Sehen und Erkennen Nach 1945 1925 August 2011

Bauten des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit

Machtarchitektur und neue Bescheidenheit

Es ist mit unserem Zeitgefühl schwer zu vereinbaren, dass die Schreckensherrschaft des Dritten Reiches nur zwölf Jahre gedauert hat. Davon nahm der Zweite Weltkrieg allein schon sechs in Anspruch. Deshalb sind zum Glück die meisten Großprojekte wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder die gigantischen Pläne für den Umbau von Berlin unvollendet geblieben.

Das "Haus der Deutschen Kunst" in München  
München, Haus der Kunst © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das "Haus der Deutschen Kunst" in München

Da Städtebau und Architektur schon zu allen Zeiten der wahrhaftigste Spiegel der Verhältnisse in der Gesellschaft waren, geben die ganz oder teilweise vollendeten Projekte den Geist des Nationalsozialismus unverfälscht wieder und müssen als Mahnung für spätere Generationen erhalten bleiben.    


In München entstand 1933-37 als erster Bau nach der Machtergreifung das "Haus der Deutschen Kunst". Die Pläne dafür entwarf Paul Ludwig Troost, der jedoch die Vollendung nicht erlebte, da er am 21. Januar 1934 verstarb. Für kurze Zeit war er der Lieblingsarchitekt Hitlers, bevor diese Rolle Albert Speer übernahm. Der langgestreckte Baukörper des Ausstellungsgebäudes am Englischen Garten ist im Stil des Neoklassizismus gehalten. Dieser prägte die europäische Baukunst in der Zeit um den Ersten Weltkrieg. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Deutsche Botschaft in St. Petersburg, erbaut 1911-12 von Peter Behrens.


Ein Vergleich beider Bauten zeigt, dass der Neoklassizismus des Dritten Reichs durch eine Reduzierung der Gestaltungselemente zum Machtstil wurde. So verkommt die langgestreckte Säulenfront in München zur monotonen Reihung, stark gedrückt durch das viel zu schwer darauf lastende Gebälk, während bei Peter Behrens durch die Streckung der Säulen und die feingliedrige Aufteilung des Dachgesimses eine sensible Spannung erzeugt wird, wie sie auch die differenzierte Gliederung der Seitenflügel vermittelt. Die brutale Vereinfachung der zurückgestuften Seitenflügel in München dagegen gleicht einer Bunkerarchitektur.

Da sich Hitlers Partei nationalsozialistisch nannte, bemühte sie sich mit der Ferienorganisation "Kraft durch Freude", den deutschen Arbeitern und Müttern einen kostengünstigen Urlaub zu ermöglichen. So plante Clemens Klotz an der Ostseite der Insel Rügen in Prora bei Binz eine gigantische Ferienanlage für 20.000 Menschen (s. Kopfgrafik links). Deren zwischen 1936 und 1943 errichteter Teil von acht riesigen sechsgeschossigen Gebäuden erfuhr jedoch nie seine eigentliche Nutzung, sondern diente 1945-90 militärischen Zwecken. Die Vorstellung, dass an dem direkt davorliegenden Strand bis zu 20.000 Menschen mit einem "Lied der nationalen Bewegung" auf den Lippen gemeinsamen Frühsport in Drillichanzügen treiben sollten, macht den Ameisenstaat deutlich, in dem der Einzelne nichts, die Gemeinschaft alles bedeutete.

Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit in Wiesbaden-Klarenthal (oben) und Jena-Lobeda.  
© Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit in Wiesbaden-Klarenthal (oben) und Jena-Lobeda.

Um dieses wichtige Geschichtsdenkmal zu erhalten, muss man es für den Badetourismus nutzen. Die Kunst dabei ist es, die einzelnen Häuser innen so weit zu verändern, dass sie unseren Bedürfnissen nach individuellem Wohnen entsprechen, ohne dass der Gesamtcharakter der monumentalen Anlage zerstört wird. Denn diese ist der Auftakt zu den späteren gigantischen Ferienanlagen an Europas Mittelmeerküsten, aber auch den vielen deutschen Wohnsiedlungen, die am Rand der Kernstädte als reine Schlafstädte aus vorgefertigten Betonplatten in kurzer Zeit hochgezogen wurden. Dies war wegen der großen Wohnungsnot auch unvermeidbar, um Millionen Heimatvertriebene und Ausgebombte unterbringen zu können.

Interessant ist jedoch, wie sich die Bilder in beiden deutschen Teilstaaten trotz gravierender gesellschaftspolitischer Unterschiede glichen. So hätte es für die Siedlung Klarenthal in Wiesbaden keinen Grund für die starke bauliche Verdichtung gegeben, denn das Bauland gehörte dem Land Hessen, das dafür die Domäne auflöste und unterlag deshalb nicht der schon damals grassierenden Bodenspekulation. Die großen, halbstaatlichen Wohnungsbauunternehmen traten als Bauherren auf. Für die in den unteren Reihen an private Bauherren vergebenen Grundstücke gab es eine Gestaltungssatzung, die Flachdächer und helle Putzflächen vorschrieb. Darüber sollten sich nach den Vorstellungen des ab 1961 beauftragten Architekten Ernst May die in dunklem Grau gehaltenen Wohnblocks erheben, bekrönt von den hell gestrichenen Hochhäusern. Statt in der wunderbaren Landschaft des Taunus die Chance für eine mustergültige Wohnstadt zu schaffen, entstand eine architektonische Großplastik.

Bei der in Jena-Lobeda unmittelbar an der Autobahn gelegenen Plattenbausiedlung kam als Grund für den geringen Abstand zwischen den Baukörpern ebenfalls keine Bodenspekulation in Frage, war doch neu erschlossener Baugrund grundsätzlich staatlich. Hier war wohl das System der Fernheizung mit dem Ziel möglichst geringer Wärmeverluste die Ursache, dazu wegen der Knappheit an Baukränen der Zwang, mit einem Kran gleichzeitig zwei Baukörper beschicken zu können. Der Massenwohnungsbau in beiden Teilen Deutschlands soll deutlich machen, dass wir es in der Nachkriegszeit der 1950er und 1960er Jahre mit einem riesigen Bestand an Bauten zu tun haben.

Der Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags in Hannover  
Hannover, Niedersächsischer Landtag © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Plenarsaal des Niedersächsischen Landtags in Hannover

Nur Geldnot - in vielen Fällen der wirkungsvollste Denkmalschutz - konnte den bereits vom Niedersächsischen Landtag beschlossenen Abbruch des Plenarsaales in Hannover verhindern. Seine Entstehung habe ich ab 1956 nach meinem Eintritt in die niedersächsische Denkmalpflege aus nächster Nähe miterlebt. Beim Wettbewerb um den Neubau des Landtags war nur der mächtige klassizistische Säulenportikus zur Erhaltung vorgeschrieben. Dieter Oesterlen dagegen bezog alle vorhandenen Außenwände der Schlossruine in seine Aufbauplanung ein und ergänzte den Komplex um den Plenarsaal, an dessen Stelle Georg Laves 1854 eigentlich das Hoftheater bauen wollte. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Sehr einfühlsam wiederholte Oesterlen die Kubatur des rechten von Laves erbauten Flügels neben dem Portikus in seinen zeittypischen schlichten Formen. Auch der Wiederaufbau der Marktkirche in Hannover mit ihrem großartigen Orgelprospekt oder der Neubau der Stadtkirche in Jever beweisen, dass Dieter Oesterlen zu den bedeutendsten Architekten der Nachkriegsarchitektur in Deutschland zählt.

St. Michael in Frankfurt am Main und die Heilig-Geist-Kirche in Wiesbaden-Biebrich sind sehr unterschiedliche Beispiele für den Kirchenbau der Nachkriegszeit.  
Frankfurt am Main, St. Michael / Wiesbaden-Biebrich, Heilig-Geist-Kirche © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
St. Michael in Frankfurt am Main und die Heilig-Geist-Kirche in Wiesbaden-Biebrich sind sehr unterschiedliche Beispiele für den Kirchenbau der Nachkriegszeit.

Um für die heute schon mit Sicherheit erkennbaren Spitzenleistungen der Nachkriegsarchitektur zu werben, hat unsere Stiftung als ihren Hauptsitz die ehemalige Bayerische Landesvertretung in Bonn gewählt und spätere negative Veränderungen an dem sensiblen Bau von Sep Ruf aus dem Jahr 1956 rückgängig gemacht. Dazu gehört die Wiederfreilegung der für diese Zeit typischen dünnen Stützen im Treppenhaus (s. Kopfgrafik rechts), die man aus feuerpolizeilichen Gründen im Nachhinein umhüllt hatte, was jetzt durch einen entsprechend wirksamen Anstrich ersetzt wurde. Zugleich haben wir die originale Farbgebung wiederhergestellt. Auch dieser bedeutende Bau wird trotz des ausführlich behandelten Regierungsviertels nicht im Dehio Rheinland erwähnt. Umso wichtiger war seine Übernahme durch uns, weil auf der anderen Seite der Schlegelstraße die Abrissbirne bereits einen ganzen Baublock beseitigt hat.

Die 1950er und frühen 1960er Jahre haben im Kirchenbau beachtliche Leistungen dort vollbracht, wo der Bombenkrieg und die Bodenkämpfe nach der Invasion zahlreiche historische Sakralbauten zerstört hatten und durch den Flüchtlingsstrom ein neuer Bedarf entstanden war. Die bedeutendsten Kirchenbauer kamen deshalb aus Nordrhein-Westfalen, wie zum Beispiel Dominikus und Gottfried Böhm sowie Rudolf Schwarz. Letzterer erbaute 1953/54 die katholische Pfarrkirche St. Michael in der Gellertstraße von Frankfurt am Main. Sie ist eine jener Großkirchen, deren Erhaltung für die weitere Zukunft durch den Mangel an Priestern und den Schwund an Gläubigen Sorgen bereitet. Zudem ist es nicht leicht, Laien für die Qualität dieser Großkirchen aus Stahlbeton zu begeistern, etwa durch den Hinweis auf die wunderbare Lichtbrechung auf den gefalteten Wänden des aus drei Konchen gebildeten Chores. Aus Unterbewertung der baukünstlerischen Bedeutung ging bereits vor kurzem mit dem Abbruch der katholischen Dorfkirche von Berlin-Gatow ein Werk von Rudolf Schwarz verloren.

Die auch „Schwangere Auster“ genannte Kongresshalle im Berliner Tiergarten  
Berlin, Kongresshalle © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die auch „Schwangere Auster“ genannte Kongresshalle im Berliner Tiergarten

Keine Sorge dagegen bereitet die evangelische Heilig-Geist-Kirche in Wiesbaden-Biebrich am Kupferberg. Der 1960-61 von Herbert Rimpl aus Ortbeton gegossene Sakralbau besticht durch die ungewöhnliche, anheimelnde Raumform mit dem tief herabgezogenen Gewölbe aus Rippen in Parabelform und die farbige Verglasung. Nach 50 Jahren weist der Stahlbeton die üblichen Schäden auf, deren Beseitigung hohe Kosten verursacht, die jedoch von der Landeskirche und der Gemeinde geduldig getragen werden, weil ihnen die Qualität ihres Gotteshauses bewusst ist. Die Nachkriegsarchitektur entdeckte den Stahlbeton für ihre künstlerischen Absichten, vor allem ließen sich mit vorgespannten Bewehrungen elegante, leichte Flugdächer verwirklichen. Wir glaubten damals, dass Beton ewig halten würde, wurden aber schon wenige Jahrzehnte später durch den Einsturz der ehemaligen Kongresshalle im Tiergarten von Berlin aus dieser Illusion gerissen. Als amerikanischer Beitrag zur "Interbau" von Hugh A. Stubbin errichtet, stürzte das kühne Schalendach 1980 wegen des Nachlassens der Vorspannung auf Grund einer Korrosion der Bewehrung - ein typischer Fehler der neuen Technologie - plötzlich ein und erschlug einen Menschen. Anschließend wurde die Kongresshalle mit veränderter Tragsicherheit wiederhergestellt, so dass ihr auch die Schneelast des letzten Winters nichts ausmachte.

Die Lange Straße in Rostock – eine Aufnahme aus der Entstehungszeit  
Rostock, Lange Straße © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Lange Straße in Rostock – eine Aufnahme aus der Entstehungszeit

Wie in der alten Bundesrepublik entstanden auch in der DDR neben dem Massenwohnungsbau Spitzenleistungen der Baukunst, zum Beispiel mit den Werken von Ulrich Müther. Sein "Teepott" in Warnemünde von 1968 etwa hat große Ähnlichkeit mit der Berliner Kongresshalle. Im Unterschied zu dieser wird der bedeutende Bau im Dehio Mecklenburg-Vorpommern mit keinem Wort gewürdigt, desgleichen auch nicht die beispielhafte Neugestaltung der Langen Straße in Rostock 1953-60 durch ein Kollektiv unter der Leitung von Joachim Näther. Sie gehörte zu dem von der Sowjetunion übernommenen Programm der "Nationalen Tradition", das in der einst Stalinallee, später Karl-Marx-Allee genannten Prachtstraße in Berlin oder der Otto von Guericke-Straße in Magdeburg eine Fortsetzung fand.

Das ehemalige Verwaltungsgebäude der NSDAP in München (oben) und das "Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz", die ehemalige Bayerische Landesvertretung in Bonn.  
© Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Das ehemalige Verwaltungsgebäude der NSDAP in München (oben) und das "Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz", die ehemalige Bayerische Landesvertretung in Bonn.

Das beste dieser Beispiele ist die Lange Straße in Rostock. Sowohl die städtebauliche Qualität in den rhythmisch angeordneten, vertikal ausgerichteten Baukörpern im Wechsel mit lagerhaft gestalteten Verbindungsflügeln besticht. Jedoch genauso begeistert die Qualität der einzelnen Gebäude mit Motiven aus der Backsteingotik, die keine historisierende Nachahmung, sondern eine freie Variante zu den mittelalterlichen Vorbildern darstellt.

Ein Vergleich zwischen dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der NSDAP in der Arcisstraße 12 von München mit dem Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Bonn führt uns auf eindrucksvolle Weise den Wandel von der Machtarchitektur des Dritten Reichs zum Auftritt der jungen Demokratie vor Augen. Auf der einen Seite der kalte, brutal vereinfachte Neoklassizismus mit seinem Imponiergehabe, auf der anderen die Bescheidenheit des Neuanfangs in einer durchaus noch von wirtschaftlicher Not geprägten Zeit mit einer sensiblen, feingliedrigen Fassadengestaltung, die im linken Originalbau noch deutlicher zu spüren ist als im rechten Erweiterungsbau.

Der Neuanfang bedeutete aber keine Stunde Null, sondern eine bewusste Wiederaufnahme gerade der Neuen Sachlichkeit jenes Bauhauses, das unter anderem auf Betreiben von Paul Schultze-Naumburg von den Nationalsozialisten verboten worden war. Andere stärker vertretene Zeugnisse der Strömungen in den 1920er und frühen 1930er Jahren wie der Expressionismus und der Heimatschutzstil dagegen wurden nicht mehr zum Vorbild genommen.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

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