Interviews und Statements Dezember 2016

Interview zur Restaurierung

Baukunst aus Beton

Jan Marek Buch berichtet über die Arbeit an den Fassaden des Berliner Kino International. Die figürlichen Reliefs sind seither wieder klar erkennbar.

Die 14 darin eingebetteten figürlichen Reliefszenen waren von Farbschichten zugekleistert und von Umwelteinflüssen beeinträchtigt. Sie wurden in sorgsamer Arbeit durch das Team der Restauratorengesellschaft Buch und Schudrowitz in Berlin aufgearbeitet.

Das Restautorenteam um Jan-Marek Buch und Andreas Schudrowitz (Mitte 4. u. 5. v. l.)
© Buch & Schudrowitz, Diplom-Restauratorengesellschaft bR
Das Restautorenteam um Jan-Marek Buch und Andreas Schudrowitz (Mitte 4. u. 5. v. l.)

Das Kino International gehört zu den frühen Bauwerken der DDR in Beton-Plattenbauweise. Markant ist die an den Seitenwänden und der Rückseite umlaufende Strukturfassade mit 14 großen figürlichen Reliefs. Was stellen sie dar?


Jan-Marek Buch: Die figürlichen Flachreliefs zeigen das vielfältige  Leben der „heutigen“ Menschen im Sozialismus. Es wurden die Themenbereiche Bildung, Arbeit, Sport und Freizeit dargestellt. Einzelpersonen werden bei gemeinschaftlichen Tätigkeiten abgebildet. Die Bildreliefs zeigen immer Paare oder kleinere Gruppen in realer Umgebung, aber die Szenen sind mit symbolischen oder abstrahierten Elementen angereichert.

Wie wurden die Reliefs hergestellt?

Jan-Marek Buch:  Die figürlichen Flachreliefelemente sind analog zu den Elementen der Strukturfassade in Stahlbeton hergestellt. Alle Beton-Elemente sind in einem quadratischen Grundformat von 0,49 x 0,49 x 0,11 Metern gegossen worden. Für jedes Motiv musste eine Form gebaut werden. Dabei basiert die Strukturfassade auf nur zwei Formen! Die Form ist im Normalfall wieder verwendbar und kann je nach Qualität mehrfach ausgegossen werden. In den 1960er-Jahren hat man höchstwahrscheinlich mit mehrkappigen Gipsformen gearbeitet. Denkbar ist bei aufwendig strukturierten Motiven auch die Verwendung von Leimformen unter einer mehrteiligen Gipskappe.


Für die Herstellung einer Form benötigt man jedoch zuerst ein Modell. Dieses Modell musste für jedes Motiv vom Bildhauer erdacht und gefertigt werden. Hierfür wird der Bildhauer mit Ton oder/und Gips gearbeitet haben. Spannend ist hier unter anderem der Anschluss an die angrenzende Strukturfassade. Auch die Abstraktion der figürlichen Darstellung im Kontext zur Strukturfassade dürfte eine Herausforderung für den Bildhauer gewesen sein.

Die Restauratoren beim Entfernen der Farbschichten: Im Vordergrund wird die Relieffläche nachgewaschen.
© Buch & Schudrowitz, Diplom-Restauratorengesellschaft bR
Die Restauratoren beim Entfernen der Farbschichten: Im Vordergrund wird die Relieffläche nachgewaschen.

Welche interessanten Erkenntnisse in Bezug auf die Relieffassade haben Sie bei den restauratorischen Voruntersuchungen gewonnen?

Jan-Marek Buch:  Die restauratorischen Voruntersuchungen wurden bereits im Jahr 2011 ausgeführt. Neben einer Farbbefunduntersuchung mit einer weiterführenden naturwissenschaftlichen Untersuchung wurden die Standfestigkeit und der konstruktive Aufbau geprüft.


Die Farbbefunduntersuchung konnte nachweisen, dass die gesamte Fassade von Anfang an weiß gefasst war. Die vom Architekten Josef Kaiser ursprünglich angedachte Materialsichtigkeit „Weißzement“ wurde – höchstwahrscheinlich aufgrund von Materialknappheit - nicht ausgeführt.


Die Anbringung der Strukturfassade erfolgte als angehängtes und hintergossenes System in Stahlbeton. Das heißt, die tragende, fensterlose Stahlbetonfassade besaß am unteren Abschluss eine auskragende Betonplatte und eine Vielzahl an freiliegenden Rundeisen – Ösen oder nur Enden –, an welchen die Betonelemente im Quaderformat angehängt bzw. befestigt werden konnten. Man begann unten auf der auskragenden Betonplatte und arbeitete sich nach oben fort. Der Raum zwischen tragender Wand und Betonelement betrug ca. 10 – 12 Millimeter und wurde mit einem Hinterfüllmörtel in zwei Phasen vergossen.


Der erste Hinterfüllmörtel besaß einen feinen Zuschlag und diente dem Schließen der Fugen. Der zweite Hinterfüllmörtel besaß einen groben Zuschlag und schloss den Zwischenraum. Bei allen Hinterfüllmörteln und den Formgusselementen selbst handelt es sich immer um sehr feste Zement-Sand-Mörtel. Der zweite Hinterfüllmörtel hat bei einem Mischungsverhältnis von 1:2 (Bindemittel : Zuschlag in Gewichtsteilen) die „geringste“ Festigkeit.  Vor dem Hinterfüllen wurde jedes Betonelement mit der tragenden Stahlbetonfassade und den benachbarten Formgusselementen verbunden. Hierfür besaß jedes Formgusselement ab Werk acht Befestigungspunkte, welche als 8-mm-Rundeisen rückseitig bzw. seitlich hervorstanden. Die Rundeisen-Enden gehören zur Bewehrung des Formgusselementes und waren somit fest eingebunden.
Interessant ist, dass die Bildfelder zuerst noch frei blieben. Zur Eröffnung im Jahr 1963 waren die Bildfelder der Nord- und Ostseite provisorisch plan abgedeckt und gestrichen. Die Bildhauer hatten es nicht geschafft, die figürlichen Reliefs rechtzeitig und vollständig zu liefern. So wurden letzte Arbeiten noch im Jahr 1968 ausgeführt.

Mit dem Karsten'schen Prüfverfahren wurde festgestellt, dass der freigelegte Rohbeton kaum Wasser aufnimmt. Das spricht für seine Qualität.
© Buch & Schudrowitz, Diplom-Restauratorengesellschaft bR
Mit dem Karsten'schen Prüfverfahren wurde festgestellt, dass der freigelegte Rohbeton kaum Wasser aufnimmt. Das spricht für seine Qualität.

Eine der Hauptmaßnahmen an den Fassaden war die Abnahme der zahlreichen Farbschichten. Welches Verfahren haben Sie dabei angewendet?

Jan-Marek Buch:  Zur Entfernung der Farbschichten wurden bereits in der Untersuchungsphase 2011 erste Muster und Tests erprobt. Als optimal geeignet wurde bereits damals das Abbeizverfahren mittels Asur nachgewiesen. So konnte in ein bis maximal zwei Arbeitsschritten das Farbschichtenpaket vollständig entfernt werden.  Die Nachreinigung und Neutralisation der Betonoberfläche erfolgte in zwei weiteren Arbeitsschritten. Zuerst wurden die Farb- und Abbeizreste kleinteilig mit einer „Seifenlösung“, Bürsten und Schwämmen „abgewaschen“. Danach wurde der Beton porentief im Dampfstrahlverfahren fein gereinigt.

Welche weiteren restauratorischen Maßnahmen waren noch notwendig?

Jan-Marek Buch:  Die Tragfähigkeit wurde im Rahmen der Untersuchungen 2011 für gut befunden.  Unklar waren jedoch noch Details. So zum Beispiel die nachträgliche Anbringung und Befestigung der Bildreliefs (1963-68) – kann man das oberste Reliefelement noch hinterfüllen und mit den Rundeisen verankern? Zur weitgehenden Klärung dieser Fragestellung wurden noch vier Bohrkerne gezogen und die Bereiche untersucht. Im Ergebnis waren die obersten Platten höchstwahrscheinlich nur eingeschoben und über die Fugen verfüllt.

Häufig hat man an bewittertem Stahlbeton große Korrosionsprobleme mit den Armierungseisen. Die Stahlarmierungen besitzen oftmals eine zu geringe mineralische Abdeckung. Dies führt dann zum typischen Schadensbild „Rostsprengung“. In diesem Fall sind jedoch die Bewehrungen gut abgedeckt. Es gab somit nur eine sehr geringe Anzahl an Rostsprengungen. Die Bereiche mit diesem Schadensbild wurden mechanisch größer freigelegt, entrostet und mit einem Korrosionsschutzanstrich versehen. Die Fehlstelle wurde dann mit einem Beton-Ergänzungsmörtel fachgerecht geschlossen.

Der klare kubische Baukörper besitzt bauseits keine „normale“ Dachrinne. Das sehr große Dach ist als Flachdach mit Innenentwässerung ausgeführt. Lediglich die drei Strukturfassaden ragen etwas über die Dachfläche hinaus hoch. Diese Abdeckungsflächen wurden bisher mittels Blechen nach außen entwässert. Das führte im Laufe der Jahre zu ästhetisch unschönen Laufspuren und biogenenm Befall. Um diesem Phänomen zukünftig vorzubeugen, wurde jetzt bauseits durch Dachdecker die Entwässerung umgebaut. Der Umbau wurde so ausgeführt, dass die Entwässerung dieser Flächen ebenfalls nach innen erfolgt.

Kennmarken bei der Untersuchung der Farbfassungen
© Buch & Schudrowitz, Diplom-Restauratorengesellschaft bR
Kennmarken bei der Untersuchung der Farbfassungen

Geht man bei der Restaurierung von dreidimensionalen Kunstwerken aus Beton anders vor als bei der Sanierung von Architekturelementen aus diesem Material?

Jan-Marek Buch: Nein. Schwieriger ist lediglich ein exaktes Aufmaß bzw. die Ermittlung der Mengen.

Drei Bildhauer – Waldemar Grzimek, Karl-Heinz Schamal und Hubert Schiefelbein – waren an der Gestaltung des Kunstwerks, besonders an den figürlichen Reliefs, beteiligt. Lassen sich Unterschiede in der künstlerischen Ausführung erkennen?

Jan-Marek Buch:  Soviel wie ich weiß, gab es wohl erste Vorentwürfe von Fritz Dähn. Die Arbeiten an den Reliefs begannen bereits lange vor der Erbauung. Die Beauftragung an Waldemar Grzimek erfolgte ebenfalls früh, höchstwahrscheinlich um 1960. Waldemar Grzimek hat dann die Bildhauer Karl-Heinz Schamal und  Hubert Schiefelbein zur Mitarbeit gewonnen.


Da es sich bei den Strukturfassaden mit Bildreliefs um ein homogenes Gesamtkunstwerk handelt, wird es nicht Ziel gewesen sein, einzelne Handschriften der Künstler zu zeigen. Somit wird sich die Arbeit aller Bildhauer einer konzeptionierten Grundidee unterworfen haben. Ich kann zumindest keine Zuordnung Bild = Bildhauer treffen.

Bieten wieder etwas zum Gucken: Die restaurierten Relieffassaden erzählen "Aus dem Leben der heutigen Menschen" in der DDR.
Berlin, Kino International © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Bieten wieder etwas zum Gucken: Die restaurierten Relieffassaden erzählen "Aus dem Leben der heutigen Menschen" in der DDR.

Wird die Wiederherstellung der Relieffassaden von Passanten und Kinobesuchern wahrgenommen?


Jan-Marek Buch: Unbedingt. Vor allem während der zweiwöchigen Abrüstungsarbeiten wurden wir von vielen Passanten angesprochen. Alle waren begeistert. Manche Anwohner hatten in der Vergangenheit die Bildreliefs nicht bemerkt und versuchten nun erstmals, die Bildmotive zu erkennen. Insgesamt gab es ein großartiges, ausschließlich positives Feedback.


Vielen Dank für das Gespräch!


Die Fragen stellte Christiane Rossner


Lesen Sie hier auch den Artikel über das Kino International

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