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Die Diskussion zur Restaurierung der Meisterhäuser in Dessau

Idee oder Substanz?

Als "Aushängeschild" der Bauhausbewegung plante Walter Gropius die Meisterhaussiedlung in Dessau. Sie avancierte durch die anhaltende Wirkung der Werbefotografien von Lucia Moholy zu einer Ikone der Moderne. Während diese als (Vor-)Bilder den westlichen Architekten vor Augen standen, wurden die weitgehend unzugänglichen Originale während der DDR-Zeit vernachlässigt und immer unansehnlicher. Nach 1989 ergab sich die Gelegenheit, die Wirklichkeit wieder dem Bild anzugleichen, das man sich von ihr gemacht hatte.

Nur sechs Jahre - von 1926 bis 1932 - diente die Meisterhaussiedlung als Wohnort der Lehrer an der Bauhaus-Hochschule für Gestaltung. Nachdem die NSDAP 1931 die Gemeinderatswahlen gewonnen hatte, wurde im Folgejahr ein Ratsbeschluss zur Auflösung dieses Laboratoriums der Moderne herbeigeführt, an dem neben dem Gründer Walter Gropius bedeutende Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Georg Muche, Lyonel Feininger, Hinnerk Scheper, Josef Albers und Lázló Moholy-Nagy unterrichteten. 1939 verkaufte die Stadt Dessau die in ihrem Auftrag errichteten Häuser an die Junkerswerke. Verbunden damit war die vertragliche Auflage, "diese Häuser im Einvernehmen mit dem Stadtbauamt außen (…) so umzugestalten, dass die wesensfremde Bauart aus dem Stadtbild verschwindet." Man verkleinerte die meisten Atelier- und Treppenhausfenster und zog Zwischenwände ein, weshalb zusätzliche Fenster erforderlich waren. Es unterblieb aber die verlangte Umgestaltung großen Stils.

In der Ebertallee 65–71 baute Walter Gropius die Meisterhäuser als Unterkunft für die Lehrer des Bauhauses. Sie waren gleichzeitig Musterhäuser für modernes Wohnen. Von Ost nach West waren es das Einzelhaus Gropius, sowie jeweils die Doppelhäuser Moholy-Nagy/Feininger, Muche/Schlemmer und Klee/Kandinsky. 
© R. Rossner
In der Ebertallee 65–71 baute Walter Gropius die Meisterhäuser als Unterkunft für die Lehrer des Bauhauses. Sie waren gleichzeitig Musterhäuser für modernes Wohnen. Von Ost nach West waren es das Einzelhaus Gropius, sowie jeweils die Doppelhäuser Moholy-Nagy/Feininger, Muche/Schlemmer und Klee/Kandinsky.

Während des Zweiten Weltkrieges waren die Junkerswerke als Fabrik für Militärflugzeuge Ziel alliierter Bombenangriffe. Die Stadt Dessau wurde im März 1945 zu über 80 Prozent zerstört. Auch die ehemalige Meisterhaussiedlung wurde getroffen, eine Doppelhaushälfte dem Erdboden gleichgemacht und die Direktorenvilla von Gropius so stark beschädigt, dass sie bis auf das Souterraingeschoss abgetragen werden musste. Die bald nach dem Krieg von offizieller Seite aufgebrachte Formalismus-Diskussion ließ in der DDR zunächst keinen Platz für die Bauhaus-Moderne. Es kam zu weiteren Umbauten. Die schlecht funktionierenden Zentralheizungen wurden durch Öfen ersetzt, für die entlang der Außenwände Kamine bis weit über die Abschlussgesimse hochgemauert werden mussten. Auf den meisten Wandflächen brachte man einen rauen Spritzputz auf, Fenster wurden ausgetauscht. Im Laufe der Jahrzehnte errichteten die Bewohner eigene Anbauten und Unterstände und ersetzten Verschleißteile, doch unterblieb eine umfassende Bauunterhaltung.

Wiederherstellung der Meisterhäuser nach der Wende

Nach der Wende bemühte sich die Stadt Dessau um die Wiederherstellung der dortigen Bauhausbauten. Nach und nach wurden die Meisterhäuser mit wechselnden Sponsoren, Baubüros und Restaurierungsteams Verjüngungskuren unterworfen, deren Prinzipien nicht einheitlich waren, aber dem Willen der Stadt entsprachen, die Siedlung "in ihrer ursprünglichen zeitlosen und klaren Schönheit wiederherzustellen."

Denkmalschutz Das Haus Kandinsky/Klee vor der Wiederherstellung im Jahr 1998 von der Straßenseite aus gesehen. 
© Mensing, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Denkmalschutz Das Haus Kandinsky/Klee vor der Wiederherstellung im Jahr 1998 von der Straßenseite aus gesehen.

Nachdem die Bauhaus-Stätten in Weimar und Dessau 1996 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden waren, empfanden viele Entscheidungsträger die Verpflichtung zur Pflege dieses Erbes als Aufforderung zur Rekonstruktion. Selbst die Landesdenkmalpflege sah dies so. An dem richtigen Umgang mit den wichtigen Zeugnissen der klassischen Moderne entzündete sich ein heftiger Streit.

So ist Kern eines Bauwerks für einige Denkmalpfleger die dem Architektenentwurf zugrundeliegende Idee. Deshalb sei auf den Architektenentwurf bzw. das ursprüngliche Bild des Bauwerks hin zu rekonstruieren. Dieses zeichne sich im Fall der klassischen Moderne durch eine alterslose Erscheinung aus - ewig jung erfordere es (im Unterschied zur traditionellen Architektur) die fortwährende Wiederherstellung des Originalzustandes. Andere sehen die Zielvorgabe im "mehr oder weniger verlässlich" überlieferten Erscheinungsbild des realisierten Bauwerks. Die Rekonstruktion "des historisch plausiblen Erscheinungsbildes" impliziert für sie "die systematische Beseitigung fast aller Geschichtsspuren".

Zum Teil vernachlässigen diese Beurteilungen den Unterschied zwischen nutzungsbedingten Alterungsspuren bzw. Anpassungsmaßnahmen einerseits und den ideologisch bedingten Umbaumaßnahmen andererseits, durch welche den Bauten ihr modernes Erscheinungsbild genommen werden sollte. Die unreflektierte Wiederherstellung der Häuser von Feininger, Klee und Kandinsky brachte es mit sich, dass ein Konservieren der verbliebenen Umbaumaßnahmen des Dritten Reiches an den Häusern von Muche und Schlemmer ausgeschlossen schien. Indem sie darauf abzielten, die Schönheit des Entwurfs wiederherzustellen und danach trachteten, alle materiellen Schäden auszubessern, haben die restauratorischen Maßnahmen ein fragwürdiges Verlangen nach einer Rekonstruktion der verlorenen Bauten befördert. Die Medien wandten sich mehrheitlich gegen die Rekonstruktionsambitionen.

Das Haus Kandinsky/Klee im Jahr 2009 
© R. Rossner
Das Haus Kandinsky/Klee im Jahr 2009

Im April 2002 gewann die bis dahin abstrakte Diskussion eine neue Grundlage. Die Stadt Dessau konnte das Grundstück zurückkaufen, auf dem das Wohnhaus von Gropius stand. Sie tat dies, "um sich eine Option auf die Rekonstruktion des Gebäudes zu sichern." Hierfür müsste ein vom städtischen Baurat Alfred Müller entworfenes Haus abgerissen werden, das 1956 auf der Souterraingeschossfläche der ehemaligen Direktorenvilla errichtet wurde. Für sich genommen ist das Satteldachhaus für den leitenden Ingenieur des Dessauer Gasgerätewerks kein Denkmal. Sein Vorhandensein ist jedoch im hohen Maße bezeichnend für den Umgang der DDR mit dem Erbe der Bauhaus-Moderne, das völlig ignoriert wurde, derweil man sich wieder der älteren Reformarchitektur zuwandte. Das Satteldachhaus mit Gropius-Sockel wäre bewahrenswert gewesen, zumal es die vorgesehene Funktion einer zentralen Anlaufstelle mit Museumsshop und Café hätte übernehmen können.

Streit um die Rekonstruktion des Gropius-Hauses

Eine Rekonstruktion der Gropius-Villa erschien aus der Sicht der amtlichen Denkmalpflege als ein Ding der Unmöglichkeit: Der detaillierteste Entwurfsplan hat lediglich den Maßstab 1:200, Bauausführungspläne sind unbekannt. Fotos gibt es nur in Schwarz/Weiß. Analogieschlüsse von den übrigen Meisterhäusern wären nur bedingt möglich gewesen: Der experimentelle Charakter einer Bauausführung mit innovativen Materialien führte zu zahlreichen Varianten.

In der Situation, da die Stadt die Rekonstruktion wünschte, die Denkmalpflege diese aber weder für zulässig noch für möglich hielt, brachte die ortsansässige Bauhaus-Stiftung den Gedanken eines "dritten Weges" zwischen Rekonstruktion und Konservierung auf. Die Intention des historischen Bauhauses war es, zukünftigen Lebenswelten Gestalt zu geben. Dieser würde man am besten durch eine "Aktualisierung der Moderne" gerecht. Nach verschiedenen Ideenwettbewerben und Kolloquien bereitete die Stadt 2007 eine Ausschreibung vor. Ziel des Wettbewerbs waren Neubauten, die ihre berühmten Vorgänger zeitgenössisch interpretieren.

Im Meister-Doppelhaus Kandinsky/Klee wohnten und arbeiteten die früheren Bauhaus-Lehrer Wassily Kandinski und Paul Klee. Die farbliche Gesaltung der Innenräume stand in großem Kontrast zur Architektur von Gropius. 
© R. Rossner
Im Meister-Doppelhaus Kandinsky/Klee wohnten und arbeiteten die früheren Bauhaus-Lehrer Wassily Kandinski und Paul Klee. Die farbliche Gesaltung der Innenräume stand in großem Kontrast zur Architektur von Gropius.

Der Präsident des Internationalen Rates für Denkmalpflege ICOMOS, Michael Petzet, fand es "völlig unangemessen, in dieses Ensemble einen Neubau zu setzen."

Birgitta Ringbeck, Vertreterin der deutschen Länder beim Welterbekomitee der UNESCO, riet ebenfalls von einem "Neubau auf dem Gropius-Sockel" ab.

Trotz dieses Meinungsbildes schrieb die Stadt Dessau den internationalen Wettbewerb aus. Als die Ergebnisse vorlagen, musste Jurymitglied Georg Mörsch feststellen, man sei "ein wenig enttäuscht". Einen 1. Preis wollte man nicht vergeben, die beiden 2. Preise nicht zur Realisierung empfehlen. Einer sah vor, den Bestand zu bewahren und einen Pavillon als Besucherempfang zu errichten, der andere, die ehemaligen Kubaturen der Gebäude in schwarz gefärbtem Fiberglas nachzustellen. In einer Presserklärung des Kultusministeriums vom Mai 2008 zeigte sich Minister Jan-Hendrik Olbertz erleichtert, "dass keine Empfehlung zu einer direkten Rekonstruktion ausgesprochen wurde", denn "Denkmalpflege kann nicht so vorgehen, als sei nichts geschehen."

Das Haus Kandinsky 
© R. Rossner
Das Haus Kandinsky

Konzept der Unschärfe

Dennoch beschloss der Rat der Stadt Dessau-Roßlau im September 2008, dass die "städtebauliche Reparatur" des Ensembles durch ein Gebäude erfolgen solle, dessen Erscheinungsbild von bauzeitlichen Kubaturen gekennzeichnet ist, und das mit den heutigen bauphysikalischen Möglichkeiten errichtet wird. Dafür verlangte man von dem zweitplatzierten Büro Nina Lippuner und Johannes Wick (Zürich) einen Planwechsel. Am 26. August 2009 teilte der Wirtschaftsdezernent dem Rat der Stadt Dessau-Roßlau mit, dass die beauftragten Architekten ihre Projektbeteiligung aufkündigten. Die Stadt initiierte daraufhin einen neuen Wettbewerb, den das Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez gewann. Dessen Konzept der "Unschärfe" sieht vor, das Direktorenhaus und die verlorene Doppelhaushälfte nicht zu rekonstruieren, wohl aber in ihrer Kubatur zurückzugewinnen.

Im Juli 2011 begann der Abbruch des Hauses Emmer, das 1956 über dem Kellergeschoss der Direktorenvilla errichtet worden war. Sie wird nicht in ihren Einzelheiten wiedererstehen. Rekonstruiert wird ihre Verortung innerhalb der Meisterhaussiedlung.

Kurzfassung eines Beitrags der Internetseite Denkmaldebatten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz von Marcus Mrass. Zur Vollversion und Texten zum Weiterlesen gelangen Sie hier www.denkmaldebatten.de