Interieur Dezember 2017 K

Eine Kulturgeschichte der Küche

Zurück zur Mitte

Von der zentralen Feuerstelle bis zur innovativen Kochinsel war es ein langer Weg. Wir haben die Geschichte der Küche verfolgt.

Die modisch gekleidete Frau betritt die knapp zweieinhalb Meter breite Kapsel über die geöffnete Luke, nimmt auf dem Drehstuhl Platz und betätigt gelassen Knöpfe und Hebel in Reichweite. Sie will allerdings nicht in ferne Galaxien vordringen, sondern lediglich eine warme Mahlzeit zubereiten. Das war die Vision der modernen Küche, die der Designer Luigi Colani ersonnen hatte und die die Firma Poggenpohl 1970 auf der Kölner Möbelmesse präsentierte. Das kurvige Innenleben aus Kunststoffguss in leuchtendem Gelborange kam wie die Kulisse eines Science-Fiction-Films daher – „Experiment 70“ sollte sich mit anderen Raummodulen kombinieren und an einen zentralen Wohnbereich andocken lassen. Die Kugelküche aus dem Paralleluniversum konnte sich als Serienprodukt nicht durchsetzen. Das Modell für die eingekapselte Hausfrau – ihr war dieser Raum in jener Zeit noch vorbehalten – war wohl zu lebensfern.


Und doch markierte der futuristische Entwurf den Höhepunkt einer rasanten Entwicklung, die die Küche in den 50 Jahren zuvor durchlaufen hatte und die bestimmt war von Separierung, Rationalisierung und Technisierung.

Eine der ältesten erhaltenen Klosterküchen in Deutschland (nach 1258): Das ehemalige Dominikanerkloster in Rothenburg ob der Tauber ist heute Reichsstadtmuseum. Der Kaminabzug aus dem 14. Jahrhundert führt durch drei Geschosse. Die Instandsetzung der Esse wurde von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert.
Rothenburg ob der Tauber, Reichsstadtmuseum © Reichsstadtmuseum Rothenburg o.d.T.
Eine der ältesten erhaltenen Klosterküchen in Deutschland (nach 1258): Das ehemalige Dominikanerkloster in Rothenburg ob der Tauber ist heute Reichsstadtmuseum. Der Kaminabzug aus dem 14. Jahrhundert führt durch drei Geschosse. Die Instandsetzung der Esse wurde von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert.

Kochen am offenen Feuer

Die Küche im heutigen Sinne als ein klar abgetrennter Bereich, der der Zubereitung von Speisen dient, ist ein Phänomen, das lange Zeit den privilegierten Schichten vorbehalten, der einfachen Bevölkerung jedoch in manchen Regionen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein fremd blieb.

Am Anfang war das offene Feuer, das nicht nur als Herdstelle, sondern ebenso als Licht- und Wärmequelle diente. Jahrhundertelang war dies der Mittelpunkt des Hauses, mit ihm waren Rechte und Bräuche verbunden. Die Feuerstelle am Boden stellt die simpelste Form dar. Sie ist etwa im Flett des niederdeutschen Hallenhauses überliefert: In der großen Diele flackerte das Feuer, daneben wurde gelebt und gearbeitet. Nachts verhinderte ein Eisengitter, dass Tiere durch die Glut liefen.


Morgens, mittags und abends Grütze, Brei oder Suppe – der Speisezettel der ärmeren Haushalte war bis ins 18. Jahrhundert denkbar eintönig. Entsprechend spartanisch war die Kochstelle beschaffen. Die Anforderungen an Mobiliar und Gerätschaften waren minimal. Das Essen köchelte im Kessel, der an der Kette hing. Die Temperatur wurde mithilfe des Kesselhakens geregelt: Legte man bei der Säge „einen Zahn zu“, kam der Topf dem Feuer näher. Auch mit dreibeinigen Halterungen aus Eisen, sogenannten Pfannenhunden oder -knechten, ließ sich ein Tiegel über der Glut erhitzen.


Der frei aufsteigende Rauch zog, allenfalls gebremst vom Funkenhut, über Öffnungen im Dach oder Löcher in der Wand ab. Immerhin konservierte er das Gebälk, wehrte Ungeziefer ab und konnte zum Räuchern genutzt werden. Der Gesundheit der Menschen waren die beißend verrauchten Räume weniger zuträglich. Doch das offene Herdfeuer ohne Kaminanschluss war in bäuerlichen Haustypen lange Zeit gang und gäbe. In einer weiter entwickelten Stufe wurde die Wohnstube abgetrennt und von der Rauch- oder Schwarzküche aus mittels Kachelofen beheizt.

Schwarzküche eines spätgotischen Hallenhauses (Am Untermarkt 25) in Görlitz. Der Ruß hat über dem gemauerten Herdblock deutliche Spuren hinterlassen.
Görlitz, Am Untermarkt 25 © Christopher Schalinski, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Berlin
Schwarzküche eines spätgotischen Hallenhauses (Am Untermarkt 25) in Görlitz. Der Ruß hat über dem gemauerten Herdblock deutliche Spuren hinterlassen.

Vielerorts ging man dazu über, einen Herdblock aufzumauern. Mit dem mal knie-, mal hüfthohen Unterbau nahm sich die Arbeitsfläche komfortabler aus. Zudem konnte in der üblicherweise gewölbten Aussparung das Brennholz trocknen. Die ebenerdige Kochstelle, später oft als offener Kamin gebaut, war im deutschen Sprachraum aber weiterhin anzutreffen.


Für das Kochen am offenen Feuer gab es selbst in wohlhabenden Häusern lange keine Alternative. Allerdings konnten die privilegierten Stände die Küchenarbeit nicht nur an das Personal delegieren, sondern vor allem räumlich ausgrenzen. In Burgen, Schlössern oder Klöstern befand sich die Küche normalerweise in einem Wirtschaftsbau oder Küchenflügel. Spätestens mit der Frühen Neuzeit war die Kochstelle von den repräsentativen Räumen weit genug entfernt, sodass Rauch und Dünste keine Belästigung darstellten. Darüber hinaus diente dies der Feuersicherheit.


Naturgemäß galten in Adelssitzen und seit dem ausgehenden Mittelalter auch bei der städtischen Oberschicht andere Gepflogenheiten bei der Zubereitung der Nahrung, die sich auf die Ausstattung der Küche auswirkten. Was angemessene Herren- und was Bauernspeise sei, war nicht nur an die Verfügbarkeit gebunden, sondern unterlag einer festen Ordnung. Während die einen sich mit Getreidegrütze, Kraut und Bohnen zu begnügen hatten, durften die anderen sich mit Fleisch, Fisch, importierten Früchten und Gewürzen sehr viel abwechslungsreicher ernähren und konnten bei Festen mit aufwendig gestalteten Gerichten auftrumpfen.


Zum Standardgerät von herrschaftlichen Küchen gehörten Hackstock, Bratspieße oder -roste, Töpfe, Pfannen, Backformen und Vorratsgefäße in verschiedenen Größen und aus unterschiedlichen Materialien. Auf der steinernen Herdplatte loderten hier gleich mehrere Feuer. Um das Fleisch gleichmäßig zu garen, wurden die Bratspieße von einem Küchenjungen oder durch einen Hund in der Tretmühle gedreht. Leonardo da Vinci hatte eigens einen Windbräter entwickelt – einen Spieß, der sich dank der Flügelräder in der aufsteigenden heißen Luft automatisch in Bewegung setzte. Gängiger jedoch war der Gewichtbräter mit Seilzug. Auch waren die Küchen der Oberschicht mit einem Tisch zum Zubereiten und Anrichten sowie Hängeregalen oder Schränken möbliert, in denen das Koch- und Essgeschirr aufbewahrt wurde.

Einst der ganze Stolz der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden: Die Schauküche im barocken Schloss Favorite in Rastatt zählt zu den wenigen noch erhaltenen Exemplaren.
Rastatt, Schloss Favorite, Schauküche © Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
Einst der ganze Stolz der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden: Die Schauküche im barocken Schloss Favorite in Rastatt zählt zu den wenigen noch erhaltenen Exemplaren.

Die reiche Auswahl an Utensilien konnte kaum beeindrucken, wenn sie außer der Dame des Hauses und den Köchen und Dienstboten niemand zu sehen bekam. Der barocken Lust an der Vorführung entsprechend, fanden sich in vornehmen Wohnsitzen bald zweierlei Küchen: die echte Kochküche und die Prunkküche, die man Besuchern zeigte. Eine solche Schauküche, in der nie ein Gericht zubereitet wurde, sondern die einzig und allein der Repräsentation diente, hatte man holländischen Vorbildern abgeschaut. In diversen Schlössern des 17. und 18. Jahrhunderts von Oranienbaum bis Rastatt dokumentierten die Fürstinnen mit ordentlich aufgereihten Fayencen, feinem chinesischen Porzellan und blank polierten Kupferpfannen nicht nur den Wohlstand, sondern gleichermaßen ihre Tugend als Landesmutter, die etwas von Haushaltsführung versteht.


Auch betuchte Patrizierfrauen machten sich diese Mode zu eigen. In Hamburg, Köln oder Nürnberg präsentierten sie in „Prangküchen“ stolz ihre kunstvoll dekorierten Terrinen und die Gerätschaften aus schimmerndem Messing. Es muss „sogar der Besenstiel und das Kehrig-faß von Zinn gemachet seyn“, spottete ein 1703 in Nürnberg erschienenes Buch zum „Gründlichen Haußhaltungs-Unterricht“ für Frauenzimmer.


Die Revolution: der geschlossene Herd

Die berechtigte Angst vor Feuersbrünsten war das eine, der hohe Holzverbrauch das andere – das Garen am offenen Feuer konnte nicht der Kochkunst letzter Schluss sein. Schon im 16. Jahrhundert, zu Zeiten dramatischer Holzknappheit, hatte es erste Versuche gegeben, die Flammen in einer ummauerten Feuerkammer zu bändigen und damit Brennmaterial einzusparen. Doch erst 200 Jahre später konnten findige Köpfe auf diesem Gebiet bahnbrechende Lösungen vorweisen.


Der Architekt François de Cuvilliés der Ältere, den man dank seiner überbordenden Raumschöpfungen als Meister des deutschen Rokoko kennt, hat außerdem das Kochen revolutioniert. Mit dem Castrol-Herd (abgeleitet vom französischen Wort Casserole für Kochtopf) erfand er 1735 für die Münchner Amalienburg einen geschlossenen Herd: Er versah den rundum gemauerten Feuerkasten mit einer durchbrochenen Eisenplatte. Durch die Löcher züngelten die Flammen und erhitzten so die Töpfe.

Im Wohnhaus des berühmten Staudenzüchters Karl Foerster in Potsdam-Bornim konnte, dank einer großzügigen Spende an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die historische Kochmaschine restauriert werden.
Potsdam, Wohnhaus Karl Foerster © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Wohnhaus des berühmten Staudenzüchters Karl Foerster in Potsdam-Bornim konnte, dank einer großzügigen Spende an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die historische Kochmaschine restauriert werden.

Eine geniale Weiterentwicklung dieses Systems lieferte im ausgehenden 18. Jahrhundert Benjamin Thompson alias Graf Rumford. Der Naturwissenschaftler, der im bayerischen Staatsdienst die Armee neu organisieren sollte, machte sich Gedanken über Ernährung, wärmespeichernde Kleidung sowie Heizanlagen und verbesserte damit nicht nur die Lebensumstände der Soldaten. Teil seiner umfassenden Reform war auch die Rumford-Suppe, eine billige und gleichzeitig sättigende Mahlzeit aus Graupen und Erbsen, die er 1795 für Militär- und Armenküchen erdacht hatte. Dem Grafen war vor allem der innovative Sparherd zu verdanken, bei dem die Feuerhitze durch mehrere waagerechte Kanäle gezielt an verschiedene Stellen der Herdplatte geleitet wurde. Die Kochlöcher und Töpfe waren so aufeinander abgestimmt, dass keine Wärme verloren ging.


Während der Rumford-Herd um 1800 zunächst nur in wenigen Volksküchen und begüterten Haushalten Einzug hielt, diente er doch als Vorbild für jene „Kochmaschinen“, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das offene Feuer langsam aus den Küchen aller sozialen Schichten verdrängten. Diese neuen geschlossenen Herde waren entweder gemauert oder als transportable Version aus Gusseisen beziehungsweise starkem Eisenblech gefertigt. Die ausgemauerte Brennkammer ließ sich auch mit Steinkohle befüllen.


Zur ausgeklügelten technischen Ausstattung gehörten Aschenkasten, Bratröhre und mehrere Kochlöcher. Durch abnehmbare Herdringe konnte die Feueröffnung an das jeweilige Kochgefäß angepasst werden. Oft gab es ein Wasserschiff – ein fest installiertes Metallgefäß, mit dem man warmes Wasser stets bereithalten konnte. Die mobilen Sparherde, die die Gusseisenhütten ab 1860 serienmäßig produzierten, wurden immer kompakter und fanden selbst in kleinen Räumen Platz. Mit Emaille-Platten oder Fliesen ummantelt, konnten sie sogar schmuck dekoriert werden.  Die Kochmaschine war nicht nur praktisch und ökonomisch, sie eröffnete neue Varianten der Essenszubereitung: Ein Gericht aus mehreren Komponenten war nun auch in einfacheren Haushalten möglich.

Durchgestaltet, ganz im Sinne des Jugendstils: Für sein Wohnhaus auf der Darmstädter Mathildenhöhe hatte Peter Behrens 1901 auch eine Küche entworfen
Darmstadt, Wohnhaus Peter Behrens © aus: Ausstellungskatalog der Künstlerkolonie in Darmstadt 1901
Durchgestaltet, ganz im Sinne des Jugendstils: Für sein Wohnhaus auf der Darmstädter Mathildenhöhe hatte Peter Behrens 1901 auch eine Küche entworfen

Experimentierfeld der Moderne

Mit der Verbreitung der geschlossenen Herde und der Anschlüsse an fließendes Wasser wurde die Küche um 1900 zu einem potenziell sauberen Arbeitsplatz, der zunächst im bürgerlichen Umfeld unter funktionalen und ästhetischen Gesichtspunkten stärker ins Blickfeld geriet. Dem Zeitgeist folgend, wurde Hygiene großgeschrieben. Leicht zu reinigende Oberflächen und Schränke, in denen alles staubfrei parat stand, waren das Gebot, dem nur eine Farbe entsprechen konnte: Die neue Küche war idealerweise weiß. Wie sie im Detail aussehen könnte, damit beschäftigten sich im Sinne des Gesamtkunstwerks jetzt auch Architekten. 


Möbelentwürfe für Küchen waren eine neue Aufgabe für die Vertreter des Jugendstils und der Moderne.

In der Wohnung der Bürger war die klare Differenzierung zwischen Wirtschaftsteil und Wohnbereich weiterhin Standard. Die Arbeiterküche dagegen blieb noch lange multifunktional – und das nicht im besten Sinn. In Mietskasernen, wo Elend und Enge herrschten, wurde in der Küche gekocht, gegessen, gebadet, gewaschen und Wäsche getrocknet. Selbst dort, wo es eine gute Stube gab – die man nur zu Festtagen oder für hohen Besuch beheizte –, war die Wohnküche der Aufenthaltsraum der Familie, den man sich mit Sofa und bestickten Überhandtüchern heimelig einrichtete.


Die Bestrebungen, die Küchenarbeit zu erleichtern, beschränkten sich bald nicht mehr nur auf die Einsparung von Energie, sondern vor allem von Zeit. Die Rationalisierung der Hausarbeit war ein Thema, das in Nordamerika schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich untersucht worden war. Dabei galten die Küchen der großen Ozeandampfer als beispielhaft, wo auf engstem Raum und in schneller Abfolge massenweise Menüs zubereitet wurden. Ab 1912 veröffentlichte Christine Frederick in den USA vielbeachtete Texte zur rationellen Haushaltsführung, die auf Analysen von Bewegungsabläufen in der Küche fußten. 1921 waren sie in deutscher Übersetzung verfügbar.

Das Haus am Horn in Weimar wurde 1923 als Versuchshaus für die große Bauhaus-Ausstellung errichtet. Die Küche für eine Kleinfamilie ohne Hauspersonal sollte pflegeleicht und funktionell sein.
Weimar, Haus am Horn © Jochen Helle/Bildarchiv Monheim GmbH
Das Haus am Horn in Weimar wurde 1923 als Versuchshaus für die große Bauhaus-Ausstellung errichtet. Die Küche für eine Kleinfamilie ohne Hauspersonal sollte pflegeleicht und funktionell sein.

Die Entlastung der Frauen stand nun auch hierzulande im Fokus. Zum einen, weil sie in der Weimarer Republik vermehrt berufstätig waren, zum anderen, weil ihnen nicht nur erklärte Frauenrechtlerinnen mehr Zeit für sich selbst, ihre kulturelle Bildung und die Erziehung der Kinder zugestanden. Amerika – wo die meisten Haushalte über Stromanschluss verfügten, Kaffeemaschine, Staubsauger und Waschautomat etabliert waren und die Hausfrau dank systematischer Arbeitseinteilung niemals abgearbeitet sei – wurde zum großen Vorbild stilisiert. Als der Bereich der Wohnung, in dem man Funktionalismus am sinnfälligsten umsetzen konnte, war die Küche das Experimentierfeld der Architekten-Avantgarde.


Als Ernst May, ab 1925 Baudezernent in Frankfurt am Main, sein gigantisches öffentliches Wohnungsbauprogramm startete, verstand sich der Planer auch als Sozialreformer. Gemäß den Idealen des Neuen Bauens sollten Typisierung und Normierung nicht nur schnelle Abhilfe bei der Wohnungsnot schaffen, sondern vielmehr einen gesellschaftlichen Wandel befördern. Den neuen Menschen immer im Blick, wollte May von innen nach außen entwerfen. 


Das Neue Frankfurt brauchte also vor allem eine neue Küche. Diese für die moderne Frau zu typisieren, übertrug er der jungen Wiener Architektin Margarete Lihotzky (nach ihrer Heirat 1927 Schütte-Lihotzky), die er eigens dafür in das Hochbauamt berief. Die Schriften Christine Fredericks waren Lihotzky dabei eine wichtige Grundlage und die Küchen in den Mitropa-Speisewagen eine praktische Bestätigung. Sie maß ebenfalls jeden Schritt und jeden Handgriff im Sinne der Arbeitserleichterung mit der Stoppuhr exakt ab.


Das Ergebnis war eine Serienküche mit fest eingebauten Ober- und Unterschränken, logisch angeordnet und hygienisch wie ein Labor. Der Normaltyp kam mit sechseinhalb Quadratmetern aus. Zu den Finessen zählten die Arbeitsplatte unterhalb des Fensters mit höhenverstellbarem Drehstuhl, eine herausnehmbare Abfallrinne, ein zweigeteiltes Spülbecken mit Abtropfgestell, luftdurchlässige Schränke und Aluminiumschütten für die Aufbewahrung von Lebensmitteln sowie ein ausklappbares Bügelbrett.

Die Frankfurter Küche als Mutter aller Einbauküchen: Das Einfamilien-Reihenhaus in der Siedlung Römerstadt (1927/28) wurde von der Ernst-May-Gesellschaft denkmalgerecht wiederhergestellt.
Frankfurt am Main, ernst-may-haus © ernst-may-gesellschaft e.V., Frankfurt am Main/Reinhard Wegmann
Die Frankfurter Küche als Mutter aller Einbauküchen: Das Einfamilien-Reihenhaus in der Siedlung Römerstadt (1927/28) wurde von der Ernst-May-Gesellschaft denkmalgerecht wiederhergestellt.

Bestückt war die Küche normalerweise mit einem Gasherd – aus England kommend hatte sich dieser seit 1900 in den Städten durchgesetzt – und einer Kochkiste zum Warmhalten oder Weitergaren. Dank der Zentralheizung wurde der Herd nicht mehr zur Temperierung des Raums benötigt. In der voll elektrifizierten Siedlung Römerstadt hielten sogar die ersten Elektroherde Einzug, die im großen Stil erst nach dem Zweiten Weltkrieg Verbreitung fanden. Das Ganze war allerdings nur effektiv, wenn die Frauen die Küche im Sinne ihrer Erfinderin nutzen. Dafür wurde über dem Herd eine Bedienungsanleitung installiert. Lihotzkys Abteilung entwarf unterschiedliche Modelle für verschiedene Küchengrößen, für Haushalte ohne und mit Personal, die zwischen 1925 und 1930 zehntausendfach in Frankfurter May-Siedlungen eingebaut wurden. Die gängige, von Schütte-Lihotzky bevorzugte Farbe war Blau, doch waren die Frankfurter Küchen auch in anderen Farben wie Weiß oder Gelb erhältlich. 


Im Frankfurter Rathaus war ein Ausstellungs­modell zu besichtigen, darüber hinaus ließ das Hochbauamt 1927 den Werbefilm „Arbeitssparende Haushaltsführung durch Neues Bauen“ produzieren, in dem eine zierliche Frau mit flottem Bubikopf souverän in der Küche agiert.


Während die Reaktionen auf die Einheitsküche, die die Rationalisierungsprozesse von der Fabrik auf die Privatsphäre übertragen hatte, in der Bevölkerung und in der Presse durchaus zwiespältig waren, fand sie international Beachtung, wurde in den französischen Sozialwohnungsbau übernommen und von skandinavischen Designern kopiert.

Küchenträume der Designer-Avantgarde 1970: Kugelküche von Luigi Colani für die Firma Poggenpohl
Luigi Colani, Kugelküche © Poggenpohl Möbelwerke GmbH, Herford
Küchenträume der Designer-Avantgarde 1970: Kugelküche von Luigi Colani für die Firma Poggenpohl

Die Einbauküche für Jedermann

Als die separierte Systemküche etabliert war und nur noch technisch weiter verfeinert werden musste, geriet der Kochbereich um 1970 erneut zur Spielwiese für Designer. Während Colani den Grundgedanken der Frankfurter Küche als begehbare Maschine mit seiner Kugel ins Utopische steigerte, präsentierte Hasso Gehrmann auf internationalen Messen mit seiner Elektra Technovision die „erste vollautomatische Küche der Welt“: eine frei im Raum zu installierende, offene Koch- und Essinsel, bei der sich alle Geräte mit Knöpfen und Pedalen vom zentralen Arbeitsplatz aus steuern lassen. Auch sie schaffte es nur ins Museum.


Der Idee, die Kochstelle nicht mehr abzukapseln, sondern wieder in das soziale Leben einzubinden, sollte hingegen eine Zukunft beschieden sein. Otl Aicher, Mitgründer der berühmten Ulmer Hochschule für Gestaltung, veröffentlichte 1982 für den Küchenhersteller bulthaup eine Studie mit dem vielsagenden Titel „Die Küche zum Kochen. Das Ende einer Architekturdoktrin“. Darin erklärte er die Einpersonenküche und Schrankwände für überholt, plädierte für individueller kombinierbare Module, für Verfügbarkeit statt Aufgeräumtheit. In Zeiten, in denen die Küchenarbeit nicht mehr allein der Frau unterlag, sondern gemeinsam praktiziert wurde, wollte er einen Werktisch im Zentrum platzieren.


Das eigentlich uralte Konzept der offenen Küche ging auf – die Herdstelle als Lebensmittelpunkt ist nun unter dem spiegelglatten Ceranfeld gezähmt. Auch wenn die Laborästhetik größtenteils beibehalten wurde, ist die Küche längst wieder zu einem kommunikativen Bereich geworden. Nicht von ungefähr ist sie bei Partys oft der beliebteste Platz. Sie taugt sogar als Bühne: Hochglanz-Wohnmagazine illustrieren den aktuellen Trend, Koch- und Wohnbereich nahtlos miteinander zu verschmelzen. Die Edelversion funktioniert bestens als Statussymbol, das man vom Sofa aus im Blick haben darf. Ob darin wirklich gekocht oder nur die Mikrowelle bedient wird, ist unerheblich – die barocke Schauküche lässt grüßen. 


Bettina Vaupel



Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz förderte folgende Objekte:


Reichsstadtmuseum in Rothenburg ob der Tauber 

Bürgerhaus Am Untermarkt 25 in Görlitz

Wohnhaus Karl Foerster in Potsdam-Bornim

Ernst-May-Haus in Frankfurt am Main

Haus am Horn in Weimar


Lesen Sie hier das Interview über Frankfurter Küchen


Service


Reichsstadtmuseum, Klosterhof 5, 91541 Rothenburg ob der Tauber, Tel. 09861 939043, 1.11.–31.3. tägl. 13–16 Uhr, 1.4.–31.10. tägl. 9.30–17.30 Uhr


Schloss Favorite, 76437 Rastatt-Förch, Tel. 07222 41207, 15.03.–30.09. Di–So 10–18 Uhr, 1.10.–15.11. Di–So 10–17 Uhr (nur mit Führung)





Amalienburg im Schlosspark Nymphenburg, 80638 München, Tel. 089 179080, 1.4.–15.10. tägl. 9–18 Uhr


Ernst-May-Haus, Im Burgfeld 136, 60439 Frankfurt am Main, Tel. 069 15343883, Di–Do 11–16 Uhr, Sa/So 12–17 Uhr (und nach Vereinbarung)



 

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