Technische Denkmale Verkehr August 2015

In Chemnitz steht die einzige Seilablaufanlage Europas

Komposition für Gleisharfe

Sie springen flink über Schienen, stellen Weichen, laufen neben rollenden Waggons her und bremsen sie mit einem Hemmschuh ab. Die Männer, die diese Arbeit auf dem 1902 eingeweihten Güter- und Rangierbahnhof in Hilbersdorf verrichten, riskieren ihr Leben. Auch als 1930 eine moderne Seilablaufanlage eingeweiht wird, bleibt ihre Arbeit hart und gefährlich.

Im Maschinenhaus trieben diese mächtigen Motoren die Seilablaufanlage an. 
Chemnitz, Seilablaufanlage © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Maschinenhaus trieben diese mächtigen Motoren die Seilablaufanlage an.

Der Ort gehört seit 1904 zu Chemnitz, und die Einwohnerzahl der Industriemetropole, sächsisches Manchester genannt, steigt bis 1930 von 220.000 auf 360.000; ein Sechstel der Chemnitzer ist bei der Bahn beschäftigt. Mit der von Ingenieur Edmund Frohne entwickelten Seilablaufanlage können die Züge auf dem 245.000 Quadratmeter großen Gefällebahnhof ohne Lok rangiert werden. Sobald sie Hilbersdorf erreichen, werden sie von der Lok ab- und an einen Seilwagen angekoppelt. Er hält die Waggons fest, sodass sie im Schritttempo weiterrollen. Erreichen sie den Abhängepunkt, werden sie nach und nach voneinander gelöst. Die Wagen rollen nun einzeln auf parallel verlaufende Gleise, die sogenannte Gleisharfe, wo neue Zugeinheiten zusammengestellt werden. Hier kommen die flinken Männer ins Spiel, die die Waggons auf ihrem rund einen Kilometer langen Weg dorthin begleiten und immer wieder mit Hemmschuhen abbremsen.

Das Kommando hat der Ablaufmeister, der die Anlage am Pult startet und das gesamte Verfahren vom Befehlsstellwerk 3 aus leitet. Er schaltet den Generator ein, der drei mächtige Antriebsmotoren im Maschinenhaus mit Strom versorgt. Sie setzen die Ablaufseile in Gang, die über unterirdische Kanäle zunächst zum Spannwerk und danach, mit der erforderlichen Vorspannung von 10,5 Tonnen versehen, zu den Seilwagen laufen.

Vereinsvorsitzender Wolfgang Vogel demonstriert an einem der Pulte im Befehlsstellwerk 3 die Arbeit des Ablaufmeisters. 
Chemnitz, Seilablaufanlage © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Vereinsvorsitzender Wolfgang Vogel demonstriert an einem der Pulte im Befehlsstellwerk 3 die Arbeit des Ablaufmeisters.

Sobald der Seilablauf für eine Zugeinheit beendet ist, erhält der Ablaufmeister ein entsprechendes Signal. Daraufhin dreht er das Steuerrad am Pult in die Grundstellung zurück und betätigt den Schalter "Steuergewalt aus". Die Überwachung der einzelnen Signallampen, der Geschwindigkeits- und Stromanzeigen an den Pulten erfordert eine derart hohe Konzentration, dass die Ablaufmeister nach fünf Stunden abgelöst werden müssen.

Durch die Seilablaufanlage kann die Kapazität des Güterbahnhofs Chemnitz-Hilbersdorf um 30 Prozent gesteigert werden. Pro Tag werden hier bis zu 3.600 Waggons bewegt, die alle vorstellbaren Güter geladen haben - von Lebensmitteln über Kohle bis zu Eisen. Die neu zusammengestellten Zugeinheiten transportieren sie zu Bahnhöfen in ganz Südwestsachsen. Doch das einst hochgelobte, kapazitätssteigernde Verfahren gerät nach der Wiedervereinigung endgültig aufs Abstellgleis. Die Deutsche Reichsbahn nimmt die mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Seilablaufanlage 1991 außer Betrieb. Die Waggons werden eine kurze Zeit wieder mit Loks rangiert - 1996 ist auch damit Schluss.

Die Gleise werden demontiert und verschrottet. Das Sächsische Eisenbahnmuseum übernimmt das Maschinenhaus und das Bahnbetriebswerk, in dem ausrangierte Waggons und Dampfloks eine neue Heimat finden. Das Befehlsstellwerk 3 wird sich selbst überlassen. Ein vor seinem Eingang in die Höhe wachsender Baum versperrt den Zugang zu dem einstigen Herzstück der Seilablaufanlage.

Blick auf das aus drei Türmen bestehende Spannwerk und das Befehlsstellwerk 3. Heute halten in Chemnitz-Hilbersdorf nur noch wenige Züge. 
Chemnitz, Seilablaufanlage © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick auf das aus drei Türmen bestehende Spannwerk und das Befehlsstellwerk 3. Heute halten in Chemnitz-Hilbersdorf nur noch wenige Züge.

"Der zunehmende Verfall des Gebäudes", sagt der Vereinsvorsitzende Wolfgang Vogel, "hat einige Hilbersdorfer und mich motiviert, den Förderverein Eisenbahnfreunde 'Richard Hartmann' Chemnitz zu gründen. Wir haben ihn nach dem einstigen Eisenbahnbaron der Stadt genannt." 2009 gelingt es ihnen, einen Teil des Bahngeländes, rund 8.000 Quadratmeter, auf dem sich auch das Befehlsstellwerk 3 befindet, für 26.000 Euro zu kaufen. Mit sehr großem persönlichen Einsatz treiben die 28 Vereinsmitglieder die Restaurierung der Anlage voran: Das heruntergekommene, ursprünglich aus drei Türmen bestehende Spannwerk wird wieder errichtet. Das Stellwerk 3, in dem ein Großteil der technischen Ausstattung - darunter die Pulte, an denen der Ablaufmeister die Anlage bediente - erhalten ist, retten sie vor dem Abriss, machen es wieder begehbar und richten dort das Technikmuseum ein.

Doch der Verein möchte den Seilablauf nicht nur theoretisch erklären. Daher baut er eine 300 Meter lange Demonstrationsstrecke, auf der die Technologie des Seilablaufs anschaulich gemacht werden kann. Die dafür benötigten Schienen bekommt er von der Dresdner Parkeisenbahn. Die Strecke wird am 5. Mai 2012 eingeweiht.

Den Eisenbahnfreunden gelingt es außerdem unter Mitwirkung von zehn Bundesfreiwilligen, Gleise zum 650 Meter entfernten Maschinenhaus zu legen. Das Material erhalten sie zu einem symbolischen Preis von der Gemeinde Oelsnitz im Erzgebirge. In diesem Jahr revanchiert sich der Verein: Während der dortigen Landesgartenschau wird er Besucher über das Gelände im "Floraexpress" kutschieren.

Das Maschinenhaus wurde auch mithilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert. 
Chemnitz, Seilablaufanlage © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Maschinenhaus wurde auch mithilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert.

Das Maschinenhaus ist inzwischen ebenfalls saniert. Sein Dach war so undicht, dass im Obergeschoss des Gebäudes - dort befindet sich das Stellwerk 2 - im Winter bis zu einem Meter Schnee lag. 5.800 Arbeitsstunden leisteten die Vereinsmitglieder insgesamt, um die Anlage zu erhalten und das Verfahren des Zugablaufes erlebbar zu machen. Sie können stolz darauf sein, dass in Chemnitz-Hilbersdorf heute die einzige derartige Anlage auf europäischem Boden steht. Bis zu 2.000 Besucher im Jahr belohnen ihren Einsatz.

Die Eisenbahnfreunde wurden von Anfang an vom sächsischen Landesdenkmalamt unterstützt, aber auch vom Bund, von der Sparkasse, der Stadt Chemnitz und von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die sich an der Wiederherstellung des Maschinenhauses mit 20.000 Euro beteiligte. In diesem Jahr möchte sie weitere Arbeiten am Befehlsstellwerk 3 mitfinanzieren.

Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz würdigte 2014 das enorme Engagement des Vereins mit der Verleihung der Silbernen Halbkugel. Das hat Wolfgang Vogel und seine Vereinskollegen beflügelt. Am 4. April dieses Jahres konnten sie durch die Unterstützung der Firma Siemens einen der drei Antriebsmotoren im Maschinenhaus wieder in Betrieb nehmen. "Zusammen mit dem Sächsischen Eisenbahnmuseum möchten wir das Gelände zu einem Eisenbahnpark ausbauen. Uns schwebt zunächst die Einrichtung eines Signalgartens vor, und das Gelände hat noch viel Potenzial", beschreibt Wolfgang Vogel die künftigen Aufgaben. Sollte Chemnitz 2020 ein Standort der Sächsischen Landesausstellung zur Industriekultur werden, hoffen die Eisenbahnfreunde, mit ihrer Seilablaufanlage dabei sein zu können.

Carola Nathan

Das Museum ist von April bis August und im Oktober an jedem ersten Samstag im Monat von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Gruppen werden auch an anderen Tagen geführt.

Geöffnet am Tag des offenen Denkmals, 13.09.2015:
10 bis 15.30 Uhr
Demonstration eines Seilablaufs: 11 Uhr
Führungen: 12, 13, 14 und 15 Uhr

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