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Das Abt-Gaisser-Haus in Villingen-Schwenningen wurde vorbildlich restauriert

Stützkorsetts für 100 Balken

Wenn Bauherr und Architekt ein gemeinsames Ziel haben, dann kann nur etwas Gutes dabei herauskommen. So geschehen im südlichen Schwarzwald in Villingen-Schwenningen. Dort erwarb 2008 der Villinger Spitalfonds, eine im 13. Jahrhundert gegründete soziale Stiftung, das denkmalgeschützte "Abt-Gaisser-Haus", um es zu restaurieren und dort ein "Zentrum für Senioren und Behinderte" einzurichten.

Individuelle Lösungen zeichnen die Restaurierung aus, wie etwa die Tragsysteme für die original erhaltenen Holzbalken. 
© J. Hahne
Individuelle Lösungen zeichnen die Restaurierung aus, wie etwa die Tragsysteme für die original erhaltenen Holzbalken.

Als Architekten gewann man den ortsansässigen Andreas Flöß.     Sich des Denkmals anzunehmen, war eine große Herausforderung, der sich Bauherr und Architekt sehenden Auges stellten. Denn das 1233/34 an der nördlichen Stadtmauer erbaute Gebäude zählt nicht nur zu den ältesten und wertvollsten Bauwerken in dem von den Zähringer Herzögen gegründeten Villingen, sondern es befand sich nach 30 Jahren Leerstand auch in einem sehr schlechten Zustand.


Ursprünglich war der viergeschossige Putzbau der Pfleghof des rund 15 Kilometer entfernten Benediktinerklosters St. Georgen, in dem die Mönche Handel trieben und Amtsgeschäfte erledigten. In der Reformationszeit fanden die vertriebenen Benediktiner hier 1538 eine neue Heimat, da Villingen damals unter habsburgischer, damit katholischer Herrschaft stand. Bis zum Klosterneubau, mit dem in der Stadt ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begonnen wurde, diente der Pfleghof als Konventhaus. Seinen Namen verdankt es Abt Georg Gaisser (1627-55), der es im Dreißigjährigen Krieg schaffte, im ursprünglichen, nunmehr evangelischen Kloster St. Georgen noch einmal Fuß zu fassen.

In den vergangenen Jahrhunderten wurde das Abt-Gaisser-Haus beständig erweitert und umgestaltet. Nach der Säkularisierung des Klosters 1806 wurden dort Wohnungen eingerichtet. Als es zu Beginn der 1980er Jahre für die benachbarte Realschule hergerichtet werden sollte, stieß man auf wertvolle Renaissance-Malereien. Weitere Baumaßnahmen wurden gestoppt, stattdessen folgte - begleitet von bauhistorischen Untersuchungen - eine fast dreißig Jahre währende "Kosten-Nutzen-Diskussion um das Juwel", wie Architekt Flöß erläutert. Sie versetzten das Denkmal in einen Dornröschenschlaf, in dessen Verlauf es so verfiel, dass über einen Abriss nachgedacht wurde. Zum Glück trat der Spitalfonds 2008 der Stadt zur Seite und legte sein Nutzungskonzept vor.

Der sogenannte Hochkeller 
© H. Linge
Der sogenannte Hochkeller

Nach 15 Monaten Planung wurde in nur 13 Monaten Bauzeit aus dem einsturzgefährdeten Denkmal das gerettete Kleinod. "Keine Wand saß auf der anderen. Die Tragsicherheit der hölzernen, zum großen Teil aus der Gotik stammenden Konstruktionen war sehr gefährdet. Zum Gebäudeinneren hin hatten sich Fußböden und Decken bis zu 70 Zentimeter abgesenkt. Allein für über 100 Balken mussten individuelle Stütz- und Tragkorsetts entwickelt werden", schildert Flöß. Neben dem Bund und dem Land Baden-Württemberg konnte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz dank der Erlöse aus der Lotterie GlücksSpirale mit 100.000 Euro die denkmalgerechten Holz- und Zimmererarbeiten unterstützen.

Der Balanceakt, die historische Substanz zu bewahren und die Spuren der Geschichte sichtbar zu lassen und dennoch den Anforderungen von Brandschutz, Technik oder Schalldämmung sowie der Barrierefreiheit zu entsprechen, wurde feinfühlig und kreativ vollbracht. Mit Geschäftsführer Werner Echle hatte der Architekt in dem Villinger Spitalfonds einen für Ideen offenen Bauherrn - auch, weil es gelang, unter dem Kostenplan zu bleiben.

Das Abt-Gaisser-Haus dient jetzt als Bürgertreff und beherbergt neben dem Spitalfonds noch weitere soziale Einrichtungen: den Pflegestützpunkt Schwarzwald-Baar, die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, das Rote Kreuz, die Diakonie und seitens der Stadt die Büros der Behindertenbeauftragten sowie des Seniorenrats. Im Dezember letzten Jahres wurde die Einweihung gefeiert. Über 1.500 Besucher kamen, schauten und zeigten sich von dem wiederbelebten Denkmal angenehm überrascht.

Christiane Rossner

Kopfgrafik links: Der Blick auf die Nordseite zeigt, dass das Gebäude teilweise in die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert eingefügt wurde.