Denkmale in Gefahr August 2017

Schäden bedrohen die Quedlinburger Nikolaikirche

Absturz im Advent

Jederzeit könnte ein Steinstück aus den Gewölberippen der Quedlinburger Nikolaikirche herabstürzen.

Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn die Kirche am 1. Dezember 2013 voller Menschen gewesen wäre! Denn an diesem Tag löste sich ein Stück aus einer Gewölberippe der Quedlinburger Nikolaikirche und schlug auf dem Boden des südlichen Seitenschiffs auf. Die Kirche musste bis auf den Hohen Chor, den ein hölzernes Gewölbe überspannt, gesperrt werden. Dennoch hatte die Gemeinde Glück im Unglück: Wenige Stunden nach dem Absturz hätte das traditionelle und immer gut besuchte Konzert zum 1. Advent stattfinden sollen. 


St. Nikolai ist die älteste Kirche der Quedlinburger Neustadt. Sie wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts als romanische Basilika errichtet. Um 1300 kam der Chor hinzu, und im 15. Jahrhundert erweiterte man sie zur gotischen Hallenkirche. Da die über dem Gewölbe liegenden Wände des Mittelschiffs damals nicht abgetragen wurden, blieben frühmittelalterliche Malereien erhalten.

Ein stabiles Fangnetz verhindert, dass die wertvolle Ausstattung von St. Nikolai Schaden nimmt.
Quedlinburg, St. Nikolai © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein stabiles Fangnetz verhindert, dass die wertvolle Ausstattung von St. Nikolai Schaden nimmt.

Um den Bau der Kirche rankt sich eine Legende: Zwei Schweinehirten sollen nördlich der Stadt ihre Herde gehütet haben, als die Tiere eine große Braupfanne voller Gold aus der Erde wühlten. Die Hirten stifteten das Geld für den Bau der beiden mächtigen Türme. Es sind die höchsten der Stadt.


Die reiche Ausstattung der Kirche stammt im Wesentlichen aus dem Barock. Besonders beeindruckend ist der über zehn Meter hohe und sieben Meter breite Altar. Er wurde 1712 von dem Goslarer Bildschnitzer Jobst Heinrich Lessen gefertigt. Er zeigt Abendmahl, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Auferstehung Jesu. Es wird angenommen, dass der Altartisch romanischen Ursprungs ist. Die Kanzel stammt von 1731, der Taufengel von 1693. Bei einer 1883 begonnenen Restaurierung wurden die barocken Emporen bis auf die Orgelempore abgetragen. Wertvolle Ausstattungsstücke wie ein frühgotischer Abendmahlskelch und das 1661 gefertigte Holzepitaph der Bürgermeisterfamilie Heidfeld verstaute man damals auf dem Dachboden der Kirche. Sie kehrten erst 1928 wieder zurück. Außerdem sind eine mittelalterliche Taufe und eine 1333 gegossene Glocke – eine der ältesten Sachsen-Anhalts – mit zarten Ritzzeichnungen erhalten. Die Orgel wurde 1920 aufgestellt; der Orgelprospekt ist 70 Jahre älter.

St. Nikolai ist die Kirche der Quedlinburger Neustadt. Der kleine Saigerturm am nördlichen Turmhelm stammt aus dem Barock und enthält das Schlagwerk für die Turmuhr.
Quedlinburg, St. Nikolai © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
St. Nikolai ist die Kirche der Quedlinburger Neustadt. Der kleine Saigerturm am nördlichen Turmhelm stammt aus dem Barock und enthält das Schlagwerk für die Turmuhr.

Die Geschichte der Nikolaikirche ist durchzogen von Unglücksfällen. Die mächtigen Türme wurden oft vom Blitz getroffen; im 17. Jahrhundert sogar dreimal. Erst 1878 erhielt St. Nikolai einen Blitzableiter. Dann wurden die Türme bei einem Orkan am 13. November 1972 stark beschädigt. Weil man befürchtete, dass sie herabstürzen könnten, mussten die Bewohner ihre in Kirchennähe befindlichen Häuser für mehrere Tage verlassen. Damals wurde darüber nachgedacht, die Türme abzutragen. Doch mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) konnten sie erhalten und mit Kupferblech gedeckt werden.


1996 kam es zu einem Schwelbrand in der Sitzbankheizung. Eine dicke Rußschicht legte sich auf die wertvolle Ausstattung sowie auf Decke und Wände, feine Risse durchzogen die Buntglasfenster im Chorraum und im Langhaus. Auch wenn ein Großteil des Schadens von der Versicherung übernommen wurde, war die Kirchengemeinde sehr dankbar, dass sie bei der Restaurierung Hilfe von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) und von der unter ihrem Dach befindlichen Busch-Stiftung Quedlinburg St. Nikolai erhielt. Beate und Thomas Busch aus Solingen errichteten sie 1998 als 50. treuhänderische DSD-Stiftung und statteten sie mit einer großzügigen Spende für Sofortmaßnahmen aus. Ihre Wahl war auf St. Nikolai gefallen, weil sich in den Kirchenbüchern Taufen und Hochzeiten der Familie Busch bis ins 18. Jahrhundert nachweisen lassen.

Ein Großteil der Ausstattung stammt aus dem Barock.
Quedlinburg, St. Nikolai © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Großteil der Ausstattung stammt aus dem Barock.

Die Busch-Stiftung Quedlinburg St. Nikolai hat seither zahlreiche Arbeiten unterstützt, unter anderem am Altar, an den Chorfundamenten und am Außenbau. „Mit der Restaurierung von St. Nikolai waren wir auf einem guten Weg“, erklärt Kirchmeister Frank Mente, der die Geschäfte für alle protestantischen Kirchen Quedlinburgs führt. „Der Steinabsturz vor vier Jahren hat uns sehr zurückgeworfen“, ergänzt Bauingenieur Oliver Helff, der die Restaurierung der Nikolaikirche von Anbeginn fachlich begleitet.


Beim Sichten der Kirchenbücher kam heraus, dass sich immer wieder Teile der Gewölberippen gelöst haben. Frank Mente kann sich gut daran erinnern, dass sich ein gleicher Schaden in der Kirche einige Wochen vor seiner Konfirmation 1977 ereignet hat. Nach dem 1. Advent 2013 gab es fünf weitere kleinere Steinabplatzungen. Ein stabiles Fangnetz sorgt seit 2015 dafür, dass niemand zu Schaden kommt. So ist St. Nikolai wieder für Gottesdienste, die zuvor im Hohen Chor stattfinden mussten, und für Besucher geöffnet. In der Kirche, die auch zu DDR-Zeiten den Mittelpunkt der Neustädter Bürger bildete, finden oft Konzerte statt. Allerdings kann die Orgel zurzeit nicht gespielt werden: Sie ist zum Schutz eingehaust.

Gewölberippe im südlichen Querhaus, aus der am 1. Advent 2013 ein Steinstück herabgestürzt war.
Quedlinburg, St. Nikokai © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Gewölberippe im südlichen Querhaus, aus der am 1. Advent 2013 ein Steinstück herabgestürzt war.
 Kirchmeister Frank Mente (l.) und Bauingenieur Oliver Helff erläutern die weiteren Restaurierungsschritte.
Quedlinburg, St. Nikolai © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Kirchmeister Frank Mente (l.) und Bauingenieur Oliver Helff erläutern die weiteren Restaurierungsschritte.
 

    

Weil die Evangelische Kirchengemeinde Quedlinburg weitere Ausbrüche befürchtete, gab sie die Untersuchung eines Gewölbejoches in Auftrag und wurde dabei erneut von der Busch-Stiftung Quedlinburg St. Nikolai unterstützt. Ultraschallmessungen im südlichen Seitenschiff ergaben, dass die historischen, eisernen Verbindungsdübel nicht mit Zink ummantelt sind und daher korrodieren. Dadurch nimmt ihr Volumen zu, und Steinpartien können regelrecht abgesprengt werden. Hinzu kommt, dass beim Bau von St. Nikolai Quedlinburger Sandstein verwendet wurde, der zu weich und zu porös ist. „Außerdem steht die Kirche auf einem instabilen Baugrund. Sie ist daher ständig in Bewegung“, erklärt Oliver Helff. 


Das Ergebnis der Untersuchung war niederschmetternd: Eine Reparatur der Rippen ist nicht möglich. Kirchengemeinde, Denkmalpfleger und Gutachter sahen daher keinen anderen Ausweg, als sämtliche Rippenquader zu erneuern – und zwar mit stabilerem Warthauer Sandstein. Die Kirchengemeinde lässt sich nicht entmutigen und macht aus der Not eine Tugend: Die historischen Rippenquader mit Birn- und Kehlstabprofil werden in Scheiben gesägt und als Halter für Teelichter und als Briefbeschwerer gegen eine Spende abgegeben.

Steinmetz Jürg Lehmann sorgt nicht nur dafür, dass die Steinquader sauber eingepasst werden, sondern kümmert sich auch um die Säuberung der Schlusssteine.
Quedlinburg, St. Nikolai © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Steinmetz Jürg Lehmann sorgt nicht nur dafür, dass die Steinquader sauber eingepasst werden, sondern kümmert sich auch um die Säuberung der Schlusssteine.

Bei unserem Besuch hatten die Steinmetze den ersten Bauabschnitt fast beendet; 15 Joche liegen noch vor ihnen. Die Sanierung eines Joches kostet rund 80.000 Euro. Dafür muss die Evangelische Kirchengemeinde Quedlinburg in den nächsten Jahren rund 1,2 Millionen Euro aufbringen. Das kann sie kaum stemmen, zumal sie für sieben Kirchen und drei Kapellen zuständig ist. Die Busch-Stiftung Quedlinburg St. Nikolai möchte sich zwar weiterhin für die Nikolaikirche engagieren; die hohe Summe kann sie jedoch nicht alleine bereitstellen. 


Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bittet daher Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser: Helfen Sie mit Ihrer Spende, damit die Sanierung der Rippenbögen auf einen guten Weg gebracht und in nicht allzu weiter Ferne abgeschlossen werden kann.


Carola Nathan

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