Kleine und große Kirchen Juni 2010

Die Kirchenburg in Ostheim vor der Rhön

"Ein feste Burg ist unser Gott"

Mitten im Dreißigjährigen Krieg läutet im Rhönort Ostheim die Alarmglocke. Schnell packen die Menschen ihre wichtigsten Habseligkeiten und flüchten in ihre Kirchenburg. Das mächtige Haupttor ist kaum geschlossen, als die sogenannten Kroatischen Reiter, die auf Seiten Wallensteins kämpfen, an der äußeren Wehrmauer ankommen. Tapfer wehren sich die Ostheimer gegen den Ansturm.

  
© Herbert Meinunger, Mellrichstadt

Nach tagelanger Belagerung entscheidet Schulmeister Johann Strahm - er ist für die Sicherheit der Menschen verantwortlich -, dass die Frauen, die Kinder und die Alten in die umliegenden Wälder flüchten sollen. Denn die Kroatischen Reiter gelten als besonders grausam, und Strahm ahnt, dass er die Kirchenburg nicht mehr lange halten kann. Er soll recht behalten: Nur wenige Tage später drohen die Kroaten damit, Ostheim niederzubrennen. So geben der Schulmeister und die mit ihm in der Kirchenburg verbliebenen neun Männer schließlich auf - obwohl sie wissen, dass dies vermutlich ihr Tod sein wird. Doch zu ihrem Glück können sie flüchten, weil sich einige Soldaten bestechen lassen. Ostheim vor der Rhön kommt mit dem Schrecken davon.

Das Städtchen ist nicht der einzige Ort, in dem man im späten Mittelalter zum Schutz der Menschen, des Viehs und der Ernte eine befestigte Fliehburg errichtete. In Deutschland findet man sie vor allem im nördlichen Franken und südlichen Thüringen. In Ostheim, Mönchsondheim und Aschfeld, in Walldorf, Herpf und Rohr - um nur einige zu nennen - zeugen sie von den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen und Plünderungen, denen die Menschen jahrhundertelang ausgesetzt waren.

  
© R. Rossner

Weil sich im Zentrum dieser Wehranlagen die Kirchen befinden, nennt man sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts Kirchenburgen. Durch ihren Festungscharakter unterscheiden sie sich von Wehrkirchen. Aus dem Schwabenspiegel, einem 1275 geschriebenen Gesetzbuch, weiß man, dass die geweihten Kirchhöfe genauso Asyl boten wie die Kirchen selbst.

Bekannter und prächtiger sind die Kirchenburgen in Transsilvanien. Sie wurden von Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert nach den ersten Übergriffen und Plünderungen durch die Türken errichtet. Viele von ihnen zählen heute zum UNESCO-Welterbe. In Ostheim vor der Rhön musste man sich zwar nicht gegen die Türken wehren. Aber der Ort lag im Grenzgebiet, so dass sich die Besitzverhältnisse ständig änderten: 1220 gehörte er den Grafen von Henneberg-Bodenlauben, 1231 dem Kloster Fulda, 1366 den Thüringer Landgrafen, 1409 dem Erzstift Mainz, 1423 dem Hochstift Würzburg, 1433 den Grafen von Henneberg-Römhild, 1548 den Grafen von Mansfeld, 1555 den Herzögen von Sachsen und 1741 dem Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. 1920 fiel Ostheim an Thüringen und 1945 an Bayern.

Weil sich die Stadt darüber hinaus in der Nähe zweier wichtiger Fern- und Handelsstraßen befand, bekamen die Bewohner oft ungebetenen Besuch von Räubern. Sie zogen daher ab 1400 am höchsten Punkt des Ortes um eine Fläche von 66 mal 66 Metern eine hohe Mauer aus Bruchsteinen. Um ganz sicherzugehen, dass sie dort auch wirklich geschützt waren, legten sie noch eine weitere Mauer an. Zwei runde Türme im Osten und zwei eckige im Westen - alle etwa 25 Meter hoch - sowie sechs Bastionen unterstreichen bis heute das Wehrhafte der Anlage.

  
© R. Rossner

Jeder freie Bauer des Ortes bekam in der Kirchenburg eine eigene "Gade" zugewiesen: ein eingeschossiges Fachwerkhäuschen, in dem er bei einer Belagerung mit der Familie und dem Vieh unterkam. Um nicht zu verhungern, füllte er die tiefen Keller dieser Gebäude in Friedenszeiten mit Feldfrüchten und die Dachböden mit Getreide. Es konnte zwar kein Brunnen auf dem Areal nachgewiesen werden, aber man sammelte vermutlich Regenwasser in Zisternen. 72 Gaden befinden sich insgesamt in der Ostheimer Kirchenburg. Die meisten schmiegen sich an die innere Wehrmauer und geben der Anlage den Anschein eines Dorfes in der alten Stadt.

Damit neben dem leiblichen Wohl das geistliche nicht zu kurz kam, errichtete man vor 1410 inmitten dieser kleinen Festung die Kirche Beatae Mariae Virginis. Sie wurde in den Jahren 1589 bis 1620 nach und nach zu einer stattlichen evangelischen Predigtkirche erweitert und am 29. September, dem Michaelstag, geweiht.

Dass in Ostheim ein Schulmeister der Bürgerwehr vorstand, war keine Ausnahme. Die Lehrer wohnten - wie auch die Pfarrer - ständig in den Kirchenburgen. Oft war er gleichzeitig Burgwächter und musste das Tor bei Sonnenaufgang auf- und abends zusperren. Daher wurde die Schule auf dem Gelände der Ostheimer Kirchenburg 1560 direkt neben dem Haupttor platziert.

  
© R. Rossner

Bis zur Belagerung während des Dreißigjährigen Krieges haben die Ostheimer ihre Angreifer, die auf schnelle Beute aus waren, stets abwehren können. Sie zogen in der Regel weiter, wenn sie merkten, dass ihnen das Eindringen in die Festung nicht so einfach gelingen würde. Denn die Bewohner waren gut organisiert und ausgerüstet. In der Turmkugel der Kirche fand sich der Hinweis, dass sie beim Angriff der Kroatischen Reiter zehn sogenannte Doppelhaken-Gewehre besaßen. Diese frühe Form der Handbüchsen hatte Haken, die die Schützen in eine Mauerritze einklemmen konnten, so dass der Rückstoß aufgefangen wurde.

Wenn es den Angreifern gelang, die äußere Mauer zu überwinden, konnten sie von den Ostheimern zielgenau mit Flusskieseln beworfen werden. War die Gefahr gebannt, wurden die Steine von den Frauen und Kindern des Ortes wieder eingesammelt und bis zum nächsten Angriff nach Größe geordnet auf den Wehrgängen gestapelt. Obwohl die Kirchenburg in Ostheim vor der Rhön durch die Entwicklung neuer Waffen und Kriegstechniken nach und nach ihre Bedeutung verlor, blieb sie nahezu vollständig erhalten. In den Kellern lagern die Bewohner des Städtchens bis heute ihre Vorräte. In dem einzigen steinernen Gaden wurde ein Museum eingerichtet, das die Geschichte und Bedeutung einiger Kirchenburgen der Region erzählt.

  
© R. Rossner

Nach der Anlage in Ostheim zählt die in Mönchsondheim zu den größten und besterhaltenen Kirchenburgen in Franken. Sie ist allerdings nicht so wehrhaft, denn die Umfassungsmauer besteht aus den rückwärtigen Fassaden der Gaden. Eine zweite schützende Mauer fehlt dort. In einigen der zum Teil recht stattlichen und aus mehreren Geschossen bestehenden Gaden wurden 17 Werkstätten eingerichtet, in denen vor allem historisches Handwerk wieder lebendig wird. Eine ähnliche Nutzung hat man für die Kirchenburg in Aschfeld gewählt. In den 18 Gaden wird das oft ärmliche Dorfleben früherer Jahrhunderte dargestellt.

Im thüringischen Walldorf sind noch die wuchtigen Bastionen erhalten, die zum Teil aus vier Etagen bestehen. Die Kirchenburgen bewahrten oft den Festungscharakter, weil die Wehrmauern - anders als in Städten - nicht geschleift wurden. Daher kann man sehr gut nachempfinden, warum viele Anlagen tatsächlich nie eingenommen wurden. Dass die Kroatischen Reiter in Ostheim vor der Rhön Erfolg hatten, lag einzig an ihrer Drohung, den ganzen Ort in Schutt und Asche zu legen.

Carola Nathan