Kurioses Streiflichter Handwerk Menschen für Denkmale

Das Ladengeschoss von Haus 2 wird bespielt

Welttheater auf der Krämerbrücke

Wenn es auf der Krämerbrücke in Erfurt dämmert, bildet sich ein Knäuel von Menschen vor Haus 2. Ohne müde zu werden, enthüllt die Königin immer wieder ihren prächtigen Spiegel, der als Bühne dient. Sie blickt dämonisch drein, während im Spiegel zeitgleich verschiedene Szenen des Märchens "Schneewittchen" zu sehen sind. Dieses simultane Spiel betreibt seit etwas mehr als einem Jahr der Holzbildhauer und Puppenschnitzer Martin Gobsch.

Martin Gobsch mit einer seiner Figuren. 
Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Martin Gobsch mit einer seiner Figuren.

Es ist ein sogenanntes Theatrum Mundi, ein mechanisches Theater mit 20 beweglichen Märchenfiguren unterschiedlicher Größe. Mittels Einwurf einer Münze kann die Schaufensterbühne in Gang gesetzt werden. Wirft man einen Euro in eine Box, dauert das Märchen eine Minute, bei zwei Euro verlängert sich die Aufführung auf zwei Minuten.


Das Theatrum Mundi geht auf Schaubuden-Attraktionen der Jahrmärkte zurück. Es hat seinen Ursprung in tragbaren "Buckelbergwerken", die arbeitslose Bergleute aus dem Erzgebirge, durch die Lande ziehend, auf ihren Schultern trugen. Gobschs Variante des mechanischen Theaters, das zur Zeit der Renaissance und des Barock als "Welttheater" noch ein Symbol für die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt war und erst später mit anderen Inhalten wie lehrreichen oder unterhaltsamen Bildern gefüllt wurde, beschert der Krämerbrücke unzählige Besucher.

: Die dämonische Königin enthüllt immer wieder ihren Spiegel für Szenen aus dem Märchen "Schneewittchen". 
© M. Backhaus
: Die dämonische Königin enthüllt immer wieder ihren Spiegel für Szenen aus dem Märchen "Schneewittchen".

"Mein Theatrum Mundi läuft großartig, und ich fühle mich hier auf der Brücke sehr willkommen", freut sich Martin Gobsch. Er ist einer der vielen Interessenten, die sich bei der Stiftung Krämerbrücke beworben hatten, um dort Handel zu treiben oder einem Gewerbe nachzugehen. Seit 1996 bemüht sich die Stiftung Krämerbrücke darum, dass die mittelalterliche massive Bogenbrücke, bebaut mit dreigeschossigen Fachwerkhäusern des 17. bis 19. Jahrhunderts, attraktive Läden beherbergt wie beispielsweise Antiquitätengeschäfte, Galerien oder einen Thüringer Spezialitätenmarkt. Die vielfältigen Kramläden der frühen Neuzeit - damals verkaufte man unter anderem Tuch, Seide und Heilkräuter - leben auf diese Weise weiter fort. Schon im Oktober konnte das "Haus der Stiftungen", in dem sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Stiftung Krämerbrücke seit 2000 präsentieren, den 500.000. Besucher zählen.

Die Werkstatt des Puppenschnitzers, der eine Möbeltischlerlehre und später am Erfurter "Waidspeicher" eine Theaterplastiker-Ausbildung absolvierte, bildet ein weiteres Puzzleteil, das sich perfekt in das Nutzungskonzept einfügt. Man kann Martin Gobsch auch bei der Arbeit in seiner 21 Quadratmeter kleinen Werkstatt im Erdgeschoss über die Schulter blicken. Im Moment fertigt Gobsch 17 Puppen aus Lindenholz für die Lindauer Marionettenoper, die den "Barbier von Sevilla" geben möchte. Über diesen Auftrag ist Gobsch sehr froh, denn er sichert ihm für ein Jahr die Existenz.

Was aber wäre die Krämerbrücke ganz ohne Handel? In Gobschs Laden werden Bastelbögen nach historischem Vorbild angeboten und hölzerne Windlichte aus dem Oderbruch.

Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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M. Backhaus
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M. Backhaus
M. Backhaus
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Erfurt, Krämerbrücke © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
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Ehe der Raum genutzt werden konnte, mussten zunächst das Fachwerk instand gesetzt, die Ausfachung sowie der Innenputz erneuert werden. Dies wurde unter anderem möglich durch die großzügige Unterstützung der Elisabeth und Fritz Thayssen-Stiftung in der Treuhandschaft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Das Ehepaar Thayssen widmet sich seit vielen Jahren sehr engagiert den Brückenhäusern. Für die DSD ist die Krämerbrücke eines ihrer größten Projekte, an deren Restaurierung sie sich mit über einer Million Euro beteiligte und damit der Stadt als Eigentümerin unter die Arme griff.

Christiane Schillig