Städte und Ensembles April 2011

Was alte Marktplätze erzählen

Zwischen Brot und Pranger

In der mittelalterlichen Stadt spielten sich die wichtigsten Bereiche des Lebens in der Öffentlichkeit ab. Auf den Straßen und Plätzen wurden handwerkliche Produkte hergestellt, Recht gesprochen und leichtere Strafen vollzogen, Kirmes gefeiert, Zähne gezogen und zur Ader gelassen. Vor allem aber wurde gehandelt.

Der Marktplatz von Alsfeld mit seinem Fachwerk-Rathaus aus dem frühen 16. Jahrhundert 
Alsfeld, Rathaus © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Der Marktplatz von Alsfeld mit seinem Fachwerk-Rathaus aus dem frühen 16. Jahrhundert

Die öffentlichen Räume versuchte man so angenehm wie Innenräume zu gestalten, weil man sich dort häufig aufhielt - wie dies heute noch in den südlichen Ländern geschieht. Bei unserem raueren Klima durften die Plätze nicht zu groß sein, und sie sollten ein bestimmtes harmonisches Verhältnis von der Flächengröße zur Höhe der Randbebauung aufweisen. Vor allem aber mussten sie durch die Gebäude so geschlossen sein, dass keine Zugluft entstehen konnte. Deshalb laden auch heute noch historische Plätze wie der Marktplatz von Alsfeld zum Verweilen ein - im Unterschied zu manchen modernen Platzschöpfungen.

In erster Linie dienten die Plätze oder breiten Marktstraßen dem Handel, der Hauptquelle für den Wohlstand der mittelalterlichen Stadt. Er musste sich öffentlich unter dem kritischen Auge des Rates vollziehen, um Betrug an den des Rechnens und Schreibens meist unkundigen und dadurch schutzlosen Kunden zu verhindern. Der Verkauf fand deshalb nicht innerhalb der Gebäude, sondern auf dem Marktplatz oder der Straße statt, und zwar entweder an offenen Ständen wie heute bei Wochenmärkten oder aus den Häusern heraus durch Fensteröffnungen, wie sie bei einem gotischen Haus an der Plaza de San Martín im spanischen Estrella (s. Kopfgrafik links) erhalten sind.

Die ehemaligen Fleischbänke neben dem Rathaus in Neustadt an der Orla 
Neustadt/Orla, Fleischbänke © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die ehemaligen Fleischbänke neben dem Rathaus in Neustadt an der Orla

Häufig gab es auch in öffentlichen Gebäuden eine ganze Reihe von Verkaufsständen, je nach Kulturlandschaft wurden sie als Schragen, Schirne oder Bänke bezeichnet. Ein schönes Beispiel dafür sind die heute noch erhaltenen Fleischbänke neben dem Rathaus im thüringischen Neustadt an der Orla. Die Verkaufsstände sind hier wie allgemein üblich durch Holzläden verschlossen, die bei Öffnung heruntergeklappt werden und den Ladentisch bilden. So hat sich schließlich auch die Bezeichnung Laden für ein Einzelhandelsgeschäft eingebürgert. An diese mittelalterliche Art des Verkaufens mit dem Händler im Verkaufsstand und dem Kunden auf der Straße erinnert noch heute der Ponte Vecchio in Florenz.

Die Verkaufsstände lagen in den mittelalterlichen Städten Deutschlands stets in der Nähe des Rathauses, von dem aus die Kontrolle der Größe, des Gewichts und der Güte der Produkte je nach Preis erfolgte. So gab es zum Beispiel in Köln 1407 Vorschriften für die Einhaltung des Brotgewichts. Bei einem Brot mit einem Verkaufspreis von vier Pfennig wurde bei einem Mindergewicht von nur einem Lot eine Strafe von zwölf Pfennig (300 Prozent des Wertes!) erhoben, bei zwei Lot wurde bereits das Brot beschlagnahmt, bei einem noch höheren Mindergewicht die Bäckerei für eine bestimmte Zeit geschlossen oder als spezielle Strafe das Schlupfen verhängt. Dabei wurde der Betrüger in einem Korb am Ende eines langen Hebelbaumes gesetzt und in Gegenwart einer großen Menschenmenge mehrfach in das Wasser eines nahen Flusses oder Sees getaucht.

Marktzeichen am Freiburger Münster für die Festlegung der Größe von verschiedenen Ziegeln (unten) und Holzkohlezubern 
Freiburg, Münster © Gottfried Kiesow, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Marktzeichen am Freiburger Münster für die Festlegung der Größe von verschiedenen Ziegeln (unten) und Holzkohlezubern

Da die meisten Käufer weder lesen noch schreiben konnten, wurden die vorgeschriebenen Größen und Maße in das Quadermauerwerk von Rathäusern oder Stadtkirchen eingeritzt. So finden sich verschiedene Marktzeichen am Westturm des Freiburger Münsters: Eines gibt im Umriss die vorgeschriebene Größe von Brotlaib, Brotwecken und Semmel (s. Kopfgrafik rechts) wieder, ein anderes die Größe eines Zubers für Holzkohle, an dritter Stelle finden sich die obligatorischen Maße für Mauer- Dach- und Firstziegel. Der Käufer konnte die erworbene Ware direkt an die Umrisszeichnungen halten und bei wesentlicher Unterschreitung der vorgeschriebenen Maße Beschwerde beim Rat einlegen. Dieser hielt in den offenen Lauben der Rathäuser oder - wie in Freiburg im Breisgau - in der offenen Vorhalle des Münsters Gericht und setzte die Strafe fest. Sie konnte zum Beispiel in der Zurschaustellung des Betrügers am Pranger mit einem Halseisen erfolgen, von denen noch eines in Alsfeld am Weinhaus neben dem Rathaus zu sehen ist.

Das Bürgertum spürte mit zunehmendem Handel und damit steigendem Wohlstand, wie wichtig die Beherrschung des Lesens und Schreibens als Schutz vor Betrug war. Seit dem 14. Jahrhundert wuchsen deshalb die Schülerzahlen in den städtischen Schulen. Marktzeichen behielten aber dennoch ihre Bedeutung, allein schon zur Festsetzung der gültigen Maße, die ja von Land zu Land erheblich variierten. So war eine Elle in Köln 57,9 Zentimeter lang, in Nürnberg 64,5 und in Frankfurt am Main 54,7 Zentimeter. An vielen Stadtkirchen und Rathäusern sind deshalb - meist als Metallstab - die ortsüblichen Ellen angebracht.

Prof. Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

Kopfgrafiken
links: Fenster an der Plaza de San Martín im spanischen Estrella, aus dem heraus einst verkauft wurde, rechts: Marktzeichen für die Größe von Broten und Semmeln am Münster zu Freiburg im Breisgau

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