Barock Herrscher, Künstler, Architekten August 2010

Die Schönborns und Balthasar Neumann

Im Dienste des Absoluten

Nach dem Dreißigjährigen Krieg setzte sich in Deutschland allmählich die Kunst des Barock durch. Seine beschwingten Formen, seine lichtdurchfluteten Räume, die gekonnten Inszenierungen mittels Malerei und Skulptur waren genau die Sprache, mit der die großen und kleinen deutschen Souveräne sich selbst und dem Volk ihre Vorstellungen von Macht zeigen konnten. Anfang des 18. Jahrhunderts schickte sich die Familie von Schönborn an, als geistliche Würdenträger von Mainz, Bamberg, Würzburg, Worms und Speyer eine politisch sehr einflussreiche Hausmacht zu werden. Als der junge Baumeister Balthasar Neumann ihren Weg kreuzte, fanden sie in ihm den idealen Partner für ihre unzähligen Bauvorhaben.

In der Abteikirche Neresheim führt Balthasar Neumann 1747 seine Kunst des Wölbens zur höchsten Vollendung. 
Neresheim, Abteikirche © Florian Monheim, Krefeld
In der Abteikirche Neresheim führt Balthasar Neumann 1747 seine Kunst des Wölbens zur höchsten Vollendung.

Wie Balthasar Neumann zum Hausarchitekten der Schöneborns wurde

Johann Lukas von Hildebrandt schwor, sich auf eigene Kosten an der Decke des Treppenhauses in der Würzburger Residenz aufknüpfen zu lassen, sollte das so kühn gespannte Gewölbe halten. Der renommierte Architekt schien sich der Instabilität der gewagten Konstruktion von Balthasar Neumann sehr sicher zu sein, aber Neumann wäre nicht er selbst gewesen, hätte ihn dieser Unkenruf beeindruckt. Er seinerseits bot an, Kanonengeschütze vor der Residenz auffahren zu lassen, denn unter deren Donner werde sich zeigen, wer recht behielte. Doch Friedrich Karl von Schönborn, seit 1729 Fürstbischof von Würzburg, ging auf diese Wette nicht ein. Er vertraute auf Gott - und auf seinen Schützling, hatte er doch die steile Karriere Neumanns unter seinem älteren Bruder und Amtsvorgänger Johann Philipp Franz mitverfolgen können.

Balthasar Neumann 
Balthasar Neumann © Florian Monheim, Krefeld
Balthasar Neumann

1687 als siebtes von neun Kindern eines mittellosen Tuchmachers im böhmischen Eger geboren und aufgewachsen, war Balthasar Neumann 1711 auf seiner Gesellenwanderschaft als Glocken- und Geschützgießer nach Würzburg gekommen. Dort fand der 24-Jährige bei der Gießerei Anstellung, die für die Festung Marienberg arbeitete und mit Aufträgen überhäuft war: Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau hatte sich nämlich dem Kaiser gegenüber verpflichtet, im Spanischen Erbfolgekrieg sowie bei der Abwehr der Türken Truppen mit Geschützen und Rüstzeug zu stellen. Neumann, der auf einen Dienst beim Militär großen Wert legte, trat in die Armee ein und sollte es 1741 bis zum Obristen der Fränkischen Kreisartillerie bringen.

Bald erkannte der Ingenieurhauptmann Andreas Müller sein Können als Gießer und Techniker. So empfahl er dem Fürstbischof "den Böhm" mit den Worten, "in dießen burschen liegt seltenes Talent, wenn er wissenschaftliche Vorbildung hätte, dürfte er ein großer mann werden". Neumann, selbstbewusst und wissbegierig, ergriff die Chance und schaffte es, in den "zur fortification vndt Archidectur gehörige Wissenschafften" sowie in Latein, Französisch und Italienisch unterrichtet zu werden. Neumann entpuppte sich als Multitalent: Er hatte eine Leidenschaft für Architektur und Geometrie, ihn interessierte alles, was mit Technik und Konstruktionen zu tun hatte, ihn faszinierte die "feyerwerkherey", er schätzte die hohen Künste und setzte über alle Theorie die praktische Umsetzung.

Das Treppenhaus der Würzburger Residenz mit dem Deckengemälde von Giovanni B. Tiepolo. 
Würzburg, Residenz © Bayerische Schlösserverwaltung
Das Treppenhaus der Würzburger Residenz mit dem Deckengemälde von Giovanni B. Tiepolo.

Sein guter Stern hatte ihn an den richtigen Ort geleitet: 1719 wurde Johann Philipp Franz von Schönborn zum Fürstbischof von Würzburg gewählt. Da es für den geistlichen Herrn nicht in Frage kam, einen Baumeister seiner Vorgänger zu beschäftigen, kamen ihm die Qualitäten des jungen Neumann entgegen. Er ernannte den Ingenieur und Architekten zum fürstbischöflichen Baudirektor und bedachte ihn 1720 mit dem Bau der Würzburger Residenz. Sie wurde zu seinem großen Lebenswerk. Bis 1744 leitete er den Residenzbau, bis zu seinem Tod 1753 war er für deren Ausstattung zuständig.

Mit Neumann hatten die Schönborns eine kongeniale Persönlichkeit an ihrer Seite. Die Familie stammte ursprünglich aus der rheinischen Ritterschaft, die im Rheingau, im Westerwald und Taunus ansässig war. Im Dreißigjährigen Krieg vermochte sie es, in den Reichsfreiherrenstand erhoben zu werden.

Der Begründer der eigentlichen Schönbornschen Hausmacht war Johann Philipp von Schönborn (1605-73). Er war der Erste, der als Bischof von Würzburg und Worms sowie als Erzbischof von Mainz und damit als Kurfürst und Erzkanzler des Reiches wirklich bedeutende geistliche Würden erlangte. Und dies zu einer Zeit, als die Schönborns in der männlichen Linie auszusterben drohten. Nur noch er und sein Bruder Philipp Erwein konnten das Haus Schönborn in der Manneslinie erhalten.

Gewagte Familienstrategie

Sich dessen bewusst, beschlossen die beiden Brüder ein risikoreiches Vorgehen: Der ältere, klug und mit diplomatischem Geschick, strebte hohe geistliche Würden an, die nicht nur für politischen Einfluss sorgten, sondern auch durch Einkommen und Pfründe den Lebensunterhalt der Familie sicherten. Philipp Erwein seinerseits heiratete standesgemäß und setzte erfolgreich zwölf Kinder in die Welt - sieben Töchter und fünf Söhne. Durch weltliche Ämter, Weinanbau und Vergrößerung des Grundbesitzes untermauerte er den Aufbau des Familienvermögens.

Die Hofkirche der Residenz zeigt Neumanns gekonntes Spiel mit Licht und Form. 
Würzburg, Hofkirche © Florian Monheim, Krefeld
Die Hofkirche der Residenz zeigt Neumanns gekonntes Spiel mit Licht und Form.

Die Söhne Erweins wurden in einem klar formulierten Leistungs- und Moralethos erzogen, damit sie durch Protektion des Onkels wiederum in geistliche Ämter eintreten konnten. Die Töchter verheiratete man in angesehene Adelsgeschlechter.

Diese Vetternwirtschaft ging über den gebräuchlichen Nepotismus hinaus, es waren vielmehr "Arbeitsbündnisse". Es galt nicht allein, Familienangehörige mit Ämtern und Einkünften zu versorgen, sondern die Neffen wurden zielgerichtet auf ihre zukünftigen Aufgaben hin ausgebildet.

Der gewagte politische und gesellschaftliche Aufbau des Verwandtschaftsnetzwerkes funktionierte so erfolgreich, dass die Neffen der zweiten und dritten Schönborn-Generation trotz der beträchtlichen Konkurrenz aus dem hohen katholischen Adel in allen wichtigen geistlichen Ämtern des Reiches vertreten waren.

Der Erfolg in diesem Kampf ums "Obenbleiben", wie es der Historiker Rudolf Braun bezeichnete, lag auch darin begründet, dass sich die Schönborns nicht in den Zwängen eines altgewachsenen gesellschaftlichen Beziehungsgeflechts verstrickt sahen. Zwar mussten sie sich durch Leistung und Erfolg beweisen, hatten aber keinen Ballast aus Verpflichtungen und Abhängigkeiten bei ihrem Aufstieg mitzuschleppen. Das gab ihnen Spielraum und Vorteile, um sich über die Rivalen im rheinisch-fränkischen Stiftsadel hinwegzusetzen.

Die Schönborns: Ausschnitt aus dem Altarbild in der Heiligsten Dreifaltigkeitskirche von Gaibach 
Gaibach, Altarbild © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn
Die Schönborns: Ausschnitt aus dem Altarbild in der Heiligsten Dreifaltigkeitskirche von Gaibach

Allein vier Großneffen Johann Philipps erlangten die Würde eines Fürstbischofs: Johann Philipp Franz (1673-1724) Fürstbischof von Würzburg, Friedrich Karl (1674-1746) Reichsvizekanzler in Wien und Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, Damian Hugo und Franz Georg von Schönborn.

Diesen politischen und gesellschaftlichen Einfluss und den daraus resultierenden Machtanspruch suchten die Schönborns in einer Zeit des beginnenden Wandels vom Absolutismus zur Aufklärung zu manifestieren: in Kultur, Bildung und Architektur. Als Kinder des katholischen Barock blickten sie politisch zum Habsburger Kaiserhaus, in der Repräsentation aber vor allem nach Versailles. Dafür kam ihnen der ideenreiche und talentierte Balthasar Neumann gerade recht.