Kleine und große Kirchen Städte und Ensembles Juni 2010

Die Heilgeistkirche und ihr Spital in Stralsund

Zuflucht für Alte und Elende

Als ehedem mächtige Hansestadt am Strelasund verfügt das vorpommersche Stralsund über so manches bauliche Zeichen seiner einstigen Bedeutung. Stolze Kirchtürme prägen die Silhouette von See aus, mächtig aufragende Speichergebäude integrieren sich ins Bild, und für den Näherkommenden vervollständigen die reichen bürgerlichen Giebelhäuser den selbstbewussten Drang nach Höherem.

Ein Kloster, das gar keines ist

Türmchen, Fialen, schlanke Lisenen und Profile unterstreichen geschickt diesen kühnen Wetteifer, roter Backstein im Wechsel mit weißen Putzflächen verleiht dem Ganzen sein unvergleichliches Gesicht. Zwischen den Türmen der Nikolai-, der Marien- und der Jakobikirche ringen auch das steile Satteldach der früheren Klosterkirche St. Katharinen und die Ruinen von St. Johannis um Aufmerksamkeit. Ganz am Rande der mittelalterlichen Stadt mischt sich schließlich der barocke Dachreiter der Heilgeistkirche in dieses vielstimmige Konzert und deutet zaghaft darauf hin, dass hier in vollständiger Abgeschiedenheit diejenigen beteten, die nicht oder nicht mehr zu den erfolgsverwöhnten Bürgern der Hansestadt zählten - die Alten und die Elenden.


Sucht man das Heilgeistkloster dort, wo die gleichnamige Straße die Altstadt Stralsunds in zwei nahezu gleich große Hälften teilt, so ist man zwar auf der richtigen Spur, wird aber dennoch in die Irre geleitet. Der Straßenname erinnert heute nämlich nur noch daran, dass sich hier, am vormaligen östlichen Altstadtrand, der bereits für das Jahr 1256 bezeugte Vorläufer des hochmittelalterlichen Hospitals befunden hat. Das Wachstum der Stadt in dem für Stralsund so ertragreichen 13. Jahrhundert rückte die von jeher "Ausgesonderten" dann aber weiter an den Rand der etablierten frühbürgerlichen Gesellschaft.

Stralsund, Heilgeistkloster © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 
Stralsund, Heilgeistkloster © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Stralsund, Heilgeistkloster © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin

Im Jahr 1325 fand der Heilgeistkomplex ein neues Domizil in der Nähe des Frankentors, wiederum außerhalb der Mauern, aber noch innerhalb des späteren Festungsgürtels - eine exponierte Lage in Hafennähe, die die Alten und Elenden noch in mancherlei Bedrängnis bringen sollte.

Im Laufe der Jahrhunderte sind die zum Heilgeistkloster gehörenden Bauten mehrfach zerstört und verändert wiederaufgebaut worden. Brände stellten das eine oder andere Mal die Ursache für solche Verheerungen dar, oftmals - wie 1715 und zuvor in den Jahren nach 1640 - waren es aber auch Beschuss und Belagerung von Seiten mächtiger Rivalen, deren sich die aufstrebende Handelsstadt zu erwehren hatte. Noch in den 1990er Jahren förderten Restaurierungsarbeiten am Heilgeistkloster allerlei Einschusslöcher und Kanonenkugeln zutage. So kommt es denn auch nicht von ungefähr, dass die Ursprungsbebauung des Viertels aus dem frühen 14. Jahrhundert heute nicht mehr dokumentiert werden kann und auch nur vage zu erschließen ist aus dem Wenigen, was unbeschadet die Zeiten überdauert hat. Eines aber hat das Stralsunder "Elendenquartier" ungeachtet aller Veränderungen von jeher ausgezeichnet: Stets bildete die Heilgeistkirche sein natürliches Zentrum.

Den lang gestreckten rechteckigen Bau, der sich heute als mehrfach überformte Backsteinhallenkirche aus dem frühen 15. Jahrhundert präsentiert, als dreischiffige, vierjochige Kirche mit schmalen Halbjochen an der Westseite zu beschreiben, würde wohl nicht ausreichen, um die Besonderheit dieses Gotteshauses zu charakterisieren. Für jeden Besucher macht ein Gang durch die von Kreuzrippengewölben überspannten Seitenschiffe spätestens im Osten deutlich, dass hier kein alltäglicher Gebäudetypus vorliegt. Dort nämlich, wo man normalerweise das Chorpolygon oder eine Apsis mit dem Hochaltar erwarten würde, öffnet sich der flach geschlossene Bau auf einen beidseitig bebauten Kirchgang, der sich in etwa gleicher Länge und Breite an die Kirche anschließt.

Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 
Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin

Hier nun bestimmen zierliche toskanische Säulen und hölzerne Galerien anstelle der kräftigen Achteckpfeiler mit ihren barocken Kämpferbändern den Rhythmus des Gebäudes. Den selbstverständlichen Bezug auf die Kirche unterstreichen zwei in der Barockzeit angelegte Durchgänge, die von der Galerie aus den Zutritt zu einer Empore an der Ostwand des Gotteshauses ermöglichen. Hier konnten diejenigen dem gottesdienstlichen Geschehen folgen, die nicht in der Lage waren, den Weg durch das ebenerdige Mittelportal zu nehmen. Aber selbst die Bettlägerigen mussten keineswegs auf Predigt und Gesang verzichten. Noch 1996 bemerkte eine Bewohnerin des Kirchgangs, dass sie des Sonntags vom eigenen Wohnzimmer aus Predigt und Orgelspiel verfolge, ja, dass sie aufgrund der guten Akustik gar nicht umhin könne, sich dem gottesdienstlichen Geschehen zu widmen. Der Alltag des Heilig-Geist-Hospitals war eben so geordnet, dass die Kirche als Hort des Glaubens und des Gottvertrauens stets den eigentlichen Bezugspunkt des "Klosterlebens" darstellte.

Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 
Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin
Stralsund, Heilgeistkirche © Achim Bötefür, Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin

Kirche und Kirchgang beschreiben denn auch spiegelbildlich die sich ergänzenden Hälften eines größeren Ganzen, das wiederum in dem durch ein mehrstrahliges Sternengewölbe überspannten Altar sein eigentliches Zentrum besaß. Hier drückte das große Altargemälde mit der Himmelfahrt Christi - spätestens seit der Barockzeit - sinnfällig das aus, worum es in dem klösterlich organisierten Lebensverbund vor allem ging: die Vorbereitung auf die Nachfolge Christi. Wie die Emmauspilger in der Sockelzone des Altars sollten auch die Stralsunder Hospitaliten ihren Lebensweg in Sinne christlicher Pilgerschaft verstehen als ein zu durchschreitendes Jammertal, Vorbereitung auf die Auferstehung.

Die streng symmetrische Konzeption des Bauwerks hebt darüber hinaus aber auch ab auf die Tatsache, dass es im Mittelalter gang und gäbe war, sich in Notsituationen, wie sie Krankheit, Armut und Alter gleichermaßen darstellten, zuvorderst auf den Beistand Gottes und der Heiligen zu verlassen. Gebete, Fürbitten, Messbesuche, Wallfahrten und die Fürsprache der Vierzehn Nothelfer gehörten ebenso und vielleicht mehr noch zur gängigen "Therapie" wie Aderlässe oder ausgiebige Badekuren. Man pflegte Missgeschicke aller Art nämlich als Fingerzeige Gottes zu deuten, als Mahnung und Prüfung. So überrascht es auch kaum, dass die Menschen sich von einem klosterähnlichen Leben Heilung oder doch zumindest eine Wendung zum Besseren versprachen. Hospize und Hospitäler sind schließlich nicht von ungefähr ursächlich mit der Geschichte der Klöster verbunden.

Zunächst als Unterkünfte für in Not geratene Pilger und Reisende angelegt, haben sich die klösterlichen Einrichtungen im Mittelalter rasch zu Zentren christlicher Nächstenliebe und Fürsorge ausgebildet, das heißt zu den eigentlichen Vorläufern der modernen Sozialeinrichtungen, von Krankenhäusern und Altenheimen. Dabei ist die Unterscheidung nach Art der Bedürftigkeit erst neueren Datums. Im Mittelalter wurden Wöchnerinnen, Alte und Schwache, Notleidende und Kranke noch gleichermaßen in den städtischen Hospitälern versorgt. Eine Ausnahme stellten einzig die "Aussätzigen" dar - ansteckend Kranke, die in separaten Leprosen- oder Feldsiechenhäusern außerhalb der Städte Zuflucht fanden oder aber zum Leben auf der Straße verurteilt waren.

Stralsund, Heilgeistkloster © Deutsche Stiftung Denkmalschutz 
Stralsund, Heilgeistkloster © Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Stralsund, Heilgeistkloster © Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Im Zuge des Machtzuwachses der Städte begannen die Hospitäler, sich aus dem klösterlichen Verbund zu lösen. Unter Beibehaltung ihres alten Namens transformierten sie zu städtischen, also weltlichen Einrichtungen. Gleichwohl gaben sich die Heilgeistklöster, so wie sie in den Hansestädten Nord- und Mitteldeutschlands zahlreich anzutreffen waren, einen durchaus klösterlichen Anstrich. Priester waren hier in der Regel mit größerer Selbstverständlichkeit anzutreffen als Ärzte und ausgebildete Krankenschwestern. Doch nicht nur das ließ die historischen Wurzeln niemals in Vergessenheit geraten, auch der vom Gebet bestimmte Lebensrhythmus der Hospitaliten, ihr Verzicht auf persönlichen Besitz sowie die Gemeinschaftsstruktur sprechen dieselbe Sprache. Das alles prägte naturgemäß auch den Gebäudetypus der Hospitalkirche.