Wohnhäuser und Siedlungen Streiflichter Design Oktober 2012

Im Krefelder Haus Lange fahren die Fenster in den Keller

Samt, Seide, Mies

Für zwei kunstsinnige Krefelder Seidenfabrikanten entwarf Ludwig Mies van der Rohe Ende der 1920er Jahre benachbarte Villen: Haus Lange und Haus Esters. Sie waren ein klares Bekenntnis zum Bauhaus-Gedanken. Nach der grundlegenden Instandsetzung der beiden berühmten Wohnhäuser, die heute als Ausstellungsräume für moderne Kunst genutzt werden, lassen sich in Haus Lange sogar wieder die ungewöhnlichen Hebefenster bedienen.

Berlin, Chicago, New York - Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) hat nicht nur in den Metropolen seine wegweisenden Beiträge zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts geleistet. Im selben Atemzug darf auch Krefeld genannt werden. Mit der Seidenstadt war Mies über viele Jahre kreativ verbunden. Hermann Lange (1874-1942), Gründer der Vereinigten Seidenwebereien AG (Verseidag), wollte die Avantgarde an den Niederrhein holen. Der Kunstsammler, der auch Mitglied im Deutschen Werkbund war, konnte Mies für ganz unterschiedliche Aufträge gewinnen.

Die Gartenseite von Haus Lange mit den versenkbaren Fenstern im Erdgeschoss. 
© Volker Doehne, Kunstmuseen Krefeld
Die Gartenseite von Haus Lange mit den versenkbaren Fenstern im Erdgeschoss.

Die zwischen 1927 und 1930 erbauten benachbarten Wohnhäuser für die beiden befreundeten Verseidag-Direktoren Hermann Lange und Dr. Josef Esters zählen längst zu den Inkunabeln des Neuen Bauens. Weniger bekannt ist, dass Mies - von 1930 bis 1933 Direktor des Dessauer Bauhauses - in den 1930er Jahren auch Firmengebäude für die Verseidag errichtete. Der Architekt zeichnete für Messeauftritte der Seidenindustrie verantwortlich, gestaltete zusammen mit seiner Partnerin Lilly Reich das Café "Samt und Seide" im Rahmen einer Modeausstellung, entwarf Möbel und mehrere nicht realisierte Bauten, darunter ein Haus für den Krefelder Golfclub.

Die beiden zweigeschossigen, mit dunkelroten Backsteinen verkleideten Häuser Esters und Lange konstruierte Mies van der Rohe aus massiven Mauern und Stahlträgern. L-förmig öffnen sich die gestaffelten Kuben zum Garten hin, der vom Architekten parkartig gestaltet wurde. Das Innere spiegelte die konventionelle Aufteilung einer großbürgerlichen Villa wider - den Bedürfnissen der Bauherren entsprechend mit teilweise geschlossenen Räumen. Diese wurden sparsam möbliert, um Architektur und Kunstwerke zur Geltung zu bringen.

Eines der Hebefenster auf dem Weg nach unten. 
© Volker Doehne, Kunstmuseen Krefeld
Eines der Hebefenster auf dem Weg nach unten.

Die Stahlträger ermöglichten den Einbau großer Fenster, die zum Teil versenkbar waren und so den Außenbereich auf neuartige Weise mit einbezogen. Diesen Kunstgriff wendete Mies auch beim Haus Tugendhat (1928-30) im tschechischen Brünn an. Beim Haus Lange wurden die mit Stahlrahmen versehenen Scheiben an Ketten aufgehängt und konnten sowohl per Hand als auch durch Motoren in den Keller verschoben werden.

Die Villa ist schon seit 1955 öffentlich zugänglich: Die Familie Lange stellte der Stadt Krefeld das Gebäude für Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zur Verfügung. 13 Jahre später folgte die Schenkung. Auch Haus Esters wird seit 1981 mit Wechselausstellungen bespielt. Die beiden Dependancen des städtischen Kaiser-Wilhelm-Museums sind als hochrangige Zeugnisse der Klassischen Moderne selbst Exponate.

Bereits zwischen 1998 und 2000 wurden die Villen grundlegend saniert. Doch die Vollendung stand noch aus: Die Hebefenster von Haus Lange, seit Jahrzehnten außer Funktion, sollten sich wieder bedienen lassen. Nach der Umstellung auf Wechselstrom konnten die noch mit Quecksilberschaltern ausgestatteten Gleichstrommotoren nicht mehr eingesetzt werden. Einzelne Teile waren verloren oder beschädigt.

Die Krefelder Baudenkmal-Stiftung, eine Treuhandstiftung in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, beteiligte sich mit 25.000 Euro an der Instandsetzung der Mechanik. Dabei hat man die alte Technik von 1928 bewahrt, aber auf einen neuen und vor allem sicheren Stand gebracht. Auch die großen Scheiben mussten im Zuge der Maßnahme erneuert werden.

2011 wurden die Hebefenster wieder in Betrieb genommen. Zweimal im Jahr - anlässlich der Veranstaltungsreihe "Mehr Mies" - kündigt ein leises Surren den Effekt an, der dem Architekten am Herzen lag: die Verschmelzung von Innen- und Außenraum.

Bettina Vaupel