Menschen für Denkmale April 2013

In Quedlinburg sind Denkmalschutz und behindertengerechtes Wohnen harmonisch verbunden

Auf eigenen Füßen stehen

Mittags ist es auf den langen, hellen Fluren des Hauses Weingarten 22 ruhig. Noch gehen die 19 Bewohner des historischen Fachwerkensembles, das von der Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg GmbH genutzt wird, ihrer Arbeit nach. Sie sind in verschiedenen geschützten Werkstätten beschäftigt, die die Selbsthilfeorganisation Menschen mit Behinderungen anbietet. Aus einem breiten Spektrum, das von der Papier- oder Metallverarbeitung über eine Tierpension bis zu einem Supermarkt und einer Kaffeerösterei mit angeschlossenem Café reicht, können die Frauen und Männer auswählen, wo sie sich engagieren möchten. Der 36-jährige Heiko hat sich für das in einem Fachwerkgebäude aus dem 16. Jahrhundert untergebrachte Café Samocca entschieden. Frischer Kaffeeduft erfüllt den geschmackvoll eingerichteten Raum, in dem der junge Mann die verschiedensten Kaffeearten zubereitet und den Gästen serviert.

Das Café Samocca ist ein begehrter Arbeitsplatz. 
Quedlinburg, Café Samocca © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Café Samocca ist ein begehrter Arbeitsplatz.

Zurück im Weingarten, kündigt klapperndes Geschirr in der Küche am frühen Nachmittag die Rückkehr der Bewohner an, die zwischen 23 und 57 Jahre alt sind. Schon bald versammeln sie sich bei Kaffee und Kuchen, besprechen die Ereignisse des Tages oder erzählen von Problemen bei der Arbeit. Mittendrin sitzt Melanie Tischner, eine junge Heilerziehungspflegerin, die seit vier Jahren hier arbeitet. Schnell werden auch wir Besucher in die lebhafte Unterhaltung einbezogen. Einige erzählen von ihren Hobbys: von Einsätzen als Schiedsrichter beim heimischen Fußballclub, vom Theater und vom ehrenamtlichen Engagement bei der Feuerwehr. Draußen im Hof zeigt uns Simone die Kaninchen, um die sie sich liebevoll kümmert. Nachdem uns einige Bewohner Zutritt zu ihren Zimmern gewährt haben, dürfen wir auch einen Blick in eine von vier kleinen Wohnungen werfen, die in den Gebäudekomplex integriert sind. Weitgehend eigenständig, ohne aber auf die Gemeinschaft verzichten zu müssen, lebt hier ein Ehepaar, das uns stolz durch seine persönlich gestalteten Räume führt.

Blick von der Hohe Straße auf das Hauptgebäude des historischen Fachwerkensembles – 2012. 
Quedlinburg, Weingarten 22 © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick von der Hohe Straße auf das Hauptgebäude des historischen Fachwerkensembles – 2012.

Am 4. Juli 2002 wurde die Einrichtung der Lebenshilfe inmitten der historischen Altstadt von Quedlinburg feierlich eingeweiht. Zwei Jahre lang war der Gebäudekomplex, der bereits dem Verfall preisgegeben zu sein schien, saniert worden. In der Bausubstanz des stattlichen, aus vier Häusern bestehenden Anwesens spiegeln sich vier Jahrhunderte wider - beginnend 1597, als das Hauptgebäude entstand, ein Renaissancefachwerkbau, der später durch Anbauten ergänzt wurde. Bis ins 20. Jahrhundert beherbergte das repräsentative Bürgerhaus den "Gasthof zum Güldenen Schwert". Anschließend wurde es als Mietswohnhaus genutzt, bis es durch jahrzehntelangen Leerstand so baufällig geworden war, dass Einsturzgefahr drohte.

Eine positive Entwicklung zeichnete sich ab, als Professor Dr. Gottfried Kiesow, der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), sich für die Erhaltung des bedeutenden Quedlinburger Einzeldenkmals einsetzte. Er konnte zwei begeisterte Mitstreiter gewinnen, die seine Idee, das denkmalgeschützte Haus im Weingarten zu sanieren und es behinderten Menschen zur Nutzung zu überlassen, mit großem Engagement unterstützten: Alexander U. Martens vom Lions Club und der Rotarier Professor Dr. Wolfgang Firnhaber. Bei der Lebenshilfe, die auf der Suche nach einer zentral gelegenen Unterkunft war, stieß dieser Plan auf offene Ohren. So wurde erstmals ein gemeinsames Projekt der beiden Service-Clubs auf den Weg gebracht, das auf Bundesebene bis heute einmalig ist. Auch wenn Martens und Firnhaber viel Überzeugungsarbeit leisten mussten, gelang es, rund 650.000 Euro und damit rund ein Drittel der Gesamtkosten aufzubringen. Jeweils eine Million Mark steuerten die DSD und die Städtebauförderung damals zur Finanzierung bei. Um den Wohnkomplex dauerhaft zu erhalten, gründeten die beiden Clubs darüber hinaus gemeinsam eine von der DSD treuhänderisch verwaltete Stiftung. Als Dank an die großzügigen Förderer trägt die Einrichtung im Weingarten den Namen "Haus der Lions und der Rotarier".

Das Ensemble vor der Sanierung 1998 
Quedlinburg, Weingarten 22 © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das Ensemble vor der Sanierung 1998

Zugleich denkmal- und behindertengerecht zu sanieren, stellte eine große Herausforderung dar. Ein gravierendes Problem bestand darin, die notwendige Barrierefreiheit herzustellen. "Es gab überhaupt keine gemeinsamen Ebenen, überall waren Stufen", erinnert sich Rainer Mertesacker, der die Maßnahme als Projektarchitekt unserer Stiftung betreute. "Wir mussten also eine entsprechende Ertüchtigung vornehmen und fünfzig bis sechzig Zentimeter Ausgleichsebenen schaffen." Das bereits vor der Sanierung wegen Einsturzgefahr abgetragene vierte Haus wurde neu errichtet, die beiden schmalen, mittleren Häuser wurden zur Hofseite durch eine gläserne Galerie verbunden, die den Blick auf breite, für Rollstühle geeignete Flure sowie das kostbare Fachwerk freigibt. Für die Verwendung von Glas als Baumaterial sprach nicht nur der Lichteinfall. Glastüren helfen auch bei der Orientierung und geben Sicherheit. "Gerade für Behinderte ist es wichtig, jederzeit zu wissen, wo sie sich befinden", so Mertesacker. Aus diesem Grund wurde auch in den Aufzugschacht ein langes Fenster integriert. Es gewährt zudem einen Ausblick auf die malerische Altstadt und vermittelt den Bewohnern das Gefühl, im sozialen Gefüge verankert zu sein.

Wie positiv die zentrale Lage der Einrichtung die Selbständigkeit ihrer Bewohner beeinflusst, erleben wir nach dem Kaffeetrinken, als es auf den Fluren lebhaft zugeht. Während eine junge Frau zu einem Arzttermin aufbrechen muss, wartet eine andere schon mit einer langen Einkaufsliste auf die Betreuerin. "Wir sind Selbstversorger, und die Bewohner, die am Wochenende kochen, erledigen mit uns auch den Einkauf", erklärt Melanie Tischner. Ein solches Amt zu übernehmen, die Böden zu wischen, Küche und Gemeinschaftsbäder zu säubern, gehört zu den Aufgaben, die jede Woche neu verteilt werden. "Vom intensiv betreuten Wohnen hier im Weingarten ist das betreute Wohnen außerhalb der Einrichtung der nächste Schritt in die Selbständigkeit", betont Tischner. "Wir sind hier die letzte Stufe auf diesem Weg."

In ihrer Freizeit kümmern sich die Bewohner liebevoll um die Kaninchen. 
Quedlinburg, Weingarten 22 © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
In ihrer Freizeit kümmern sich die Bewohner liebevoll um die Kaninchen.

Das Leben so weit wie möglich aus eigener Kraft zu meistern und auf eigenen Füßen zu stehen, ist für viele ein sehnlicher Wunsch. Davon erzählen Bewohner des Hauses im Weingarten in einem Hörbuch, für das die Autorin Edith Jürgens die Geschichten von Menschen mit Handicap aufgeschrieben hat. Die Texte werden von Sprechpaten gelesen, die mit bewundernswertem Feingefühl den jeweils angemessenen Ton treffen. Die Produktion stieß auf so große Resonanz, dass eine Fortsetzung geplant ist.

Seit 2002 leben Menschen mit Handicap in dem ehemaligen Kaufmannshof nahe dem Quedlinburger Marktplatz. 
Quedlinburg, Weingarten 22 © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Seit 2002 leben Menschen mit Handicap in dem ehemaligen Kaufmannshof nahe dem Quedlinburger Marktplatz.

Um die Bewohner weiterhin auf ihrem Weg unterstützen zu können, soll auch die Zukunft ihres Quedlinburger Domizils auf eine sichere finanzielle Grundlage gestellt werden. Bisher waren nur kleine Renovierungen notwendig, doch nach rund zehn Jahren fallen erstmals größere Wartungs- und Pflegemaßnahmen an. Es sind umfangreiche Putz- und Anstricharbeiten erforderlich. Das Fachwerk an der Giebelwand muss restauriert, alle Fenster und Türen müssen überarbeitet und gestrichen werden. Vor mehr als 500 Jahren hat der Erbauer über der Toreinfahrt einen lateinischen Spruch einkerben lassen, den man noch heute lesen kann und der übersetzt lautet: "Dieses Gebäude hätte Andreas Quenstedt Anno 1597 vergeblich begründet, wenn nicht Gott die Erfahrung gegeben hätte, die ein Handwerker braucht, um den Bau glücklich zu vollenden." Möge das Haus, das Denkmalschutz und -behindertengerechtes Wohnen mitten in der Stadt harmonisch verbindet, seinen Nutzern auch in Zukunft erhalten bleiben.

Friedegard Hürter

Das Hörbuch "Träume nicht Dein Leben, lebe! Geschichten von Menschen mit Handicap" ist gegen eine Spende von 10 Euro bei der Lebenshilfe GmbH, Quedlinburger Straße 2, 06502 Weddersleben zu beziehen.

Um den Gebäudekomplex Weingarten 22 dauerhaft erhalten und pflegen zu können, bitten wir unsere Leserinnen und Leser herzlich um Zuwendungen in den Vermögensstock der DSD-Stiftung "Haus der Lions und der Rotarier in Deutschland", Konto-Nr. 265 500 711, BLZ 370 800 40, Commerzbank AG, Verwendungszweck "1007656X Zustiftung"