Ikonographie Oktober 2012

Die Kirche in Dahme/Mark wurde gesperrt

Rot für Gift

Die Stadtkirche St. Marien im brandenburgischen Dahme/Mark ist seit einem Jahr gesperrt. Ihr verformter Dachstuhl muss restauriert werden. Eine größere Aufgabe ist jedoch, das giftige Holzschutzmittel aus den 1970er Jahren zu entfernen.

Von jetzt auf gleich standen die Kirchgänger vor verschlossener Tür. Entgeistert lasen sie auf dem roten Zettel, dass die Stadtpfarrkirche St. Marien wegen zu hoher Schadstoffbelastung bis auf weiteres nicht mehr für Gottesdienste zur Verfügung steht. Dabei hatten die Menschen der evangelischen Pfarrgemeinde im brandenburgischen Dahme/Mark den Eindruck, die Rettung ihrer Kirche sei auf einem guten Weg.

Die Schadstellen und vor allem die öligen Flecken des Holzschutzmittels an der Holztonnendecke sind ein Zeichen, dass die Stadtkirche in Dahme/Mark restauriert werden muss. 
© ML Preiss
Die Schadstellen und vor allem die öligen Flecken des Holzschutzmittels an der Holztonnendecke sind ein Zeichen, dass die Stadtkirche in Dahme/Mark restauriert werden muss.

Vor vier Jahren war bereits der markante Westturm der barocken Kirche umfassend saniert und vor allem wieder standsicher gemacht worden. Zu groß war die Gefahr gewesen, dass er auf das benachbarte Pfarr- und Gemeindehaus niederstürzte. Mit viel Engagement hatte Pfarrer Stephan Magirius noch vor seinem Wechsel nach Altdöbern alle Wege beschritten, um finanzielle Förderung für die Kirche zu erhalten; viele Bürger unterstützten ihn dabei mit Spenden. In zwei Bauabschnitten konnte 2007 und 2008 der Turm restauriert werden, wobei auch die Ernst-Ritter-Stiftung in der Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit insgesamt 30.000 Euro half.

Danach stand, wenn wieder Geld verfügbar wäre, die mindestens so nötige dachstuhlsanierung des Kirchenschiffs auf dem Plan. Die mächtige Holzkonstruktion ist schon lange ein Opfer von Schädlingen und vom Echten Hausschwamm. Zunächst hatte man versucht, ihrer Herr zu werden, indem die schlimmsten Schadstellen an den Balken mit dem Beil entfernt wurden. Nur zeitweise war dieser Maßnahme Erfolg beschieden. Der Hausschwamm breitete sich über die Jahre im Traufbereich weiter aus. Durch die Holzfäule und die geschwächten Balken verformte sich der gesamte Dachstuhl. Herunterbrechende Putzstücke vom Gesims und von der Kirchendecke mahnen zum Handeln.

Für eine grundlegende Restaurierung des Dachstuhls fehlte in den letzten Jahrzehnten jedoch das Geld, denn St. Marien ist eine große Kirche. Sie wurde zu einer Zeit errichtet, als die vom Dreißigjährigen Krieg gezeichnete Flämingstadt Dahme unter den Fürsten von Sachsen-Weißenfels begann, wieder eine blühende Handels- und Tuchmacherstadt an der Salzstraße zu werden. Sechs große Stadtbrände hatte Dahme zu verkraften, wobei jedesmal auch St. Marien in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nach dem letzten Brand 1666 wurde auf dem Grundriss der abgebrannten mittelalterlichen Kirche ab 1671 das heutige Gotteshaus als Emporensaal mit einem abgewalmten Mansarddach errichtet. Der Kirchenraum erhielt drei verglaste Logen sowie Doppelemporen, die auch in einem querhausartigen Anbau an der Südseite umlaufen. Dieses in der Proportion zur Architektur des Kirchenschiffs ungewöhnliche Querhaus hatte man wegen der einstmals zahlreichen Gläubigen als Raumerweiterung beibehalten.

Vor vier Jahren wurde der Turm instand gesetzt. 
© ML Preiss
Vor vier Jahren wurde der Turm instand gesetzt.

1905/06 wurde die Kirche noch einmal umfassend restauriert. Dabei wechselte man von der monochromen Farbgebung des 19. Jahrhunderts zu einer barockisierenden Raumfassung, die die einheitlich erhaltene Ausstattung von 1678 betont.

1995 trennte die Kirchengemeinde das Querhaus als Winterkirche mit einer hohen Glaswand ab. So haben die Gläubigen einen angenehm zu temperierenden Gebetsraum, ohne auf den Blick in ihr Gotteshaus verzichten zu müssen.

Doch seit letztem Sommer ist die Kirche gesperrt. Pfarrer Carsten Rostalsky feiert seither die Gottesdienste in anderen Räumlichkeiten: im benachbarten Seminar für Kirchliche Dienste oder im Pfarrgemeindehaus. Für den traditionell vielbesuchten Gottesdienst an Heiligabend wich man ins Freizeitzentrum "Sportwelt" aus. "Gottesdienste können wir natürlich an vielen Örtlichkeiten feiern. Aber wir haben doch unsere alte, vertraute Stadtkirche. Viele unserer Kirchgänger verstehen es nicht, dass wir nicht mehr hineindürfen", sagt Elona Rose vom Pfarramt.

Von 1678 stammt der barocke Altar mit der ungewöhnlichen Kreuzigungsszene: Die Figuren sind wie in einem Relief erhaben gearbeitet. 
© ML Preiss
Von 1678 stammt der barocke Altar mit der ungewöhnlichen Kreuzigungsszene: Die Figuren sind wie in einem Relief erhaben gearbeitet.

Denn die Gefahr ist unsichtbar: In den 1970er Jahren wurde zur Schädlingsbekämpfung im Dachstuhl eine Mixtur von Holzschutzmitteln auf der Basis des damals gebräuchlichen Hylotox 59 eingesetzt, das das heute verbotene, weil giftige DDT enthält. Allein die öligen Flecken an der Kirchendecke deuten darauf hin, dass das Gift seit Jahrzehnten vom Dachstuhl eindringt und sich wie ein unsichtbarer Schleier auf alles legt.

Bei der obligatorischen Voruntersuchung für die weitere Restaurierung wurde in der Raumluft und im Staub der Kirche ein für die Gesundheit kritischer Schadstoffwert ermittelt, mit dem man nicht gerechnet hatte. Die extreme Belastung nun zu beheben, stellt eine beachtliche Herausforderung dar. Verschiedene Methoden werden zur Zeit auf ihre Effizienz geprüft. Für welche sich die Fachleute auch entscheiden, sie wird kostenintensiv sein. Denn die Kirche besitzt nicht nur einen großen Dachstuhl, sondern auch eine reiche Holzausstattung wie die Emporen, die Logen, das Beichtgehäuse, das Gestühl, die Kanzel, den Altar, den Orgelprospekt, die Türen und das Tonnengewölbe der Decke.

Das Gift zu beseitigen, kann die Kirchengemeinde ohne finanzielle Unterstützung nicht leisten. Daher möchte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ihr gerne helfen und hofft, dass viele ihrer Förderer für die Rettung des barocken Gotteshauses spenden. Es würde die Menschen in Dahme freuen, wenn in dem Informationskasten an der Kirchentür der rote Zettel verschwindet und wieder Platz ist für Aufgebote und Taufanzeigen, für Termine des Jugendzirkels, von Chorproben und Konzerten.

Christiane Rossner