Städte und Ensembles Barock Februar 2015 I

Vom Reiz der Planstädte

Idealstädte

Vor 300 Jahren wurde Karlsruhe als markgräfliche Residenzstadt gegründet. Der barocke Radialplan definierte das Schloss als absolutistisches Zentrum. In der Geschichte der Idealstädte blieb der Grundriss mustergültig.

Am Anfang steht ein Zirkelschlag. Karl Wilhelm Markgraf von Baden-Durlach (1679-1738) hat den Hardtwald bei Durlach zum Jagdrevier auserkoren und will 1714 ein Lusthaus bauen. Schon bald wird daraus ein viel umfassenderer, ein hochfliegender Plan: Mit "Carols Ruhe" soll in der unberührten Ebene zwischen dem Oberrhein und den nördlichen Ausläufern des Schwarzwaldes eine neue Residenzstadt entstehen.

Bis dato befand sich der Sitz des Landesherrn in Durlach. Doch der Wiederaufbau des 1689 von den Franzosen zerstörten Ortes war in der vom Spanischen Erbfolgekrieg gebeutelten Markgrafschaft nicht recht vorangekommen und hatte Querelen mit der Durlacher Bürgerschaft ausgelöst. Nach dem Frieden von Rastatt stehen 1714 alle Zeichen auf Neubeginn.

Karlsruhe feiert Geburtstag: Vor genau 300 Jahren gegründet, gilt sie als barocke Planstadt schlechthin. Der charakteristische Fächergrundriss lässt sich immer noch bestens ablesen.  
Karlsruhe, Stadtanlage © Roland Fränkle, Presse- und Informationsamt der Stadt Karlsruhe
Karlsruhe feiert Geburtstag: Vor genau 300 Jahren gegründet, gilt sie als barocke Planstadt schlechthin. Der charakteristische Fächergrundriss lässt sich immer noch bestens ablesen.

Der Markgraf lässt 32 Schneisen in den Wald schlagen und das Gelände durch ein kreisförmiges Wegenetz gliedern: Damit ist das Raster der künftigen Fächerstadt Karlsruhe samt Jagdgebiet vorgegeben. Ihre Geburtsstunde schlägt am 17. Juni 1715 mit der Grundsteinlegung für einen steinernen Turm - Kernbau des neuen Schlosses und zugleich zentraler Punkt des Radius.

Die Erschließung fürstlicher Reviere durch einen Jagdstern ist im Barock geläufig. Auf den idealtypischen Grundriss einer Stadt angewendet, hat sie ein klares Vorbild: Das Strahlensystem von Versailles ist für jeden absolutistischen Herrscher das Maß aller Dinge. Dort bildet das Schloss Ludwigs XIV. den Fluchtpunkt sowohl des planmäßig gestalteten Gartens als auch der zentralperspektivisch aufgebauten Stadt. Das markgräfliche Schloss von Karlsruhe entwirft Jakob Friedrich von Batzendorff als Dreiflügelanlage, wobei die schräg gestellten Seitenflügel die Fächerstruktur definieren. Nach Süden schließt sich der Lustgarten an, der einen Viertelkreis umschreibt. Über den inneren Zirkel hinaus bilden neun Radialstraßen das Gerüst des Stadtgrundrisses.

Für den Ausbau der Residenz zur Stadt und die Versorgung des Hofes müssen Neubürger angeworben werden. Ein erster Gnadenbrief vom 24. September 1715 stellt diverse Privilegien und Subventionen in Aussicht: darunter Religionsfreiheit, ein kostenloser Bauplatz inklusive Bauholz und Sand sowie die Befreiung von Steuern und Zöllen für 20 Jahre. Die Zuzügler sollen mit "sattsamen Mitteln versehen" sein, denn zu ihrem Bürgerrecht kommen sie erst durch den Hausbau. Dieser hat zu "mehrerer Zierde und Gleichheit des Orths" nach "durchgehendem Modell" zu erfolgen.

Prospekt von „Carols Ruhe“, Kupferstich von Heinrich Schwartz aus dem Jahr 1721  
Karlsruhe, Kupferstich Prospekt 1721 © Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XVI 18
Prospekt von „Carols Ruhe“, Kupferstich von Heinrich Schwartz aus dem Jahr 1721

Gestaltungsspielraum gibt es nicht - der Stadtgründer bestimmt die Geschosshöhe, die Fassadengliederung und den Grundriss der Häuser. Streng hierarchisch gestaffelt, soll die ständische Ordnung auch an der Architektur abzulesen sein. Die Adels- und Verwaltungsbauten am inneren Ring müssen zweigeschossig und zum Lustgarten hin mit durchlaufenden Arkaden versehen sein. Eingeschossig mit Mansarddach und Tordurchfahrten folgen die Bürger- und Handwerkerhäuser.

Die Ausführung der Modellhäuser ist eher bescheiden, die uniformen Fassaden sind für die adeligen Bewohner wenig repräsentativ. Selbst das Schloss hat Bauleiter Heinrich Schwartz, vom Turm abgesehen, nur aus überputztem Fachwerk errichtet. Der Markgraf rechtfertigt die sparsame Bauweise mit dem Verweis auf sein kleines Fürstentum.

Im Hinblick auf seine Stadtplanung denkt er jedoch ganz groß. Jeder einzelne Bau hat sich in das vorgegebene Raster einzufügen. In dieser Reglementierung manifestiert sich der absolute Herrschaftsanspruch am sinnfälligsten. Die bürgerliche Stadt ist inszeniert wie ein barockes Theater, in dem der Landesherr das Stück vorgibt und die Regie führt. Darin kann Karl Wilhelm sogar den Sonnenkönig übertrumpfen: In Versailles führen drei Achsen durch die Stadt. In Karlsruhe aber liegen alle wichtigen öffentlichen Plätze und Gebäude, einschließlich der lutherischen Stadtkirche, in der Sichtachse des Markgrafen. Zentrum dieses Gefüges ist der Schlossturm - klar ausgewiesen als Sitz der Macht.

Der Blick vom Karlsruher Schlossturm  
Karlsruhe, Blick vom Schlossturm © Monika Müller-Gmelin, Stadtplanungsamt Karlsruhe
Der Blick vom Karlsruher Schlossturm

Die Entwicklung der Stadt geht schleppend voran, die gewünschte einheitliche Blockbebauung weist viele Lücken auf. Noch mangelt es an kapitalkräftigen Zuzüglern. Der Markgraf reagiert 1722 mit einem neuen Privilegienbrief, in dem er die Bauverordnung verschärft und ein Mindestvermögen fordert. Die Häuser sollen innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt sein. Immerhin darf sich die Bürgerschaft nun eine eigene städtische Verwaltung wählen. Karl Wilhelm muss Zugeständnisse machen, um die Weiterentwicklung der Stadt nicht zu gefährden: 1728 kann endlich das schon lange geforderte Rathaus gebaut werden.
Beim Tod des Markgrafen im Jahr 1738 klaffen Idee und Wirklichkeit noch weit auseinander. Das Schloss, eilig mit mangelhaften Materialien errichtet, ist innerhalb von zwei Jahrzehnten baufällig geworden. Ebenso wie viele der Wohnhäuser, die kein Fundament vorweisen können.

Das Schicksal Karlsruhes scheint zunächst ungewiss. Erst mit Karl Friedrich von Baden-Durlach (1728-1811), der im Jahr 1746 für mündig erklärt wird und die Nachfolge als Markgraf antritt, wird der Ausbau von Residenzschloss- und Stadtanlage in der zweiten Jahrhunderthälfte vorangetrieben. Der Enkel des Gründers lässt das Schloss nach Entwürfen von Balthasar Neumann umbauen, wobei der Turm unangetastet bleibt. Er will die Lücken an den Radialstraßen schließen und ordnet eine solidere Bauweise aus Stein an.

Die Tatsache, dass Modellhäuser verschiedener Bauphasen und -verordnungen nebeneinander existieren, stört die angestrebte städtebauliche Symmetrie empfindlich. Immerhin: Karlsruhe wächst, muss in den 1760er-Jahren erstmals nach Süden erweitert werden. Als die Markgrafschaften Baden-Durlach und Baden-Baden 1771 vereinigt werden, dient es als Regierungssitz des doppelt so großen Landes Baden.

Palmanova bei Udine, 1593 als Festungsstadt gegründet, hat die Sternform bis heute bewahrt. Kupferstich aus dem Stadtansichtenbuch Civitatis Orbis Terrarum von Georg Braun und Frans Hogenberg (1572–1618)  
Palmanova bei Udine © akg images/Album/Oronoz
Palmanova bei Udine, 1593 als Festungsstadt gegründet, hat die Sternform bis heute bewahrt. Kupferstich aus dem Stadtansichtenbuch Civitatis Orbis Terrarum von Georg Braun und Frans Hogenberg (1572–1618)

Während sich manche Kritiker an den Mängeln im Detail stören, bleibt der originelle Fächergrundriss das Alleinstellungsmerkmal. Heinrich von Kleist zeigt sich 1801 begeistert von dieser Stadt, "die wie ein Stern gebaut ist": "Sie ist klar und lichtvoll wie eine Regel, und wenn man hineintritt, so ist es, als ob ein geordneter Verstand uns anspräche."

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzieht sich ein grundlegender Wandel: Aus der hochabsolutistischen wird eine moderne Bürgerstadt. Mit der Vergrößerung des Landes und dem Aufstieg zum Großherzogtum Baden 1806 gewinnt Karlsruhe an Bedeutung. Friedrich Weinbrenner, ab 1801 badischer Baudirektor, gibt der Stadt ein neues, klassizistisches Gesicht, ohne das barocke Radialsystem zu tilgen. Er erweitert die zu bebauende Fläche um das Zweieinhalbfache, indem er im Süden einen Halbkreis mit rechtwinklig und diagonal verlaufenden Straßen anfügt. Er entwirft zahlreiche öffentliche Gebäude und schafft mit der Umgestaltung des Marktplatzes an der repräsentativ ausgebauten Schlossachse vor allem ein städtebauliches Gegengewicht zum Schlossplatz. Wenn auch unter anderen Vorzeichen, vollendet Weinbrenner das vom Gründer beabsichtigte einheitliche Stadtbild.

Das Streben nach Regelmäßigkeit und Geschlossenheit im Städtebau erlebte im Barock seine Blüte und fand mit der Kombination zweier idealtypischer Grundformen in Karlsruhe seinen gelungensten Ausdruck. Die Vorstellung von der Stadt als Kunstwerk, wohlgeordnet und proportioniert, war allerdings keine Erfindung jener Epoche. Sie ist verwurzelt in der Theorie der Idealstädte, die mit der italienischen Renaissance neue Impulse bekam. Die Sehnsucht nach einem in jeder Hinsicht mustergültigen Stadtorganismus ist so alt wie die Geschichte des Städtebaus. Schon im klassischen Altertum galten auf Kreis oder Quadrat aufbauende Schemata als perfekt. Die antiken Philosophen haben ihre Gesellschaftsentwürfe zuweilen mit einer ebenmäßigen Stadtstruktur in Verbindung gebracht, doch traten die formalen Kriterien meist hinter die Staatstheorie zurück. Verwirklichten Planstädten mit regelmäßigem Grundriss lagen vor allem praktische Überlegungen zugrunde: Bei Neugründungen im Römischen Reich basierte die universelle Rasteranlage auf dem Schema der Militärlager.

Im christlichen Mittelalter war das vollkommene Bild der Stadt dem Himmlischen Jerusalem vorbehalten - die Allegorie hatte im Diesseits keine Entsprechung in einem urbanen Gefüge. Die Idealstadt blieb lange Zeit ein philosophisches beziehungsweise heilsgeschichtliches Konstrukt.

„Die ideale Stadt“ auf einem Gemälde der italienischen Frührenaissance (um 1470), Galleria Nazionale delle Marche, Urbino  
Gemälde "Die ideale Stadt" um 1470 © akg images/Rabatti – Domingie
„Die ideale Stadt“ auf einem Gemälde der italienischen Frührenaissance (um 1470), Galleria Nazionale delle Marche, Urbino

Erst mit dem Humanismus wurde der Versuch, Sozialutopie und Stadtbaukunst miteinander zu verknüpfen, greifbar. Staatstheoretiker und Architekten beeinflussten sich nun wechselseitig. Leon Battista Alberti hatte sich in seinen "Zehn Büchern über die Baukunst" (1443-52) über die einer Republik angemessene Stadtplanung ausgelassen. Eine ideale Gestalt gab er nicht vor, stellte aber die Bedürfnisse der Menschen in den Vordergrund: Funktional und schön zugleich sollte sie sein, ein friedliches und sorgenfreies Leben ermöglichen.

Als erste, zumindest ansatzweise realisierte Idealstadt der Neuzeit gilt gemeinhin Pienza, das Pius II. ab 1459 ausbauen ließ. Kurz nach der Wahl zum Papst hatte Enea Silvio Piccolomini beschlossen, aus seinem mittelalterlichen Geburtsort Corsignano über dem südtoskanischen Orcia-Tal ein humanistisches Manifest zu machen. Von den Ideen Albertis inspiriert, konstruierte der Architekt Bernardo Rossellino den zentralen, trapezförmigen Platz mit Dom und Palästen nach allen Regeln der Perspektive und unter raffiniertem Bezug zur umgebenden Landschaft. Pienza, als Monument für eine einzelne Person errichtet, blieb eine Ausnahmeerscheinung. Eine wirklich funktionierende Stadt ist daraus nicht geworden: Bald nach dem Tod des Papstes 1464 versank der abgelegene Ort wieder im Dornröschenschlaf und fand erst viele Jahrhunderte später seinen Platz in der Kunstgeschichte.

Zeitgleich legte der italienische Bildhauer und Architekt Filarete das erste detaillierte Konzept einer Idealstadt vor, das ebenso von moralischen Prinzipien getragen war. Zwischen 1461 und 1464 verfasste und illustrierte er ein Architekturtraktat, in dem er die fiktive Stadt Sforzinda, benannt nach seinem Dienstherren Francesco I. Sforza, beschreibt. Den Grundriss bildet ein in einen Kreis eingeschriebener Stern mit radial verlaufenden Straßen. Im Zentrum platzierte Filarete Dom sowie Herzogspalast und lieferte ins Phantastische abgleitende Entwürfe für verschiedene öffentliche Gebäude.

Die erste literarische und namensgebende Sozialutopie der europäischen Neuzeit ließ nicht lange auf sich warten: Mit "Utopia" schilderte der englische Staatsmann Thomas Morus 1516 die ideale Gemeinschaft eines Inselreichs mit 54 gleichförmigen, quadratisch angelegten Städten. Die Utopie hat wörtlich genommen keinen Ort. Auch wenn Kunst- und Gesellschaftstheorie sich in der Renaissance immer stärker durchdringen, blieb es meist bei Entwürfen auf dem Papier. Die Idealstadt ist ein abstraktes Gebilde, bei dem Sinn und Form ineinandergreifen. Die Grenzen zum Typus der Planstadt sind fließend: Nicht jede Stadt, der ein ausgeklügeltes Schema zugrunde liegt, muss von einem hehren Gedankengebäude überhöht sein.

Freudenstadt im Schwarzwald aus der Luft: Der riesige Marktplatz war ursprünglich als Standort des Schlosses vorgesehen. Im April 1945 wurde der Stadtkern fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbauplan berücksichtigte das Renaissance-Konzept Schickhardts.  
Freudenstadt im Schwarzwald aus der Luft © akg images/euroluftbild.de/Gerhard Launer
Freudenstadt im Schwarzwald aus der Luft: Der riesige Marktplatz war ursprünglich als Standort des Schlosses vorgesehen. Im April 1945 wurde der Stadtkern fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbauplan berücksichtigte das Renaissance-Konzept Schickhardts.

Konkrete Gestalt nahmen Idealpläne im Bereich der Festungsarchitektur an: Hier ließen sich streng geometrische Grundrisse perfektionieren und auch verwirklichen. Von da Vinci bis Dürer haben sich die Universalgenies im 16. Jahrhundert an Entwürfen für bastionierte Städte erprobt. Wo dick ummauerte Neugründungen gefragt waren, hatte vor allem die symbolträchtige und künstlerisch faszinierende Sternform ihre funktionale Berechtigung - soziale Prämissen und natürliches Wachstum traten in den Hintergrund.

In Palmanova, ab 1593 als Festungsstadt der Republik Venedig in Norditalien angelegt, ist der polygonale Grundriss mit dem Radialstraßensystem bis heute sichtbar. Das rheinische Jülich wurde nach dem Stadtbrand von 1547 ebenfalls nach einem Idealplan in der Form eines Fünfecks neu aufgebaut, das trotz der verheerenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg immer noch ablesbar ist.

Vor allem im deutschen Südwesten taten sich Fürsten zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert mit Neugründungen hervor, die auf regelmäßigen Grundrissen aufbauten. Im Vordergrund standen meist macht- und wirtschaftspolitische Gründe, teilweise überlagert von religiösen und sozialen Motiven. Auch der Aufschwung im Bergbau zog im 16. Jahrhundert viele Planstädte nach sich.

Eines der bemerkenswertesten Beispiele einer auf dem Papier geplanten, völlig regelmäßigen Stadt ist Freudenstadt. Ab 1599 auf einem Hochplateau im Schwarzwald errichtet, wollte Herzog Friedrich I. von Württemberg zunächst eine strategisch günstig gelegene, befestigte Residenz schaffen und Bergleute ansiedeln. Schließlich sollte sie auch zu einer Trutzburg für protestantische Glaubensflüchtlinge werden. Der herzogliche Baumeister Heinrich Schickhardt hatte verschiedene Entwürfe einer Stadt mit quadratischem Grundriss geliefert, die offenbar von den Musterplänen einer Vierungsstadt aus Dürers "Befestigungslehre" von 1527 beeinflusst waren. Zur Ausführung kam eine Dreizeilen-Anlage mit Blockbebauung, die wie ein Mühlebrett aufgebaut ist und den winkelförmigen Grundriss der wichtigsten Gebäude einschließlich der Kirche vorgab. Bedingt durch den frühen Tod des Stadtgründers 1608 wurde der Plan nur teilweise verwirklicht. Das Residenzschloss hat man nie begonnen, der riesige Platz im Zentrum blieb leer. Wenn auch unvollendet, steht Freudenstadt am Beginn einer langen Reihe landesfürstlicher Planstädte.

Die Quadratur der Planstadt: Mannheim auf einem Stich von Josef-Adam Baertels (1758). Bis heute werden in der Innenstadt nicht die Straßenzüge, sondern Häuserblöcke benannt.  
Mannheim, Planstadt, Stich 1758 © Stadt Mannheim
Die Quadratur der Planstadt: Mannheim auf einem Stich von Josef-Adam Baertels (1758). Bis heute werden in der Innenstadt nicht die Straßenzüge, sondern Häuserblöcke benannt.

Die Stadt der Quadrate darf in der Aufzählung nicht fehlen: Mannheim, dessen Gründung im Jahr 1606 explizit auf Exulanten aus Frankreich und den Niederlanden ausgerichtet war. Kurfürst Friedrich IV. von der Pfalz ließ zwei ineinandergreifende sternförmige Bastionen anlegen. Während die siebeneckige Zitadelle in einem Radialsystem bebaut wurde, war die vorgelagerte Siedlung durch das Rechteckraster geprägt. Im Lauf des 17. Jahrhunderts wurde die Stadt mehrfach zerstört und verändert wiederaufgebaut. Mit der Verlegung der Kurfürstlichen Residenz von Heidelberg nach Mannheim hat man das charakteristische Schachbrettmuster der Bürgerstadt ab 1720 gänzlich auf das neue Schloss bezogen.

Mit Karlsruhe schließt sich der Kreis: Das aus dem Nichts erschaffene Gebilde - dessen Grundriss tatsächlich vom Schloss aus erdacht und organisiert wurde und dessen Machtzentrum dem geometrischen Schnittpunkt entspricht - markiert den Höhepunkt der barocken Idealstadt. Die Gründung des Markgrafen von Baden-Durlach sticht aus den Beispielen heraus, und ist doch fest eingebunden in den geistes- und kunstgeschichtlichen Kontext.

Die in der Frühen Neuzeit konkretisierten Stadt-Ideale hatten weitreichende Einflüsse. Das antike Raster-Grundmodell sollte sich vor allem in der Neuen Welt durchsetzen. In Washington D. C., 1792 begonnen und ab 1800 Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika, wird das rechtwinklig angelegte Straßennetz von Diagonalen durchschnitten - inspiriert auch vom Fächergrundriss Karlsruhes.

Der Karlsruher Schlossplatz mit dem Großherzog-Friedrich-Denkmal  
Karlsruhe, Schlossplatz © Monika Müller-Gmelin, Stadtplanungsamt Karlsruhe
Der Karlsruher Schlossplatz mit dem Großherzog-Friedrich-Denkmal

Planstädte fanden ihren Nachhall in neu gegründeten Hafen- und Industriestädten des 19. oder auf dem Reißbrett entworfenen Hauptstädten des 20. Jahrhunderts. Mit den Gartenstädten und sozialistischen Mustersiedlungen traten gesellschafts- und staatspolitische Ideen erneut in den Vordergrund.

In der Moderne mündete utopisches Denken in Idealstadtvisionen kurioser bis menschenfeindlicher Ausmaße - oft jenseits jeder Realisierbarkeit. An dem Versuch, über neuartige Stadtarchitektur den modernen Menschen zu organisieren, ist nicht nur Le Corbusier gescheitert.

Im 21. Jahrhundert hat die große Idee der Idealstadt längst wieder Gestalt angenommen: mit gigantischen Projekten für Retortenstädte in der Wüste und Metropolen in Fernost. Auch der Radialplan ist nicht vom Reißbrett verschwunden: Meinhard von Gerkan hat ihn sich bei seinem Ent-wurf für die chinesische Lingang New City zu eigen gemacht. 2003 begonnen, soll die 800.000-Einwohner-Stadt 2020 fertig sein. Ein Wassertropfen, der konzentrische Wellen erzeugt, gab das Bild vor; den Mittelpunkt bildet ein kreisrunder See. In dessen Zentrum hatte der Architekt einen sehr speziellen Aussichtsturm vorgesehen: Verwirklicht wurde diese "Wolkennadel" mit integrierter Nebelmaschine jedoch nicht. Die Idealstadt der Zukunft vertraut auf Effekte - und stößt an Grenzen.

Bettina Vaupel