1800 Interieur Ikonographie Februar 2012

Das Belvedere auf Dittersbachs "Schöner Höhe"

Gar treu bis an das Grab

Ich hatte mich gewöhnt, bey Allem was ich that, bey Allem was mich erfreute an Göthe zu denken", schreibt Johann Gottlob von Quandt 1832. Der Kunstliebhaber ist ein Goetheaner mit Leib und Seele. 1808 hat der 21-jährige Leipziger den Dichter bei einem Kuraufenthalt in Karlsbad erstmals getroffen und ihm seine Verehrung ausgesprochen.

Sieben Jahre später macht ihn die Entdeckung wertvoller Gemälde alter deutscher Meister auf dem Dachboden der Leipziger Nikolaikirche in Kunstkreisen bekannt - auch Goethe bezeugt seine Anerkennung in einem Artikel. Quandt erweist sich fortan nicht nur als Kenner, sondern ebenso als bedeutender Förderer der Künste in Sachsen.     


1820 vertieft er die Bekanntschaft mit Goethe bei einem Besuch in Weimar. Die ehrgeizig erworbene Bildung bringt dem Sohn eines wohlhabenden Tabakhändlers im selben Jahr die Erhebung in den Adelsstand ein. Fortan setzt er sein ganzes Leben und Wirken - sozusagen als bürgerliche Selbstvergewisserung - in Beziehung zu dem wortgewaltigen Poeten.

In der Szene aus dem Erlkönig zeigte Carl Gottlieb Peschel das Verhältnis von Mensch und Natur von seiner magisch-bedrohlichen Seite. 
© Bildarchiv Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Dresden
In der Szene aus dem Erlkönig zeigte Carl Gottlieb Peschel das Verhältnis von Mensch und Natur von seiner magisch-bedrohlichen Seite.

Bei Christian Daniel Rauch erwirbt Quandt 1823 eine Nachbildung von dessen Goethe-Büste: "Es soll dieses verehrte Portrait einen ihm allein geweihten Raum in meinem Hause in Dresden erhalten." Natürlich wird der Geheime Rat von der Aktion in Kenntnis gesetzt. Dabei steht "Göthens Ehrensaal" erst am Anfang eines Kultes, mit dem Johann Gottlob von Quandt den Dichter und sein Schaffen zum Lebenselixier seiner Generation stilisiert.

Später korrespondieren die beiden regelmäßig über Angelegenheiten des 1828 gegründeten Sächsischen Kunstvereins, dem Quandt vorsteht. Goethe hat man als Mitglied und Berater gewinnen können. Zwei Jahre darauf kauft Quandt das nahe Dresden gelegene Rittergut Dittersbach und vergrößert den Besitz um weitere Güter in der Umgebung.

Auf der Schönen Höhe über dem Tal der Wesenitz lässt er von Joseph Thürmer ein zinnenbewehrtes Lustschlösschen errichten, das er zu seinem persönlichen Goethe-Denkmal erklärt. Bei der Grundsteinlegung für das Belvedere am 12. September 1831 wird ein Brief des Dichters eingemauert. Die Einweihung soll Goethe jedoch nicht mehr miterleben: Er stirbt am 22. März 1832 in Weimar. Mit Johann Ludwig Tieck teilt Quandt das Gefühl, nun "verwaist" zu sein. Der schmerzhaft empfundene Verlust ist ihm ein umso größerer Ansporn, seine Gestaltungspläne für die Schöne Höhe umzusetzen.

Illustration der Sturm und Drang-Ballade „Geistesgruß“ 
© Bildarchiv Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, Dresden
Illustration der Sturm und Drang-Ballade „Geistesgruß“

Der den Nazarenern nahestehende und damit auch Quandts romantische Kunstauffassung teilende Dresdner Maler Carl Gottlieb Peschel (1798-1879) erhält den Auftrag, den Hauptraum des Turmes mit Fresken zu Goethe-Balladen auszuschmücken. Der übrigen Wand- und Deckengestaltung liegen wohl Entwürfe Gottfried Sempers zugrunde. Da "dieser Ort mehr zur Erholung, als ernsterer Thätigkeit bestimmt ist, so habe ich zu dem Gegenstand für die Malereyen kein Epos, sondern Romanzen von Göthe gewählt", erklärt der Hausherr. Entgegen seiner sonstigen Art, den Künstlern freie Hand zu lassen, hat Quandt nicht nur bei der Wahl der Motive, sondern auch bei den Details erheblich auf die Ausführung eingewirkt.

Der Saal im Erdgeschoss ist etwa acht Meter lang und viereinhalb Meter breit. In der oberen Wandzone finden sich insgesamt sechs Darstellungen, ergänzt durch Textpassagen. Die Szenen illustrieren die Balladen "Der Sänger", "Der König in Thule", "Geistesgruß", "Der Fischer" und "Der Erlkönig". Die rätselhaften Figuren über dem Eingang beziehen sich auf das "Märchen", das Goethe 1794 in die "Unterhaltungen deutscher Ausgewan-derten" aufgenommen hatte.

Goethes volkstümliche Balladen - wie die des sterbenden Königs von Thule, den Peschel an der Nordwand verewigte - entsprachen ganz Quandts idealisierter Auffassung des Mittelalters als einer Zeit, die von Liebe, ewiger Treue und Heldengeist geprägt war. Mit der Darstellung vom "Geistesgruß" war der Auftraggeber offenbar nicht ganz glücklich: Er vermisste den Ernst, mit dem Goethe dieses "Charakterbild des Ritterthums" seiner Meinung nach gezeichnet hatte. "Die Knochen voll von Rittermark" scheint der bleiche Geist in seiner überzeichneten Pose allerdings nicht zu haben. Dabei lag Peschel mit seiner Umsetzung wohl näher am Original. Goethe hatte das Gedicht 1774 auf seiner Lahn- und Rheinreise mit Lavater und Basedow aus einer Possenlaune heraus improvisiert.

Das größte Bild an der Nordwand ist dem "Sänger" aus dem Jahr 1783 gewidmet. Goethe entwarf in seiner Ballade vom Minnesänger ein Gegenbild zu seiner eigenen Dichterexistenz, die zunehmend von den Aufgaben im Weimarer Staatsdienst belastet wurde. Quandt verklärte die Vorstellung vom freien Troubadour vollends und setzte mit dieser Darstellung des Königs als gütigem Förderer sicher auch dem eigenen Mäzenatentum ein Denkmal - wenn auch nur für seine Zeitgenossen.

In seiner Rede zur Grundsteinlegung des Turms hatte er nämlich sinniert: "Mag auch das Gebäude, das wir heute begründen nach Jahrhunderten als altersmüde Trümmer in sich zusammensinken, und in den Fensterhöhlen der ungesellige Nachtvogel horsten, endlich kein Stein mehr auf dem anderen stehen; ein anderes Geschlecht wird leben, andere Baue aufführen, und sich wieder des Daseins erfreun."

Quandt, ganz dem Geist der Romantik verpflichtet, wollte nicht für die Ewigkeit schaffen. Doch seine Vision vom ewigen Werden und Vergehen hat sich zum Glück nicht erfüllt: Das Belvedere, das sich heute im Besitz der Gemeinde Dürrröhrsdorf befindet, krönt noch immer die Schöne Höhe. In den 1980er Jahren tatsächlich wegen Baufälligkeit geschlossen, wurde es ab 1991 in mehreren Abschnitten saniert. Im Jahr 2000 konnten mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz schließlich auch die Fresken restauriert werden. Und so dürfen wir Nachgeborenen uns nicht nur unseres Daseins, sondern auch weiterhin dieser frühen Goethe-Verehrungsstätte erfreuen, die darüber hinaus einen stilvollen Rahmen für kulturelle Veranstaltungen und Trauungen bietet.

Bettina Vaupel

Führungen durch den Freskensaal

Von Ostern bis Anfang Oktober So 13-17 Uhr sowie nach vorheriger Vereinbarung Ansprechpartner: Quandt-Verein, Peter Große, Tel. 035026/9 10 46, peter.elbersdorf@gmx.de
Gemeindeverwaltung Dürrröhrsdorf-Dittersbach, Frau Kaiser, Tel. 035026/9 75 28, fremdenverkehrsamt@duerrroehrsdorf-dittersbach.de

Weitere Infos im WWW:

www.quandt-verein.de