Kurioses Ikonographie Dezember 2013 C

Christkind-Figuren und ihre Ornate

Göttliche Gewebe

Seit dem Hochmittelalter bestimmten Christkind-Figuren jedes Jahr zur Weihnachtszeit die klösterliche Liturgie und den Alltag. Die Nonnen schneiderten den Puppen individuelle Gewänder auf den Leib.

Das Antlitz von goldenen Locken umrahmt, der Körper weich und die Bewegung kindlich, bietet das Christkind aus dem Bayerischen Nationalmuseum in München einen anrührenden Anblick. Besonders in der Weihnachtszeit, wenn die Figuren zu einem wichtigen Teil des klösterlichen Lebens wurden, bewegten sie die Herzen der Menschen. Für die Nonnen muss es eine festliche Zeit im Kirchenjahr gewesen sein, denn die Christkinder wurden nicht nur zu den Gottesdiensten am Altar aufgestellt und aus der Entfernung betrachtet, sondern auch in ein streng geregeltes spirituelles "Spiel" einbezogen, als wären sie lebendige Wesen. Die weiblichen Ordensangehörigen bekleideten die Puppen mit eigens genähten und liebevoll bestickten Gewändern, betteten sie in Steckkissen und wiegten sie zu Liedern.

Um 1600 entstand der im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellte Jesusknabe. Er besitzt ein Obergewand aus Seidenbrokat, das, mit einem Seidenband geschnürt, der Figur leicht an und ausgezogen werden kann. 
© Bayerisches Nationalmuseum, München, Walter Haberland
Um 1600 entstand der im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellte Jesusknabe. Er besitzt ein Obergewand aus Seidenbrokat, das, mit einem Seidenband geschnürt, der Figur leicht an und ausgezogen werden kann.

Hölzerne Jesuskinder wurden im späten Mittelalter sehr zahlreich produziert. Dei kostbaren, um 1300 aufgekommen Figuren gehörten zur Aussteuer von Novizinnen, die sie in den klösterlichen Besitz einbrachten. Oft zogen sie mit einer ganzen Sammlung aus Gewändern und Schmuck für die Skulpturen ein. Später gehörte beides auch zum Inventar von Pfarrkirchen und zum Besitz wohlsituierter Patriziertöchter.

Weil die Bildwerke so zahlreiche Verwendung fanden, wurden sie im 16. Jahrhundert in Serie hergestellt. Viele stammen aus Mecheln in Flandern: Sie stehen auf einem Sockel mit der Manufakturmarke und lassen sich an ihrem porzellanartigen Inkarnat, schmal geschnittenen Augen und Mund sowie den fein gezeichneten Augenbrauen erkennen. Segensgestus und Apfel weisen die kindlichen Wesen als Christus, den Salvator Mundi aus. Bei ihrem Erwerb waren die Christkinder noch nackt und wurden erst von ihren neuen Besitzerinnen mit Gewändern, Kränzen und sogar Schuhen ausgestattet.

Für das ehemalige Kloster zum Heiligen Kreuz in Rostock entstand um 1500 das heute im Museum Schloss Güstrow gezeigte Christkind. Es trägt ein mit Hermelin verbrämtes Ornat aus blauem Samt und eine Krone. 
© Staatliches Museum Schwerin, H. Maertens
Für das ehemalige Kloster zum Heiligen Kreuz in Rostock entstand um 1500 das heute im Museum Schloss Güstrow gezeigte Christkind. Es trägt ein mit Hermelin verbrämtes Ornat aus blauem Samt und eine Krone.

Skulpturen zu bekleiden, war durch das gesamte Mittelalter hindurch üblich. Anders als die vielen Messgewänder wurden von den Figurenornaten nur wenige über die Jahrhunderte bewahrt, sodass ihre Existenz heute kaum bekannt ist. Einen großen Schatz von 20 "Heiligen Röcken", wie sie in den historischen Quellen mehrfach genannt werden, besitzt das niedersächsische Kloster Wienhausen. Er vermittelt eine Vorstellung davon, dass derartige Bestände zur Grundausstattung von Klöstern und Kirchen gehört haben und fortwährend benutzt wurden.


Die Wienhäuser Kleidchen sind reich an Formen, Farben und Geweben. Sie setzen sich allesamt aus wiederverwendeten Materialien zusammen. Aus Samt und Seide genäht, wurden sie mit Leinen gefüttert und mit Perlen, Stickereien, Lederbändchen und dünnen Schmuckblechen - die sich jedoch in den meisten Fällen nicht erhalten haben - verziert. Die Gewänder waren für Christkinder, Madonnen und Heiligenfiguren bestimmt. Das kleinste misst 9,5 Zentimeter in der Länge, das größte von 89 Zentimetern Höhe schneiderten die Wienhäuser Nonnen für den Auferstehungschristus. Es kam im österlichen Ritual zum Einsatz.

Es liegt in der Natur des Textils, zu verhüllen und zu offenbaren. Obwohl es den unmittelbaren Blick auf das verehrte Objekt versperrt, erlangt dieses eine größere Präsenz: Durch die Bekleidung mutet die Skulptur lebendig an. Wie Requisiten innerhalb der Liturgie statteten die wechselnden Kleider die Figuren den Festen entsprechend aus und veränderten ihr Aussehen im Verlauf des Kirchenjahres.

Der in Ulm geborene Bildschnitzer Gregor Erhart schuf um 1500 das über 50 Zentimeter hohe Christkind aus Lindenholz. Heute befindet es sich im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. 
© Hiltmann/Rowinski/Torneberg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Der in Ulm geborene Bildschnitzer Gregor Erhart schuf um 1500 das über 50 Zentimeter hohe Christkind aus Lindenholz. Heute befindet es sich im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

Die Wienhäuser Röcke wurden bereits restauriert. Bei den Arbeiten stellte sich überraschenderweise heraus, dass die Nonnen fast alle Kleider mit Pergament verstärkt hatten. Als Material dienten ihnen ausrangierte Handschriftenfragmente aus der Klosterbibliothek. Weil das Pergament zwar haltbar wie Leder, aber einfacher zu nähen war, wurde es eingesetzt, um steife Säume oder Falten zu erzeugen.


Jedes der Skulpturenkleider wurde individuell ausgeschmückt. Übereinstimmende Nähtechniken lassen darauf schließen, dass die Ornate in der Gemeinschaft entstanden sind. Bei komplizierteren Nähaufgaben half man sich gegenseitig und tauschte offensichtlich besondere handwerkliche Kniffe aus. Der Handarbeit - eine Beschäftigung, die auch für adelige Ordensangehörige standesgemäß war - wurde im Klosteralltag viel Zeit gewidmet. Sie galt als andächtige Tätigkeit, mit der man den heiligen Vorbildern nacheifern konnte - insbesondere der Muttergottes, die in einigen zeitgenössischen Darstellungen spinnend und webend erscheint.

Rückseite der Krone des Christkinds aus dem Rostocker Kloster zum Heiligen Kreuz: Fragile Blüten, Perlen und Silberblätter zieren das innen mit einem Handschriftenfragment verstärkte Objekt.
Barbara Eismann
Rückseite der Krone des Christkinds aus dem Rostocker Kloster zum Heiligen Kreuz: Fragile Blüten, Perlen und Silberblätter zieren das innen mit einem Handschriftenfragment verstärkte Objekt.

Wenn die Nonnen den Christkindern ihre Kleidchen buchstäblich auf den Leib schneiderten, konnten sie sich ihnen nahe fühlen. Denn mit dem Nähen der Ornate setzten sie praktisch um, was sonst durch Gebete erreicht wurde. Ludolph von Sachsen (1300-1377/78) forderte zum Beispiel in seiner Vita Christi dazu auf bereit zu sein, Jesus zu dienen und Maria dabei zu helfen, ihn zu umsorgen. Vor dem inneren Auge sollte, ohne dass dabei der Blick auf dem Bild einer Jesusfigur weilte, das Bett mit dem Kind in Windeln durch meditative Gebete imaginär erstellt werden. Solche Übungen fanden in den Frauenklöstern statt, gehörten aber auch zur religiösen Praxis männlicher Klosterinsassen. Durch diese Form des Gebets konnten sich die Menschen im Advent auf die Gottesgeburt vorbereiten, die nach den Vorstellungen der Mystiker in den Herzen stattfinden sollte. Entsprechend ist in Berichten über Marienvisionen die Rede davon, dass der Betende durch eine bestimmte Anzahl von Ave-Marias die Kleidung und den Schmuck für die Muttergottes erzeugen konnte.

Das Nähen, Ankleiden und Wiegen stand in dieser intellektuellen Tradition, wobei Christi Geburt nicht gedanklich nachvollzogen, sondern im Umgang mit den Bildwerken nachgespielt wurde. Die Nonnen taten dies während der Messen in der Gemeinschaft und allein in der eigenen Zelle.

Der Brauch des Einkleidens von Christkindern wurde in katholischen Gegenden im 17. und 18. Jahrhundert weiter gefördert. Er wurde sogar bis in unsere Zeit hinübergerettet: Der Bordesholmer Altar im Dom zu Schleswig birgt im vergitterten Tabernakel ein unbekleidetes Christkind aus dem 16. Jahrhundert. Jedes Jahr erhält es zu Weihnachten ein neues
Hemd.

Julia Ricker

Informationen:

Zwei der Wienhäuser Ornate werden in der Tapisserieausstellung präsentiert. Kloster Wienhausen, An der Kirche 1, 29342 Wienhausen, Tel. 05149 186610, www.kloster-wienhausen.de.

Das Christkind aus dem Bayerischen Nationalmuseum ist in der Krippensammlung ausgestellt. Bayerisches Nationalmuseum, Prinzregentenstraße 3, 80538 München, Tel. 089 2112401, www.bayerisches-nationalmuseum.de.

Das Mechelner Christkind aus dem Rostocker Kloster zum Heiligen Kreuz wird in der Mittelaltersammlung des Museums Schloss Güstrow, Franz-Parr-Platz 1, 18273 Güstrow gezeigt. Tel. 03843 7520, www.museum-schwerin.de

Das Christkind von Gregor Erhart ist in der Mittelaltersammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe ausgestellt, Steintorplatz, 20099 Hamburg, Tel. 040 428134880, www.mkg-hamburg.de

Das Christkind von S. 5 befindet sich im Kloster Walsrode, Kirchplatz 2, 29664 Walsrode, Tel. 05161 4858380, www.kloster-walsrode.de