Interviews und Statements August 2015

Die Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin der DSD in Peenemünde

Einsatzstelle Metallrestaurierungswerkstatt

Interview mit Jugendbauhüttenleiter Christian Barth, Restaurator Wolfgang Hofmann und Jugendbauhüttler Willi Sass in der Metallrestaurierungswerkstatt des Historisch-Technischen Museums Peenemünde, seit 2008 eine der Einsatzstellen der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin

Werkstattgespräch: Monumente-Redakteurin Beatrice Härig, Jugendbauhüttenleiter Christian Barth, Restaurator Wolfgang Hofmann und Jugendbauhüttler Willi Sass 
Peenemünde, ehemalige Heeresversuchsanstalt © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Werkstattgespräch: Monumente-Redakteurin Beatrice Härig, Jugendbauhüttenleiter Christian Barth, Restaurator Wolfgang Hofmann und Jugendbauhüttler Willi Sass

Der Kinosaal diente zu NVA-Zeiten als Speisesaal. Die daran anschließende Küche beherbergt heute die Metallrestaurierungswerkstatt. Große Fenster erlauben den Einblick in die erleuchtete Werkstatt, der Besucher wird in die ständige Aufarbeitung dieses historischen Ortes einbezogen. Die Restaurierungswerkstatt ist außerdem seit 2008 Einsatzstelle der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin. Zwischen den Gerätschaften des Restaurators - große Mikroskope, Ambosse, Arbeitsbänke mit unzähligen Werkzeugen - treffen sich Wolfgang Hofmann, seit Gründung des Museums der Metallrestaurator im Historisch-Technischen Museum Peenemünde, Christian Barth als Leiter der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin und Willi Sass, Jugendbauhütten-Teilnehmer des Jahrgangs 2014/2015.     


Monumente Online: Herr Sass, Sie sind 19 Jahre alt. Wie kommt man in dem Alter dazu, ein Jahr an diesem abgelegenen Ort am Ende der Insel Usedom zu verbringen?

Sass: Ich wusste schon seit vielen Jahren, sicher seit der 11. Klasse, dass ich Restaurator werden will und dass ich unbedingt einmal etwas im Bereich Metallhandwerk machen möchte. Dann stieß ich auf die Restaurierungswerkstatt hier im Museum, erfuhr, dass sie Einsatzstelle der Jugendbauhütte Stralsund ist und habe mich beworben.

Hofmann: Er hat sich sehr frühzeitig beworben, wir haben uns kennengelernt und wussten: Das passt.

Barth: Leider hat sich für dieses Jahr kein polnischer Jugendlicher für die zweite Stelle beworben. Diese Einsatzstelle ist ja, wie die meisten der Jugendbauhütte Stralsund/Szczecin, eine sogenannte Tandemstelle, das heißt: Jeweils ein polnischer und ein deutscher Jugendlicher arbeiten zusammen an einem Ort. Aber auf polnischer Seite ist die Finanzierung sehr schwierig, noch schwieriger als auf der deutschen - leider.

Hofmann: Die polnischen Jugendbauhütten-Teilnehmer sind immer eine große Bereicherung gewesen. Die Beschriftung des Museums ist in den Sprachen Deutsch, Englisch und Polnisch gehalten. Aus Polen haben wir gerade im Winter viele Besucher. Die Jugendlichen aus Stettin haben die gesamte polnische Übersetzung der Ausstellungsbeschriftung übernommen, und Ehemalige arbeiten immer mal wieder mit uns zusammen.

Barth: Die Teilnehmer übernehmen ansonsten auch Führungen im Museum und gestalten den Tag des offenen Denkmals mit. Sie sind in die Arbeit des Museums eingebunden.

Die Kranbahn, über die die im Hafen gelöschte Kohle in das Kraftwerk befördert wurde, ist eines der größten Restaurierungsprojekte in Peenemünde gewesen. 
Peenemünde, ehemalige Heeresversuchsanstalt © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Kranbahn, über die die im Hafen gelöschte Kohle in das Kraftwerk befördert wurde, ist eines der größten Restaurierungsprojekte in Peenemünde gewesen.

Sass: Bevor ich mein Freiwilliges Jahr begonnen habe, nahm ich außerdem an dem dreiwöchigen Workcamp der Internationalen Jugendbewegung teil, das jedes Jahr im August/September stattfindet. Das war ein schöner Einstieg.

Monumente Online: Aber die Hauptarbeitsstätte ist die Restaurierungswerkstatt?

Sass: Auf jeden Fall. Die Arbeit am Metall ist die Hauptsache und sehr interessant. Gerade lerne ich, eine Reliefgravur anzufertigen.

Hofmann: Ich lege sehr viel Wert auf eine solide handwerkliche Ausbildung. Ich lasse die Jugendlichen nicht tagelang einfach Rost kratzen und Stücke säubern, sondern sie sollen ein breites Fundament erhalten, die handwerklichen Grundtechniken zur Gestaltung von Metalloberflächen kennenlernen, zum Beispiel die Ätzung und die Gravur, das Ziselieren, Löten und Emaillieren. Es ist schlimm, wenn ich Fachbücher aufschlage, und dort wird eine Gravur nicht korrekt von einer Ätzung unterschieden. Wer das jemals selbst gemacht hat, wird das nie mehr verwechseln. Wenn man einmal die Werkzeuge beherrscht hat, dann kann man das immer wieder aktivieren. Das Fernziel ist die Ausbildung zum Restaurator. Das Restaurierungs-Studium wird meines Erachtens immer theoretischer. Umso wichtiger ist so ein Jahr in der Werkstatt. Metallrestauratoren, vor allem die mit breitem Spektrum, sind extrem rar gesät.

Barth: Das wollen wir den Freiwilligen ebenfalls mit auf den Weg geben: den Blick auf den Arbeitsmarkt.

Sass: Ich überlege mir, zunächst eine Ausbildung als Feinwerkmechaniker anzuschließen, um dieses Wissen dann später in die Restaurierung einbringen zu können.

Hofmann: Wir haben sämtliche Praktikanten auf Anhieb in einem Studium oder in einer Ausbildung untergebracht.

Barth: Die elf Jugendbauhütten-Teilnehmer, die in dieser Einsatzstelle waren, haben bis auf eine Ausnahme alle den Weg zum Restaurator oder Handwerker in diesem Bereich eingeschlagen. Das freut uns.

Im Büro des Restaurators Hofmann arbeitet auch Lisett Loth. Auf Usedom aufgewachsen, war sie 2010/11 ebenfalls Freiwillige in der Einsatzstelle bei Wolfgang Hofmann und hat danach noch ein Jahr Praktikum in seiner Restaurierungswerkstatt angehängt. Jetzt studiert sie an der Fachhochschule Erfurt Konservierung und Restaurierung von archäologischem Kulturgut und kunsthandwerklichen Objekten. Zurzeit arbeitet sie an ihrer Bachelor-Arbeit. Wenn sie ihren Master in der Tasche hat, geht für sie ein Traum in Erfüllung: Es ist geplant, dass sie die Restaurierungswerkstatt von Wolfgang Hofmann übernimmt. Diese wird sich dann hinter einer Glasfront in den Transformatorenhallen des Kraftwerks befinden - mit mehr Platz und noch mehr Publikumskontakt. Dazu sollen die Besucher in einem kleinen Spezialmuseum etwas über die konservatorische Behandlung von Metallen erfahren. Mehr Zukunft geht für einen Studierenden kaum, mehr Erfolg kann eine Jugendbauhütte nicht haben.

Restaurator Wolfgang Hofmann 
Restaurator Wolfgang Hofmann © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Restaurator Wolfgang Hofmann

Zur Person: Restaurator Wolfgang Hofmann, 1948 in Wismar geboren, ist nicht auf direktem Weg zur Metallrestaurierung gekommen: Er hat ursprünglich Schlosser gelernt und nach einem Ingenieurstudium an Flugzeugzellen und Triebwerken gearbeitet. Erst mit 40 Jahren suchte er einen Ausbildungsplatz zum Restaurator im Handwerk und fand ihn in der Akademie Schloss Raesfeld in Nordrhein-Westfalen. Ein Studium zu diesem Thema gab es in Deutschland noch nicht. 1991 machte er sich in Wolgast selbstständig und wurde bald zum gefragten Spezialisten. Seit Einrichtung des Historisch-Technischen Museums in Peenemünde arbeitet er dort in situ und an Depotstücken. Wolfgang Hofmann ist der einzige Restaurator, der zweimal den Europa Nostra Award entgegennehmen konnte - eine außerordentliche Ehrung: 2010 für die Restaurierung der Sarkophage in St. Petri in Wolgast (langjähriges Förderprojekt der DSD) und 2013 für die Instandsetzung der Kranbahn und des Kraftwerks in Peenemünde. Zurzeit ist er an einem noch umfangreicheren Projekt tätig: das Kraftwerk weiter museal zugänglich zu machen, wobei zum Beispiel restauratorische Lösungen gefunden werden mussten, um den Asbest an einigen Werkteilen für Besucher ungefährlich zu machen. Hofmann hat seit 2008 elf Teilnehmer der Jugendbauhütte betreut. Er verlegte seine Werkstatt 2013 ins Museum und wird sie diesem und seiner Nachfolgerin überlassen.


Zum Artikel über das Historisch-Technische Museum Peenemünde:

www.monumente-online.de/de/ausgaben/2015/4/raketen-rost-restaurierung.php#.VpehZlJcq20


Die Jugendbauhütten der deutschen Stiftung Denkmalschutz

Bundesweit können jährlich etwa 300 Jugendliche im Alter von 16 bis 26 Jahren ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege (FSJ) verbringen. Den Einsatz der jungen Leute organisieren die 13 Jugendbauhütten in der Betriebsträgerschaft der ijgd (Internationale Jugendgemeinschaftsdienste e. V.). Unterschiedlichste Einsatzstellen in regionalen Handwerksbetrieben, Archiven, Denkmalbehörden, Museen und Architekturbüros, in denen die Teilnehmer das Jahr über arbeiten, und sechs Wochenseminare bieten einen profunden und vielschichtigen Einblick in die Welt der Denkmalpflege.

Teilnehmer der Jugendbauhütte engagieren sich beim Tag des offenen Denkmals in Peenemünde 
© Jugendbauhütte Stralsund/Sczecin
Teilnehmer der Jugendbauhütte engagieren sich beim Tag des offenen Denkmals in Peenemünde

In den 16 Jahren, in denen es die Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gibt, haben 3.300 junge Leute diese Weichenstellung auf ihrem Berufsweg erfahren. Bemerkenswert ist, dass sich zwei von drei Jugendbauhüttlern nach dem Freiwilligen Jahr für ein Studium oder einen Handwerksberuf im Fach entscheiden. Ergreifen sie keinen denkmalverbundenen Beruf, beschäftigen sie sich meist in ihrer Freizeit weiter mit historischer Baukultur.

Das Freiwillige Soziale Jahr in der Denkmalpflege beginnt jeweils am 1. September. Bewerbungen sind noch möglich. Für weitere Informationen und die Bestellung der Broschüre "JugendBauhütten" wenden Sie sich bitte an: Jugendbauhütten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Silke Strauch, Tel. 0228 9091-160, jugendbauhuetten@denkmalschutz.de, www.jugendbauhuetten.de

Um dieses mehrfach ausgezeichnete Bildungsprojekt dauerhaft zu finanzieren, sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen. Bitte ermöglichen Sie mit Ihrer Spende Jugendlichen das freiwillige Engagement in Denkmalpflege und Handwerk!

Spendenkonto:

IBAN: DE71 500 400 500 400 500 400 BIC: COBA DE FF XXX BLZ 380 400 07 Verwendungszweck: 1009925XJugendbauhütten

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