April 2013

Im sächsischen Geyer soll ein Renaissancehaus gerettet werden

Lotters Erbe darf nicht verlottern

Der im 16. Jahrhundert errichtete Lotterhof birgt viele wertvolle Raumfassungen und Baudetails, die allerdings noch der Instandsetzung harren. Ein umtriebiger Förderverein will den stattlichen Wohnsitz Hieronymus Lotters bewahren und als kulturelles Zentrum etablieren. Dafür braucht er jede Unterstützung.

Die Leipziger können einiges zum Lotterleben erzählen. Den Menschen im erzgebirgischen Städtchen Geyer geht es ebenso. Dabei deutet der Begriff hier auf nichts Liederliches, sondern vielmehr auf einen ehrenwerten Bürger hin: Hieronymus Lotter (1497-1580) ist aus der sächsischen Geschichte nicht wegzudenken. Bedeutende städtische und landesherrliche Bauprojekte der Renaissance sind mit ihm verknüpft. In Leipzig wirkte er als erfolgreicher Kaufmann und Ratsherr, amtierte über viele Jahre als Bürgermeister und stand darüber hinaus in enger Verbindung mit dem Kurfürsten.

Die wertvolle hölzerne Kassettendecke aus dem frühen 17. Jahrhundert war ursprünglich kunstvoll bemalt. 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die wertvolle hölzerne Kassettendecke aus dem frühen 17. Jahrhundert war ursprünglich kunstvoll bemalt.

Bis heute scheint Lotter in der Metropole allgegenwärtig: Im Renaissancekostüm kann man ihn mieten, ihm auf Stadtspaziergänge folgen, bei Lotterschmaus und Lottertrunk auf Zeitreise gehen. Kulturelle Institutionen schmücken sich mit seinem Namen, ein Denkmalpflegepreis ist nach ihm benannt.

Der Zustand seines letzten Wohnhauses in Geyer scheint auf den ersten Blick so gar nicht zu der schillernden Persönlichkeit zu passen. Doch ein engagierter Förderverein setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, dass sich das ändert. Der sogenannte Lotterhof soll als hochkarätiges Zeugnis der Renaissance-Architektur bewahrt werden.

Lotter als kurfürstlicher Baumeister

Auch der Bauherr selbst erlebte gute und schlechte Zeiten. In Nürnberg geboren, zog Hieronymus Lotter mit seiner Familie nach Annaberg, wo der Vater Bürgermeister wurde und in Leipzig Handel trieb. 1520 stieg Hieronymus in die Geschäfte seines Vaters ein und machte als Unternehmer eine steile Karriere. Er hatte bald ein ansehnliches Vermögen angehäuft und konnte Geld an Stadträte, Fürsten und hohe Geistliche verleihen.

Dieser Saal wurde im Barock mit einer schlichten Stuckdecke versehen. 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Dieser Saal wurde im Barock mit einer schlichten Stuckdecke versehen.

Kurfürst Moritz von Sachsen setzte ihn 1548 erstmals als Baumeister ein: Lotter hatte den Ausbau der Leipziger Stadtbefestigung zu organisieren und zu verwalten. Es folgten weitere große Bauvorhaben, für die er im Auftrag des Landesherrn oder als städtischer Bauherr verantwortlich war und die er teilweise sogar aus seiner Schatulle vorfinanzierte. Dazu gehörte der Neubau der Pleißenburg als Zitadelle sowie der Umbau des Alten Rathauses, den er als Bürgermeister in Leipzig wohl selbst veranlasst hatte.

Zu Lotters Schicksalsprojekt sollte die nahe Chemnitz gelegene Augustusburg werden. Kurfürst August übertrug ihm 1568 die Oberaufsicht über den Bau des prächtigen Jagdschlosses. Der Regent konnte die Fertigstellung kaum erwarten, konfrontierte Lotter aber ständig mit Änderungswünschen. Probleme mit der Witterung, mit den Handwerkern und andere Widrigkeiten führten zu Verzögerungen. Darüber kam es 1571 schließlich zum Zerwürfnis mit dem Kurfürsten, der seinen Oberbaumeister der Baustelle verwies. Möglicherweise blieb dieser sogar auf seinen erheblichen Auslagen sitzen.

Bis heute hält sich die Legende, Lotter sei der geniale Schöpfer sächsischer Renaissancebaukunst gewesen. In einer Urkunde in lateinischer Sprache, die er 1557 im Turmknopf des Leipziger Rathauses hinterlegte, hatte Lotter sich als "architectus" gewaltiger Bauten bezeichnet, was zu Missverständnissen führte. Wie die jüngere Forschung gezeigt hat, gibt es für eine Entwurfstätigkeit keinerlei Belege. Auch mangelte es Lotter an einer entsprechenden handwerklichen Ausbildung. Seine Verdienste als geschickter Organisator des Bauwesens schmälert diese Erkenntnis keineswegs.

Parallel zu seinen Handelsgeschäften und Bautätigkeiten hatte Lotter in den erzgebirgischen Bergbau investiert, besaß ab 1563 in Geyer ein eigenes Zinnbergwerk. 1566 erwarb er das Rittergut Geyersberg, um sich auf dem Gelände einen weiteren Wohnsitz zu schaffen. Dass der architekturbegeisterte Patrizier bei seinem Privathaus nicht kleckerte, sondern klotzte, lag auf der Hand. Der stattliche, mehrstöckige Bau wurde in Bruchsteinmauerwerk mit profilierten Fenstergewänden aus Hilbersdorfer Porphyrtuff errichtet. Hohe Räume, unterschiedlich gestaltete Steinportale und verzierte Konsolen unterstrichen den vornehmen Charakter.

Der Lotterhof von Südosten: Als nächste wichtige Maßnahme müssen Zuganker angebracht werden, die das Haus zur Talseite hin stabilisieren. 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Lotterhof von Südosten: Als nächste wichtige Maßnahme müssen Zuganker angebracht werden, die das Haus zur Talseite hin stabilisieren.

Als Lotter beim Kurfürsten noch gut gelitten war, stattete dieser ihn mit diversen Privilegien aus. 1569 überschrieb August seinem "Bau- und Bürgermeister zu Leipzig und lieben getreuen Hieronymus Lotter" das Geyersche Anwesen als Lehnsgut. Im hohen Alter aber sank der Stern des einst so gepriesenen und protegierten Multitalents. Zur persönlichen Enttäuschung kam der finanzielle Ruin. Die Bergbauunternehmungen hatten sich als Fehlspekulation erwiesen. Lotter sah sich gezwungen, seine Häuser in Leipzig sowie sein Bergwerk zu verpfänden. 1580 starb er hoch verschuldet in seinem Wohnhaus in Geyer.

Ganz Geyer steht hinter der Restaurierung

In der Folge erlebte der Lotterhof verschiedene Besitzerwechsel und diente seit dem 19. Jahrhundert als Fabrikgebäude. Wo Lotter seinen Landesherrn empfangen hatte, wurden später Waschbretter und Kleinmöbel hergestellt. Zwar erfolgten Umbauten im Barock sowie im 19. und 20. Jahrhundert, doch ist die Struktur des 16. Jahrhunderts im westlichen Flügel nahezu unverändert erhalten. Das bereits 1936 unter Denkmalschutz gestellte Gebäude hat wertvolle Raumfassungen und Baudetails aus verschiedenen Epochen aufzuweisen, darunter eine farbig gefasste Holzkassettendecke aus dem 17. Jahrhundert. Allerdings gibt der traurige Zustand dieser architektonischen Besonderheiten Anlass zur Besorgnis. Seit 1990 stand der Lotterhof leer und drohte zu verfallen. Immerhin erhielt er kurz nach der Wende ein neues Dach.

Im Erdgeschoss hat der Verein bereits drei Gewölberäume saniert: Hier kann man feiern, Konzerten oder Vorträgen lauschen. 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Im Erdgeschoss hat der Verein bereits drei Gewölberäume saniert: Hier kann man feiern, Konzerten oder Vorträgen lauschen.

Der 1998 gegründete Förderverein "Kulturmeile Geyer - Tannenberg" engagiert sich seit mittlerweile zehn Jahren für den Lotterhof, der zusammen mit dem Wachtturm, in dem das Heimatmuseum untergebracht ist, und der St. Laurentiuskirche den historischen Kern der alten Bergstadt an der Silberstraße bildet.


Dank des Fördervereins hat der Lotterhof eine Zukunft. 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Dank des Fördervereins hat der Lotterhof eine Zukunft.

Der Verein hat ein Konzept für eine öffentliche, museale Nutzung erstellt, das der Bedeutung des Denkmals mehr als gerecht wird: In den repräsentativen Haupträumen des ersten Obergeschosses ist eine Ausstellung zur Renaissance in Sachsen und Böhmen vorgesehen. Das zweite Obergeschoss soll für kulturelle Veranstaltungen wie Kleinkunst, Puppentheater, Lesungen oder Kammerkonzerte zur Verfügung stehen und einen Kreativraum für die Museumspädagogik beherbergen.

Nachdem das Gebäude wieder an das Strom- und Wassernetz angeschlossen worden war, sanierten ehrenamtliche Mitstreiter 2010 die Gewölberäume fachgerecht. Hier ist eine beliebte Begegnungsstätte entstanden, in der Benefizveranstaltungen stattfinden und die man für private Feiern mieten kann. Die Vereinsmitglieder bringen nicht nur unglaublich viel Herzblut, Zeit und Kraft mit ein, sie sind in ihrer Stadt auch bestens vernetzt. Zum "Klinkenputzen" ist sich hier keiner zu schade, um Sponsoren zu gewinnen oder die örtlichen Handwerksbetriebe für teilweise unentgeltliche Arbeiten zu motivieren. Ganz Geyer steht hinter dem Projekt.

2011 übernahm der Verein den Lotterhof mittels Erbbaurechtsvertrag von der Stadt und treibt die Sanierung in kleinen Schritten voran. Es gibt noch viel zu tun: Risse in den Außenmauern sowie im Innenbereich müssen geschlossen, schadhafte Gewände instand gesetzt, fehlende Fenster und Türen nachgebaut werden. Derzeit arbeiten sich Fachleute durch diverse Farbschichten, dokumentieren die Baugeschichte und erstellen ein Restaurierungskonzept.

Für die Sanierung der Gewände und neue Kreuzstockfenster im ersten Obergeschoss hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 20.000 Euro bewilligt. Der Bund beteiligt sich ebenfalls an der Maßnahme. Doch um das regional bedeutende Kulturdenkmal zu retten und wiederzubeleben, sind weitere Spenden nötig. Wir bitten Sie, liebe Leserinnen und Leser, um Ihre Mithilfe!

Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Noch vermitteln Risse und verwitterte Fenstergewände einen trostlosen Eindruck.
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Einige Kreuzstockfenster konnten bereits erneuert werden.
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der urige Gewölbekeller wird gerne für Feiern gebucht.
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Stadtkrone von Geyer: der Lotterhof mit der Kirche St. Laurentius und dem Wachtturm
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der kurfürstliche Baumeister wusste zu repräsentieren: Imposant ist die schlossartige Raumfolge im Lotterhof.
 
 
Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Noch vermitteln Risse und verwitterte Fenstergewände einen trostlosen Eindruck.
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Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Einige Kreuzstockfenster konnten bereits erneuert werden.
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Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der urige Gewölbekeller wird gerne für Feiern gebucht.
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Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Stadtkrone von Geyer: der Lotterhof mit der Kirche St. Laurentius und dem Wachtturm
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Geyer, Lotterhof © ML_Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der kurfürstliche Baumeister wusste zu repräsentieren: Imposant ist die schlossartige Raumfolge im Lotterhof.
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Bis 2016 soll eine wesentliche Etappe geschafft sein: Dann feiert der Lotterhof sein 450-jähriges Jubiläum. Mit weiterer Unterstützung durch die Bürger erscheint dieses Ziel nicht unrealistisch. Denn bei allem historischen Bewusstsein - Lotterwirtschaft ist dem Förderverein fremd.

Bettina Vaupel


Förderverein "Kulturmeile Geyer - Tannenberg"
Am Lotterhof 11
09468 Geyer
Tel. 037346/9 15 46

Weitere Infos im WWW:

www.kulturmeile-geyer-tannenberg.de