Menschen für Denkmale Dezember 2013

Wie Privatleute in der DDR Kirchen retteten

„Wir haben uns nicht beirren lassen“

Manfred Blank kann das exakte Jahr, in dem er den ersten Auftrag annahm, nicht mehr benennen. Irgendwann Ende der sechziger Jahre muss es gewesen sein, dass ein Pastor den gelernten Maurer bat, ihm bei der Reparatur einer Feldsteinmauer, die den Kirchplatz begrenzt, zu helfen. Manfred Blank sagte spontan zu und legte damit den Grundstock für ein unglaubliches Engagement, das bis heute andauert. Er schätzt, dass seine Freiwilligen-Truppe - Kollegen und Freunde - zu DDR-Zeiten 80 Kirchen saniert hat. Mit den Pfarrhäusern werden es wohl 120 denkmalgeschützte Gebäude sein.

Die Stephanskirche in Gartz (Oder) wurde in den letzten Kriegstagen zur Ruine. 
Gartz (Oder), Stephanslkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Stephanskirche in Gartz (Oder) wurde in den letzten Kriegstagen zur Ruine.

Es ist ein Samstagabend Anfang der 1970er-Jahre. Die Handwerker, die am Turm von St. Petri in Wolgast arbeiten, möchten Feierabend machen. Manfred Blank schwenkt seine Mütze ein paar Mal über seinen Kopf. Der Wachtposten, der die Truppe den ganzen Tag von einem Kran aus beobachten musste, weiß nun, dass er seinen Dienst quittieren kann. Seine Anwesenheit sollte gewährleisten, dass die Handwerker keine Fotos vom Geschehen auf der Marinewerft machen, die vom Turm aus sehr gut einsehbar ist.

Dass der Turm der Gartzer Stephanskirche von der Gemeinde zu DDR-Zeiten wieder genutzt werden konnte, ist der Truppe um Manfred Blank zu verdanken. 
Gartz (Oder), Stephanslkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Dass der Turm der Gartzer Stephanskirche von der Gemeinde zu DDR-Zeiten wieder genutzt werden konnte, ist der Truppe um Manfred Blank zu verdanken.

Drei Jahre lang wird sich dieses Schauspiel an vielen Wochenenden wiederholen, denn die Handwerker sanieren den Turm nicht nur samstags, sondern auch am Sonntagvormittag. Und das ohne staatlichen Auftrag und nur mit geringem Lohn. "Wir wollten den Gemeinden dabei helfen, dass sie in ihren Kirchen wieder Gottesdienste feiern konnten", erklärt Manfred Blank das Ziel seiner Freiwilligen-Brigade.

Zu einem weiteren frühen Objekt, das die Truppe sanierte, zählt die Stephanskirche in Gartz an der Oder, damals immer noch Kriegsruine. Dort war Oswald Wutzke Pastor, der sich von seinen polnischen Kollegen fragen lassen musste, warum die Kirchen auf deutscher Seite noch nicht wieder aufgebaut wären. In Polen war das längst geschehen.

1945 hatten russische Truppen die Stephanskirche von der anderen Flussseite so lange beschossen, bis nur noch ein Torso übrigblieb. Sie hatten erfahren, dass es hoch oben im Kirchturm einen Artilleriebeobachter gab, der den deutschen Schützen melden konnte, wo sich die russischen Stellungen befanden.

Manfred Blank machte sich also nach Gartz auf, um die Kirche in Augenschein zu nehmen. Die ersten Fahrten zu einem neuen Objekt unternahm er fast immer mit seiner Frau Heide-Marie, die bis zur Wende als Krippenerzieherin arbeitete. Sie hat ihren Mann nicht oft zu Gesicht bekommen, denn an Kirchen, die in der Umgebung ihres Wohnortes Strasburg in der Uckermark lagen, wurde nicht selten auch während der Woche abends bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet. Um einen Bauabschnitt am Stück zu erledigen, war nur eine Woche Urlaub mit der Familie pro Jahr drin. Stolz sind beide, dass sie sich nebenbei noch ein eigenes Haus bauen konnten, in dem ihre drei Kinder aufgewachsen sind.

Heide-Marie und Manfred Blank vor der Kirche in Japenzin, die von der Freiwilligen-Truppe gerettet wurde. Für die Restaurierung des Feldsteinbaus stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 1995 und 2006 Mittel bereit. 
Japenzin, Kirchem© Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Heide-Marie und Manfred Blank vor der Kirche in Japenzin, die von der Freiwilligen-Truppe gerettet wurde. Für die Restaurierung des Feldsteinbaus stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 1995 und 2006 Mittel bereit.

Blanks legten die 80 Kilometer nach Gartz in ihrem Škoda zurück. Der schlechte Bauzustand der gotischen Stephanskirche schreckte sie nicht. Manfred Blank notierte sich nach ihrer Ankunft direkt, welches Material und welche Werkzeuge benötigt würden und vereinbarte mit Pastor Wutzke, wo seine Truppe übernachten und verpflegt werden konnte. Oft kamen sie privat unter, manchmal in Pfarr- oder Arbeiterwohnheimen. Die Gemeindemitglieder hatten eine Vorarbeit zu leisten: Sie mussten den Schutt aus dem Kirchenschiff und dem Turm entfernen und ihn nach Verwertbarem untersuchen.

Material, das in der DDR nur schwer zu beschaffen war, kam damals aus der Bundesrepublik Deutschland, aber auch aus der Schweiz, aus Österreich, Dänemark und Schweden. Es war außerdem möglich, auf ein großes Lager in Ost-Berlin zuzugreifen. Finanziert wurden die Sanierungen zudem von kirchlichen Partnergemeinden aus dem Westen. Die Pastoren besaßen in der Regel ein Telefon und konnten so mit ihren West-Kollegen in Kontakt treten. Die Gemeinden überwiesen dann D-Mark an die Genex Geschenkdienst GmbH, eine dem DDR-Außenhandelsministerium unterstellte Einrichtung, über die Devisen ins Land gelangten.

Nachdem das Material in Gartz eingetroffen war und die Pommersche Evangelische Kirche das Bauvorhaben genehmigt hatte, machte sich Manfred Blank mit seinen Kollegen - Zimmerleute, Dachdecker und Gerüstbauer - auf den Weg. Bei größeren Bauvorhaben wie diesem, bestand die Truppe aus rund 20 Handwerkern, bei kleineren reichten durchaus drei bis fünf. Das Kirchenschiff von St. Stephan bauten sie nicht wieder auf, sicherten lediglich die Mauerkronen gegen Witterungseinflüsse. Sie deckten den Kirchturm und richteten ihn als Gottesdienstraum her.

Bei der Dorfkirche in Putzar deckten die Freiwilligen nicht nur das Dach, sondern sanierten auch die Fassade. 
Putzar, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Bei der Dorfkirche in Putzar deckten die Freiwilligen nicht nur das Dach, sondern sanierten auch die Fassade.

Die Männer waren über die Firmen, bei denen sie angestellt waren, versichert. Aber zum Glück ist nie jemand zu Schaden gekommen. Fachliche Unterstützung erhielten sie vom Konsistorium, vor allem von Kirchenoberbaurat Gunther Kirmis. Manfred Blank beschäftigte sich sehr intensiv mit historischen Handwerkstechniken und erwarb im Laufe der Jahre Fertigkeiten im Umgang mit Denkmalen, die er an jüngere Kollegen weitergeben konnte.

Als seine Truppe Ende der 1970er-Jahre nach Putzar kam, fand sie eine schwer geschädigte Dorfkirche mit kaputtem Dach und zerbrochenen Fensterscheiben vor. Ein großer Riss klaffte am Kirchenschiff. Um ihn schließen zu können, stellte Manfred Blank einen Putz aus Kalkmörtel nach alter Rezeptur her. Er hatte erfahren, dass es beim Bau der Kirche im 16. Jahrhundert üblich war, Pferdehaar als Bindemittel beizugeben. Das Ehepaar Blank fand einen Bauern, der ihnen einen ganzen Sack davon überließ.

"Wenn wir mit unseren Arbeiten in einem Dorf begannen, wurden wir zunächst misstrauisch beäugt. Doch schon bald unterstützte man uns ganz großartig, manche Dorfbewohner boten sogar ihre Mithilfe an", erzählt Manfred Blank. Fehlte etwas, konnte er auf die Maschinen-Traktoren-Stationen, also die Werkstätten der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, zurückgreifen. Gute Erfahrungen hat er außerdem mit den meisten Bürgermeistern gemacht. Sie sorgten dafür, dass der Truppe keine Steine in den Weg gelegt wurden.

Die Dorfkirche in Putzar zählt ebenfalls zu den Förderprojekten der Deutschen Stifung Denkmalschutz. Sie stellte bereits 1991 erste Mittel bereit. 
Putzar, Dorfkirche © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Dorfkirche in Putzar zählt ebenfalls zu den Förderprojekten der Deutschen Stifung Denkmalschutz. Sie stellte bereits 1991 erste Mittel bereit.

Bei den Pastoren sprach sich schnell herum, dass es da Leute gibt, die in ihrer Freizeit Kirchen reparieren. Ein Gotteshaus nach dem anderen wurde so wieder wetterfest gemacht - zunächst im Kirchenkreis Greifswald, dann wurde der Radius immer größer. Albrecht Schönherr, von 1972 bis 1981 Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, holte sie sogar bis in seinen Sprengel. "Der Bischof erlaubte uns nicht, sonntags zu arbeiten. Das sah man im Kirchenkreis Greifswald nicht so eng. Während der Gottesdienste machten wir immer unsere Frühstückspause", erinnert sich Manfred Blank. An Albrecht Schönherr denkt vor allem Heide-Marie Blank sehr gerne zurück: Er gab ihrem Mann und den anderen Handwerkern immer etwas für die daheimgebliebenen Frauen mit - mal ein schönes Stück Seife, mal ein Päckchen West-Kaffee. Weil der Bischof die Geschenke am Samstagabend überreichte, wenn in der ARD das Wort zum Sonntag gesprochen wurde, haben sich die Mitbringsel unter diesem Namen ins Gedächtnis geprägt.

Wirklich gerne gesehen sei ihre Arbeit vom Staat sicher nicht gewesen. Aber sie haben sich einfach nicht beirren lassen, meint Manfred Blank. Nein, geehrt worden seien sie für ihr unermüdliches Engagement nie. Der dankbare Händedruck der Pastoren, der Jubel der 300 bis 400 Wolgaster, als die Sanierung des Kirchturms von St. Petri mit Einsetzen des letzten Zifferblattes beendet war, sei ihm Ehre genug gewesen. Und immer noch ist er unermüdlich für die Erhaltung von Baudenkmalen im Einsatz - nun als Berater seiner Söhne, die seit 2004 mit ihrer eigenen Firma denkmalgeschützte Gebäude sanieren.

Carola Nathan