Technische Denkmale Menschen für Denkmale April 2014

Westerkappelner Schüler restaurieren historische Technik

Strom aus der Mühle

Am 30. April 2014 feiert man um die Mühle Bohle in Wersen nahe Osnabrück den Abschluss der langjährigen Sanierung. Bereits vor vier Jahren war ihre historische Anlage zur Stromerzeugung in Betrieb genommen worden. Schüler einer 10. Klasse der Realschule Westerkappeln hatten sie gemeinsam mit ihrem Lehrer Wilhelm Schröder restauriert. Gefördert wurde ihr Projekt durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Rahmen des Programms "denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule".

Die "denkmal aktiv"-Gruppe der Westerkappelner Realschule holt im Juni 2009 die Marmorplatte aus der Mühle ab. Mit dabei Lehrer Wilhelm Schröder (links) und Horst-Peter Gospodarek vom Mühlenteam. 
Westerkappeln, Realschüler © Werner Schwentker, Wersen
Die "denkmal aktiv"-Gruppe der Westerkappelner Realschule holt im Juni 2009 die Marmorplatte aus der Mühle ab. Mit dabei Lehrer Wilhelm Schröder (links) und Horst-Peter Gospodarek vom Mühlenteam.

Zu Beginn des 10. Schuljahres konnten die zehn Schüler und eine Schülerin mit der aufregenden Arbeit loslegen. Zunächst holten sie die Steuerzentrale der Anlage, eine Marmortafel mit Schaltern, Messgeräten, Sicherungen und anderen Details, in ihre Schule. Nach Demontage der einzelnen Teile und Reinigung der Platte musste jedes Element penibel von Schmutz, Rost und Patina befreit und Fehlendes ergänzt werden. Letzteres erforderte meist längere Überlegungen und Erfindungsreichtum, denn moderne Materialien konnten nicht zum Einsatz kommen, schließlich hatte man sich für eine echte denkmalpflegerische Vorgehensweise entschieden. Deshalb war es auch wichtig zu erkunden, welchem technischen Zweck die einzelnen Teile gedient und wie sie im Detail funktioniert haben.

Der sogenannte Doppelzeilenschalter auf der Marmortafel vor der Restaurierung.  
Wersen, Mühle Bohle © Wilhelm Schröder, Westerkappeln
Der sogenannte Doppelzeilenschalter auf der Marmortafel vor der Restaurierung.

Der mächtige Generator, produziert zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Firma Felten & Guilleaume, Lahmeyerwerke in Frankfurt am Main, hatte jahrzehntelang unbeachtet in einer Ecke der Mühle gelegen. Ende September 2009 wollten die Jugendlichen ihn zur Firma Buck nach Tecklenburg-Leeden bringen, um ihn dort wieder funktionstüchtig machen zu lassen. Doch da hatte man wohl sein Gewicht unterschätzt, denn auch mit fünf Paar kräftigen Armen und allerlei Hilfsmitteln gelang es nicht, ihn aus der Mühle zu wuchten. Motorkraft musste helfen. In der Firma Buck wurde er dann generalüberholt, leichtere Teile wie die Bürstenhalterung übernahmen wieder die Realschüler.

Ursprünglich wurde hier ab etwa 1920 ein Gleichstrom von 110 Volt erzeugt, mit dem nicht nur die Mühle, sondern auch ein paar Gehöfte in der Umgebung versorgt wurden. Erst 1947 schloss man den Mühlengrund ans öffentliche Netz an. Die Marmortafel erfüllte aber auch danach noch einige Jahre lang ihren Zweck bei der Verteilung des Stroms, allerdings nun mit 220 Volt Wechselstrom. In der Mühle wurde noch bis 1968 Korn zu Mehl gemahlen, bis 1975 war die angegliederte Sägemühle in Betrieb. 1980 mussten die Wasserrechte aufgegeben werden. Mit Hilfe des Heimatvereins Wersen begann 1992 die Restaurierung der im gleichen Jahr unter Denkmalschutz gestellten Mühle. Die meisten Arbeiten konnten inzwischen beendet werden.

Das Ziel des "denkmal aktiv"-Projekts war, die Funktionsweise der historischen regenerativen Erzeugung von Strom am Deutschen Mühlentag 2010 vorzustellen. Und es gelang: Alles war pünktlich zusammengesetzt, der Generator, jetzt allerdings nicht durch Wasserkraft, sondern über die Transmissionswellen durch einen Motor angetrieben, arbeitete. Und auch die Schalttafel leistete ihren Dienst, wie es die Schüler immer wieder demonstrierten: Klappte man den Schalter nach oben, leuchtete eine Glühlampe auf. Zur Sicherheit wurde aber nur eine Spannung von zwölf Volt erzeugt, so dass von den Schaltelementen, die auf der Tafel völlig frei liegen, keine Gefahr ausging.

Am 1. Mai 2014 hat man bei einem Tag der offenen Tür Gelegenheit, die restaurierte Mühle Bohle zu besichtigen. 
Wersen, Mühle Bohle © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Am 1. Mai 2014 hat man bei einem Tag der offenen Tür Gelegenheit, die restaurierte Mühle Bohle zu besichtigen.

Am Mühlentag ernteten die Realschüler endlich den Lohn für eine nicht immer ganz einfache Arbeit in den 35 Doppelstunden ihres Technik-Kurses. Dankbarkeit und Anerkennung zollten ihnen und Lehrer Wilhelm Schröder daher auch die Mühlenbesitzer Renate und Werner Schwentker, der Heimatverein und das Mühlenteam - schließlich hat die Instandsetzung der historischen Stromerzeugung auch einen wichtigen Impuls für die Sanierung des unteren Geschosses der Mühle gegeben.

Dorothee Reimann/Carola Nathan

"denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule"
Das Schulprogramm der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde 2002 unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission ins Leben gerufen. Es ist eine Initiative zur kulturellen Bewusstseinsbildung von Kindern und Jugendlichen und bildet den thematischen Rahmen für schulische Projekte zu den Themen Kulturerbe und Denkmalschutz. Schulen, die an "denkmal aktiv" teilnehmen, werden mit rund 2.000 Euro je Schule und Förderphase unterstützt. Seit dem Start sind bundesweit rund 840 Projekte durchgeführt worden (Stand Schuljahr 2013/14).

Für das Schuljahr 2014/15 haben weiterführende Schulen noch bis zum 19. Mai 2014 die Möglichkeit, sich mit einem Projekt zu einem Kulturdenkmal in ihrer Region um Teilnahme an "denkmal aktiv" zu bewerben. Ausschreibungsunterlagen und weitere Informationen unter: www.denkmal-aktiv.de. Interessierte Lehrerinnen und Lehrer erhalten nähere Informationen und die Bewerbungsunterlagen bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz: Dr. Susanne Braun, Tel. 0228 9091-450, schule@denkmalschutz.de

Partner von "denkmal aktiv" sind im laufenden Schuljahr 2013/14 die Kultus-, Kultur- bzw. Bildungsministerien der Bundesländer Bayern, Berlin, Brandenburg - in Kooperation mit dem Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft und der Arbeitsgemeinschaft "Städte mit historischen Stadtkernen" des Landes Brandenburg -, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen, das Ministerium für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland sowie die Deutsche Bundesstiftung Umwelt.