Städte und Ensembles Herrscher, Künstler, Architekten April 2014

Landgraf Carl ließ Bad Karlshafen für Glaubensflüchtlinge anlegen

Eine Stadt für die Hugenotten

Der hessische Landgraf Carl ließ die kleine barocke Stadt Bad Karlshafen aus wirtschaftspolitischen Gründen im äußersten Norden seines Territoriums errichten. Er wollte Hessen damit über Wasserwege an die Nordsee anbinden und den Zoll in Hannoversch Mündenen durch einen Kanal nach Kassel umgehen.

Die barocke Anlage von Bad Karlshafen ist besonders gut vom Hugenottenturm aus zu erkennen. 
Bad Karlshafen © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die barocke Anlage von Bad Karlshafen ist besonders gut vom Hugenottenturm aus zu erkennen.

Den inzwischen pensionierten Amtsgerichtsdirektor Jürgen Hertel aus Neuhaus lernte ich 2004 über seine Söhne Dr. Thorsten und Dr. Arne Hertel kennen. Ob er auf die Deutsche Stiftung Denkmalschutz durch mich aufmerksam wurde oder sie vorher schon kannte, hat er nie erwähnt. Umso schöner ist, dass er zu seinem runden Geburtstag für unsere Stiftung sammelte.

Blick vom Denkmal, das an den Stadtgründer Landgraf Carl von Hessen-Kassel erinnert, zum Rathaus. Als dieses Foto entstand, war das Wasser des dazwischen liegenden Hafenbeckens aufgrund einer Sanierung abgelassen. 
Bad Karlshafen © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick vom Denkmal, das an den Stadtgründer Landgraf Carl von Hessen-Kassel erinnert, zum Rathaus. Als dieses Foto entstand, war das Wasser des dazwischen liegenden Hafenbeckens aufgrund einer Sanierung abgelassen.

Als ich meinem Vorgänger Professor Dr. Gottfried Kiesow von der neuen Bekanntschaft aus dem Solling berichtete, sprudelte es nur so aus ihm heraus: Er habe seine Hochzeitsreise nach Neuhaus im Solling gemacht, und ich müsse unbedingt diese Landschaft und die wundervollen Städte entlang der Weser kennenlernen. Es folgte eine lange Reihe von Namen. So eingestimmt, nahmen mein Mann und ich die Einladung aus Neuhaus zum Rehbraten gerne an. Das begleitende Ausflugs- und Besichtigungsprogramm war prall gefüllt. Beginnend vom Zusammenfluss der Fulda und Werra in Hannoversch Münden ging es entlang der Weser über Kloster Lippoldsberg bis nach Bad Karlshafen.

Ab 1699 entstand die Stadt - angeblich nach den eigenen Ideen Landgraf Carls - als eine geschlossene Reihenhausbebauung, die noch vollständig und nahezu unverändert erhalten ist. Angesiedelt wurden 36 hugenottische Handwerkerfamilien. Den Mittelpunkt bildet ein großes Hafenbecken, an dem das Packhaus (heute Rathaus) und die Thurn und Taxissche Posthalterei herausragen, wenngleich ebenfalls in die Reihenhausbebauung eingefügt. Ablesbar ist, dass die Versorgungsbauten Vorrang vor den Repräsentationsbauten der Bürger hatten. In der Hochphase des Absolutismus ist in geplanten Städten häufig kein eigenständiges Rathaus zu finden.

Dazu schreibt Professor Kiesow in seinem Buch Gesamtkunstwerk - Die Stadt: "In den barocken Plänen zur Idealstadt lässt sich das Rathaus kaum ausmachen. In Freudenstadt ist es wie die Kirche in eine Platzecke gezwängt, in Glückstadt, Rendsburg und Neustrelitz in die Spitze eines Sektors."

Im ehemaligen Packhaus befindet sich heute das Rathaus von Bad Karlshafen. Die Gewölbekeller, in denen die Waren gelagert wurden, sind noch vorhanden. 
Bad Karlshafen, Rathaus © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im ehemaligen Packhaus befindet sich heute das Rathaus von Bad Karlshafen. Die Gewölbekeller, in denen die Waren gelagert wurden, sind noch vorhanden.

Überraschend, dass dies auch die Kirche betraf, denn eine solche erhielt Bad Karlshafen erst im 20. Jahrhundert, vorher gab es nur Betsäle zur Religionsausübung. Bad Karlshafen besticht durch seine in eine traumhafte Landschaft eingefügte symmetrische Bebauung, das einheitliche Ortsbild und die Funktionalität der Gebäude.
Die Tour war mehr als beeindruckend, auf die einzelnen Stationen bezogen indes zu kurz. Für das Hugenottenmuseum blieb uns leider keine Zeit mehr. Sicher gibt es ein gemeinsames nächstes Mal, hoffentlich auch wieder mit einem Wildbraten. Dann unbedingt auch mit Gradierwerk und Wesertherme.
Ein Geheimnis bleibt mir bis heute, denn Jürgen Hertel weiß nicht, dass ich natürlich in der Zwischenzeit noch einmal in Bad Karlshafen war, bei Käsekuchen im Café Weserblick. Der erste "beste Eindruck" hat sich bestätigt.

Dr. Rosemarie Wilcken

1699 ließ Landgraf Carl von Hessen-Kassel (1654-1730) die Stadt Sieburg an der Mündung der Diemel in die Weser anlegen. Zu Ehren ihres Gründers nannte man sie ab 1717 Carlshaven, 1935 wurde daraus Karlshafen.
Vom geplanten Kanal wurden nur die ersten 17 km verwirklicht. Die Stadt lebte 100 Jahre vom Salzhandel, nachdem der Apotheker Jacques Galland 1730 Solequellen entdeckt hatte. 1838 wurde der Kurbetrieb aufgenommen, der bis heute existiert. Seit 1977 trägt die Stadt den Namenszusatz "Bad".
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützte die Restaurierung des Abteigebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Helmarshausen, heute ein Stadtteil von Bad Karlshafen.

Weitere Infos im WWW:

www.bad-karlshafen.de

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