800 Herrscher, Künstler, Architekten April 2014 K

Karl der Große als Förderer von Kunst, Bildung und Wissenschaft

Erneuerte Antike

"Was ist die Substanz des Nichts?" - Kaiser Karl den Großen ließ diese Frage nicht los. Er erhoffte sich Antworten durch seine Hofgelehrten, von denen er "nackte Sprache, nackte Wissenschaft und nackte Bedeutung" einforderte. Allegorische Erklärungen zu den theologischen Geheimnissen der aus dem "Nichts" entstandenen Schöpfung stellten den wissbegierigen Herrscher nicht zufrieden. Sein Auftrag steht für viele Zeugnisse, die beweisen, dass die karolingische Epoche kein dunkles Zeitalter war.

2014 jährt sich der Todestag Karls des Großen zum 1.200. Mal und wird mit Ausstellungen in seinen Residenzen Aachen und Ingelheim begangen. Für Monumente ein Anlass, sich dem außerordentlichen Reformprogramm des Kaisers zu widmen, mit dem er der Kunst, der Bildung und der Wissenschaft zu einer neuen Blüte verhalf.

Will man die Persönlichkeit Karls des Großen verstehen, ist das nicht im Sinne einer modernen Biographie möglich. Manches muss vage bleiben, selbst das Jahr der Geburt - vermutlich 747/48 - ist nicht belegt. Aus der Zeit des König- und Kaisertums 768-814 haben sich Erlasse und Urkunden erhalten. Briefe wurden nicht individuell, sondern nach stilisierten Mustern verfasst, die Werke der zeitgenössischen Geschichtsschreibung verfolgen eigene Tendenzen: Während der Mainfranke Einhard den Herrscher kurz nach dessen Tod in der Vita Karoli Magni nach dem Vorbild antiker Kaiserbiografien rühmt, verklärt Notker von Sankt Gallen dessen Taten am Ende des 9. Jahrhunderts ins Legendenhafte.

Blick auf das „Säulengitter“ und den Thron der Aachener Marienkirche, in der seit 936 fast 600 Jahre lang deutsche Könige gekrönt wurden. Die Forschung ist uneins, ob der Thron zur Zeit Karls des Großen oder unter den Ottonen dort aufgestellt wurde. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Oktogons mit mehr als 380.000 Euro gefördert. 
Aachen, Dom © Pit Siebigs Fotografie, Aachen
Blick auf das „Säulengitter“ und den Thron der Aachener Marienkirche, in der seit 936 fast 600 Jahre lang deutsche Könige gekrönt wurden. Die Forschung ist uneins, ob der Thron zur Zeit Karls des Großen oder unter den Ottonen dort aufgestellt wurde. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Oktogons mit mehr als 380.000 Euro gefördert.

Das Interesse an der Gelehrsamkeit entdeckte Karl wohl schon in seiner Jugend, als er zusammen mit anderen Söhnen des fränkischen Adels erzogen wurde. Latein soll er fließend gesprochen und Griechisch verstanden haben, nur mit dem Lesen und Schreiben, das er erst im Erwachsenenalter erlernte, tat er sich schwer.

Kurz vor dem Tod 759 teilte sein Vater Pippin das Frankenreich zwischen den beiden Söhnen Karl und Karlmann auf, die 768 mit ihrer Salbung die Königsherrschaft antraten. Nach Karlmanns frühem Tod riss Karl drei Jahre später, die Rechte seiner Neffen missachtend, das gesamte Reich an sich. Er war ein kriegerischer Herrscher. Das königliche Ideal verpflichtete ihn dazu, seine Macht zu konsolidieren, sein Territorium zu vergrößern und das Christentum zu verbreiten.

In einem einjährigen Feldzug eroberte Karl das Langobardenreich von König Desiderius und machte sich 774 selbst zum Rex Francorum et Langobardorum (König der Franken und der Langobarden). Der Vorstoß über die Pyrenäen in das von den muslimischen Mauren eroberte Spanien schlug dagegen fehl. Dafür beendete der König die Selbstständigkeit der Herzogtümer Bayern und Benevent. Während des ostwärts gerichteten Feldzugs gegen die im Donauraum an das Reich grenzenden Awaren erbeuteten die Franken den sagenumwobenen Awarenschatz. Schier endlos waren die Kriege, die Karl zwischen 772 und 804 mit den Sachsen führte. Die in lockeren Verbänden organisierten Stämme erhoben sich immer wieder gegen ihn, was zu verlustreichen und dramatischen Ereignissen wie dem Blutbad bei ¬Verden und der Zerstörung des sächsischen Heiligtums Irminsul führte.

Die reisende Hofgesellschaft

Am Ende des 8. Jahrhunderts hatte der Frankenkönig weite Teile Europas erobert. Er herrschte über ein Gebiet, das sich von der Nordsee bis nach Süditalien und von der Elbe bis Nordspanien erstreckte. Karl war von Menschen mit unterschiedlichen Sprachen und Traditionen umgeben. Eine Hauptstadt gab es nicht. Zur Sicherung seiner Autorität setzte er auf Stellvertreter: Grafen, die hoheitliche Gewalt ausübten, sowie Erzbischöfe und Bischöfe in den neu organisierten Erzbistümern und Bistümern. Um die Kontrolle zu wahren und seinen Machtanspruch zu demonstrieren, war Karl dazu gezwungen, pausenlos in seinem Herrschaftsgebiet unterwegs zu sein. Begleitet von einem Tross, der sich im Kern aus mehreren Hundert Menschen zusammensetzte, reiste er von Pfalz zu Pfalz, auch Bischofssitze, Klöster und Städte nahmen ihn auf.

Blick auf das „Säulengitter“ und den Thron der Aachener Marienkirche, in der seit 936 fast 600 Jahre lang deutsche Könige gekrönt wurden. Die Forschung ist uneins, ob der Thron zur Zeit Karls des Großen oder unter den Ottonen dort aufgestellt wurde. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Oktogons mit mehr als 380.000 Euro gefördert. 
Aachen, Dom © Jörg Hempel, Aachen
Blick auf das „Säulengitter“ und den Thron der Aachener Marienkirche, in der seit 936 fast 600 Jahre lang deutsche Könige gekrönt wurden. Die Forschung ist uneins, ob der Thron zur Zeit Karls des Großen oder unter den Ottonen dort aufgestellt wurde. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die Restaurierung des Oktogons mit mehr als 380.000 Euro gefördert.

Die zum Teil schon unter seinen Vorgängern entstandenen Pfalzen waren Residenzen mit palastartigen Gebäuden, einer Kapelle und Unterkünften für den gesamten Hofstaat. Nach und nach kristallisierten sich bevorzugte Aufenthaltsorte heraus. Von allen hob sich die auf den Resten einer römischen Thermenanlage errichtete Aachener Pfalz ab. Karl liebte sie wegen der heißen Quellen. "Er schwamm sehr viel und so gut, dass es niemand mit ihm aufnehmen konnte", berichtet Einhard und fügt hinzu, dass meist über hundert Leute mit dem Herrscher badeten. Am Hof kleidete der König sich in fränkischer Weise. Die Hemden waren aus Leinen, nur im Winter trug er Pelz. Sein Schwert fehlte jedoch nie. Prunkvolle Gewänder legte er ausschließlich an Festtagen an. Notker überliefert eine entsprechende Anekdote vom Empfang griechischer Gesandter, die wiederholt vor dem Falschen zu Boden gesunken seien, bevor sie Karl ausmachten. Der Franke hatte kurz geschnittenes Haar, womit er sich deutlich von den - durch seinen Vater Pippin abgelösten - Merowingerkönigen abhob, denen langes Haupt- und Barthaar als Zeichen der Stärke galt.

Das Evangeliar aus Saint Médard in Soissons entstand vermutlich in den letzten Lebensjahren Karls des Großen. Eine einzelne Seite ist dem Lebensbrunnen gewidmet, der sowohl für die Taufe als auch für das Paradies stehen kann. 
Soissons, Evangeliar aus Saint Médard © Bibiothèque nationale de France, Paris
Das Evangeliar aus Saint Médard in Soissons entstand vermutlich in den letzten Lebensjahren Karls des Großen. Eine einzelne Seite ist dem Lebensbrunnen gewidmet, der sowohl für die Taufe als auch für das Paradies stehen kann.

Bei Aufenthalten in Italien, wo die spätantike Gelehrsamkeit noch nicht gänzlich verschwunden war, wurde Karl der Handlungsbedarf im fränkischen Gebiet deutlich: Dort gab es zu wenig Lehrer und Schulen, es mangelte an Lateinkenntnissen und dem Zugang zu Texten des Glaubens und der Wissenschaft. Ein angemessenes, gottgefälliges Leben verlangte nach richtiger Sprache und nach Wissen. Man fürchtete sehr um die Wirkung der heiligen Worte, wenn selbst Priester des Lateins nicht mehr mächtig waren und - wie es überliefert ist - "in nomine patria et filia et spiritus sancti" (im Namen von Vaterland und Tochter und des Heiligen Geistes) getauft wurde.

Karl strebte daher nach Erneuerung und machte seinen Hof zum geistigen Zentrum des Reiches. Der König holte Gelehrte aus allen Teilen Europas, unter ihnen Iren und Angelsachsen, aus dem Süden Langobarden und Westgoten, den geringsten Anteil bildeten die Franken. Der Kreis gab sich Pseudonyme aus der antiken und der biblischen Welt: Karl war David, der weise König aus dem Alten Testament. Als Zentrum des intellektuellen Zirkels gilt Alkuin, der einstige Leiter der Domschule von York, den Karl in Parma kennengelernt hatte. Gemeinsam stießen die Männer das große Reformprogramm an, das 786 als 80 Kapitel umfassender Katalog festgehalten wurde und die drei Grundprinzipien formuliert: errata corrigere (Fehler verbessern), superflua abscindere (das Überflüssige beseitigen), recta cohartare (das Richtige bekräftigen). Ziel war es, zur lateinischen Sprache nach dem Vorbild der Kirchenväter zurückzufinden. Antike und christliche Schriften wurden in der Hofbibliothek gesammelt und abgeschrieben, eine gesicherte Fassung der Bibel erarbeitet und verbreitet. Das Programm - etwa 10.000 Manuskripte sollen entstanden sein - war mit ungeheuren Kosten verbunden. Wären die auf Papyrus überlieferten Texte in karolingischer Zeit nicht auf das haltbare Pergament übertragen worden, gäbe es heute kaum mehr eine Spur antiker Gelehrsamkeit. Die Reden Ciceros, die Traktate Senecas, Horaz' und Ovids, selbst die Texte der Kirchenväter wären vielleicht ganz verloren.

Zum Bildungskanon gehörten die in neugegründeten Schulen verbreiteten sieben freien Künste Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Mit der karolingischen Minuskel wurde eine einheitliche und gut lesbare Schrift eingeführt. Vermutlich im Kloster Corbie entstanden, ist sie immer noch aktuell, denn sie geht in der modernen Computerschrift Times New Roman auf.

Das zweite Rom

Auch die germanische Kultur wurde wertgeschätzt. Ihre Heldenlegenden trug man zusammen und zeichnete eine althochdeutsche Grammatik sowie die mündlich überlieferten Stammesrechte auf. Darüber hinaus ließ Karl das Capitulare de villis verfassen, das erstmals die Bewirtschaftung der Hofgüter regelte. Es gilt als wertvolle Quelle, weil darin Anbaumethoden von Obst, Wein, Gemüse und Kräutern beschrieben werden.

Die mächtigen Bronzetüren der Pfalzkapelle ließ Karl in Aachen gießen. Zwei Löwenköpfe schmücken das Hauptportal. 
Aachen,Pfalzkapelle Hauptportal © Domkapitel Aachen, Foto Ann Münchow
Die mächtigen Bronzetüren der Pfalzkapelle ließ Karl in Aachen gießen. Zwei Löwenköpfe schmücken das Hauptportal.

Manche Gelehrte, so auch Alkuin, verließen nach einiger Zeit den Hof und wurden als Äbte oder Bischöfe eingesetzt, damit sie die geistigen Errungenschaften in das gesamte Reich weitertragen konnten. Für Karl war es selbstverständlich, dass auch seine Kinder in den Genuss von Bildung kamen - und zwar Mädchen und Jungen gleichermaßen. Der Herrscher hing besonders an seinen Töchtern, die er nie verheiratete, sondern ihnen ein angenehmes Leben am Hof gewährte. Einhard vermutet, dass er damit machtgierige Schwiegersöhne verhindern wollte. Karl, der selbst fünf Mal verheiratet war und zahlreiche Konkubinen hatte, duldete aber ihre Liebschaften. So warnte Alkuin einen Schüler vor den "gekrönten Täubchen", die durch die Gemächer der Pfalz flatterten.

Die Früchte seines Wirkens erntete Karl am Weihnachtstag des Jahres 800, als Papst Leo III. ihn in Alt Sankt Peter in Rom zum Kaiser krönte. Nach der Absetzung des letzten römischen Kaisers im 5. Jahrhundert war dieser Titel in Westeuropa erloschen. Es ist sicher, dass Karl ein neues Kaisertum angestrebt hatte. Indem er sich als Augustus Imperator Renovati Imperii Romani (Kaiser des erneuerten Römischen Reiches) verstand, stellte er sich in direkte Nachfolge der römischen Kaiser. Eine Voraussetzung für seine Krönung war sicherlich, dass die byzantinische Kaiserin Irene nicht als rechtmäßige Herrscherin galt. Gegenüber dem byzantinischen Kaisertum sah Karl sich gleichberechtigt, selbst wenn dieses erst 812 seinen Kaisertitel anerkannte.

Nach dem Vorbild antiker Malweise erscheinen auf einem Blatt des Aachener Schatzkammer-Evangeliars die vier Evangelisten in einer Landschaft mit rosafarbenem Abendhimmel. Mit weißen Togen in der Art antiker Philosophen dargestellt, verkörpern sie wohl auch die verschiedenen Lebensalter und die vier Temperamente. 
Aachen, Schatzkammer-Evangeliar © Domkapitel Aachen, Foto Ann Münchow
Nach dem Vorbild antiker Malweise erscheinen auf einem Blatt des Aachener Schatzkammer-Evangeliars die vier Evangelisten in einer Landschaft mit rosafarbenem Abendhimmel. Mit weißen Togen in der Art antiker Philosophen dargestellt, verkörpern sie wohl auch die verschiedenen Lebensalter und die vier Temperamente.

Nach dem Niedergang des römischen Reiches entstand unter dem Franken erstmals wieder monumentale Architektur. Neben ihm vergaben die adeligen Äbte und Bischöfe große Bauaufträge. Aachen, das zu einer Art Hauptstadt des Reichs wurde, feierten Dichter als wiedergeborenes Rom. Die Konkurrenz mit Byzanz und seine Hinwendung zum römischen Kaisertum erforderten, dass Karl die Stadt mit Symbolen eines altehrwürdigen Zentrums ausstatten ließ. Unter der Leitung Odos von Metz, der Bauleute "aus allen Gebieten diesseits des Meeres" anwarb, wie Notker erklärt, entstand noch vor der Kaiserkrönung ab 796 die repräsentative Pfalzanlage: An der Nordseite befand sich die Königshalle mit dem Thronsaal, ein Bau, auf dessen Grundmauern sich seit dem 14. Jahrhundert das Aachener Rathaus erhebt. Über einen Verbindungstrakt gelangte man von der Königshalle zur Kirche, die 805 der Gottesmutter geweiht wurde. Als Zentralbau hebt sich diese von allen anderen Pfalzkirchen des Kaisers ab. Ihr hoch aufragender achteckiger Innenraum wird von einem sechzehneckigen Umgang mit Emporen umschlossen. An der Stelle des Altarraums im Osten befindet sich heute der vor 600 Jahren errichtete gotische Chor. Dem Eingangsbau im Westen war das noch immer erkennbare Atrium vorgelagert. Nördlich und südlich gelegene Anbauten existieren nicht mehr, konnten aber archäologisch ergraben werden. Im Inneren ruhten die Rundbögen auf Säulen aus Granit und dem "imperialen" Material Porphyr - die byzantinischen Kaiserkinder beispielsweise wurden damals in einem Zimmer aus Porphyr geboren. Die Stützen stammten als spätantike Spolien aus Rom und Ravenna und erhielten teils karolingische Kapitelle. Sie waren als zweigeschossiges "Säulengitter" angeordnet, das heute nicht mehr original erhalten ist. Weil Napoleon die Säulen abbrechen und nach Paris schaffen ließ, wurde ein großer Teil im 19. Jahrhundert zusammen mit den Mosaiken neu geschaffen.

Die von dem außerordentlichen Bauaufwand beeindruckten karolingischen Zeitgenossen lobten neben den Säulen die fünf Bronzeportale und die acht Bronzegitter der Emporen, die als freie Variationen römischen Vorbildern nachgearbeitet sind.

Das Relief mit einem geflügelten Pferd war wahrscheinlich Teil eines Türsturzes in der Ingelheimer Kaiserpfalz, wo Karl zu Weihnachten und Ostern 787/88 weilte und eine Reichsversammlung abhielt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die archäologische Ausgrabung des Areals mit rund 238.000 Euro unterstützt. 
Ingelheim, Kaiserpfalz Türsturz © Kaiserpfalz_Ingelheim, Dieter Wolf
Das Relief mit einem geflügelten Pferd war wahrscheinlich Teil eines Türsturzes in der Ingelheimer Kaiserpfalz, wo Karl zu Weihnachten und Ostern 787/88 weilte und eine Reichsversammlung abhielt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat die archäologische Ausgrabung des Areals mit rund 238.000 Euro unterstützt.

Über die architektonischen Paten des Aachener Zentralbaus und seines Wandaufrisses diskutiert die Kunstgeschichte seit Jahrzehnten. Mit Recht wurde auf San Vitale in Ravenna verwiesen. Die Kirche aus der Zeit Kaiser Justinians, der im 6. Jahrhundert regierte, ist vergleichbar konstruiert. Es spricht vieles dafür, dass Karl nicht dieses Gebäude im Blick hatte, sondern den größten christlichen Zentralbau der damaligen Welt: die Hagia Sophia in Konstantinopel. Sie besitzt über der Kaisertür eine ähnliche Säulenstellung. Die Aachener Pfalzkirche sah man sicher als Abbild des ebenfalls in justinianischer Zeit erbauten, überkuppelten Zentralbaus mit einer Vielzahl an (Porphyr-)Säulen und zweigeschossigem Umgang - vermittelt durch Ravenna, dessen Architektur Karl bei seinem Aufenthalt 787 studierte und später als "Steinbruch" nutzte.

Es waren nicht nur ästhetische Gründe, die den Kaiser spätantike Bauformen zitieren und Spolien verbauen ließen. Sie flankierten vielmehr sein politisches Programm. Für alle sichtbar, wollte Karl die Konkurrenz und die Identität mit Byzanz und Rom verdeutlichen. Gleichzeitig strebte er mit seiner Palastkirche ein übergeordnetes Idealbild an. Als perfektes geometrisches Gebilde aus Kreis und Quadrat und nach biblischer Zahlensymbolik ausgeführt, folgt sie - wie die Hagia Sophia - der Architektur des Tempels Salomons.

Der antike Proserpina-Sarkophag wird zu den Stücken gezählt, die Karl aus Italien herbeischaffen ließ. Er zeigt die Entführung der Göttin Proserpina in die Unterwelt und gilt als Sarkophag Karls des Großen. Es ist jedoch umstritten, ob Karls Gebeine unmittelbar nach seinem Tod oder zu einem späteren Zeitpunkt darin bestattet wurden. 
Proserpina-Sarkophag © Aachen Domkapitel, Foto: Pit-Siebigs
Der antike Proserpina-Sarkophag wird zu den Stücken gezählt, die Karl aus Italien herbeischaffen ließ. Er zeigt die Entführung der Göttin Proserpina in die Unterwelt und gilt als Sarkophag Karls des Großen. Es ist jedoch umstritten, ob Karls Gebeine unmittelbar nach seinem Tod oder zu einem späteren Zeitpunkt darin bestattet wurden.

Inspiriert von originalen antiken Vorlagen entstand also eine neue karolingische Kunst. Neben architektonischen Hinterlassenschaften existiert noch eine Reihe an Prachthandschriften. Die kostbaren Manuskripte aus den Werkstätten am Aachener Hof und aus den Klöstern von Metz, Reims und Tours wurden oft mit Gold- und Silbertinte auf purpurgetränktem Pergament ausgeführt, die Buchdeckel schmückten Elfenbeintafeln oder Edelsteine.

Als Karl vor 1.200 Jahren starb, wurde er an einem nicht sicher belegten Ort in seiner Pfalzkirche bestattet. Schon damals feierte man ihn als "der Große", und das nicht nur aufgrund seiner stattlichen Größe von knapp 1,90 Metern. Karl wurde als außergewöhnlicher Herrscher gesehen. Ein Urteil, das noch immer gelten kann, denn der Kaiser agierte in unserem Sinne modern. Karl war ein kluger Kopf, der vernetzt war und über Grenzen hinaus dachte. Mit Fachleuten aus anderen Ländern legte er eine Art Speicher des bis dato existierenden Wissens an und setzte ein großes Reformprogramm um, das seinem Reich zu einer seit der Antike nicht mehr dagewesenen Blüte verhalf. Als Wurzel der abendländischen Kultur ragt dieses Erbe bis in unsere Zeit hinein.

Julia Ricker

© Kaiserpfalz Ingelheim, Foto: Klaus Benz
© Kaiserpfalz Ingelheim, Foto: Klaus Benz
Die historischen Mauerreste der Ingelheimer Aula Regia sind heute zu besichtigen.
© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
Blick auf die Aachener Pfalzanlage mit dem aus der Pfalzkirche hervorgegangenen Dom und dem hochmittelalterlichen Rathaus, das im Kern noch aus den Überresten der karolingischen Königshalle besteht.
© Domkapitel Aachen, Foto Ann Münchow
© Domkapitel Aachen, Foto Ann Münchow
Der Karlsschrein im Aachener Dom wurde von König Friedrich II. in Auftrag gegeben und 1215 fertiggestellt. Die Frontseite zeigt den thronenden Karl mit einem Modell der Marienkirche, flankiert von Papst Leo III. zu seiner Rechten und Erzbischof Turpin von Reims links.
© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
In der Karlsbüste aus der Zeit um 1350 wird die Schädeldecke Karls des Großen als Reliquie verwahrt. Das Reliquiar gehört zur Ausstattung des Aachener Doms und wird in der Domschatzkammer aufbewahrt. In der Tradition französischer Königsdarstellungen zeigt sie einen idealen Herrscher, kein Porträt Karls des Großen.
© Kaiserpfalz Ingelheim, Archimedix GbR
© Kaiserpfalz Ingelheim, Archimedix GbR
Digitale Architekturrekonstruktion der Aula Regia in der Ingelheimer Kaiserpfalz um 800. Die prachtvoll ausgestattete Aula regia war Schauplatz von Herrschertreffen, Verhandlungen und Gerichtsverfahren.
 
 
© Kaiserpfalz Ingelheim, Foto: Klaus Benz
Die historischen Mauerreste der Ingelheimer Aula Regia sind heute zu besichtigen.
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© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
Blick auf die Aachener Pfalzanlage mit dem aus der Pfalzkirche hervorgegangenen Dom und dem hochmittelalterlichen Rathaus, das im Kern noch aus den Überresten der karolingischen Königshalle besteht.
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© Domkapitel Aachen, Foto Ann Münchow
Der Karlsschrein im Aachener Dom wurde von König Friedrich II. in Auftrag gegeben und 1215 fertiggestellt. Die Frontseite zeigt den thronenden Karl mit einem Modell der Marienkirche, flankiert von Papst Leo III. zu seiner Rechten und Erzbischof Turpin von Reims links.
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© Domkapitel Aachen, Dombauleitung
In der Karlsbüste aus der Zeit um 1350 wird die Schädeldecke Karls des Großen als Reliquie verwahrt. Das Reliquiar gehört zur Ausstattung des Aachener Doms und wird in der Domschatzkammer aufbewahrt. In der Tradition französischer Königsdarstellungen zeigt sie einen idealen Herrscher, kein Porträt Karls des Großen.
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© Kaiserpfalz Ingelheim, Archimedix GbR
Digitale Architekturrekonstruktion der Aula Regia in der Ingelheimer Kaiserpfalz um 800. Die prachtvoll ausgestattete Aula regia war Schauplatz von Herrschertreffen, Verhandlungen und Gerichtsverfahren.
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Literatur:
Matthias Becher: Karl der Große. C.H. Beck Verlag, 6. Aufl. München 2014. ISBN 978-3-406-43320-7. 128 S., 8,95 Euro.
Johannes Fried: Karl der Große. Gewalt und Glaube. C.H. Beck Verlag, 4. Aufl. München 2014. ISBN 978-3-406-65289-9. 736 S., 29,95 Euro.
Max Kerner: Karl der Große. Entschleierung eines Mythos. Böhlau Verlag, Köln 2000. ISBN 978-3-412-10699-7. 334 S., Antiquarisch erhältlich.