Landschaften, Parks und Friedhöfe Juni 2012

Die jüdische Trauerhalle in Worms-Hochheim

Ein Friedhof für alle blieb Vision

Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Internationalen Bauordens waren im Frühjahr 2003 auch Menschen nach Worms gereist, die sich bereits Anfang der 1950er Jahre in den Dienst dieser Organisation gestellt hatten, um Wohnungen für Flüchtlinge und Vertriebene zu bauen. Als diese "Veteranen" nun ihre Erlebnisse von damals austauschten, hatten sie die Idee, in ihrer Freizeit die Sanierung eines Bauwerks zu unterstützen. Mit der jüdischen Trauerhalle auf dem Friedhof in Worms-Hochheim wurde rasch ein Projekt gefunden. So kam es, dass Els Musch, Heinz Wack, Elmar Werner und elf andere Freiwillige dort zwei Wochen lang 700 Quadratmeter Putz abschlugen, 13 Kilometer Fugen auskratzten und 140 Meter Gesims neu strichen.

Die 1911 erbaute jüdische Trauerhalle orientiert sich in der Formensprache an dem Darmstädter Jugendstil 
© R. Rossner
Die 1911 erbaute jüdische Trauerhalle orientiert sich in der Formensprache an dem Darmstädter Jugendstil

Die Trauerhalle war 1911 auf der Hochheimer Höhe errichtet worden. Die jüdische Gemeinde in Worms, deren Anfänge bis ins 10. Jahrhundert zurückreichen, hatte ihre Toten bis dahin auf dem alten jüdischen Friedhof "Heiliger Sand" bestattet. Als dieser 1906 keinen Platz mehr bot, verpflichtete sich die Stadt, auf ihre Kosten an der Ostseite des Hauptfriedhofs eine Trauerhalle, ein Pförtnerhaus und eine Umfassungsmauer zu errichten.

Mit den Plänen für die Anlage wurde der Wormser Stadtbaumeister Georg Metzler beauftragt, der die Gebäude nach dem Vorbild des Darmstädter Jugendstils - Worms gehörte damals zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt - entwarf. Als die Stadt die Anlage am 20. November 1911 der jüdischen Gemeinde feierlich übergab, hegte Georg Metzler die Hoffnung, dass die Abgrenzung zum nichtjüdischen Teil einmal aufgehoben werden könnte, und so der Hauptfriedhof Hochheimer Höhe "eine große mächtige Grabstätte der Bürger der Stadt Worms, und zwar aller Konfessionen, in einheitlicher Anlage, umfassen soll. Wir wollen im Tode Unterschiede nicht kennen, wie wir sie auch im Leben nicht kennen wollen. Wir fühlen uns alle in gleicher Weise als Bürger und Wanderer auf dieser Erde". Diese Vision erfüllte sich nicht. Doch der Friedhof, die Trauerhalle und das Pförtnerhaus überstanden das "Dritte Reich".

Der Hauptraum, in dem die Trauerfeiern stattfinden, ist dezent, aber aufwendig geschmückt. 
© R. Rossner
Der Hauptraum, in dem die Trauerfeiern stattfinden, ist dezent, aber aufwendig geschmückt.

Seit 1990 gibt es wieder Bestattungen auf dem jüdischen Friedhof. Man reparierte damals das schadhafte Dach und restaurierte die Fenster, die Portale und einige Räume der Trauerhalle. 2003 wurde die Sanierung des Außenputzes abgeschlossen. Die jüdische Gemeinde wurde dabei finanziell vom rheinland-pfälzischen Landesdenkmalamt und der Gesellschaft zur Förderung und Pflege jüdischer Kultur in Worms (Warmaisa) unterstützt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich ebenfalls - auch mit Erlösen aus der Fernsehlotterie GlücksSpirale. Dank der freiwilligen Helfer des Internationalen Bauordens konnten die Gesamtkosten der Maßnahme um rund 15.000 Euro verringert werden.

Für die jüdische Gemeinde war es eine große Freude, dass die Innenrestaurierung der Trauerhalle, bei der die Deutsche Stiftung Denkmalschutz erneut half, zügig fortgeführt wurde. So konnte sie das Denkmal, das zu den bedeutenden Zeugnissen jüdischer Kultur in Rheinland-Pfalz zählt, 2005 zum Gedenken an das 900. Todesjahr von Rabbi Salomon ben Isaak (1040-1105) - besser bekannt unter dem Namen Raschi - wieder in seiner ganzen Schönheit eröffnen. Dieser jüdische Talmudgelehrte hatte um 1060 auch in Worms gelebt und studiert. Das jüdische Museum der Stadt ist in einem Gebäude untergebracht, das vermutlich auf den Fundamenten der Talmudschule Raschis errichtet wurde.

Carola Nathan/Christiane Rossner

Weitere Infos im WWW:

www.worms.de