Bilzingsleben , St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn

Denkmale in Gefahr August 2018

Sankt Wiperti in Bilzingsleben

Eine Kirche gerät aus den Fugen

Besucher der Thüringer Gemeinde Bilzingsleben zieht es oft in Richtung der auf einer leichten Erhebung im Ortskern gelegenen Kirche. Doch ist die Enttäuschung meist groß, denn das Gotteshaus ist verschlossen – Einsturzgefahr! Seit zwei Jahren sind der neugotische Chor und das Langschiff gesperrt: Betreten ist strengstens verboten! Zahlreiche Risse durchziehen das Chorgewölbe, der blau gefärbte Putz mit seinem hübschen weiß gepunkteten Dekor ist schon in großen Brocken heruntergefallen. Hilfe wird dringend benötigt, um den Einsturz zu verhindern!

Es war das Jahresereignis für den kleinen Ort Bilzingsleben in Thüringen. Im Oktober 2017 hielt ein fünfköpfiges Team um Pfarrer Jens Bechtloff Einzug in das große Finale der MDR-Denkmalsendung „Mach Dich ran“. In mehreren Vorrunden hatte es sich gegen andere Teams aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt durchgesetzt und sich dann über Wochen auf den Tag der Entscheidung vorbereitet. Den Gewinnern winkten 200.000 Euro zur Erhaltung ihrer restaurierungsbedürftigen Kirche. Fast das halbe Dorf fuhr nach Zwickau, um bei der Show dabei zu sein. Am Ende waren es nur wenige Sekunden, die ihnen zum Sieg fehlten. Die Enttäuschung währte nur kurz: Als Zweite nahmen die Thüringer Fördermittel in Höhe von 100.000 Euro mit nach Hause – eine Summe, auf die das ganze Dorf stolz sein kann. 

Seit 2016 sind der Chor und das Langhaus der Dorfkirche in Bilzingsleben gesperrt. Trotz der massiven Schäden ist die hochwertige Ausführung im neugotischen Stil noch gut zu erkennen.
Bilzingsleben, St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Seit 2016 sind der Chor und das Langhaus der Dorfkirche in Bilzingsleben gesperrt. Trotz der massiven Schäden ist die hochwertige Ausführung im neugotischen Stil noch gut zu erkennen.

Betreten nur unter Lebensgefahr

Allerdings reicht das Geld bei weitem nicht aus, um die einsturzgefährdete Dorfkirche Sankt Wiperti instand zu setzen, die den beschaulichen Ort mit seinen knapp 700 Einwohnern so prägt. Seit zwei Jahren sind der neugotische Chor und das Langschiff gesperrt: Betreten ist strengstens verboten! Zahlreiche Risse durchziehen das Chorgewölbe, der blau gefärbte Putz mit seinem hübschen weiß gepunkteten Dekor ist schon in großen Brocken heruntergefallen. Einzelne Ziegelsteine sind sogar herausgebrochen und hinterlassen gefährliche Löcher. Vorbeugend wurden die neugotischen Fenster ausgelagert und die Öffnungen provisorisch mit Spanplatten verblendet. Ein trauriger Anblick! Noch tragen die zierlichen Gewölberippen das filigrane Konstrukt. Doch es ist eine Frage der Zeit, bis die Chorapsis einstürzt – wenn nicht bald mit den Sicherungsarbeiten begonnen wird.


Die sind angesichts des katastrophalen Zustands und der Schadensursache kompliziert, wie Jens Bechtloff und der Architekt Sixtus Hermanns beim Gang um Sankt Wiperti erklären. 1885 wurden das spätmittelalterliche Langhaus und der Chor abgerissen und bis 1889 durch eine größere neugotische Kirche ersetzt. Gründe dafür lagen mit Sicherheit in einigen baulichen Mängeln der alten Kirche, aber auch in dem Bedürfnis, der gewachsenen Gemeinde ein repräsentativeres Gotteshaus zu bieten. Allerdings machte man beim Wiederaufbau den Fehler, die neuen Bauteile nicht ausreichend zu gründen. Im Laufe der Zeit hat sich dadurch der Chor stark verformt. An den Wänden geraten die Steine zunehmend aus den Fugen, und die Risse werden immer größer und zahlreicher. Sixtus Hermanns bringt die dramatische Situation auf den Punkt: „Wer derzeit den Chor betritt, begibt sich in Lebensgefahr.“

Die Ursprünge von St. Wiperti reichen bis in die Zeit vor 1300. Von der romanischen Kirche ist nur der untere Turmschaft erhalten. Der obere Teil des Turms stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das östlich anschließende Langschiff und der Chor wurden 1885–89 errichtet.
Bilzingsleben, St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Ursprünge von St. Wiperti reichen bis in die Zeit vor 1300. Von der romanischen Kirche ist nur der untere Turmschaft erhalten. Der obere Teil des Turms stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das östlich anschließende Langschiff und der Chor wurden 1885–89 errichtet.

Aber auch die Schäden im Langschiff sind erschreckend. Das hölzerne Dachtragwerk und die Emporenstützen, die die Lasten aus dem Kirchschiffdach ableiten, sind vom Hausschwamm befallen und leiden unter Fäulnis. Fasst man die Pfeiler an den besonders geschädigten Stellen an, zerbröselt einem das Holz unter den Händen.


Dabei sieht die Kirche auf den ersten Eindruck so wehrhaft aus, besonders der stattliche Westturm, der im 19. Jahrhundert nicht abgerissen wurde, sondern seinen mittelalterlichen Charakter bis heute bewahrt hat. So standfest könnte sich der neugotische Gebäudeteil nach der Restaurierung ebenfalls wieder darstellen.


Ein Ort mit langer Geschichte

Das Gotteshaus thront auf einer leichten Erhebung inmitten eines Kirchhofs. Von dem trutzigen Turm hat man einen weiten Ausblick auf das Thüringer Becken und den Höhenzug der Hainleite. In der Nähe zur strategisch wichtigen Thüringer Pforte lag Bilzingsleben in einem Gebiet, das über Jahrhunderte Grenzland zwischen thüringischen, fränkischen und sächsischen Machtbereichen war. So streiften verschiedene Auseinandersetzungen auch den kleinen Ort, der an drei Seiten von dem kleinen Fluss Wipper geschützt wurde. An der westlichen Seite, wo das Gelände ansteigt, war die Siedlung durch Lehmwände, Palisaden und durch einen Graben befestigt. Reste haben sich in der Nähe der Kirche erhalten, deren steinerner Bau das Zentrum der „Dorfbefestigung“ bildete. 

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die erweiterte Saalkirche eine umfangreiche neugotische Ausstattung. Dazu gehört auch die umlaufende, reich verzierte Empore mit filigranen Stützen, die die Lasten des Kirchenschiffdaches abfangen.
Bilzingsleben, St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die erweiterte Saalkirche eine umfangreiche neugotische Ausstattung. Dazu gehört auch die umlaufende, reich verzierte Empore mit filigranen Stützen, die die Lasten des Kirchenschiffdaches abfangen.

Die Geschichte Bilzingslebens reicht aber weit über das Mittelalter hinaus – in eine Zeit, deren Dimensionen wir kaum erfassen können: Wie mehrere Ausgrabungen belegen, schlug vor etwa 370.000 Jahren der Homo erectus an diesem Ort sein Lager auf. Damit machten die Wissenschaftler hier Funde, die zu den frühesten urmenschlichen Spuren in Europa gehören. Sie stießen auf Schädelteile dieser dem Menschen verwandten Gattung, auf Knochen erlegter Waldelefanten, auf Feuersteinartefakte und Überreste von zeltartigen Wohnbauten. Letztere lieferten aufschlussreiche Hinweise darauf, wie differenziert dieser Urmensch schon denken und handeln konnte.


Heute kommen aus aller Welt Besucher – nicht nur Paläoanthropologen – in das Thüringer Dorf und besichtigen das kleine Museum, das bei der Ausgrabungsstätte errichtet wurde. Wenn sie dann durch den Ort gehen und das Kircheninnere anschauen möchten, stehen sie enttäuscht vor verschlossenen Türen. 


Weihnachtsmänner laufen für die Kirche

Auch die Bewohner von Bilzingsleben wünschen sich, ihr Gotteshaus wieder in Gänze betreten zu können. Seit Jahren widmen sie sich der Sanierung ihrer Kirche. Schon zu DDR-Zeiten spendeten viele für die Notsicherung des Daches. Sie reparierten aus eigenen Kräften, soviel sie konnten. Doch der Verfall war damit nicht aufzuhalten. Als Pfarrer Bechtloff 1991 seinen ersten Weihnachtsgottesdienst in Sankt Wiperti hielt, rückte die Gemeinde eng zusammen, um sich in der feuchten Kälte gegenseitig zu wärmen. 

Es ist höchste Zeit zu handeln! Tiefe Risse durchziehen das Mauerwerk des Chores, der sich im Laufe der Zeit stark verformt hat.
Bilzingsleben, St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Es ist höchste Zeit zu handeln! Tiefe Risse durchziehen das Mauerwerk des Chores, der sich im Laufe der Zeit stark verformt hat.

Nach der Sperrung von Langhaus und Chor haben sich die Dorfbewohner in der unbeheizten Turmhalle provisorisch einen Raum für Gottesdienste eingerichtet. Weil es keine Alternativen gibt, nutzen sie den Bereich unterhalb der westlichen Empore als Gemeinderaum, indem sie ihn durch eine Wand vom Langhaus abtrennten. In Gesprächen mit dem Pastor und den Gemeindemitgliedern spürt man: Die Kirche in Bilzingsleben ist ein lebendiges Denkmal, ein Ort des öffentlichen Lebens, und das nicht nur zu den Gottesdiensten. Hier treffen sich der Senioren- und Frauenkreis, die Konfirmanden und die kleinsten Gemeindemitglieder zur Kinderkirche. Hier kommen die Menschen auch zusammen, um sich Gedanken über die Erhaltung ihrer Kirche zu machen. Denn wie gerne würden sie die Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Gottesdienste wieder in dem einst so ansehnlichen Langschiff mit Blick auf den Altar und den Chor feiern. 


Spendenaktionen für die Rettung von St. Wiperti gab es in der Vergangenheit reichlich: Seit Jahrzehnten backt der Frauenkreis Stollen und Plätzchen für den heimischen Weihnachtsbasar und verkauft diese auch in der hessischen Partnergemeinde in Bad Orb, die ihre thüringischen Freunde immer wieder finanziell unterstützt hat. So erfolgreich wie kurios ist der vom Bürgermeister Matthias Bogk initiierte Weihnachtsmann-Lauf, der über die Grenzen des Ortes weit bekannt ist. Mehrere Hundert rote Zipfelmützen gehen dann für einen guten Zweck, auch für die Rettung von St. Wiperti, auf die Laufstrecke. Alle Bilzingslebener stehen für die Kirche bereit. „Wenn es konkrete Aufgaben gibt, kommen hilfsbereite Dorfbewohner sofort“, weiß Doris Löwe vom Kirchenrat aus Erfahrung. Der heimische Tischler bot sich sogar an, eine der gefährdeten Emporenstützen unentgeltlich zu erneuern. 

Kümmern sich schon seit Jahrzehnten um St. Wiperti: Pfarrer Jens Bechtloff, der Architekt Sixtus Hermanns und der Bürgermeister von Bilzingsleben (v.l.n.r.)
Bilzingsleben, St. Wiperti © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Kümmern sich schon seit Jahrzehnten um St. Wiperti: Pfarrer Jens Bechtloff, der Architekt Sixtus Hermanns und der Bürgermeister von Bilzingsleben (v.l.n.r.)

Doch die aktuell anstehende Sanierung ist zu komplex und aufwendig, als dass es mit einer einzelnen Maßnahme getan wäre. Bei der Sicherung eines so stark bedrohten Bauwerks müssen die Arbeiten ineinandergreifen und gut abgestimmt werden. Besonders kompliziert wird es sein, den Baugrund am Chor zu stabilisieren, ohne das aufgehende Mauerwerk und das Gewölbe weiter zu schädigen. Der erfahrene Architekt Sixtus Hermanns ist voller Zuversicht, dass die Sanierung gelingt. Jedenfalls bringt dieses Unterfangen hohe Kosten mit sich. Deshalb freuen sich Jens Bechtloff und seine Gemeindemitglieder so sehr darüber, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz für Sankt Wiperti um Spenden bittet.


Beim Spiel „Mach Dich ran“ ließ das Team aus Bilzingsleben keinen Zweifel daran, wie sehr die Dorfgemeinschaft zusammenhält und ihre Kirche retten möchte. Für diese Mammutaufgabe aber braucht es noch mehr Mitstreiter, die gemeinsam mit den Menschen in Bilzingsleben gegen den drohenden Einsturz ihres Gotteshauses kämpfen!            


Amelie Seck

Spenden für St. Wiperti in Bilzingsleben

Auch kleinste Beträge zählen!