Jugendstil / Art Déco

Bauen mit Klinker und Beton

Expressionismus und Heimatschutzstil

Da sich die Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg hauptsächlich an der Neuen Sachlichkeit zwischen den beiden Weltkriegen orientierte, hielt man sie für die wichtigste Strömung der 1920er Jahre. Expressionismus und Heimatschutzstil gerieten so beinahe in Vergessenheit. Dabei haben sie sogar zahlenmäßig mehr Baudenkmale hinterlassen als die Neue Sachlichkeit.

Das von Peter Behrens entworfene Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst in Frankfurt am Main 
Frankfurt am Main,Farbwerke Hoechst © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das von Peter Behrens entworfene Verwaltungsgebäude der Farbwerke Hoechst in Frankfurt am Main

Der Expressionismus in der Baukunst ist eine vorwiegend deutsche Strömung. Als Baumaterial bevorzugte man einen dunkelroten bis violetten hartgebrannten Klinker und Beton. Außerhalb des größten Verbreitungsgebietes in Norddeutschland sind etwa in den Niederlanden bedeutende Beispiele der Amsterdamer Schule des Michel de Klerk, in Kopenhagen die Grundtvigskirche von Jensen Klint und im schweizerischen Dornach Rudolf Steiners anthroposophisches Goetheanum zu finden.

Für einige der namhaften Architekten der 1920er Jahre war der Expressionismus nur eine von mehreren Stilvarianten. Das trifft besonders für Peter Behrens zu, der 1901 mit seinem Haus auf der Mathildenhöhe in Darmstadt im Jugendstil begann, mit der Deutschen Botschaft 1911-12 in St. Petersburg zum Neoklassizismus überging und dem dann mit dem 1920-24 errichteten Verwaltungsgebäude der ehemaligen Farbwerke Hoechst in Frankfurt am Main ein Hauptwerk des Expressionismus gelang. Wie die Neue Sachlichkeit löste sich auch der Expressionismus vom Historismus durch den Verzicht auf eine vom Bauwerk unabhängige Ornamentik. Er entwickelte aber belebende Schmuckelemente aus dem Baumaterial heraus, was beim Verwaltungsgebäude der früheren Farbwerke besonders eindrucksvoll durch die übereck gestellten, stark farbigen Backsteine gelingt, die zur gläsernen Kuppel des Treppenhauses vorkragen und an die Funktion von Gewölbediensten erinnern.

Ein Hauptwerk des Expressionismus: das Chilehaus in Hamburg 
Hamburg, Chilehaus © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Ein Hauptwerk des Expressionismus: das Chilehaus in Hamburg

Als ein weiteres Hauptwerk des Expressionismus ist das Chilehaus in Hamburg berühmt geworden. Fritz Höger errichtete es 1922-24 auf einem sehr ungünstigen, spitz zugeschnittenen Grundstück aus zwei von der ehemaligen Straße Fischertwiete durchschnittenen Parzellen als mächtigen, bis zu zehn Geschosse aufragenden Baukörper. Die hohe Ausnutzung des zu 100 Prozent überbauten Grundstücks hat es vor den sonst üblichen Abrissplänen von Bürobauten in Citylage bewahrt. Jetzt strebt Hamburg damit zu Recht die Aufnahme in die UNESCO-Liste des Welterbes an. Der spitz zulaufende, an einen Schiffsbug erinnernde Mittelteil wird von den beiden vortretenden Seitenfassaden mit vorkragenden Betonplattformen für die vier Staffelgeschosse flankiert und dadurch noch in seiner expressiven Dramatik gesteigert. Die gemauerte Außenhaut verbirgt das eigentliche Tragesystem aus Betonstützen und -decken. Die Vertikaltendenz wird unterstützt durch die engstehenden Lisenen aus Klinkern.

Ein weiterer Hauptvertreter des Expressionismus war Hans Poelzig, dessen berühmtestes Werk leider nicht mehr erhalten ist. Es war der Umbau des Zirkus Schumann zu Max Reinhardts Großem Schauspielhaus in Berlin, das mit seinen Stalaktitengewölben bereits 1918-19 den Expressionismus in der Baukunst begründete. Relativ unbekannt ist sein ehemaliges Verwaltungsgebäude in Hannover-Vinnhorst in der Benneckeallee 32, erbaut 1923/24, gewissermaßen ein Lehrstück für eine eigenständige, expressionistische Backsteinverzierung. Der an sich schlichte Kubus mit seinem flachen Dach erhält durch die mit dem Sägeschnitt bereicherten Lisenen einen unverwechselbaren Charakter. Er unterscheidet sich von den gleichzeitigen Werken der Neuen Sachlichkeit auch dadurch, dass die nach oben verbreiterten Lisenen optisch ein Dachgesims bilden.

Der Innenraum der Pfarrkirche St. Maria in Limburg wurde in Form einer Parabel gestaltet. 
Limburg, St. Maria © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Innenraum der Pfarrkirche St. Maria in Limburg wurde in Form einer Parabel gestaltet.

Der Kirchenbau zwischen den beiden Weltkriegen war in starkem Maße vom Expressionismus geprägt. Beliebt waren Räume, bei denen Wände und Gewölbe auf einem vom Boden ohne Zäsur aufsteigenden Spitzbogen beruhten, so bei der katholischen Pfarrkirche St. Apollinaris in Frielingsdorf bei Köln, erbaut 1926-27 durch Dominikus Böhm. Dem Vorbild dieses berühmtesten Kirchenbauers der 1920er Jahre folgte Jan Hubert Pinand 1924-27 mit der von ihm errichteten katholischen Pfarrkirche St. Maria in Limburg an der Lahn. Bei ihm hat der Chorbogen die Form einer Parabel angenommen, wie sie bereits bei Antoni Gaudís Sagrada Familia in Barcelona zu finden ist. Von Josef Franke wurde sie 1927-29 bei seiner Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen-Ückendorf konsequent für den gesamten Raum eingesetzt. Ziel dieser neuen Bogenform war es, sich vom neugotischen Kirchenbau zu lösen. Der Bau der Limburger Kirche St. Maria dominiert eindrucksvoll den Beginn der Wiesbadener Straße. Typisch für den Expressionismus ist der blockhafte, von flachen Segmentbogenfenstern über kurzen Gesimsen gegliederte Turmbau, bei dem als oberer Abschluss hinter durchbrochenen Balustraden zwei eingezogene Pyramidenhelme erscheinen.

Die ehemalige Provinzialbank befindet sich gegenüber des Stralsunder Rathauses. 
Stralsund, eh. Provinzialbank © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die ehemalige Provinzialbank befindet sich gegenüber des Stralsunder Rathauses.

Während die Baudenkmale der Neuen Sachlichkeit überwiegend in den größeren Städten wie Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main, Magdeburg oder Dessau stehen, finden sich Zeugnisse des Expressionismus auch in Mittelstädten, zum Beispiel die Feuerwache in Wismar, das Pfarrhaus im ostfriesischen Wittmund oder die ehemalige Provinzialbank in Stralsund am Alten Markt. Bei diesem 1930 von Adolf Theßmacher entworfenen Klinkerbau sind die profilierte Lisenengliederung des leicht zurückgesetzten Terrassengeschosses und die abgetreppte Gebäudeecke typische Merkmale des Expressionismus.

Die vierte Strömung in der Baukunst der 1920er Jahre ist der Heimatschutzstil, der wie die Neue Sachlichkeit und der Expressionismus den Historismus überwinden wollte, sich dabei aber traditioneller Bauformen bediente. Seine wichtigsten Vertreter waren Paul Schmitthenner, Paul Schultze-Naumburg, Heinrich Tessenow und Theodor Fischer. Es war eine heterogene Gruppe, die vor allem durch ihre Gegnerschaft zur Neuen Sachlichkeit charakterisiert wird und sich vorübergehend vereinte, nachdem sie beim Bau der Weißenhofsiedlung in Stuttgart unter Ludwig Mies van der Rohe nicht berücksichtigt worden war. Die Bewegung begann bald nach 1900, dauerte bis zum Beginn des Dritten Reiches, zu dem sich vor allem Paul Schultze-Naumburg bekannte. Er trat früh der NSDAP bei und betrieb die Schließung des Bauhauses. Sein Frühwerk war 1904-07 das Wiesbadener Schloss Freudenberg nach dem Vorbild des englischen Palladianismus. Mit seinem Schloss Cecilienhof im Neuen Garten von Potsdam wandte er sich 1913-17 dem Stil englischer Landsitze mit viktorianischem Fachwerk zu.

Der Cecilienhof in Potsdam wurde nach der preußischen Kronprinzessin Cecilie benannt. 
Potsdam, Cecilienhof © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Cecilienhof in Potsdam wurde nach der preußischen Kronprinzessin Cecilie benannt.

England war auch für andere Vertreter des Heimatschutzstils ein Vorbild. Hermann Muthesius war 1896-1903 in der deutschen Botschaft in London tätig gewesen und stand unter dem Einfluss des britischen "Arts and Crafts Movement", der Bewegung zur Belebung des Handwerks durch die Kunst. In seinen Villenbauten wie dem Mittelhof genannten Haus Mertens in Berlin-Nikolassee legte er 1914-15 größten Wert auf eine solide handwerkliche Ausführung des Klinkermauerwerks, der Sprossenfenster und der Schieferdeckung der steilen Dächer. Seine Villa Ditmarstraße 4 in Frankfurt am Main entspricht noch stärker dem englischen Landhausstil in der vornehmen Grundhaltung. In Frankfurt und Umgebung prägte der Heimatschutzstil vor der Ära Ernst May auch die Arbeitersiedlungen, zum Beispiel bei der 1918-21 für Eisenbahner erbauten im Stadtteil Nied.

Die Villa in der Frankfurter Ditmarstraße entwarf Hermann Muthesius. 
Frankfurt am Main, Muthesius-Villa © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Villa in der Frankfurter Ditmarstraße entwarf Hermann Muthesius.

Wiesbaden als Stadt des Historismus gab der Neuen Sachlichkeit kaum eine Chance. Die von der englischen Gartenstadtbewegung inspirierten Wohnsiedlungen an der Biebricher Allee und "Eigenheim" am Ende der Idsteiner Straße sind von der Jahrhundertwende bis in die 1920er Jahre hinein vom Heimatschutzstil geprägt, so auch die von Friedrich Werz an der Lahnstraße 1924-28 erbauten 38 Doppelhäuser. Konservative, besonders wohlhabende Bauherren bevorzugten bis in die Nachkriegszeit, ja sogar bis in die Gegenwart den Heimatschutzstil, so wie der Sektfabrikant Karl Henkell 1947 mit seiner Villa Weintraut in der Rosselstraße 20, erbaut vom Münchner Architekten Ernst Haiger.

Dr. Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow †


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Zur Entstehung botanischer Gärten 08.11.2012 Eine Muskatnuss an der Uhr Eine Muskatnuss an der Uhr

    Eine Muskatnuss an der Uhr

    Im letzten Jahr wurden zwei denkmalgeschützte Tropenhäuser nach mehreren Jahren der Restaurierung wiedereröffnet: Grund genug für uns, einmal der Entstehung botanischer Gärten in Deutschland nachzugehen.

  • Usedom lockt mit Kaiserbädern und Idylle 08.11.2012 Bäderarchitektur Pommern blau-weiß

    Pommern blau-weiß

    Das Kapital der Ostseebäder ist das Zusammenspiel der ungezähmte Natur des Meeres mit einer lieblichen Architektur.

  • Max Liebermanns Sommervilla am Wannsee ist jetzt Museum 08.11.2012 Max Liebermanns Sommervilla Der Maler und sein "Klein-Versailles"

    Der Maler und sein "Klein-Versailles"

    Wenn man nach Berlin reinkommt, gleich links" - so wurden Fremde gerne auf die Wohn- und Arbeitsstätte von Max Liebermann (1847-1935) hingewiesen. Der berühmte Maler war 1893 in die zweite Etage des eleganten Wohnhauses am Pariser Platz 7 gezogen.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn