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In Görlitz entdeckten Denkmalpfleger ein Gesetz- und Gnade-Bild

"Plötzlich blickte ich in ein Gesicht"

Einer glücklichen Fügung ist es zu verdanken, dass in Görlitz ein großartiger Bilderschatz Schicht für Schicht entblättert werden konnte. Eigentlich sollte in dem rund 500 Jahre alten Schwibbogenhaus am Obermarkt 34 eine Wohnung entstehen.

Außerordentlich gut hatten sich die Renaissancemalereien im Görlitzer Schwibbogenhaus erhalten. 2010 wurden sie freigelegt und Schadensstellen geschlossen. 
© R. Rossner
Außerordentlich gut hatten sich die Renaissancemalereien im Görlitzer Schwibbogenhaus erhalten. 2010 wurden sie freigelegt und Schadensstellen geschlossen.

Aber im Oktober 2010 kamen bei einer Befunduntersuchung, die die städtische Denkmalbehörde angeordnet hatte, Fragmente von Wandmalereien zum Vorschein. Sie waren erstaunlich gut erhalten, weshalb die Denkmalpfleger der Stadt und der Hauseigentümer zusammen mit Experten des Landesdenkmalamts entschieden, den offensichtlich großflächig angebrachten Wandschmuck komplett freizulegen.


Ganz vorsichtig entfernten Restauratorinnen darüberliegende Putz- und Farbschichten. Begeistert erinnert sich Anne Hierholzer: "Ich kratzte ein Stück Farbe ab und blickte plötzlich in ein Gesicht." Die Restauratorinnen beförderten eine Bilderwelt ans Tageslicht, die sich über die Hälfte der Fensterseite des Renaissanceraumes erstreckt. "Es ist die größte Entdeckung, die wir in den letzten Jahren in der Oberlausitz gemacht haben", schwärmt der Leiter des städtischen Denkmalamts Peter Mitsching.

Zum Vorschein gekommen sind Malereien, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigen. Begleitet werden sie von Herrscherbildnissen und Frauenfiguren aus der Antike. Hinter einer sich in die Landschaft öffnenden Scheinarchitektur stehend, wenden sie sich zum Betrachter hin. Das Thema und die inhaltliche Komplexität der Bilder sind innerhalb der Görlitzer Bürgerhäuser dieser Zeit ohne Beispiel. Sie wurden wohl direkt nach der Fertigstellung des Schwibbogenhauses im Jahr 1533 geschaffen. Die religiösen Darstellungen erzählen von Sünde und Erlösung und erinnern daran, dass der Mensch nur durch die Gnade Gottes gerettet werden kann. Bei der Wandgestaltung orientierten sich die unbekannten Künstler an einem Bild, das Lucas Cranach d. Ä. 1529 gemalt hat. Als beliebtes Motiv hat es sich in der Reformationszeit in verschiedenen Varianten und allen Kunstgattungen europaweit verbreitet. Die Kunsthistoriker nennen es Gesetz-und-Gnade-Bild, wobei sie sich auf seine Inschriften beziehen, die in Görlitz leider verlorengegangen sind.

Das restaurierte Gesetz-und-Gnade-Bild. Unterhalb der Darstellung erscheinen die fünf antiken Figuren Admete, Arthimesia, Lucretia, Thisbes und Yppo. Auf einem Holzschnitt von 1531 gehören sie zu den "neun getreuesten heidnischen Frauen". 
© ML Preiss
Das restaurierte Gesetz-und-Gnade-Bild. Unterhalb der Darstellung erscheinen die fünf antiken Figuren Admete, Arthimesia, Lucretia, Thisbes und Yppo. Auf einem Holzschnitt von 1531 gehören sie zu den "neun getreuesten heidnischen Frauen".

Wie das heute im Schlossmuseum in Gotha befindliche Cranachgemälde besitzt die in der rechten Wandnische in Görlitz gefundene Malerei zwei durch einen Baum getrennte Bildhälften. Links des Baumes, auf der Seite des Alten Bundes, treiben Tod und Teufel den menschlichen Sünder mit einem Spieß in den Höllenschlund. Neben ihnen sind Propheten zu sehen, darüber Adam und Eva vor dem Baum der Erkenntnis und Christus der Weltenrichter. Auch rechts, auf der Seite des Neuen Bundes, erscheint der Mensch. Ihm zeigt Johannes der Täufer Christus am Kreuz, den auferstandenen Jesus, das Lamm Gottes und Maria in der Hoffnung. Vom himmelfahrenden Christus sind heute nur noch die Füße zu sehen, denn man hat später eine tiefere Decke eingezogen. Neu sind die einzelnen Szenen des oft als lutherische Glaubensallegorie bezeichneten Bildes in der Reformationszeit nicht. Ihre Zusammenstellung aber darf in Verbindung mit den Inschriften als Innovation gelten. Verknüpft sie doch erstmals die wichtigsten Glaubensinhalte mit dem Menschen als Sünder, der sein Vertrauen in Gott setzen soll.

Gemalte korinthische Säulen und Blumengirlanden schmücken die Wände links und rechts der Nischen. 
© ML Preiss
Gemalte korinthische Säulen und Blumengirlanden schmücken die Wände links und rechts der Nischen.

Die dem Gesetz-und-Gnade-Bild gegenüberliegende linke Wandnische zeigt Ereignisse um das Opfer Abrahams. Darunter befinden sich die Bildnisse des sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise, Kaiser Karls V. und seiner Frau Isabella von Portugal sowie König Ferdinands I. von Böhmen und seiner Frau Anna. Pfeiler und Seitenwände schmücken Ornamentmalereien mit Pflanzen, Früchten und Putten. Als Landesherr reiste Ferdinand I. 1538 nach Görlitz, wo er vom damaligen Bürgermeister Franz Schneider feierlich empfangen wurde. Bauherr des Schwibbogenhauses war Jeronymus Schneider, der Bruder des Bürgermeisters. Als einer der einflussreichen Bewohner der Stadt führte der Bauherr vermutlich den böhmischen König in seinen Prunkraum. Die eigens für den Patrizier komponierte Wanddekoration war, wie man jetzt weiß, an einigen Stellen sogar mit Blattgold verziert. Daneben besaß das Zimmer damals eine aufwendig gestaltete Holzdecke und türseitig angebrachte Einbaumöbel, die heute allerdings nicht mehr erhalten sind. In einem solchen Ambiente ließ es sich wohl trefflich über das Bildprogramm und seine Bedeutungsschichten diskutieren.

Die Restaurierungsmaßnahmen - bei denen der Eigentümer vom Land, der Altstadtstiftung Görlitz und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt wurde - sind inzwischen abgeschlossen. Nun fehlt nur noch eine die Bilder schützende Barriere, damit das im gleichen Gebäudekomplex eröffnete Hotel den außergewöhnlichen Raum als kleines Frühstückszimmer nutzen kann.

Julia Ricker