Interviews und Statements Juni 2012

Interview mit André Lossin

Jüdisches Leben in Berlin

André Lossin ist Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und gibt Auskunft über die kulturellen Zeugnisse des jüdischen Lebens in Berlin.

MO: Wann war die Geburtsstunde der jüdischen Gemeinde Berlins?

André Lossin: Schon recht früh gab es kurz nach Gründung von Berlin im Jahr 1295 eine Jüdische Gemeinde. Mit den sogenannten "Hostienschändungen" im Jahre 1510, die nie bewiesen werden konnten, erfolgten massive Übergriffe auf die damalige jüdische Gemeinschaft. Ein Teil von ihr wurde ermordet und der andere Teil vertrieben. Mit dem Edikt von Potsdam im Jahr 1671 ermöglichte der große Kurfürst Friedrich Wilhelm, dass gegen Bezahlung so genannte "Schutzjuden" in das Kurfürstentum aus Wien zuziehen durften. Damit wurde der Grundstein für neues jüdisches Leben in der Stadt Berlin gelegt. Trotzdem musste die Jüdische Gemeinde zu Berlin lange warten, bis sie im Jahre 1714 ihre erste Synagoge errichten durften.

Architekt der 1904 fertiggestellten Synagoge in der Rykestraße war der Gemeindebaumeister Johann Hoeniger. Sie ist die in ihrer ursprünglichen Gestalt am besten erhaltene und größte Synagoge Berlins. 
© Jüdische Gemeinde zu Berlin
Architekt der 1904 fertiggestellten Synagoge in der Rykestraße war der Gemeindebaumeister Johann Hoeniger. Sie ist die in ihrer ursprünglichen Gestalt am besten erhaltene und größte Synagoge Berlins.

MO: Berlin ist seit jeher ein Anziehungspunkt für Menschen jüdischen Glaubens, die aus verschiedensten Ländern hier zusammenkommen. Wie haben sie die wirtschaftlich und kulturell aufstrebende Metropole im 19. und frühen 20. Jahrhundert geprägt?

André Lossin: Die Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens war auch ein Ergebnis der Flucht und Verfolgung in Osteuropa. Vor allem in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts und nach 1905 im zaristischen Russland. Berlin war durch seinen enormen wirtschaftlichen Wachstum in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhundert für diese Menschen ein Anziehungspunkt, auch für jüdische Menschen, da diese hier freier leben und sich entwickeln konnten. Dennoch waren sie immer noch Bürger 2. Klasse. Zu den bedeutenden Persönlichkeiten der damaligen Zeit gehörten die Unternehmerfamilie Liebermann, der Maschinenbauer Orenstein oder die Bauunternehmer Berger sowie die Kaufhausgründer Tietz, Wertheim und Israel. Sie prägten das aufstrebende deutsche Reich.

Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wurde nach Entwürfen Eduard Knoblauchs und Friedrich August Stülers im maurischen Stil erbaut und 1866 eingeweiht. Ihre goldene Kuppel ist ein sichtbares Wahrzeichen jüdischen Lebens in Berlin. 
© Jüdische Gemeinde zu Berlin
Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wurde nach Entwürfen Eduard Knoblauchs und Friedrich August Stülers im maurischen Stil erbaut und 1866 eingeweiht. Ihre goldene Kuppel ist ein sichtbares Wahrzeichen jüdischen Lebens in Berlin.

MO: Das Quartier hinter der Synagoge an der Oranienburger Straße wird oft als jüdisches Viertel bezeichnet. Welche Wirkungsstätten der jüdischen Gemeinde befanden sich hier?

André Lossin: Das Quartier um die Synagoge Oranienburger Straße wurde als Spandauer Vorstadt bezeichnet. Es wurde eher von alteingesessenen jüdischen Familien bewohnt. Im Quartier weiter östlich der Oranienburger Straße, im so genannten "Scheunenviertel" hingegen, hatten sich viele Zuwanderer aus Osteuropa angesiedelt. Im Umfeld der Jüdischen Gemeinde zu Berlin entwickelte sich vielfältiges jüdisches Leben. Die damaligen jüdischen Einrichtungen, wie z.B. das ehemalige jüdische Krankenhaus, welches für alle Konfessionen offen stand, die Zentrale Wohlfahrtsstelle, das jüdische Arbeitsamt, Schulen, Beth-Räume, Verbände und vieles mehr entstanden in der Oranienburger Straße.

MO: Jüdische Architekten prägten Berlins Baukunst. Neben Eduard Knoblauch kennen sicherlich viele unserer Leser Erich Mendelsohn, Konrad Wachsmann und Oskar Kaufmann. Ist erforscht, wie viele jüdische Architekten es vor 1933 in der Hauptstadt gab und was mit ihnen während des Nationalsozialismus passierte?

André Lossin:
Es ist ein Irrtum, dass es sich bei Eduard Knoblauch um einen jüdischen Architekten handelt. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin nahm aber sehr gern seine Dienste als Architekt in Anspruch, weil er zu einer der bedeutendsten Architekten seiner damaligen Zeit gehörte.

Die ehemalige jüdische Mädchenschule an der Auguststraße beherbergt heute eine Galerie. 
© R. Rossner
Die ehemalige jüdische Mädchenschule an der Auguststraße beherbergt heute eine Galerie.

Leider ist das Leben vieler jüdischer Architekten noch nicht ausreichend erforscht. Durch Zufall habe ich ein Buch aus London über deutsche jüdische Architekten in die Hand bekommen. Ich denke, da ist noch einiges zu tun. Über den bedeutenden Architekten und Gemeindebaumeister Alexander Beer hat die Stiftung Neue Synagoge Centrum Judaicum eine kleine jüdische Miniatur publiziert, in der das Leben und Wirken von Alexander Beer beschrieben wird. Oskar Kaufmann war ein jüdischer Architekt, der unter anderem das Theater am Halleschen Ufer plante. Besonders ist die Homepage www.juedischearchitekten.de. als Informationsquelle zu empfehlen.

MO: Was geschah in dieser Zeit mit ihren Bauten? Wurden sie beispielsweise verändert oder ihre Urheberschaft verschleiert?

André Lossin: Etliche jüdische Gebäude sind zunehmend während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Erst Ende der 70er Jahre und zu Beginn der 80er Jahre begannen bauliche Bewegungen, die sich auf die Erinnerungskultur, wie z.B. die kulturellen Geschichtswerkstätten, auswirkten und die sich auf die Spurensuche jüdischer Menschen in ihren Bezirken machten. In diesem Zusammenhang wurde dann an diesen oder jenen Architekten und sein Schaffen erinnert.

MO: Wie setzte sich die jüdische Gemeinde Berlins vor 1933 und nach 1945 zusammen?

André Lossin: Die Gemeinde war immer geprägt durch Zuwanderung. Oft kamen orthodoxe und fromme Juden aus dem "Städtele" in die Stadt und trafen hier auf alteingesessene liberale oder konservative Gemeindemitglieder. Das Verhältnis war nicht immer spannungsfrei.

Mit der Eingemeindung im Jahre 1920 wurden viele um Berlin liegende Dörfer Teil der Stadt Berlin. Und so wuchs die Jüdische Gemeinde zu Berlin im Jahre 1925 auf 173.000 Menschen an und spielte in dieser Zeit eine wichtige und prägende Rolle in Berlin. Durch die Machtübernahmen der Nationalsozialisten im Jahre 1933 und die Etablierung eines barbarischen NS-Staates wurden fast alle jüdischen Einrichtungen enteignet und zerstört. Der nationalsozialistische Wahn endete mit der Vernichtung von Millionen jüdischer Menschen in Konzentrationslagern. Das jüdische Leben war in Deutschland nach dem Ende des Nationalsozialismus 1945 weitgehend ausgelöscht und die Gemeindestrukturen vernichtet.

Das Grabdenkmal von Rosalie und Dr. Adolf Ernst auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee besteht aus weißem Marmor. Hauptmotiv der Dekoration ist die Rose - dem Vornamen der mit 46 Jahren verstorbenen Rosalie entsprechend. 
© Jüdische Gemeinde zu Berlin
Das Grabdenkmal von Rosalie und Dr. Adolf Ernst auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee besteht aus weißem Marmor. Hauptmotiv der Dekoration ist die Rose - dem Vornamen der mit 46 Jahren verstorbenen Rosalie entsprechend.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden 55.000 Berliner Juden Opfer der Shoa, die meisten anderen flohen oder wurden vertrieben. Lediglich 7.000 Juden überlebten in Berlin im Untergrund oder in einer Ehe mit einem nichtjüdischen Ehepartner. Viele wanderten zu ihren Verwandten nach Israel oder in die USA aus.

Das Jahr 1946 war aufgrund antisemitischer Pogrome in Polen für die Berliner Jüdische Gemeinde ein bedeutendes Jahr. Im Zuge dieser Pogrome flüchteten viele Überlebende aus Polen nach Berlin. Vermutlich 1946 erhielt Jüdische Gemeinde zu Berlin wieder ihre Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts zurück. Am 19. Januar wurde, aufgrund der bereits erfolgten Gründung der DDR mit Ost-Berlin als Hauptstadt, die Jüdische Gemeinde Berlin in eine West-Berliner und Ost-Berliner Gemeinde getrennt. Der kleine Gemeindeteil verblieb im Ost Teil der Stadt. Nach der Trennung blieb die West-Berliner Jüdische Gemeinde bis Ende der siebziger Jahre doch eine sehr kleine Gemeinde. Es folgte in den siebziger Jahren aufgrund der ersten großen Auswanderungswelle sowjetischer Juden eine Neuzuwanderung nach Berlin, allerdings hatte die gesamte Berliner Gemeinde im Jahr 1990 nur noch rund 3.800 Mitglieder.

Aufgrund der Zuwanderung jüdischer Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1990 hat sich das Gesicht der Gemeinde verändert. Die Anzahl der Gemeindemitglieder hat sich mehr als verdoppelt.

Die 1880 von Hugo Licht errichtete Trauerhalle auf dem Friedhof in Berlin-Weißensee wird von jeher wegen ihrer guten Akustik gerühmt. 
© Jüdische Gemeinde zu Berlin
Die 1880 von Hugo Licht errichtete Trauerhalle auf dem Friedhof in Berlin-Weißensee wird von jeher wegen ihrer guten Akustik gerühmt.

MO: Wie sieht das Gesicht der neuen jüdischen Gemeinde heute aus?

André Lossin: Für die Kinder der Zuwanderer ist das Leben in Deutschland etwas Normales und sie haben schnell ihren Platz in der Gesellschaft gefunden, das jüdische Leben blüht auf. Die älteren Zuwanderer, deren Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt worden ist - zum Teil nahmen sie Tätigkeiten an, die nicht ihrem Beruf entsprachen - tun sich viel schwerer, hier in Deutschland "anzukommen". Sie organisieren sich vorwiegend in Clubs oder Vereinen, um mit Menschen, die aus ihrer Region kommen, in Kontakt zu bleiben. Noch hat die Jüdische Gemeinde ihren gemeinsamen Weg nicht gefunden.

MO: Welche Zeugnisse der jüdischen Kultur sollten interessierte Berlin-Besucher Ihrer Ansicht nach besichtigen?

André Lossin: Ich empfehle unbedingt, einen Besuch des Centrums Judaicums in der Oranienburger Straße, um sich das Gebäude und das Leben anzusehen. Aber auch ein Besuch des jüdischen Gemeindehauses im ehemaligen Westteil der Stadt am Bahnhof Zoo, in der Fasanenstraße, steht jedem Besucher offen. Wer besonders an der Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin interessiert ist, sollte unbedingt einem der jüdischen Friedhöfe einen Besuch abstatten. Das wären in Berlin-Mitte der Friedhof Große Hamburger Straße, in Prenzlauer Berg der Friedhof Schönhauser Allee und im Bezirk Weißensee der Friedhof Weißensee, der über 115.000 Gräber verfügt. All diese Grabanlagen können uns heute viel von der Bedeutung jüdischen Lebens in Berlin erzählen. Für die Besichtigung dieser Museen haben wir, dem heutigen Zeitgeist entsprechend, auch ein elektronisches Leitsystem eingerichtet.

MO: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Julia Ricker