Öffentliche Bauten Nach 1945 Interieur Design Februar 2015

Hans Scharoun und sein spektakuläres Theatergebäude in Wolfsburg

Konsequent & meisterhaft

Am Eröffnungsabend der Lotterie sind bereits zehn Prozent der Lose verkauft. Die Wolfsburger Bevölkerung setzt damit im Herbst 1968 ein klares Zeichen: Sie will endlich ein Theatergebäude für ihre Stadt, ist die vielen provisorischen Spielstätten leid. Ein Jahr später erfolgt der erste Spatenstich des Hauses am Klieversberg - entworfen von Hans Scharoun, der als einer der wichtigsten Vertreter des Modernen Bauens gilt.

Blick in den Zuschauerraum mit seinen 800 Plätzen. Links sieht man sechs der zwölf Akustiksegel, von Scharoun Ohren genannt.  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Lars Landmann
Blick in den Zuschauerraum mit seinen 800 Plätzen. Links sieht man sechs der zwölf Akustiksegel, von Scharoun Ohren genannt.

Der Anstoß für ein Theater kommt bereits 1954 von der Volkswagen AG, die verspricht, sich finanziell zu beteiligen. 38.000 Menschen wohnen damals in der Stadt, die ab 1938 um das Autowerk errichtet wurde. Die Pläne werden jedoch verworfen.

1962 holt man sie wieder aus der Schublade. Ganz langsam nimmt das Projekt Fahrt auf. Der Rat der Stadt reagiert eher zögerlich, weil er sich um eine Auslastung des Theaters sorgt. Man fragt sich, ob die Wolfsburger nicht dem Trend folgen und die Abende lieber vor dem Fernseher verbringen möchten. "Vieles war strittig, musste ausdiskutiert und entschieden werden", erinnert sich Dr. Volkmar Köhler, damals Vorsitzender des Wolfsburger Kulturausschusses.

1965 - die Stadt zählt inzwischen 80.000 Einwohner - werden sieben Architekten zu einem Wettbewerb eingeladen. Neben Hans Scharoun nehmen unter anderem Alvar Aalto - nach seinen Plänen waren in Wolfsburg bereits das Kulturhaus und die Heilig-Geist-Kirche errichtet worden - und Jørn Utzon, Schöpfer des Opernhauses von Sydney, teil. Heute würde man die drei als Stararchitekten bezeichen. Die Jury entscheidet sich für Scharoun. Sie lobt bei seinem Theaterentwurf vor allem das Zusammenwirken von großräumiger Landschaft, beherrschenden Baumassen und einer Verkehrsführung, die der Weiträumigkeit angepasst ist. Er habe dies in seinem Bebauungsvorschlag "konsequent und meisterhaft zu einer städtebaulichen Konzeption der großen Form" weiterentwickelt.

Dieses Luftbild stammt aus dem Jahr 1970. Im Vordergrund sieht man das Bühnenhaus, an das sich die Foyers und der Eingangsbereich anschließen.  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (izs), Wolfsburg
Dieses Luftbild stammt aus dem Jahr 1970. Im Vordergrund sieht man das Bühnenhaus, an das sich die Foyers und der Eingangsbereich anschließen.

Die Anfänge als Architekt

Der Architekt ist bei Baubeginn bereits krank und wird die Eröffnung des Theaters nicht mehr erleben. Die meisten Lebensjahre verbringt er in Berlin. Geboren am 20. September 1893 in Bremen, wächst er in Bremerhaven auf, wo er sich schon früh mit Schiffsarchitektur beschäftigt. Sie findet sich in seinen späteren Bauten wieder. Er fertigt erste Architekturskizzen. "Der selbständige Architekt soll sich nicht von Sensationen, sondern von Reflexionen leiten lassen", schreibt der Siebzehnjährige. Der Vater lehnt seine künstlerische Neigung ab, doch die Mutter unterstützt ihn. In seinem späteren Schwiegervater Georg Hoffmeyer, einem Bauunternehmer aus der Nachbarschaft, findet er einen Mentor.

1912 beginnt Scharoun ein Architektur-Studium an der Technischen Hochschule Berlin, das ihm nur wenig Freude bereitet. Er möchte praktisch arbeiten und findet eine Anstellung im Büro des Architekten Paul Kruchen. Dieser bewahrt ihn vor dem Kriegsdienst, indem er ihn für seine Bauberatungsämter in Gumbinnen und Insterburg anfordert. 1919 gewinnt Hans Scharoun seinen ersten Wettbewerb für eine Platzgestaltung in Prenzlau. In dieser Zeit schließt er sich dem von Bruno Taut gegründeten expressionistisch orientierten Architektenkreis "Gläserne Kette" an. Obwohl er sein Architekturstudium nie beendet hat, beruft man ihn 1925 als Professor an die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau. Ein Jahr später tritt er dem "Ring" bei, einem Zusammenschluss bedeutender Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Otto Bartning, Bruno und Max Taut sowie Hugo Häring, der die Theorie einer organischen Architektur entwickelt. Seiner Ansicht nach sollte ein Gebäude räumlich ausdrücken, was in ihm vor sich geht. Die Bedürfnisse des Menschen stehen dabei im Vordergrund.

Der Eingangsbereich mit seinem weit vorkragenden Dach. Links die beiden runden Fenster, die an Bullaugen eines Schiffes erinnern  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Lars Landmann
Der Eingangsbereich mit seinem weit vorkragenden Dach. Links die beiden runden Fenster, die an Bullaugen eines Schiffes erinnern

Hans Scharoun wird zu einem wichtigen Vertreter dieser Stilrichtung und außerdem des sozialen Wohnungsbaus. Er macht sich mit seinen Häusern auf den Bauausstellungen 1927 in Stuttgart-Weißenhof und zwei Jahre später in Breslau einen Namen und entwirft im Auftrag des Wohnungsbauunternehmens GEHAG ab 1929 den Bebauungsplan - er ist wegweisend für den modernen Städtebau - und drei Mehrfamilienhäuser für die Berliner Siedlung Siemensstadt. 1930-60 wird er selbst dort wohnen.
Scharouns Haus für den Fabrikanten Georg Schminke in Löbau, eine Ikone des Modernen Bauens, in dem seine Affinität zur Schiffsarchitektur deutlich wird, kann er 1933 noch vor den Restriktionen durch die Nationalsozialisten fertigstellen. Alle Mitglieder des "Rings" gelten nun als "entartet". Scharoun realisiert bis 1945 nur wenige Privathäuser. Er arbeitet an einem Forschungsvorhaben über Waschküchen und hilft bei der Beseitigung von Bombenschäden. In dieser Zeit entstehen zahlreiche Aquarelle.

Scharouns Grundriss für den Wolfsburger Theaterbau vom 13. Mai 1969  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (izs), Wolfsburg
Scharouns Grundriss für den Wolfsburger Theaterbau vom 13. Mai 1969

Neubeginn nach dem Krieg

Die sowjetische Militärregierung ernennt Scharoun im Mai 1945 zum Stadtbaurat, und er beginnt sofort mit den Plänen zum Wiederaufbau des zerstörten Berlins. "Das, was nach der mechanischen Auflockerung des Stadtgebiets blieb", sagt er bei der Eröffnung der Ausstellung "Berlin plant" am 22. August 1946, "gibt uns die Möglichkeit, eine 'Stadtlandschaft' daraus zu gestalten. (…) Durch sie ist es möglich, Unüberschaubares, Maßstabloses in übersehbare und maßvolle Teile aufzugliedern und diese Teile so zueinander zu ordnen, wie Wald, Wiese, Berg und See in einer schönen Landschaft zusammenwirken."

Bereits 1946 wird Scharoun nach Differenzen als Stadtbaurat wieder abgelöst. Die Technische Universität Berlin beruft ihn als Professor für Städtebau, er leitet viele Jahre die Akademie der Künste, entwirft innovative Schulgebäude und erlangt mit seiner Philharmonie im Berliner Tiergarten internationale Anerkennung. Die deutsche Botschaft in Brasilia (1963-69) bleibt das einzige Gebäude, das Scharoun außerhalb Deutschlands errichtet.

Die Belüftung erfolgt über die Rückenlehnen der Sitze.  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Lars Landmann
Die Belüftung erfolgt über die Rückenlehnen der Sitze.

Es kommt immer wieder vor, dass seine preisgekrönten Entwürfe ungebaut bleiben. Einige Auftraggeber entwickeln eine Angst vor ihrer eigenen Courage, weil sie sich für ein innovatives und spektakuläres Gebäude entschieden haben. So nimmt Scharoun beispielsweise an vier Wettbewerben für Theaterbauten teil, doch nur das Wolfsburger Haus wird gebaut. Sein Entwurf für das Staatstheater Kassel 1952 wird mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die Verantwortlichen stimmen jedoch für einen konventionelleren Bau, weil sie konstruktive Fehler Scharouns befürchten. Dessen Pläne für das Mannheimer Nationaltheater 1953 gewinnen den dritten Preis, der Beitrag zum Züricher Theaterwettbewerb 1964 bleibt ohne Auszeichnung.

Die Idee einer Stadtlandschaft greift er für Wolfsburg erneut auf. Die Wolfsburger kann Scharoun nicht zuletzt überzeugen, weil er das Objekt parallel zum Hang des Klieversbergs mit Blick auf die Stadt und das Volkswagenwerk entwirft. Er bettet das spektakuläre Gebäude in die hügelige Natur ein und nutzt den Wald im Hintergrund als Gestaltungsmerkmal. "Die Gestaltung des Theaters", heißt es in den Erläuterungen zum Entwurf, "nimmt ebenso Rücksicht auf die Landschaft wie auf die bestehende Stadthalle, indem der Hauptbaukörper - Zuschauerraum, Bühne und Nebenräume - in Beziehung zur Größe der Stadthalle gebracht sind."

Doch auch das Wolfsburger Haus droht zu scheitern: Nach Abschluss der Tiefbauarbeiten ruht der Bau ab März 1970 für einige Monate. Grund ist eine ungünstige Kostenentwicklung im Bausektor. Scharoun muss seinen Entwurf überarbeiten: Das Gebäude wird insgesamt kleiner und das Naturtheater, der Felsengarten sowie die großzügigen Wasserbecken werden nicht gebaut. Das Theater wird am 5. Oktober 1973 im Beisein von Scharouns Witwe Margit eingeweiht. Sie hat nach dem Tod ihres Mannes ein Jahr zuvor maßgeblich an der Fertigstellung des Komplexes mitgewirkt. Einige Wolfsburger wehren sich bis zum Schluss gegen den Bau: Bei der Eröffnung mit einer Neuenfels-Inszenierung von Ibsens Nora gibt es Demonstrationen und sogar eine Bombendrohung. Vielleicht hätten sie ihre Meinung bei einer Besichtigung revidiert.

Viele Details wie die mit orangenem Stoff bezogenen Hocker in einem der beiden "Make-up-Räume" sind aus der Bauzeit erhalten.  
© Lars Landmann
Viele Details wie die mit orangenem Stoff bezogenen Hocker in einem der beiden "Make-up-Räume" sind aus der Bauzeit erhalten.

Ein wohldurchdachtes Konzept

Der Theaterbesucher betritt das lineare Bauwerk, bei dem die einzelnen Funktionen hintereinander angeordnet sind, von Osten. Links vom Eingang befinden sich zwei runde Fenster, die an Bullaugen eines Schiffs erinnern. Die recht kleine Kassenhalle mit Natursteinboden bildet den Übergang von außen nach innen. Durch Glastüren gelangt der Besucher zu den Garderoben und dem zunächst schmalen Foyer, das sich nach einigen Schritten zu einem großen, lichtdurchfluteten Raum öffnet. Ein Panoramafenster erlaubt den Blick auf die zu Füßen des Theaters liegende Stadt und die vier markanten Schornsteine des Volkswagenwerkes. In diesem Bereich befindet sich das Theatercafé. Es ist nur noch ein kurzer Weg zum Zuschauerraum. 800 Plätze verteilen sich auf Parkett und Rang.

Die Idee, Proben bei Tageslicht zuzulassen und zu diesem Zweck die Ostwand durch ein großes Fenster zu öffnen, war Scharoun bereits für das Theater in Kassel gekommen. In Wolfsburg wird es zwar verwirklicht, aber nicht der ursprüngliche Entwurf mit verschiedenfarbigem Glas. Aus Kostengründen wird das Fenster, das durch einen blickdichten Vorhang geschlossen werden kann, aus unterschiedlich strukturierten Weißgläsern gestaltet.

Das Zwischenfoyer mit dem großen Tageslichtfenster  
Wolfsburg, Scharoun-Theater © Lars Landmann
Das Zwischenfoyer mit dem großen Tageslichtfenster

Seit 40 Jahren steht das Gebäude nahezu unverändert am Klieversberg. Fast alle bauzeitlichen Details der Ausstattung sind erhalten - bis zu den mit orangenem Stoff bezogenen Hockern in den beiden "Make-up-Räumen". Doch die zahlreichen Besucher und die Aufführungen haben Gebrauchsspuren hinterlassen. Weil die Bühnentechnik veraltet und der Brandschutz nicht mehr gewährleistet ist, ist das Theater seit 25. Juni 2014 für eine Sanierung geschlossen. Der Theaterbetrieb ist in die benachbarte Kongresshalle umgezogen.

29,75 Millionen Euro sind für die Arbeiten eingeplant, wobei das meiste Geld in die Erneuerung der Technik fließt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligt sich an der Restaurierung des Zuschauerraumes mit 100.000 Euro - und erneut kommen Mittel einer Lotterie, der GlücksSpirale, zum Einsatz. In enger Abstimmung zwischen Stadtdenkmalpflegerin Heidi Fengel und Dipl.-Ing. Winfried Brenne, der mit der Generalplanung beauftragt wurde, geht man sehr behutsam mit der Bausubstanz und den Materialien um. Für sein passioniertes Engagement hinsichtlich der Erhaltung von Baudenkmalen wurde der Architekt 2014 mit der Heinrich-Tessenow-Medaille ausgezeichnet.

Einer Studie des Jahres 1967 zufolge vermissten 23 Prozent der Wolfsburger ein Theater, aber nur 14 Prozent Freizeitmöglichkeiten allgemein. Sechs Wochen vor der Eröffnung des Hauses waren fast alle Abonnements verkauft. Dieser Erfolg zeigt sich ungebrochen, die Proteste sind längst verstummt: Das Theater ist zu rund 90 Prozent ausgelastet und gehört damit zu den erfolgreichsten Spielstätten Deutschlands. Die Wolfsburger werden ihr geliebtes Haus, das auch aufgrund seiner organischen Architektur zu einer Landmarke in der Stadt geworden ist, Ende 2015 wieder besuchen können.

Carola Nathan