Öffentliche Bauten 1925 Herrscher, Künstler, Architekten Interieur Interviews und Statements Oktober 2012

Interviewfragen mit Oliver Mack

Das Dix-Haus als Spiegel eines Familienlebens

Das Architekturbüro space4 wurde mit den Restaurierungsarbeiten am Otto-Dix-Haus beauftragt. Das Architekturbüro hat auch das Museumsprojekt Humpis-Quartier in Ravensburg betreut. Oliver Mack sieht sich als Architekt und Ausstellungsmacher.

MO: In unserem großen Artikel berichten wir vom Otto-Dix-Haus in Hemmenhofen. Es war von 1936 bis 1979 Lebens- und Arbeitsmittelpunkt der Familie Dix. 2012 kam das Haus in das Eigentum des Vereins Otto-Dix-Haus-Stiftung, und wird jetzt - auch mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz - restauriert. Ihr Architekturbüro space4 wurde mit den Arbeiten beauftragt. Wie steht es mit der Bausubstanz des vom Dresdner Architekten Arnulf Schelcher errichteten Wohnhauses, und was muss saniert werden?

Oliver Mack: Das Haus ist immer noch in einem guten Zustand, jedoch sind seit der Sanierung und Umwandlung 1991 nur wenige Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt worden. Daher benötigen fast alle Oberflächen eine Aufarbeitung. Einen großen Schaden gibt es nur im Bereich der Terrasse des Anbaus, der einen kompletten Neuaufbau der Flachdachabdichtung notwendig macht. Ebenso soll das Steildach erneuert und insbesondere sollen die Fledermausgauben wieder mit der ursprünglichen Ziegeldeckung eingedeckt werden. Diese Maßnahme beinhaltet auch die Dämmung des Daches. Notwendig ist auch die Erneuerung der Heizung und Teile der Sanitärinstallationen.

Der Anbau des Dix-Hauses muss saniert werden. 
© R.Rossner
Der Anbau des Dix-Hauses muss saniert werden.

MO: 2013 soll das Otto-Dix-Haus als Wohnhaus Museum Dix wieder eröffnet werden. Das neue Konzept haben Sie in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Stuttgart, dessen Außenstelle das Wohnhaus Museum Dix künftig sein wird, erarbeitet. Was beinhaltet dieses Konzept im Einzelnen?

Oliver Mack: Das neue museale Konzept für das Wohnhaus der Familie Dix beruht auf der Einmaligkeit und Besonderheit des historischen Ortes. Das Wohnhaus selbst ist damit das bedeutendste Ausstellungsobjekt. Es vermittelt den architektonischen Rahmen, in dem sich das Leben einer exponierten Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert abgespielt hat. Diesem Leben der Familie Dix, das sich über fünf Jahrzehnte im Haus abgespielt hat, soll das Museum gewidmet sein. Das Wohnhaus der Familie Dix ist der einzige Ort, an dem dieses Leben Gegenstand einer musealen Präsentation werden kann. Das Konzept würdigt diese historische Einmaligkeit des Ortes, der sich durch architekturgeschichtliche Bedeutung nicht begründen lässt, aber der Architektur ihre eigentliche Bedeutung wiedergibt.

Das Konzept sieht vor, den Garten historisch wieder herzustellen, und im Inneren die originalen Farbfassungen in Leimfarbenanstrich wieder zu gewinnen, die 1991 bei Überstreichen mit weißer Dispersion verloren gingen. Auch sollen originale Möbel, die nach Martha Dix´ Tod 1985 aus dem Haus kamen, wieder in die Präsentation, soweit möglich und sinnvoll, integriert werden.

Das Foyer des Dix-Hauses 
© R. Rossner
Das Foyer des Dix-Hauses

MO: Denkmalpfleger fassen historische Gebäude als gewachsene Strukturen auf und möchten möglichst alle erkennbaren Zeitschichten bewahren. Sie haben den Begriff der "Vielzeitigkeit" für das Wohnhaus Museum Dix gewählt. Was bedeutet er im Zusammenhang mit dem Atelier- und Wohnhaus?

Oliver Mack: Das Haus wurde über fünf Jahrzehnte von der Familie Dix genutzt. Diesem langen Zeitraum, der zur Geschichte eines Wohnhauses dazugehört, wird dadurch entsprochen, dass kein Zeitschnitt angelegt wird. Stattdessen orientiert sich die Gestaltung der einzelnen Räume an Recherchen in bestimmten "Zeitfenstern", so dass eine schlüssige Gesamterscheinung und - für den Besucher nachvollziehbare Raumbilder im Wohnhaus - entstehen.

Diese Raumbilder beruhen auf einer Interpretation der Faktenlage und einer Entscheidung für ein bestimmtes Raumbild. Ein Beispiel hierfür ist die Farbwahl für die Wandgestaltung der Räume im "Museum Haus Dix": Detaillierte Farbfassungsuntersuchungen machen es möglich, für die jeweiligen Räume mehrere Farbfassungen zu benennen, die zur Lebzeit von Otto Dix aufgetragen wurden. Je nach thematischer Nutzung der Räume kann im Haus Dix ein entsprechender farblicher Zustand der Wände wieder hergestellt werden. Die Farbfassung eines jeden Raumes verweist damit auf ein bestimmtes Zeitfenster aus den Jahrzehnten, in denen die Familie die Räume unterschiedlich genutzt und gestaltet hat. Auf die (zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche) Nutzung einzelner Räume wird in den Begleitmedien kurz eingegangen.

Der Kamin im Wohnzimmer des Dix-Hauses 
© R. Rossner
Der Kamin im Wohnzimmer des Dix-Hauses

MO: Eine besondere Herausforderung ist es, auf jährlich wechselnden Ausstellungen Originalwerke - Gemälde und Zeichnungen - von Otto Dix zu zeigen. Welche Möglichkeiten gibt es, die Lichtverhältnisse und das Raumklima anzupassen?

Oliver Mack: Derzeit sind wir noch an der Planung der Klimatisierung, jedoch zeichnet sich eine Lösung mit einem Monitoring mit einer Vielzahl von Sensoren in den entsprechenden Räume ab. Dies wiederum erlaubt eine präzise Ansteuerung von Be- und Entfeuchtern, Klimageräten und der Heizung. Die Lichtverhältnisse lassen sich mit den üblichen Mitteln eines Wohnhauses - wie Fensterläden oder Vorhängen - gut anpassen.

MO: Was geschieht mit den Zeichnungen von Otto Dix an den Kellerwänden?

Oliver Mack: Die Zeichnungen sollen restauratorisch gesichert werden, sind aber aus baurechtlichen und funktionalen Gründen nur bei Sonderführungen zu besichtigen.

Das Atelier von Otto Dix 2012 
© R. Rossner
Das Atelier von Otto Dix 2012

MO: Können sich im Dix-Haus Ihrer Meinung nach Kunst und Denkmalpflege gegenseitig befruchten?

Oliver Mack: Wir halten eine offene Kommunikation von allen Beteiligten für eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Projekts. Beim Haus Dix sind zum Beispiel durch die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege neue Ansätze für die Klimatisierung gefunden worden, die dann am Ende auch der Kunst wieder zugute kommen.

MO: Ihr Architekturbüro hat sich einen Namen mit der Restaurierung von Denkmalen gemacht. Sie haben sich - neben der Ausstellungsarchitektur - auf Museums-Konzepte in historischen Gebäuden spezialisiert. Ein Projekt, das sie 2011 beendeten, war das Humpisquartier in Ravensburg. Bei dem spätmittelalterlichen Wohnquartier, umgebaut zum Museum, werden die sieben Häuser selbst zu Exponaten. Auch dort förderte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Restaurierung. Gibt es Parallelen zu der Arbeit am Humpisquartier und am Otto-Dix-Haus?

Oliver Mack: Das Humpisquartier ist zum einen durch seine Größe und zum anderen durch sein Alter nicht wirklich vergleichbar mit dem Haus Dix. Dennoch versuchen wir in unserer Arbeit den Bestand weitestgehend zu erhalten, zu reparieren und wo nötig ablesbar zu ergänzen. Ziel ist immer ein nachvollziehbares Gesamterscheinungsbild.

MO: Wie wichtig sind Ihnen bei space4 Authentizität und ein emotionaler Zugang zu den historischen Gebäuden?

Oliver Mack: Da wir nicht nur Architekten, sondern auch Ausstellungsgestalter sind, ist uns das Raumerlebnis ein besonderes Anliegen. Denn Ausstellungen sind räumliche Ereignisse. Der Reiz von dreidimensionalem und physisch erfahrbar gemachtem Wissen ist bis heute ungebrochen. Der Raum ist neben dem Exponat das wichtigste und edelste Medium der Ausstellungsgestaltung. Die Erfahrung aus dem Humpis-Quartier zeigt, dass die Authentizität eines historischen Gebäudes, besonders wenn es als Museum genutzt wird, eine Atmosphäre schafft, die bei vielen Besuchern Interesse weckt und gleichzeitig den passenden Rahmen schafft, um Inhalte zu vermitteln.

MO: Vielen Dank für das Gespräch

Die Fragen stellte Christiane Schillig

Zur Person: Oliver Mack, der an der Universität Stuttgart und am Illinois Institute of Technology in Chicago Architektur studierte, ist seit 2002 Partner im Stuttgarter Architekturbüro space4. Dort wurde bis 2011 das Projekt Museum Humpis-Quartier in Ravensburg verwirklicht und wird seit 2010 das Konzept für das Museum Haus Dix entwickelt.

Lesen Sie auch den Artikel über das Otto-Dix-Haus in Hemmenhofen:

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