Barock Interieur August 2010

Das Badekabinett in Schloss Augustusburg

Wasser ist zum Baden da!

Wer das Wort "Fliesen" hört, der hat vor seinem geistigen Auge sofort eine ganze Reihe von Vorstellungen: sauber, hygienisch, pflegeleicht, praktisch - Badezimmer! Und wer das "Badekabinett" des Kölner Kurfürsten Clemens August in Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln besichtigt, fühlt sich, oberflächlich betrachtet, zunächst in seinen Vorstellungen von der praktischen Fliese bestätigt: Bis zur Decke sind die Wände des kurfürstlichen Badezimmers mit blau-weißen Ornament-Fliesen verkleidet.

Die Wittelsbacher schätzten im 18. Jahrhundert Fliesenschmuck: Der Salon im Lustschlösschen Pagodenburg entstand 1767.  
München, Schloss Nymphenburg, Pagodenburg © Bayerische Schlösserverwaltung
Die Wittelsbacher schätzten im 18. Jahrhundert Fliesenschmuck: Der Salon im Lustschlösschen Pagodenburg entstand 1767.

Sie werden begrenzt von einem hübschen Stuckfries mit allerlei Bade- und Toilettenutensilien: Waschschüsseln, Kämmen, Schwämmen, Scheren sowie verschiedenen Kräutern und Blumen, die, in Gefäße gefüllt, wohlriechende Düfte zu verströmen scheinen.    


Doch stutzig wird der Besucher spätestens, wenn er bedenkt, dass Clemens August sein sogenanntes Badekabinett zwischen 1735 und 1745 ausstatten ließ und dass, wenn er denn ein Bad nehmen wollte, die Badewanne eigens mit einem Ochsengespann aus seiner Bonner Stadtresidenz herbeigeholt werden musste. Denn zu Clemens Augusts Zeit galten Wasser und Waschen als ungesund. Nach den Erfahrungen mit den mittelalterlichen Badehäusern, in denen sich so mancher eine üble Krankheit zugezogen hatte, war man sich sicher: Wasser dringt durch die Haut in den Körper ein und schädigt die Organe. Reichlich Puder und Parfüm wurden daher als Ersatz vorgezogen.


Weshalb also hatte sich der Kurfürst ein Zimmer vollständig mit Fliesen verkleiden lassen? Weil Fliesen in der prunkliebenden Zeit des Barock und Rokoko als besonders vornehm und wertvoll galten. Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa erlebten im 18. Jahrhundert die verzierten Keramikplatten für Wände und Böden eine wahre Renaissance.

Denn schon in vorchristlicher Zeit waren glasierte Steine ein begehrtes Schmuckelement. Bereits an der ältesten Pyramide Ägyptens, die um 2600 v. Chr. für König Djoser errichtet wurde, findet man keramische Plättchen als Wandschmuck. Ab der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. gefielen farbige Fliesen auch in der altiranischen, assyrischen und babylonischen Baukunst.

In Europa entdeckten die Römer die Schönheit bemalter Fliesen in Form von Bodenmosaiken. Doch nicht in Italien, sondern - durch den Einfluss islamischer Kunst - auf der Iberischen Halbinsel erlebten Fliesen als Wandschmuck dann im 15. Jahrhundert eine große Blüte. Von dort verbreitete sich ihre Herstellung und Verwendung über ganz Europa. Berühmt sind die Fliesen der niederländischen Fayencemanufakturen des 17. und 18. Jahrhunderts in Delft und Rotterdam, für die das blau-weiße Dekor charakteristisch ist. Der Begriff Fayence leitet sich hingegen von der italienischen Stadt Faenza ab, die sich im 16. Jahrhundert mit der Technik von zinnglasierten Fliesen mit polychromer Malerei einen Namen gemacht hatte. Im Zeitalter der Industrialisierung war es England, das die maschinelle Fliesenproduktion entwickelte und schnell den Ruf erlangte, hervorragende Keramikplatten herzustellen. Auch wenn der Zeitgeschmack sich änderte und neue Wanddekorationen wie etwa Tapeten ab dem 18. Jahrhundert immer mehr zunahmen, sind Fliesen nie aus der Mode gekommen.

Zwischen 1735 und 1745 ließ sich der Kölner Kurfürst Clemens August in seinem Schloss Augustusburg ein Badekabinett einrichten. 
Brühl, Schloss Augustusburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Zwischen 1735 und 1745 ließ sich der Kölner Kurfürst Clemens August in seinem Schloss Augustusburg ein Badekabinett einrichten.

Die Herstellung von Fliesen war recht aufwendig, da die Tonplatten mehrfach gebrannt werden mussten. Für keramische Bodenfliesen, die strapazierfähiger sein müssen als Wandfliesen, ist der feinkörnige, verdichtete Scherben kennzeichnend. Meist sind sie äußerst hart, unglasiert, frost- und säurebeständig und haben eine glatte oder profilierte Oberfläche. Keramische Wandfliesen hingegen weisen einen feinkörnigen, kristallinen, porösen Scherben auf und sind, meist farbig verziert, mit einer Glasur versehen.

Zunächst waren die dünnen Keramikplatten handbemalte Unikate. Als die Nachfrage nach Fliesen im 16. Jahrhundert stieg, wurde die Schablonenmalerei entwickelt. Die Motive wurden auf Pergamentpapier übertragen und die Linien durchstochen. Dann legte man das Papier auf den Tonrohling und bestäubte es mit Holzkohlenstaub, der durch die Löcher auf dem Ton haften blieb. Nun konnten in großer Zahl Fliesen mit dem gleichen Motiv bemalt werden.

Die Küche im Jagdschloss Amalienburg wurde 1739 fertiggestellt. 
München, Jagdschloss Amalienburg © Bayerische Schlösserverwaltung
Die Küche im Jagdschloss Amalienburg wurde 1739 fertiggestellt.

Fliesen sind nicht nur dekorativ, sie haben auch noch den Vorteil, dass sie verlegt und entfernt werden können, ohne das Bauwerk zu beschädigen. Leider ist dies aber auch einer der Gründe, weswegen es heute nur noch wenig alten Fliesenschmuck gibt, der sich zudem an seinem ursprünglichen Ort befindet. Daher legten die Denkmalpfleger in den Schlössern Augustusburg und Falkenlust in Brühl, die reich an Fliesenschmuck sind, großen Wert darauf, die Fliesen zu restaurieren, ohne sie von den Wänden abzunehmen. Denn die Fliesen wurden "knirsch verlegt", das heißt, sie sind ohne Fugen angebracht. Da jede der handgemachten Fliesen ein Unikat ist, hätte kein Restaurator die alten Fliesen je wieder in ihrer unveränderten Form und Abfolge an großen Wandflächen verlegen können.

Durch ein Erdbeben hatte sich 1992 der Fliesenschmuck im Badekabinett von Schloss Augustusburg bedrohlich gelockert. Voraussetzung für die Restaurierung im Jahr 2000 war, dass die Fliesen an den rund fünf Meter hohen Wänden verblieben und beim Festigungsmittel für die Mörtelschichten auf Zementzusatz verzichtet wurde. Denn dieser bildet Salze aus, die die Fliesen erfahrungsgemäß über die Jahre absprengen können. Nach aufwendigen Material- und Verfahrensprüfungen konnten alle 10.000 Fliesen gefestigt werden: Mittels hauchdünner Edelstahl- und Glasfiberdübel wurden sie zusammen mit den alten Mörtelschichten im Mauerwerk verankert und die Hohlräume per Injektion mit einer extrem dünnflüssigen Kalkmilch gefüllt - mikroskopische Feinstarbeit.

Die Idee, Wände und Böden der Wohnräume mit den glasierten Keramikplatten zu schmücken, hatte sich Clemens August von seinem Vater Max Emanuel abgeschaut, der von 1691 an zehn Jahre lang Statthalter der spanischen Niederlande gewesen war.

Detail der Stuckdecke im Badekabinett Schloss Augustusburg. 
Brühl, Schloss Augustusburg © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Detail der Stuckdecke im Badekabinett Schloss Augustusburg.

Dass Clemens August besonders die blau-weißen Fliesen aus Delft und Rotterdam bevorzugte, hatte aber noch andere Gründe. Die niederländischen Keramikplatten galten als sehr kostbar, und die Farben Weiß und Blau waren die Hausfarben der Wittelsbacher. Zudem verlieh der blau-weiße Dekor seinem Badekabinett an heißen Tagen einen kühlen Charme, denn der Raum gehört zum sogenannten Sommerappartement des Kurfürsten im Südflügel des Schlosses. Und nicht zuletzt gaben die blau-weißen Fliesen der zu dieser Zeit besonders bevorzugten Chinoiserie den richtigen Rahmen, wenn sie nicht gar eine geschätzte Alternative zu dem kostbaren Porzellan darstellten.

Clemens August war ein Kind des Barock. Mit seinem kurfürstlichen Kollegen in Dresden, August dem Starken, teilte er die Sammelleidenschaft von Kunst und Pretiosen, liebte er die hemmungslose Prachtentfaltung. Er genoss es in vollen Zügen, wenn seine Gäste beeindruckt waren, wenn sie sprachlos vor Erstaunen das prachtvolle Treppenhaus von Balthasar Neumann bewunderten. Auch in den Privatgemächern seiner Lieblingsresidenz umgab er sich mit erlesenen Kostbarkeiten. Dort empfing er Besucher zu einem zwanglosen Plausch. So auch in seinem Badekabinett, das wohl mehr als Ankleidezimmer diente. Ob der Kirchenfürst dabei aber sein Vorbild, Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV., so weit nachahmte und Audienzen ungerührt auf seinem Toilettenstuhl sitzend gewährte, ist nicht überliefert.

Christiane Rossner

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