Schlösser und Burgen Renaissance Denkmale in Gefahr Dezember 2016
Das Hintere Schloss im südthüringischen Henfstädt hat eine spannende Vergangenheit - und kann eine ebensolche Zukunft haben, wenn es nun in letzter Minute vor dem Verfall gerettet wird.
Die Historie dieses Ortes ist hochenergetisch“, sagt
Matthias Ramb, Rittergutsbesitzer im südthüringischen Henfstädt. Seit über 20
Jahren lebt er in dem Dorf an der Werra. Zufälle hatten den Musiker aus dem
Sauerland seinerzeit zu dem Gehöft geführt. Schon beim ersten Besuch spürte er
das Besondere des Ortes, wurde er gepackt von den Geschichtsspuren, die viele
Hundert Jahre Wohnen und Arbeiten auf dem Hinteren Schloss hinterlassen haben.
Das Schlossgut und er gingen damals eine Symbiose ein, sie passen zueinander – denn voller Energie ist Matthias Ramb auch. Die Begeisterung, mit der er über das alte Schloss und die dazugehörenden Wirtschaftsgebäude, über das hübsche Henfstädt, die örtlichen Rittergüter, über die Werra und überhaupt die ganze Kulturgegend Südthüringen redet, ist faszinierend. Und sie macht Hoffnung: Ohne sie wären die Zukunftspläne, die Ramb für das Hintere Schloss vor Augen hat, wohl nicht zu verwirklichen.
Obwohl er in den letzten 20 Jahren bewiesen hat, dass er
viel bewegen kann – schließlich sind schon fünf Gebäude auf dem Gut von ihm
instand gesetzt worden –, ist diese Energie ganz und gar nicht
selbstverständlich. Eine schwere Krankheit, deren Heilung nicht zu erwarten
war, hatte ihn jahrelang fast gänzlich außer Gefecht gesetzt. Nicht zuletzt
dieses zuerst erzwungene und schließlich angenommene Innehalten hat Ramb noch
enger mit seiner gewählten Heimat verbunden. Ein Teil seiner Familie sind
amerikanische Natives. Der Besuch eines Verwandten von dort, dessen tiefes
Gespür für den Ort, insbesondere für die alten Steine im Schlossgebäude mit
seinem Fundament aus dem 12. Jahrhundert, lösten noch mehr Respekt gegenüber
dieser Stätte aus.
Henfstädt ist einer der ältesten Orte Thüringens. Schon von Kelten besiedelt, wird das Dorf urkundlich 914 erstmals erwähnt. Auf der anderen Seite der Werra liegt auf einem Felssporn die Osterburg, die sich im Besitz der Grafen von Henneberg befand. Diese belehnten drei Wirtschaftsgüter, die alle in Henfstädt zu Füßen der Burg liegen. Das hintere Gut – Vorwerk, Hof, Kemenate und die dazu gehörenden Ländereien – wurde 1358 Johann und Werner Zufraß anvertraut. 1576 übernahm Caspar von Hanstein das zufraßische Rittergut und errichtete neue Gutsgebäude. Von ihnen sind heute noch das Herrenhaus und das gegenüberliegende Baronshaus als Winterquartier erhalten.
Dass das Hintere Schloss nur zurückhaltend mit Bauschmuck
versehen ist, kann mit dem bescheidenen Reichtum des hiesigen Adels erklärt
werden. Trotz seiner schlichten
Ausgestaltung wirkt das 1595/96 errichtete Herrenhaus in seinen
Renaissanceformen dennoch repräsentativ. Es liegt traufständig zum Hof. Zweigeschossig,
massiv aus Naturstein errichtet, zeigt es ein hohes Sockelgeschoss, dessen
Grundmauern zum Teil von einem Vorgängerbau stammen. Erschlossen wird das
Gebäude durch einen vorgelagerten Treppenturm mit Wendeltreppe. Sein
geschweifter Giebel und die Sandsteinrahmung der Tür bilden den wenigen, dafür
umso gewichtigeren Schmuck. Dezente Gesimse gliedern das Schloss zusätzlich.
Auf der Rückseite ragen zwei Pech- oder Aborterker aus der Fassade.
Als 1936 die Henfstädter Linie der Hansteins ausstirbt, geht der Besitz an die Familie von Harbou. Nur kurz, denn 1946 werden die Ländereien nach der Vertreibung der Familie im Zuge der Bodenreform unter den einheimischen Bauern und Umsiedlern verteilt. In den Gutsgebäuden befindet sich zunächst eine LPG, dann das VEG Tierproduktion Henfstädt: Hühner werden im Schlossgebäude gehalten, Schweineställe im ehemaligen Schlosspark errichtet, und die übrigen Gebäude dienen als Reparaturwerkstätten für die technischen Geräte.
Unübersehbar sind die Spuren des VEG, unüberhörbar die Wut von Matthias Ramb über die ideologisch bedingte Rücksichtslosigkeit, mit der damals mit dem Denkmal – und mit den Menschen – umgegangen wurde. Tonnen von Hühner-Kot hat Ramb mit Helfern aus dem Gebäude geräumt. Und auch das gehört zur Geschichte: Beim diesjährigen Tag des offenen Denkmals stieß Ramb auf sehr bewegte Besucher. Sie waren nach Fluchtplanungen aus der DDR als Zwangsarbeiter in der LPG beschäftigt gewesen. Die nahe deutsch-deutsche Grenze hat nicht nur bei ihnen Spuren hinterlassen. Henfstädt gehörte zum Grenzsperrgebiet.
Nach der Wende wusste die Gemeinde Henfstädt nichts anzufangen mit dem heruntergekommenen Denkmal. Es gab Abrisspläne. Man baute schließlich die ursprünglichen Geschossdecken ab und dafür eine Betondecke ein, um ein Auseinanderbrechen des Gebäudes zu verhindern. Die Denkmalschutzbehörde zog die Notbremse und stoppte weitere Unternehmungen. 1993 kam Matthias Ramb ins Spiel. Er übernahm ein schweres Erbe. Viel hat er auf dem ehemaligen Rittergut bewegen können, das steinerne Herrenhaus jedoch bleibt das ewige Sorgenkind. Ein Unwetter beschädigte 1980 das Dach. Durch die Feuchtigkeit im Gebäude konnte der Echte Hausschwamm einziehen, der an fast allen Hölzern seine Zerstörungen hinterließ. In den Fenstern fehlen die Scheiben oder sind zerbrochen. Als das 1990 aufgesetzte Notdach 2014 einbrach, war das Schloss völlig schutzlos der Witterung ausgeliefert. Die Giebelmauerwerke drohten einzustürzen, und der Totalverlust des Schlosses stand kurz bevor.
2015 stieg die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in die Rettung
des akut bedrohten Schlosses ein: Als erste Maßnahme förderte sie die
Errichtung eines neuen Dachstuhls. Zuvor musste die Mauerkrone
wiederhergestellt werden, Ankernadeln und Notabstützungen wurden angebracht.
Das regendichte Notdach dient als Unterdach des geplanten Dachaufbaus, der nun
zwingend fertig zu stellen ist. Danach stehen Putzarbeiten an, der Hausschwamm
wird bekämpft, weitere Mauerwerksrisse werden vernadelt und neue Fenster
eingearbeitet.
„Das Gesicht von Henfstädt muss erhalten bleiben“, ist die gemeinsame Devise von Matthias Ramb, von der Landesdenkmalpflege, der Gemeinde Henfstädt und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Unbedingt soll der ortsprägende, wertvolle Renaissancebau gerettet werden. Im Innern ist es gar nicht nötig, viel zu rekonstruieren, der ruinöse Charakter – natürlich sorgfältig gesichert – braucht nicht geleugnet werden. Erst einmal wird sich das Schloss im Inneren eher als Rohbau zeigen. Ramb kann sich sogar vorstellen, das neue Dachgestühl offen zu lassen.
Was jedoch nicht bedeutet, keine Nutzung für die nächsten
Jahre zu planen: Seminare, kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen und – für
Ramb als Musiker selbstverständlich – Konzerte sind angedacht. Ein kultureller
Betrieb, der nicht auf herkömmliche Weise, sondern auf Augenhöhe mit dem
Besucher stattfinden soll. Ramb, auch als Pädagoge tätig, stellt sich eine Art
Begegnungsstätte vor, und das alles in der Wildheit der Ruine, wie er es nennt.
Das Henfstädter Hintere Schloss ist ein geschundenes
Bauwerk, doch es hat seine Würde
bewahrt. Es strahlt Grandezza aus. In Gemeinschaft mit den anderen Gutsgebäuden
auf dem gepflegten Hof wirkt es wie eine in sich ruhende, durch das Alter
geadelte graue Instanz, die mit viel Respekt behandelt werden will und nun
dringend Hilfe benötigt.
Wichtig ist Ramb, dass sichtbar bleibt, was das Haus erlebt hat. Die Historie der Steine und ihre Energien sind die Bausteine für die Zukunft. Er möchte die Kraft und Ahnenschaft des Ortes nutzen. Teil dieser Geschichte ist auch die dramatische Flucht der von Harbous aus Henfstädt 1946 vor den von den Sowjets eingesetzten Milizen. Knud von Harbou, Historiker und renommierter langjähriger Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung, hat seine ambivalente Familiengeschichte aufgearbeitet und publiziert. Dabei erkundete er auch das Leben seiner Eltern auf dem damals noch intakten Schloss. Heute zeigt sich das Gebäude schwer gezeichnet von seiner Nutzung zu DDR-Zeiten und seiner Nicht-Nutzung zu Nachwendezeiten. Fast schon verloren gegeben, aber nun behutsam in seiner Grundstruktur wieder hergerichtet, wird es seine Verletzungen nicht verschweigen. Hier die Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit aufzuspüren, einzufangen und „begreifbar“ zu machen, einen lebendigen Begegnungsort mit Erinnerungskultur für zukünftige Generationen zu schaffen, das ist die Vision für das Hintere Schloss in Henfstädt.
Im Treppenturm gibt es neben dem Abgang zum Keller noch
eine weitere Tür, hinter der es abwärts geht: Sie soll der Eingang zu einem
geheimnisvollen Gang sein, der einst die drei Rittergüter des Orts miteinander
verband und als Fluchtweg gedient haben soll. Auch wenn es diesen Gang noch zu
erforschen gilt, er „zwischen Legende und noch nicht bewiesen“ existiert, ist
er ein schönes Zeichen dafür, dass in Henfstädt schon immer alles mit allem
zusammenhing und der Ort nur im gemeinsamen Handeln gewinnen kann. Das Hintere
Schloss ist eine Angelegenheit für ganz Henfstädt, für die Werra-Region und –
um mit den Worten Matthias Rambs zu sprechen – für die ganze Kulturlandschaft Südthüringens
mit ihren vielen zauberhaften Stätten. „In diesem Gesamtbild steht das Schloss.
Ein weiterer, fast verborgener Schatz dieser sogenannten strukturschwachen
Gegend. Seine Erhaltung ist mein Auftrag im kulturellen Sinn. Aber es ist auch
eine Wir-Aufgabe!“
Beatrice Härig
Informationen
Henfstädt liegt am Werra-Burgensteig, am Werratal-Radweg und an der Kanu-Wasserwanderstrecke.
Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.
Sie sind nur wenige Zentimeter dünn und überspannen dennoch große Hallen. Stützenfrei. Sie sind ingenieurtechnische Meisterleistungen und begeistern durch ihre kühnen Formen.
Sie spüren Kugelsternhaufen und Satellitengalaxien auf: Heutige Astronomen können Milliarden Lichtjahre weit ins All blicken. Vor 500 Jahren – das Fernrohr war noch nicht erfunden – sah unser Bild vom Himmel ganz anders aus.
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Wie schön, wie motivierend und beruhigend, dass es Männer wie Herrn Ramb gibt. Und dass die DSD ihm hilft, die unfassbar herausfordernde Aufgabe zu bewältigen. Die DSD als Multiplikator, und hoffentlich (ganz sicher) viele hunderte Spender. Alles, alles Gute! Bleiben sie gesund. Und: viel Kraft weiterhin, und Gottes Segen. Herzliche Grüße aus der Eifel-Pampa an die schöne Werra.
Auf diesen Kommentar antwortenTja in Henfstädt ist die "Werr" tatsächlich noch schön und artenreich; ein Stück weiter flussabwärts ist spätestens bei Dorndorf Schluß mit lustig. Da da ist die Werra dank der Einleitungen von "Kali + Salz" einer der am höchsten salzbelastenten Flüsse der Welt; Ende nicht absehbar ...
Wollen wir doch bei der Wahrheit bleiben: Die "Sperrzone" der DDR verlief nie weiter als 5 km entfernt von der "Staatsgrenze West"; Die kürzeste Entfernung von Henfstädt zur Grenze (Luftlinie" beträgt aber gut 15 km – keine Sperrzone; noch nicht mal damals.
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