Wohnhäuser und Siedlungen Nach 1945 Menschen für Monumente August 2015

Tony Cragg in Wuppertal

Zufall trifft Vorbestimmung

Die Heimat des englischen Künstlers Tony Cragg ist die Villa Waldfrieden in Wuppertal.

„Ich wundere mich selbst, dass ich zu einem von Steiner beeinflussten Haus, zu einem anthroposophischen Haus gekommen bin. Ich denke, das ist doch nur Zufall. Auf der anderen Seite stehe ich manchmal da – ich arbeite in besagtem Haus in einem ovalen Raum – und denke: Es ist wie Vorbestimmung“.  Tony Cragg

Porträt Tony Cragg © Charles Duprat

Er ist einer der bekanntesten Künstler der Gegenwart. Er kommt aus Liverpool in Nordwestengland, aber Heimat ist ihm über viele Jahrzehnte Wuppertal geworden: Tony Cragg lebt seit 39 Jahren in der Stadt im Bergischen Land. Die Liebe zog ihn damals hierher. Seine säulenartigen Skulpturen mit ihren organisch anmutenden, wie im Wirbel gedrehten Formen sind weltweit begehrt. Sie sind Fantasiegebilde, meistens abstrakt, manchmal mit Andeutungen menschlicher Physiognomie versehen. Als einer der international bedeutendsten Bildhauer wurde Cragg mit zahlreichen Ehrungen und Preisen ausgezeichnet, von 2009 bis 2014 war er Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie.

Die Villa Waldfrieden mit Park im Frühling
Wuppertal, Villa Waldfrieden © Süleyman Kayaalp
Die Villa Waldfrieden mit Park im Frühling

„Der beste Ort zu leben ist der Ort, an dem es uns gelingt, das Beste aus unserem Leben zu machen.“ Ihm, dem vielreisenden Kunst-Kosmopoliten, ist dies in Wuppertal gelungen. Hier hat er sich und gleichzeitig seiner neuen Heimatstadt ein gewaltiges Geschenk bereitet: Auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück für seine Skulpturen stieß er 2006 auf das lange vernachlässigte und schon fast dem Untergang geweihte Haus Waldfrieden.

Haus Waldfrieden kurz nach seiner Erbauung in den 1950er-Jahren.
© Skulpturenpark Waldfrieden
Haus Waldfrieden kurz nach seiner Erbauung in den 1950er-Jahren.
 

Hatte er zunächst sein Augenmerk auf die 14 dazugehörenden, am Berghang gelegenen Hektar Park- und Waldflächen gerichtet, zog ihn die unter Denkmalschutz stehende Villa aus den Jahren 1947–50 immer mehr in ihren Bann. Er möchte, so sagt er, die runde und organische Plastizität dieser ungewöhnlichen Architektur nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit seinen Skulpturen sehen, dennoch harmonieren sie perfekt und scheinen zu einer atmosphärischen Einheit zu verschmelzen.

Der Grundriss des Erdgeschoss verdeutlicht die organischen Formen von Haus Waldfrieden.
© Skulpturenpark Waldfrieden
Der Grundriss des Erdgeschoss verdeutlicht die organischen Formen von Haus Waldfrieden.

Cragg ließ die Villa auf sich wirken und steckte viel Zeit in ihre Restaurierung. Bis ins Detail kümmerte er sich: So entwarf er Möbel und mischte eigenhändig die Wandfarben mit ab, die die einzelnen Räume subtil in ihrer Wirkung unterstützen. „Wir sind eitel genug zu denken, dass wir Entscheidungen hauptsächlich intellektuell treffen, aber fast alle Entscheidungen sind emotionale Entscheidungen. Kunst ist emotional“, sagt Cragg über sein künstlerisches Wirken. „Bildhauerei ist ein Abenteuer.“ Diese Haltung ist es, aus der heraus das Projekt Skulpturenpark Waldfrieden entstanden ist.

Im Skulpturenpark des Künstlers Tony Cragg
Wuppertal, Skulpturenpark Waldfrieden © Charles Duprat
Im Skulpturenpark des Künstlers Tony Cragg

Der weitläufige Park ist für jedermann geöffnet. Zwei gläserne Pavillons zeigen zudem temporäre Ausstellungen namhafter Künstler – von Cragg persönlich kuratiert. Trotz professioneller musealer Infrastruktur und Organisation ist Waldfrieden ein verwunschener Ort mit zauberhafter Wirkung geblieben. Eine Art Geheimtipp und zugleich ein Bekenntnis zu Wuppertal, ein besonderes Beispiel für engagierten Denkmalschutz und ein Stück neugewonnene und gleichzeitig gerettete ­Heimat.            


Beatrice Härig

Haus Waldfrieden

Haus Waldfrieden ist für den Wuppertaler Unternehmer Kurt Herberts (1901–89) von Franz Krause, seinerzeit Bauleiter der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, entworfen worden. Herberts hatte während des Nationalsozialismus einigen verfolgten Künstlern – unter anderem Oskar Schlemmer – Zuflucht gewährt, sein Denken war anthroposophisch geprägt. Das Gebäude entstand in den dynamischen Formen einer „reziproken“ Architektur, orientiert an den Bewegungen der Bewohner, der umgebenden Natur und dem einfallenden Tageslicht. Die Räume des Hauses sind von geschwungenen Grundrissen, durch Wölbungen, wandfestes Mobiliar und von einer indirekten Beleuchtung in Hohlkehlen geprägt. Die Ausrichtung auf den Park mit seinem erlesenen Baumbestand unterstreichen die bodentiefen versenkbaren Fenster.

Das Haus wird heute von Tony Cragg und der Cragg Foundation genutzt. Verschiedene Räume können für Veranstaltungen gemietet werden. Sonst ist eine Besichtigung nur zu besonderen Anlässen möglich. Einer davon ist der Tag des offenen Denkmals am 11. September, an dem mehrere Führungen stattfinden.

Das Werk "Sindbad" im Skulpturenpark Waldfrieden
Wuppertal, Skulpturenpark Waldfrieden © Charles Duprat
Das Werk "Sindbad" im Skulpturenpark Waldfrieden

Adresse und Öffnungszeiten


Im Park – mittlerweile wurden noch weitere fünf Hektar Wald erworben - sind neben den Skulpturen von Tony Cragg auch Kunstwerke anderer namhafter Künstler zu sehen. Bis zum 9. Oktober läuft in den Pavillons eine Ausstellung mit Gipsskulpturen von Henry Moore.

Skulpturenpark Waldfrieden, Hirschstraße 12, 42285 Wuppertal

Öffnungszeiten: März bis Okt. Di–So 10–19 Uhr,

Nov. bis Febr. Fr–So 10–17 Uhr. Tel. 0202 47898120

www.skulpturenpark-waldfrieden.de



 
 
 

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