Romanik Februar 2014

Risse verhindern das Läuten der Glocke in Wimmelburg

Kirche ohne Stimme

Das vertraute Läuten einer Kirchenglocke ruft Heimatgefühle oder Erinnerungen an die Kindheit hervor. Kirchenglocken geben jedem Ort, dem Morgen, dem Abend und den Festtagen einen unverwechselbaren Klang. Die Einwohner von Wimmelburg im Mansfelder Land vermissen ihr Geläut schon lange. Die Glocke der Pfarrkirche schweigt seit 20 Jahren.

Als sie zum letzten Mal erklang, setzte das Schwingen des massiven Körpers nicht nur den Kirchturm in Bewegung, sondern ließ den gesamten Dachstuhl hin und her wanken. Die Situation war so bedrohlich, dass sie manchen Einwohnern des Dorfes bei Lutherstadt Eisleben noch immer in lebhafter Erinnerung ist. Die Mitglieder des Gemeindekirchenrats, Frank Wrba und Thomas Reizig, können sich noch gut daran erinnern, dass die Menschen aufgeregt herbeigelaufen kamen und riefen: "Hört auf zu läuten, der Dachstuhl bricht sonst ein!" Seitdem ist es still geworden in Wimmelburg.

Die Dachkonstruktion der ehemaligen Klosterkirche in Wimmelburg ist schadhaft und sitzt nicht mehr sicher auf den Mauerkronen. Darüber hinaus machen die Bruchstellen in den Wänden dem Gebäude zu schaffen. Die Apsis im Osten wurde schon saniert. 
Wimmelburg, Dorfkirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Dachkonstruktion der ehemaligen Klosterkirche in Wimmelburg ist schadhaft und sitzt nicht mehr sicher auf den Mauerkronen. Darüber hinaus machen die Bruchstellen in den Wänden dem Gebäude zu schaffen. Die Apsis im Osten wurde schon saniert.

Die Gründe für den instabilen Zustand des im 12. Jahrhundert als Klosterkirche errichteten Gebäudes sind vielfältig. Vor allem hat sich der Hausschwamm über Jahrzehnte durch die Dachbalken und die Mauerkronen gefressen. Die Steine sind brüchig und Stücke lösen sich aus dem Mauerverbund heraus, sodass die ohnehin morschen Dachbalken nicht mehr gleichmäßig aufsitzen können. Die jetzt anstehende Sanierung sei von langer Hand geplant worden, erklärt Pfarrer Steffen Richter. Für die kleine Gemeinde in der strukturschwachen Region ist sie eine große Aufgabe und kann nur mit Hilfe weiterer Geldgeber bewältigt werden. "Es ist so, als könne die Kirche nicht sprechen", sagt er bekümmert. "Wir möchten den Wimmelburgern so gern ihr Geläut wieder zurückzugeben."

Von dem stolzen romanischen Bau der Klosterkirche, der heute als evangelische Pfarrkirche genutzt wird, haben sich nur noch die östlichen Teile erhalten. Sie erheben sich vor der Kulisse des Friedrichsbergs und der hohen, schwarzen Abraumhügel des ehemaligen Kupferabbaus zu DDR-Zeiten. Der Bergbau währte hier viele Jahrhunderte und prägt das Gesicht des von Halden umgebenen Ortes. Obwohl die Pfarrkirche nur noch ein Fragment dessen ist, was das monumentale Ensemble mit seinen Konventgebäuden einst darstellte, lassen die eindrucksvollen Mauern des Chores und der Vierung seine ursprüngliche Größe noch erahnen und geben eine Vorstellung von der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte.

Noch im letzten Jahr war die östliche Apsis einsturzgefährdet. Jüngst restauriert, vermittelt sie wieder einen Eindruck von der einstigen Schönheit der Klosterkirche. 
Wimmelburg, Dorfkirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Noch im letzten Jahr war die östliche Apsis einsturzgefährdet. Jüngst restauriert, vermittelt sie wieder einen Eindruck von der einstigen Schönheit der Klosterkirche.

Die Gründung der Benediktinerabtei St. Cyriacus geht auf das Jahr 1059 zurück. Damals befand sie sich noch auf dem Friedrichsberg. Vermutlich veranlasste die Lage auf der nur mühevoll zu erreichenden Erhebung Abt Milo dazu, das Kloster ins Tal zu verlegen, wo ab 1121 gebaut wurde. Der monastischen Bewegung der Hirsauer-Reform angeschlossen, entstand die Klosterkirche ab 1170 als kreuzförmige Basilika. Typisches Architekturelement der Hirsauer Bewegung war der für die aufwendige Liturgie benötigte Staffelchor mit fünf Apsiden.Das Kloster St. Cyriacus war noch vor dem nur wenige Kilometer entfernten Kloster Helfta das bedeutendste in der Grafschaft Mansfeld. In unmittelbarer Nähe zur Lutherstadt Eisleben - der ehemaligen Residenz - gelegen, verfügte es nicht nur über ausgedehnten Besitz, sondern auch über das Münzrecht: ein Ausdruck seiner herausgehobenen Stellung und Wirtschaftskraft. Papst Alexander III. zeichnete 1162 die Wimmelburger Äbte mit einem besonderen Würdezeichen aus. Er gestattete ihnen, während der Liturgie die sonst Bischöfen vorbehaltene Mitra zu tragen.

Im Bauernkrieg wurde das Kloster 1525 von Aufständischen geplündert, jedoch nicht zerstört. Ein Jahr darauf säkularisierten es die Grafen von Mansfeld und wandelten die Anlage in ein gräfliches Amt und einen Wirtschaftshof um. Die Klosterkirche wurde evangelische Pfarrkirche. Große Teile des Gutes und die Kirche brannten 1680 ab und mussten wiederaufgebaut werden. Aus den Umbauten der durch das Feuer beschädigten Basilika ging die jetzige Kirche hervor. Sie besteht aus der Hauptapsis, dem Chorquadrat und den zwei Nebenchören der einstigen Klosterkirche. Die ehemals zum Querhaus - das heute nicht mehr existiert - übergehenden Bögen der Vierung wurden vermauert, wodurch der Saalraum der Pfarrkirche entstand. Als das mittelalterliche Kirchenschiff um 1700 abgerissen wurde, errichtete man an seiner Stelle den langen Flügelbau eines Herrenhauses, in dessen Mauerwerk zahlreiche Spolien aus romanischer Zeit zu vermuten sind. Jetzt beherbergt er Wohnungen.

Nähert man sich dem verbliebenen Rest der Klosterkirche von Osten, fällt der Blick auf die Hauptapsis, die romanische Baukunst in ihrer vollen Schönheit repräsentiert: Horizontalbänder und überkreuzende Lisenen, die in einen Rundbogenfries münden, gliedern die Architektur. Eine puristische Harmonie der Linien, die keinen weiteren Bauschmuck benötigt. Wer auf der Straße der Romanik unterwegs ist - sie führt nur wenige Kilometer entfernt am Kloster Helfta vorbei - sollte daher auch einen Abstecher nach Wimmelburg einplanen.

Im Inneren der nördlichen Seitenapsis sollen die Arbeiten in diesem Frühjahr fortgesetzt werden. 
Wimmelburg, Dorfkirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Inneren der nördlichen Seitenapsis sollen die Arbeiten in diesem Frühjahr fortgesetzt werden.

Die aktuellen baulichen Probleme der Pfarrkirche wurzeln bereits in der Umbauzeit um 1680. Damals wurde der ursprünglich über der Vierung platzierte Kirchturm nach Osten versetzt. Seither bereitet die Dachkonstruktion Schwierigkeiten. Ihre Balken sind in unterschiedlichen Bauphasen immer wieder ausgebessert und ersetzt worden. Auch zu DDR-Zeiten wurden Sicherungsarbeiten durchgeführt, um das Eindringen von Feuchtigkeit und damit die langfristige Schädigung der Bausubstanz zu verhindern. Unterstützt vom Heimatverein Wimmelburg, der die Geschichte des ehemaligen Klosters erforscht, begann die evangelische Kirchengemeinde nach 1990 mit der Sicherung des Kleinods. Weil beiden nur geringe finanzielle Mittel zur Verfügung standen, wurden die Arbeiten notdürftig und zum Teil unsachgemäß ausgeführt und müssen wieder rückgängig gemacht werden. Dennoch ist die Gemeinde froh, dass sie damals nicht auf Ausbesserungen verzichtet hat. Die Schäden am Bauwerk wären sonst erheblich größer. Bei der jetzt geplanten Maßnahme sollen die Mauerkronen sowie die Balkenkonstruktion des Dachstuhls und das Dach des Saalbaus instand gesetzt werden. Dann können auch die durch die schadhafte Dachkonstruktion hervorgerufenen Risse in den Wänden behoben werden, damit die Kirche wieder standfest ist und ihre Glocke endlich wieder läuten kann.

Tiefe Risse durchziehen die Wand des Saalraums. 
Wimmelburg, Dorfkirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Tiefe Risse durchziehen die Wand des Saalraums.

Es handelt sich dabei um einen zweiten Sanierungsabschnitt, denn die Kirchengemeinde hat bereits einen beachtlichen Weg bei der Rettung des Gebäudes zurückgelegt: Noch vor einem Jahr hatten aufsteigende Feuchtigkeit sowie herausgebrochene Fugen und Steine das Mauerwerk so stark geschädigt, dass sich die Hauptapsis sowie deren Dach und der Vierungsbogen verformten. Man musste sogar befürchten, dieser Bereich könnte einbrechen. Jetzt, da die größte Gefahr gebannt und der östliche Teil gesichert ist, hofft die Kirchengemeinde, dass sie das Geld aufbringen kann, um mit der Restaurierung fortzufahren. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konnte dank einer zweckgebundenen Spende, ihrer treuhänderischen Bodenstein-Stiftung sowie in Kooperation mit der Stiftung KiBa die Arbeiten des ersten Bauabschnitts mit 35.000 Euro unterstützen. Sie möchte gerne weiter helfen, den romanischen Architekturschatz zu sichern.

Das Architekturbüro, das der Kirchengemeinde zur Seite steht, ist international tätig, legt jedoch großen Wert darauf, dass Aufträge ausschließlich an regionale Handwerksbetriebe vergeben werden. Die Qualitätsansprüche sind hoch: Von jedem Gewerk wurden Firmen ausgesucht, die im Bereich der Denkmalpflege acht Referenzen im Kirchenbau vorweisen können.

Daniel Wyrwich, der zuständige Architekt, Pfarrer Steffen Richter und die Kirchengemeinderatsmitglieder sind inzwischen ein eingeschworenes Team. Sie verstehen sich als Partner, die ein Projekt gemeinsam verwirklichen wollen. Dass für die Baukunst auch private Zeit aufgebracht wird, ist für alle selbstverständlich. Vor allem für Steffen Richter, der im Kirchengemeindeverband (KGV)Helbra die Gläubigen und die Kirchen von sechs Dörfern betreut und außerdem eine Pfarrstelle für Gefängnisseelsorge in Volkstedt innehat, ist das Gotteshaus wichtig. "Trotz der Herausforderungen, die die Baumaßnahmen mit sich bringen, haben wir Glück mit unserer Kirche" sagt er. "Sie hat genau die Größe, die wir bewältigen können. Ideell und spirituell gesehen ist sie ein unermesslicher Schatz!" Es ist bereits Tradition, dass jedes der Gotteshäuser von Pfarrer Richters Gemeinden für ein eigenes großes Fest im Kirchenjahr steht. In Wimmelburg wird Erntedank gefeiert, obwohl der Ort nie stark landwirtschaftlich geprägt war. Weil die Einwohner aber seit jeher viel Freude daran haben, ihre Kirche mit Erntegaben liebevoll zu schmücken, begeht man dieses Fest seit Jahren in Wimmelburg. Die Gottesdienste werden von den Gläubigen ortsübergreifend besucht.

Architekt Daniel Wyrwich bespricht mit Pfarrer Steffen Richter und Frank Wrba, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats (v. l. n. r.), die anstehenden Baumaßnahmen. 
Wimmelburg, Dorfkirche © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Architekt Daniel Wyrwich bespricht mit Pfarrer Steffen Richter und Frank Wrba, Vorsitzender des Gemeindekirchenrats (v. l. n. r.), die anstehenden Baumaßnahmen.

Pfarrer Richter schätzt sich glücklich über den Zusammenhalt der insgesamt 1.000 Gemeindeglieder seines Pfarrbereichs, zu denen auch aktive junge Familien gehören. Nach dem Gottesdienst sitzen die Kirchenbesucher, die 17 Mitglieder des KGV-Gemeindekirchenrats und er oft noch bei Kaffee und Kuchen zusammen, besprechen persönliche Anliegen oder gemeinsame Vorhaben.

Aktuell beschäftigt sie der Dachstuhl der ehemaligen Klosterkirche. Den Turm einfach abzubauen und neben dem Gebäude dauerhaft aufzustellen, wie es in der Vergangenheit einmal vorgeschlagen wurde, kommt für sie nicht in Frage. Ihre Glocke soll dort läuten, wo sie hingehört, hat das Instrument doch eine bewegte Vergangenheit: Das Wimmelburger Kloster besaß im Mittelalter ein silbernes Glöckchen, dessen Klang - so erzählt eine Legende - die Menschen von Leiden und Gebrechen befreien konnte. Dem heiligen Cyriakus geweiht, zog sein Läuten eine große Zahl von Wallfahrern an, die zum Reichtum des Klosters beitrugen. Luther war die Glocke ein Dorn im Auge, und er tadelte das von ihm als Unsitte empfundene Geschehen. Beim Feuer von 1680 soll das Stück verbrannt, jedoch beim Guss der neuen Glocke mit verwendet worden sein. Weil die Geschichte bis heute fortlebt, ist sie für die Dorfbewohner mehr als eine gewöhnliche Kirchenglocke.

Julia Ricker

St. Cyriacus, Platz der LPG, 06313 Wimmelburg, kann auf Anfrage besichtigt werden. Evangelisches Pfarramt Helbra, Tel. 034772 27449.
Zugunsten der Kirchensanierung plant die Kirchengemeinde Benefizkonzerte. Die Termine werden auf der Internetseite des Kirchengemeindeverbands Helbra bekannt gegeben. www.pfarrbereichhelbra.de