Interview mit Burkhard Erdmann

Sakrales Kunstgut in Mecklenburg

MO: In unserem großen Artikel berichten wir über bedrohte Kirchenausstattungen. Ohne Altäre, Emporen, Orgeln, Beichtstühle, Kanzeln, Heiligenfiguren und Reliquiare können liturgisch genutzte Räume kaum existieren. In den Kirchen Mecklenburg-Vorpommerns haben sich unzählige historische Stücke erhalten. Wurde der Bestand an sakralem Kunstgut Ihres Kirchenkreises bereits komplett inventarisiert?

Burkhard Erdmann: Im Kirchenkreis Stargard - jetzt Propstei Stargard - wurde das Kunstgut durch einen Sachverständigen bereits 2005 erfasst und dokumentiert. Noch immer besteht ein Restaurierungsstau von zirka 1,2 Millionen Euro für das Kunstgut. Etwa fünf Millionen Euro werden darüber hinaus benötigt, um die Innenräume und die Gestühle der Kirchen zu sanieren.

MO: Als Ende der 1990er Jahre die Dorfkirche in Roga vom Einsturz bedroht war, lagerte man die gesamte Ausstattung aus. War dies ein einmaliger Fall, oder gibt es noch weitere Beispiele?

Burkhard Erdmann: Dass die komplette Ausstattung eine Kirche verlassen musste, war bisher nur in Roga der Fall. Nachdem hier die Gebäudehülle instand gesetzt worden war, kehrte das Kunstgut wieder zurück. Das Kirchengestühl war allerdings so stark geschädigt, dass nur noch einzelne Bänke gerettet werden konnten - ein Ergebnis der schlechten Bauunterhaltung in den Zeiten der DDR.

In anderen Gotteshäusern des Kirchenkreises Mecklenburg wurden zum Beispiel Altargemälde ausgelagert. Mehrfach ist vorgekommen, dass man Orgeln aus den Gebäuden herausnehmen musste. Sie wurden zum Teil vom Orgelmuseum in Malchow aufgenommen. Die Musikinstrumente können erst dann in die Kirchen zurückgebracht werden, wenn diese grundsaniert sein und danach Anobien und andere Holzschädlinge bekämpft sein werden.

Teile der Ausstattung lagern in Einzelteile zerlegt in der Dorfkirche von Roga. 
© R. Rossner
Teile der Ausstattung lagern in Einzelteile zerlegt in der Dorfkirche von Roga.

MO: Könnte es sein, dass in Ihrem Kirchenkreis vergessene "Schätze" auf Dachböden oder in Lagerräumen schlummern?

Burkhard Erdmann: Es ist nicht ausgeschlossen, dass auf einzelnen Dachböden noch Stücke verborgen sind. In der Kirche zu Priepert fanden wir beispielsweise bei Dacharbeiten 2004 den Taufengel. Er lässt sich über eine Windenkonstruktion vom Dachboden aus bedienen und hing vormals an der Decke der Kirche. Im Zuge der Instandsetzung des Gotteshauses wurde der Taufengel restauriert und an seinem alten Platz angebracht. Nachdem aber 2005 das Inventar unseres Kirchenkreises erfasst worden war, dürften solche Zufallsfunde wohl nicht mehr vorkommen.

MO: Wie sieht die praktische Hilfestellung seitens der Denkmalämter oder des Kirchenkreises für Kirchengemeinden aus, die ihre Ausstattungen instand halten müssen? Was passiert, wenn Kirchengemeinden dazu finanziell nicht in der Lage sind?

Burkhard Erdmann: Ein ganz großes Problem ist, dass die Kirchengemeinden hier im Osten Mecklenburgs für diese Arbeiten in der Regel keine Mittel in die Baukassen ihrer Haushaltsplanungen einstellen können. Nur die großen Stadtgemeinden haben dazu noch die finanzielle Kraft. In den Dorfkirchen mit den sehr kleinen Kirchengemeinden - teilweise kommen nur 20 Gemeindemitglieder auf ein Kirchengebäude - stehen keine Eigenmittel für die Instandhaltung der Ausstattung oder die Renovierung des Innenraums zur Verfügung. Der Kirchenkreis kann nur mit Zuschüssen helfen, um eine Notsicherung an den Gebäuden vorzunehmen.

23 Jahre nach der Wiedervereinigung konzentrieren sich immer noch alle Anstrengungen auf die Sicherung der Bausubstanz. Hier sind wir zwar schon einen großen Schritt vorangekommen, es gibt aber immer noch "Notkirchen", an denen Sicherungsmaßnahmen ausgeführt werden müssen. Die vorhandenen Mittel der Denkmalämter und des Kirchenkreises gehen nur ganz selten in den Innenraum der Kirche, weil der Bedarf an der Grundsicherung sehr hoch ist. Oft haben die Kirchengemeinden keine Kapazitäten, um den Innenraum zu restaurieren. Dann können nur notdürftige Sicherungen der Gebäudehüllen erfolgen, und die Kirchen müssen geschlossen werden, wie es zum Beispiel in Wrodow, Sandhagen und Wittenborn passierte.

MO: In vielen Dörfern und Städten identifizieren sich die Bewohner mit den Kirchengebäuden. Auch wenn manche nur selten oder gar nicht die Gottesdienste besuchen, engagieren sie sich für die Erhaltung sakralen Kunstguts. Wie lässt sich diese Anteilnahme erklären?

Burkhard Erdmann: Die Bürger vor Ort interessieren sich meist für die Kirche als Gebäude. Sie sehen sie als Mittelpunkt des Dorfes, verbinden mit diesen Bauten ein Heimatgefühl. Mit der Ausstattung kommen die meisten erst bei Führungen, zum Beispiel beim Tag des offenen Denkmals, in Berührung. Dann haben viele einen ersten Kontakt mit dem Sakralraum und seinen Botschaften.

Nach der Instandsetzung der Dorfkirche von Klein Helle kehrte ihre Ausstattung wieder zurück. Dank der vielen Spenden an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz kann der Altaraufsatz mit der Mondsichel-Madonna restauriert werden. 
© R. Rossner
Nach der Instandsetzung der Dorfkirche von Klein Helle kehrte ihre Ausstattung wieder zurück. Dank der vielen Spenden an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz kann der Altaraufsatz mit der Mondsichel-Madonna restauriert werden.

MO: Können Sie etwas zum bürgerschaftliche Engagement für Kircheneinrichtungen in der DDR und der Wendezeit sagen?

Burkhard Erdmann: Auf den Dörfern gab es die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG). Diese Großbetriebe hatten in der Regel auch Baubrigaden und kleine Baubetriebe. Ihre Arbeitseinsätze wurden je nach Stärke der Kirchengemeinden und ihrer Kirchengemeinderäte organisiert. Bei den kleineren aber auch größeren Maßnahmen wurde zwar manchmal fehlerhaft vorgegangen, weil keine fachliche Anleitung vorhanden war, zum Beispiel bei der Farbgebung des Gestühls, oder der Verwendung von zementhaltigen Innenputzen. Außerdem kam es vor, dass Dächer ohne Instandsetzung des Dachstuhls neu gedeckt wurden und Holzteile nur in sehr einfacher Ausführung ersetzt wurden. Aber diese Arbeiten trugen dazu bei, dass die Gebäude überhaupt instand gehalten wurden. Weil die Reparaturen damals mit einfachen Mitteln, ohne "staatliche Baukapazitäten", stattfanden, wiederholen wir sie heute teilweise noch einmal.

Die Stadtkirchen hatten zur Wendezeit und kurz danach eine große Bedeutung als Symbole der friedlichen Revolution in Ostdeutschland. Die Kirche stellte den sich versammelnden Demonstranten einen Raum bereit. In den Stadtkirchen gab es danach Unterstützung von den Kommunen für Renovierungsarbeiten. Die neuen Politiker erinnerten sich an den Kirchenraum, der ihnen Schutz geboten hatte. Der Baubedarf an unseren Kirchen war aber so dramatisch, dass es nicht in erster Linie um die Ausstattung ging. Viele Gelder, zum Beispiel der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Bundesprogramms "Dach und Fach", flossen in die Gebäudesicherung. Natürlich engagierten sich auch Privatpersonen in ihrer Kirche. Sie spendeten, damit einzelne Ausstattungsstücke restauriert werden konnten.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Julia Ricker

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