Juni 2011

St. Christophorus in Weimar-Tiefurt wurde baupolizeilich gesperrt

Kirche dringend gebraucht!

Die Kirche ist vom Einsturz bedroht! Wie man gut nachvollziehen kann, löste diese Diagnose im vergangenen Jahr großes Entsetzen bei der Kirchengemeinde im Weimarer Ortsteil Tiefurt aus. Weil ein Holzschutzgutachten vorbereitet werden sollte, hatte Jörg Rietschel, Ortsbürgermeister und Gemeindekirchenratsmitglied, im April 2010 einen Blick in den Dachstuhl geworfen und gravierende Schäden entdeckt. Nach einer Begehung durch Bausachverständige und den Weimarer Oberbürgermeister Stefan Wolf musste die Kirche baupolizeilich gesperrt werden. Offenbar hatte der Orkan Emma, der Anfang März 2008 mit großer Wucht auch über Tiefurt hinweggerast war, dem ohnehin morschen Dachgebälk so zugesetzt, dass Gefahr im Verzug war.

Zimmerleute beim Aufbau des neuen Dachstuhls – sichtbarer Beginn der Sanierung von St. Christophorus 
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Zimmerleute beim Aufbau des neuen Dachstuhls – sichtbarer Beginn der Sanierung von St. Christophorus

Man kann sich glücklich schätzen, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Nicht auszudenken die Vorstellung, dass etwa beim Weihnachtsgottesdienst in der mit 400 Menschen vollbesetzten Kirche etwas passiert wäre! Denn sie wird sehr gut angenommen: Hier fanden bis zur Sperrung nicht nur vierzehntägig Gottesdienste statt, sondern St. Christophorus gilt auch als die beliebteste Hochzeits- und Taufkirche Weimars und war oft bis zur obersten Empore gefüllt. Im Sommer lud sie regelmäßig zu Konzerten, den "Montagsmusiken". Doch vor allem stand die Kirche stets für die Besucher des seit 1998 zum Welterbe der UNESCO gehörenden Ensembles von Schloss und Park Tiefurt offen, die sie gern für einige Minuten der Andacht und Ruhe aufsuchten.

Weimar, Schlosskirche © Repro
Weimar, Schlosskirche © Repro
Die 1774 niedergebrannte Weimarer Schlosskirche mit ihrem Pyramidenkanzelaltar, eine Abbildung aus dem Jahr 1660
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Inschrift am Türsturz der Tiefurter Kirche „Weg zur Himmels Burg – ANNO Christi 1725“ zeigt die Verbindung zur ehemaligen Weimarer Schlosskirche.
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick durch den im Aufbau befindlichen Dachstuhl auf den Turm der Kirche, im Vordergrund die verpackte Spitze des Altars
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Vor der aktuellen Sanierung: Blick vom Altar durch das Kirchenschiff auf die Emporen und die Heerwagen-Orgel
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der 1803 von Anna Amalia in Auftrag gegebene Taufstein steht vor dem Altar.
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Der Pyramidenkanzelaltar der Tiefurter Dorfkirche, fotografiert vor der gegenwärtigen Sanierung des Gotteshauses
 
 
Weimar, Schlosskirche © Repro
Die 1774 niedergebrannte Weimarer Schlosskirche mit ihrem Pyramidenkanzelaltar, eine Abbildung aus dem Jahr 1660
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Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Inschrift am Türsturz der Tiefurter Kirche „Weg zur Himmels Burg – ANNO Christi 1725“ zeigt die Verbindung zur ehemaligen Weimarer Schlosskirche.
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Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Blick durch den im Aufbau befindlichen Dachstuhl auf den Turm der Kirche, im Vordergrund die verpackte Spitze des Altars
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Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Vor der aktuellen Sanierung: Blick vom Altar durch das Kirchenschiff auf die Emporen und die Heerwagen-Orgel
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Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der 1803 von Anna Amalia in Auftrag gegebene Taufstein steht vor dem Altar.
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Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © Ute Schuchardt
Der Pyramidenkanzelaltar der Tiefurter Dorfkirche, fotografiert vor der gegenwärtigen Sanierung des Gotteshauses
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Tiefurt ist ein ganz besonderer Ort. In dem Park, den Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach ab 1781 im Bogen des Flüsschens Ilm anlegen ließ, hat unsere Familie vor einigen Jahren einen wunderschönen Tag verbracht. Und wie die meisten Besucher empfanden auch wir hier Harmonie und Schönheit, haben den Einklang mit der Natur, aber auch den Geist des Ortes genossen. Im schlichten Schlösschen, das aus dem Pächterhaus des herzoglichen Kammerguts entstanden ist und zunächst von Prinz Constantin, dem jüngeren Bruder von Herzog Carl August, bewohnt wurde, verbrachte beider Mutter Anna Amalia bis 1806 die Sommer. Sie hielt hier ihre berühmte Tafelrunde ab, zu der viele Gelehrte und Künstler nach Tiefurt kamen, und gab sogar eine Zeitschrift, das "Tiefurter Journal", heraus. Und im Park wurde Theater gespielt: Legendär ist die Erstaufführung von Goethes Singspiel "Die Fischerin" 1782 mit der Schauspielerin Corona Schröter in der Hauptrolle. Diese hatte auch die Vertonung des Stücks übernommen, angelehnt an die Musik Wolfgang Amadeus Mozarts. Er genoss so hohes Ansehen am Hofe, dass Anna Amalia 1799 im Park sogar ein Denkmal für den Komponisten errichten ließ - das wohl erste außerhalb Österreichs überhaupt.

Gerüste prägen zur Zeit das Innere der Kirche, eine Schutzdecke verbirgt die hohe Spitze des wertvollen Pyramidenkanzelaltars. 
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Gerüste prägen zur Zeit das Innere der Kirche, eine Schutzdecke verbirgt die hohe Spitze des wertvollen Pyramidenkanzelaltars.

Auch wenn die benachbarte Kirche selbst nicht zum Welterbe gehört, war sie doch eng mit dem Fürstenhaus verbunden. Nicht umsonst findet man über dem Eingang die Inschrift "Weg zur Himmels Burg", ein Hinweis auf die ehemalige Weimarer Schlosskirche. Ab 1710 hatte man den ursprünglich mittelalterlichen Bau aus dem 15. Jahrhundert unter Verwendung der alten Mauern neugestaltet. Der Turm behielt seine spätgotische Form vom Ende des 15. Jahrhunderts und bekam 1740 die barocke Haube. Es ist nicht sicher belegt, aber höchstwahrscheinlich, dass Johann Sebastian Bach 1716 bei der Wiedereinweihung der umgebauten Kirche mitgewirkt hat. Schließlich stand er zu dieser Zeit im Dienst des Weimarer Herzogs Wilhelm Ernst.

Eine der vier Säulen in Palmenform, die Kanzel und Altaraufsatz tragen 
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Eine der vier Säulen in Palmenform, die Kanzel und Altaraufsatz tragen

Vor allem durch den um 1725 geschaffenen Kanzelaltar wird die Beziehung zur ehemaligen Weimarer Schlosskirche, die 1774 zusammen mit dem Schloss niederbrannte, deutlich. Das Aussehen ihres Altars ist auf einem Gemälde aus dem Jahr 1660 überliefert. Die vier Säulen in Palmenform, auf denen auch der pyramidenförmige Tiefurter Altar ruht, sind wahrscheinlich ein Hinweis auf die 1617 in Weimar gegründete "Fruchtbringende Gesellschaft", eine der Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, deren Symbol die Palme war und die deshalb auch Palmenorden genannt wurde.

Der Innenraum des Gotteshauses mit den zweigeschossigen Emporen ist von einer Holztonnendecke überwölbt. Vor dem Altar steht der 1803 von Anna Amalia in Auftrag gegebene Taufstein. Eine Empore im Westen trägt die 1909 von der Weimarer Werkstatt Heerwagen geschaffene Orgel. An deren Vorgängerin hatte einst Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, mit seinem Freund, dem "legendarischen" Kantor Alexander Wilhelm Gottschalg, seine "Orgelconferenzen" abgehalten.

Zuletzt wurde die Kirche 1980/81 restauriert, sie erhielt damals auch die heutige farbliche Gestaltung. Leider war man aber sehr sorglos mit Holzschutzmitteln umgegangen, so dass im vergangenen Jahr entschieden werden musste, ob eine Dekontaminierung notwendig sei. Doch - wie schon erwähnt - kam es viel schlimmer für die kleine Kirchengemeinde.

Bei unserem Besuch in Tiefurt vor einigen Jahren hatten wir selbstverständlich auch die einladende kleine Kirche besucht. Als wir uns ihr aber in diesem März näherten, empfing sie uns als Baustelle. Das Dach auf dem Kirchenschiff fehlte, Bauzäune und Warnschilder versperrten den Zugang. Dennoch war der Anblick nicht hoffnungslos, alles schien gesichert. Die Spitze des hohen Altars ragte - sorgfältig verpackt - über die Mauerkrone. Dicke Schläuche sorgten für die notwendige Wasserableitung. Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau des Daches liefen offenbar. Ein Baukran wartete auf seinen Einsatz.

Schon wenige Wochen später ist auch das Geschichte: Auf der Mauerkrone, die durch einen Ringanker stabilisiert wird, wurde in traditioneller Zimmermannstechnik ein neuer Dachstuhl aus Lärchenholz errichtet. Die ohnehin morschen Hölzer des Dachstuhls von 1724 konnten wegen der massiven Belastung durch Holzschutzmittel leider nicht wiederverwendet werden. Schon am 15. April feierte man Richtfest. Bald wird auch das Dach neu gedeckt sein. Dabei will man, wie einst im 18. Jahrhundert, rote Dachziegel verwenden.

Deutlich sichtbar ist der Riss am Chor. 
Weimar-Tiefurt, St. Christophorus © ML Preiss, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Deutlich sichtbar ist der Riss am Chor.

In den vergangenen 20 Jahren ist es bereits gelungen, den kleinen Ort mit dem Schloss und dem ehemaligen Kammergut, das jetzt ein Restaurant und eine Senioreneinrichtung beherbergt, in ein Schmuckstück zu verwandeln. Auch deshalb hat die Beteiligten um Jörg Rietschel der Ehrgeiz gepackt. Sie setzen alles daran, die Kirche sobald wie möglich wieder präsentieren zu können. Denn sie wissen, wie dringend das Gotteshaus für Tiefurt, aber auch für Weimar und für die vielen Besucher von Schloss und Park gebraucht wird.

Mit ihrer Nachbarschaft zum Welterbe gilt die Kirche als so bedeutend, dass finanzielle Hilfe für die dringende Wiedererrichtung des Daches nicht nur von der Stadt Weimar und von der Landeskirche kommt, sondern über die Städtebauförderung auch vom Bund und vom Land.

Aber trotz allem bleiben für die nur 168 Mitglieder der Kirchengemeinde bis zur Wiedereröffnung noch Kosten im sechsstelligen Bereich, die sie unmöglich allein schultern können. Denn auch, wenn das Dach wieder das Gebäude schützt, bleibt noch viel zu tun, bevor die Sperrung der Kirche aufgehoben werden kann.

Deshalb möchte auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz der Gemeinde helfen. Doch dazu brauchen wir Sie, liebe Leserinnen und Leser: Unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende, damit das so dringend gebrauchte Gotteshaus möglichst schnell wieder seine Türen öffnen kann!

Dorothee Reimann