdach die Restaurierung, die die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in diesem und im vergangenen Jahr gefördert hat. Seit Juli 2018 sind nun vier Ferienwohnungen verfügbar. Im ehemaligen Wirtschaftstrakt, der im rechten Winkel an das Wohnhaus anschließt, liegt ein 90 Quadratmeter großer Saal, nutzbar für Familienfeiern, vielleicht künftig als Dorfgemeinschaftsraum. Es sei ja, meint Tatiana Timmann, ein Ort, wo „die Leute Geschichte einatmen können“.


Eine architektonische Rarität ist es obendrein, das letzte Exemplar eines „Halbkreuzhauses“ in den Vierlanden. Charakteristisch für diese Bauten ist, dass sie nicht mit der Schmal-, sondern der Längsseite an den Deich grenzen. Der Flussnähe ist auch der Name zu verdanken, „Anna Elbe“ – das Haus liegt halt „anne Elbe“, wie man auf Plattdeutsch sagen würde.  


Winfried Dolderer


Haus Anna Elbe, Altengammer Hauptdeich 82, 21039 Hamburg

https://www.haus-anna-elbe.de/  

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