Öffentliche Bauten Nach 1945 Restaurierungstechniken April 2014

Sanierungs-Pilotprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Klimafreundliche Nachkriegsmoderne

Die Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Bonner Schlegelstraße wurde 1954/55 nach Plänen von Sep Ruf als Bayerische Landesvertretung erbaut. Sie ist ein typisches Denkmal der Nachkriegsmoderne. Im Rahmen eines Pilotprojekts für die Bauten der 1950er-Jahre möchte die Stiftung ein Gesamtkonzept zur nachhaltigen Sanierung ihres Hauses entwickeln, das auf andere Nachkriegsbauten übertragen werden kann.

Soll ein denkmalgeschütztes Gebäude energetisch saniert werden, stehen Eigentümer und Planer vor einer Herausforderung: Das historische Erscheinungsbild des Denkmals soll belassen, gleichzeitig aber muss der Energieverbrauch gesenkt und der Komfort der Innenräume an heutige Ansprüche angepasst werden.

Die ehemalige Bayerische Landesvertretung in Bonn entstand 1954/55 nach den Entwürfen von Sep Ruf. Heute ist das Haus in der Schlegelstraße 1 Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 
Bonn, Geschäftsstelle Deutsche Stiftung Denkmalschutz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die ehemalige Bayerische Landesvertretung in Bonn entstand 1954/55 nach den Entwürfen von Sep Ruf. Heute ist das Haus in der Schlegelstraße 1 Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Im Rahmen einer Pilotstudie möchte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ein Gesamtkonzept zur nachhaltigen Sanierung für die Bauten der 1950er-Jahre entwickeln. Das Projekt erfolgt in Kooperation mit dem Fachbereich Bauingenieurwesen der Fachhochschule Potsdam und wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit ihrem Förderprogramm "Denkmal und Energie" unterstützt. Der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist es ein Anliegen, Strategien zu erarbeiten, die die energetische Ertüchtigung historischer Architektur und den Denkmalschutz gleichermaßen berücksichtigen. Untersuchungsobjekt ist die 2010 bezogene Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz selbst, die 1954/55 nach Plänen von Sep Ruf als Bayerische Landesvertretung in Bonn erbaut wurde. Um das Haus als Geschäftsstelle zu nutzen, ließ die Deutsche Stiftung Denkmalschutz es zunächst restaurieren und im Inneren im Sinne des Entwurfs von Sep Ruf in seiner Farbigkeit und Materialität wiederherstellen.

Die Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist ein typisches Denkmal der Nachkriegsmoderne. Ein Raster aus zierlichen weißen Stahlprofilen sowie dreiteiligen Fenstern gliedert das dreigeschossige Hauptgebäude mit umlaufender Dachterrasse. Von diesem gelangt man über einen Zwischentrakt zu einem eingeschossigen Flachbau, der sich durch bodentiefe Fenster zum Garten hin öffnet und sich seit den 1950er-Jahren nahezu unverfälscht erhalten hat. Anfangs war hier das Büro des Bayerischen Ministerpräsidenten untergebracht. Ab 1983 befand dieses sich in einem an das Haupthaus angefügten Erweiterungsbau, der noch von Ruf selber geplant wurde, mit schusssicherer Verglasung, der von der Planungsgruppe Stieldorf unter Franz-Josef Strauß realisiert wurde.

Das Gebäude nach dem Bezug 1955 
Bonn, Bayerische Landesvertretung Schlegelstraße © Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Gebäude nach dem Bezug 1955

Beim Entwurf der ehemaligen Bayerischen Landesvertretung setzte Sep Ruf nicht nur auf Leichtigkeit und Transparenz, sondern entwickelte bereits ein schlüssiges Klimakonzept. Die Markisen und Schwingflügelfenster des Haupthauses waren Stilelemente und hatten gleichzeitig, wie die Querlüftungsbänder des Flachbaus, auch eine bauklimatische Funktion. Über die Jahre sind mit baulichen Veränderungen am Gebäude wesentliche Elemente von Sep Rufs architektonischem Konzept verloren gegangen, die auch von bauklimatischer und energetischer Bedeutung sind -zum Beispiel die dreiteiligen Fenster mit Schwingflügeln des Hauptbaus und ihre Markisen, die 1992 bei Umbaumaßnahmen durch das Staatsbauamt beseitigt wurden.

Bei der energetischen Sanierung historischer Bauten schließen sich Denkmalschutz und Umweltschutz nicht aus, wenn modernste technische Verfahren und der sensible Umgang mit der bestehenden Architektur miteinander vereint werden. Viele energetische Maßnahmen aber - zum Beispiel die konventionelle Wärmedämmung - wirken sich negativ auf die Substanz und das Erscheinungsbild eines Denkmals aus, indem sie seine Besonderheiten überformen oder sogar gestalterisch entfremden. Das raubt den Gebäuden ihre Eigenart und nimmt ihnen den baukulturellen Wert. Die Maßnahmen im Rahmen einer energetischen Ertüchtigung müssen daher das gesamte Denkmal im Blick haben und individuell entwickelt werden. Ausgangspunkt ist die Bestandserfassung und deren Analyse. Denn die Kenntnis der bauphysikalischen Eigenschaften, der Konstruktion und der im Bestand verwendeten Materialien sind beim bautechnischen Umgang mit dem Kulturdenkmal und für seine Bewahrung entscheidend.

Beim rückwärtigen Flachbau haben sich die Verschattungsmarkisen erhalten. 
Bonn, Geschäftsstelle Deutsche Stiftung Denkmalschutz © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Beim rückwärtigen Flachbau haben sich die Verschattungsmarkisen erhalten.

In diesem Sinne möchte das im August 2011 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz initiierte Untersuchungsprojekt zur nachhaltigen Instandsetzung und energetischen Sanierung des Sep-Ruf-Baus ganzheitliche und übertragbare Lösungen erarbeiten. Im Rahmen der interdisziplinär in den Bereichen Architektur, Bauphysik und Denkmalpflege angesiedelten Studie untersucht der Architekt und Diplomingenieur Felix Wellnitz von der Fachhochschule Potsdam die energetischen und bauklimatischen Verhältnisse des Hauses. Grundlegend ist seine bauphysikalische Bestandsaufnahme: Parallel zu Temperatur- und Luftfeuchtemessungen, die er zwei Jahre lang in ausgewählten Räumen durchführte, befragte er kontinuierlich die in diesen Büros tätigen Mitarbeiter. Dabei interessieren ihn drei wesentliche Kriterien: Erstens will Wellnitz das Schadenspotenzial prüfen, zweitens ermittelt er, ob das Klima der Räume von ihren Nutzern als angenehm empfunden wird, und drittens, an welchen Stellen Energie eingespart werden kann. Nach Auswertung aller Daten kann ein bauphysikalisches Gesamtkonzept für den Sep-Ruf-Bau entwickelt werden, das die entsprechenden Maßnahmen umsetzt, ohne dabei das Erscheinungsbild des Denkmals zu beeinträchtigen.

Mit besonderer Spannung werden die Vorschläge zu den Fenstern erwartet, mit denen sich aktuell Paola Engemann in ihrer Mastererarbeit im Studiengang Bauerhaltung beschäftigt. Möglicherweise empfehlen die Experten eine moderne Variante der Schwingfenster, wie sie schon unter Sep Ruf zusammen mit einer Markise als Verschattungselement eingesetzt wurden.

Wenn die Forschungen Ende dieses Jahres abgeschlossen sein werden, plant die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine Tagung, die sich den Ergebnissen der Pilotstudie widmen wird.

Julia Ricker