Die kreisförmige Baugestalt des Keramions Fre-chen ist einer Töpferscheibe nachempfunden: Ansicht der Rückseite.

Öffentliche Bauten

Ein eigenwilliges Baudenkmal der Moderne

Die Frechener Töpferscheibe

Seit 1971 erhebt sich ein markantes Bauwerk, einem UFO gleich, am Rande Frechens.

Die „Bartmannkrüge“ waren seit dem 16. Jahr-hundert das charakteristische Produkt der Fre-chener Keramik.
Frechen; Keramion © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die „Bartmannkrüge“ waren seit dem 16. Jahr-hundert das charakteristische Produkt der Fre-chener Keramik.

Von der Straße geht es über vier zwei- und dreistufige Treppenabsätze sanft aufwärts. Zwei „Leitwände“ säumen den Weg, die rechte mit dunkelblauen und auf den letzten Metern mit braunen, die linke mit mattgrünen Fliesen verkleidet. Einem offenen Trichter oder einer Reuse gleich nehmen sie den Besucher in Empfang und geleiten ihn zur überraschend unscheinbaren, fast verstohlen platzierten Eingangstür. So präsentiert sich das „Keramion“, das „Zentrum für moderne und historische Keramik“ in Frechen, von vorne.


Spektakulär ist das Bild, nähert man sich dem Bau von der Rückseite. Als schwebe ein außerirdisches Raumschiff über der rheinischen Ebene, so wirkt die blendend weiße, parabelförmig einschwingende Betonschale auf den Betrachter. Ein Effekt, der sich nicht zuletzt der wandhohen Rundumverglasung des Erdgeschosses verdankt. Die elegante Dachkonstruktion, 32 Meter im Durchmesser, ruht auf fünf Pilzstützen, die sich als Rundpfeiler im Untergeschoss fortsetzen. Bekrönt wird der Bau von einem schüsselförmigen Aufsatz. Durch eine Glaskuppel in seinem Inneren fällt das Tageslicht bis ins Untergeschoss. Aus dem Glasrund des Erdgeschosses führen die insgesamt vier unregelmäßig angeordneten „Leitwände“ unterschiedlich weit ins Freie.


Der Kölner Architekt Peter Neufert hatte beim Entwurf des 1971 errichteten Gebäudes eine Töpferscheibe vor Augen, entsprechend dem Anliegen seines Auftraggebers. Dieser, der Frechener Industrielle Gottfried Cremer, hatte seit den frühen 1950er-Jahren eine der europaweit größten Privatsammlungen zeitgenössischer Keramik zusammengetragen, die er jetzt in einem angemessenen Gehäuse unterbringen wollte. Cremer hatte zunächst kein öffentliches Museum im Sinn, sondern einen privaten Ausstellungsbau, um geladenen Gästen seine Kollektion zu präsentieren. Als markantes Zeugnis der Moderne steht das Keramion seit 2002 unter Denkmalschutz.


Zur Vorbereitung der geplanten Sanierung wur-den an einigen Stellen der geschädigten Leitwände die KerAion-Platten entfernt.
Frechen; Keramion © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Zur Vorbereitung der geplanten Sanierung wur-den an einigen Stellen der geschädigten Leitwände die KerAion-Platten entfernt.

Der Bauherr war Inhaber der seit 1906 in Frechen ansässigen Firma Cremer & Breuer, später Vereinigte Steinzeugwerke GmbH. Ein Keramikhersteller aus Leidenschaft, ab 1957 zwölf Jahre lang auch Präsident der Deutschen Keramischen Gesellschaft, und ein innovativer Kopf. Der Umsatz seines Unternehmens stammte hauptsächlich aus der Massenproduktion von Kanalisationsröhren. Cremers Experimentierfreude indes reichte weiter. Ende der 1960er-Jahre entwickelte er die „KerAion“-Platte, eine bis zu zwei Quadratmeter große, aber nur acht Millimeter dicke, beidseitig glasierte Fliese.


Mit Großplatten aus KerAion verkleidet sind auch die vier 2,20 Meter hohen Beton-Leitwände des Keramion. Doch diese Wände, die keine eigene tragende Funktion haben, sondern lediglich der Orientierung und dem Sichtschutz dienen, verursachen neuerdings den Kummer in Frechen. Feuchtigkeit hat den Beton stellenweise rissig werden und die Stahlarmierung rosten lassen. Dadurch wurde auch die Keramikverkleidung in Mitleidenschaft gezogen, Brüche und Risse traten auf. Eine Sanierung ist überfällig. Sie soll aus Kostengründen zunächst an nur zwei Wänden, den beiden am meisten geschädigten, beginnen.


Die Keramiktradition reicht in Frechen mindestens fünf Jahrhunderte in die Vergangenheit. Die 52.000 Einwohner zählende Kleinstadt westlich von Köln liegt inmitten eines Gebiets, das sich von Raeren im heutigen Ostbelgien bis Höhr-Grenzhausen im Westerwald erstreckt, und das sich in der frühen Neuzeit zu einem Zentrum der Steinzeugherstellung entwickelte. Steinzeug wird bei Höchsttemperaturen von bis zu 1.300 Grad gebrannt. Dabei schmelzen die Sand- und Quarzpartikel im Ton, und es entsteht eine Scherbe, die auch ohne Glasur wasserundurchlässig und außerordentlich beständig ist. In der Region zwischen Eifelvorland und Westerwald fand sich der geeignete Ton, und Brennholz gab es im Überfluss.


Die Betonschale der Dachkonstruktion ruht im Inneren auf fünf pilzförmigen Stützen: Blick in den Ausstellungsraum im Erdgeschoss.
Frechen; Keramion © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Betonschale der Dachkonstruktion ruht im Inneren auf fünf pilzförmigen Stützen: Blick in den Ausstellungsraum im Erdgeschoss.

Zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert zählte Frechen, damals ein kleines Dorf, rund 600 Töpfereibetriebe und 70 Kaufleute, die mit der Ware handelten. Zum Markenprodukt des Ortes wurde der „Bartmannkrug“, so genannt, weil er mit einem bärtigen Männergesicht verziert ist. Er findet sich heute auch im Stadtwappen. Ebenfalls in Frechen produziert, allerdings erst seit dem 18. Jahrhundert, wurde sogenannte Irdenware. Sie war bei geringeren Temperaturen gebrannt und mit einer Bleiglasur versehen. Die Kannen und Schüsseln sind mit dekorativen und figürlichen Motiven verziert.


Die Stadt besann sich erst spät auf diese besondere Handwerksgeschichte. Nach zwei Jahrzehnten Sammeltätigkeit zum Aufbau einer Kollektion eröffnete sie 1985 ein eigenes „Historisches Keramikmuseum“, das bis 2002 bestand. Mittlerweile hatte die Vereinigte Steinzeugwerke GmbH 1997 den Standort Frechen aufgegeben. Die verringerte Ertragslage der keramischen Industrie ließ die bis dahin private Finanzierung des Keramion an ihre Grenzen stoßen. So fiel schließlich die Zukunft sichernde Entscheidung, die Bestände des städtischen Museums und der Privatsammlung Cremers in dem Neufert-Bau am Rande des ehemaligen Werksgeländes zusammenzuführen und einer Stiftung zu übereignen, an der seither auch der Landschaftsverband Rheinland und die Stadt beteiligt sind.


Ein Teil der historischen Sammlung ist im Untergeschoss zu sehen.
Frechen; Keramion © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Teil der historischen Sammlung ist im Untergeschoss zu sehen.

Das Zentrum für moderne und historische Keramik verfügt heute über 1.200 inventarisierte Steinzeuggefäße und 250 Stück Irdenwaren aus der historischen Sammlung sowie über 6.000 keramische Unikate der Moderne aus Cremers Erbe. Die zeitgenössischen Exponate stammen von rund 500 Künstlern aus 35 Ländern, überwiegend aus Deutschland. Zu sehen sind sie im Keramion auf 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und in einem Anbau aus den 1990er-Jahren. Auf dem Gelände entstand mittlerweile zudem ein museumspädagogischer Pavillon.


Das Sanierungsprojekt ist derzeit in der Phase behutsam tastender Erprobung. Ein Schadensgutachten liegt vor; auch ist es gelungen, 16 der fragilen KerAion-Platten von den Leitwänden zu lösen. Sie sind auf Metallschienen geklebt, die ihrerseits auf den Beton geschraubt wurden. Genau so sollen sie nach dem Wunsch der Denkmalpflege auch künftig wieder befestigt sein. Jedes Baudenkmal stellt Restauratoren vor besondere Aufgaben. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte dabei dem Keramion finanziell zur Seite stehen.


Winfried Dolderer

Werke moderner Keramiker machen rund 80 Prozent der Sammlung des Keramion aus.
Frechen; Keramion © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Werke moderner Keramiker machen rund 80 Prozent der Sammlung des Keramion aus.

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Stiftung KERAMION – Zentrum für moderne und historische Keramik

 

Bonnstraße 12

50226 Frechen

 

Tel. 02234 697690

 

Öffnungszeiten:

Di–Fr., So 10 –17 Uhr, Sa 14 –17 Uh, öffentliche Führung jeden ersten Sonntag im Monat um 11 Uhr