April 2010

Interview mit Professor Dr. Gottfried Kiesow

Wie alles begann

MO: In diesem Jahr feiert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz ihr 25-jähriges Bestehen. Für Monumente Online ein schöner Anlass, auf die Zeit ihrer Gründung zurückzuschauen. Herr Professor Kiesow, Sie hatten bereits in den 1970er Jahren die Idee zur Errichtung einer gemeinnützigen Organisation für den Denkmalschutz. In dieser Zeit waren Sie Präsident des Landesamts für Denkmalpflege in Hessen. Welche Stellung hatte damals der Denkmalschutz in der Gesellschaft?

Professor Dr. Gottfried Kiesow: Nach der Verabschiedung des Städtebauförderungsgesetzes am 27. Juli 1971 legten Bund und Länder ein millionenschweres Förderungsprogramm auf, das als Hauptziel für die großen halbstaatlichen Sanierungsträger den Abriss ganzer Stadtgebiete und die anschließende Neubebauung hatte. Da es noch keine gültigen Schutzgesetze gab, musste die Denkmalpflege diesem Zerstörungsprozess ohnmächtig zusehen. Selbst wenn es ihr durch Überzeugung gelang, den Abbruch einzelner besonders qualitätvoller Baudenkmale zu verhindern, scheiterte deren Erhaltung daran, dass sich keine Käufer fanden, die bereit waren, die Kosten der laufenden Bauunterhaltung zu übernehmen. Außerdem war der Zeitgeist ganz auf den Komfort und die leichte Pflege von Neubauten ausgerichtet. So wurden etwa in Hessen mehrfach wertvolle Bauten abgebrochen, für die sich wenige Jahre später Kaufinteressenten gefunden hätten, vor allem, nachdem das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 ein Umdenken zugunsten der Denkmalpflege bewirkte und den Bundestag zu Steuerpräferenzen veranlassen konnte.

MO: Wie kam es zur Gründung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und welche Unterstützer hatte sie in der Anfangsphase?

Professor Dr. Gottfried Kiesow: Bei einer vom damaligen Bundesbauministerium geförderten Studienreise nach England und Schottland lernte ich 1973 den National Trust kennen, besonders den für Schottland, der gefährdete Häuser übernahm, restaurierte und dann weiterverkaufte oder vermietete. Als ich 1975 zum Vorsitzenden der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger gewählt wurde, war die Gründung eines deutschen National Trust erklärtes Ziel für meine vierjährige Amtszeit. Als Leiter der Arbeitsgruppe "Fachliche Fragen der Denkmalpflege" konnte ich diesen Vorschlag in das Deutsche Nationalkomitee zur Vorbereitung des Denkmalschutzjahres einbringen, das ihn sofort als eigenes Ziel übernahm.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wurde 1985 auf Schloss Gracht in Erftstadt gegründet. Mit dabei: der erste Schirmherr, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, im Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Stiftung, Karl Gustaf Ratjen (r.) und seinem Stellvertreter Erhard Bouillon. 
© Fotoarchiv in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wurde 1985 auf Schloss Gracht in Erftstadt gegründet. Mit dabei: der erste Schirmherr, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, im Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Stiftung, Karl Gustaf Ratjen (r.) und seinem Stellvertreter Erhard Bouillon.

Es dauerte aber noch zehn Jahre, bis es vor allem mit Hilfe von Dr. Hans Friderichs gelang, das Kapital für die Gründung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz von damals 500.000 Mark aufzubringen. Zur Vorbereitung der Gründung lud das Ehepaar Friderichs zu einem privaten Essen ein, an dem auch Professor Dr. h. c. Dieter Stolte teilnahm. Er war gerade zum Intendanten des ZDF gewählt worden und schloss sich spontan unserer Aktion an. Er brachte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz als Destinatär der Lotterie GlücksSpirale ein, die neben unseren Spendern und Stiftern eine weitere wichtige Säule für unsere finanzielle Ausstattung ist. Dr. Friderichs konnte außerdem als früherer Bundeswirtschaftsminister und Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank Erhard Bouillon vom Vorstand der Höchst AG, den Vorstandsvorsitzenden der Metallgesellschaft Karl Gustaf Ratjen und Dr. Wolfgang R. Habbel, Vorstandsvorsitzender von Audi, als einflussreiche Mitgründer der Stiftung gewinnen. Diesen Herren gelang es, Bundespräsident Richard von Weizsäcker davon zu überzeugen, die Schirmherrschaft zu übernehmen. Damit erhielt unsere Stiftung des privaten Rechts ein "Gütesiegel", das uns das Vertrauen vieler Spender einbrachte.

MO: Wie entwickelte sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu einer Organisation, deren Arbeit vor allem durch das finanzielle Engagement von Bürgern getragen wird?

Professor Dr. Gottfried Kiesow: Die ersten Jahre bis zur Wiedervereinigung existierte unsere Stiftung überwiegend von Zuwendungen unserer Gründer. Diese sehr günstigen Startvoraussetzungen fanden ihre Krönung in der Berufung von Friedrich Ludwig Müller zum ersten Geschäftsführer, ohne den unsere Stiftung nie den völlig unerwartet schnellen Aufstieg zur heutigen Größe erreicht hätte. Niemand hätte damals von einer solchen Entwicklung zu träumen gewagt. Friedrich Ludwig Müller gewann die erste größere Zahl von Spendern mit dem Bild des Bundespräsidenten und dem Slogan "Rette mit, wer kann!" in allen deutschen Zeitungen.

Die Denkmalschutz-Gala "Marmor, Stein und Eisen bricht" im ZDF wurde 1988 von Professor Gottfried Kiesow (ganz links) zusammen mit Sabine Sauer (6. v. links) moderiert. Unter den Gästen Björn Engholm und Norbert Blüm. 
© Fotoarchiv in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Die Denkmalschutz-Gala "Marmor, Stein und Eisen bricht" im ZDF wurde 1988 von Professor Gottfried Kiesow (ganz links) zusammen mit Sabine Sauer (6. v. links) moderiert. Unter den Gästen Björn Engholm und Norbert Blüm.

Seiner schon in jungen Jahren durch Verleihung des Theodor-Wolff-Preises ausgezeichneten Begabung als Journalist und Schriftsteller, seine ausgewiesenen Kenntnisse in der Spendenwerbung, die er bereits beim Aufbau der Deutschen Krebshilfe zeigte, sowie seiner unerschöpflichen Kreativität verdanken wir, dass bis heute über 190.000 Förderer gewonnen werden konnten. Insgesamt vertrauen sie uns Jahr für Jahr viele Millionen Euro für die Satzungszwecke Förderung von Bau- und Kunstdenkmalen, Handwerkerausbildung, Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung für den Denkmalschutz ebenso wie für die Jugendbauhütten und die Aktion "denkmal aktiv" in den Schulen an. Sie tun dies auch für treuhänderische Stiftungen oder zur Erhöhung des Eigenkapitals.

Die kontinuierliche Information über die Verwendung der Spenden durch das von Friedrich Ludwig Müller entwickelte Magazin Monumente ließ seit 1991 die Zahl unserer Förderer steil in die Höhe schnellen und bildet bis heute das wichtigste Bindeglied zu unseren Spendern. Unterstützt wird dies durch die speziellen Reisen unter der Führung von drei Mitarbeitern aus der Projektabteilung und mir zu geförderten Baudenkmalen.

MO: Wie hat sich die Stiftung von da an weiterentwickelt?

Professor Dr. Gottfried Kiesow: Nachdem Friedrich Ludwig Müller sich ganz der Spendenwerbung und dem Magazin Monumente widmen wollte, machten wir einen zweiten Glücksgriff mit der Berufung von Dr. Robert Knüppel zum Geschäftsführer. Dr. Knüppel war für diese Aufgabe besonders geeignet, weil er neun Jahre lang als Finanzsenator und dann zwölf Jahre hindurch als Bürgermeister von Lübeck ein hervorragender Finanzfachmann und zugleich engagierter Denkmalschützer war, wofür er mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet wurde.

Der Verkauf von drei Volksmusikplatten mit Carolin Reiber erbrachte bei einem Aufpreis von drei Mark zugunsten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz insgesamt 1,8 Millionen Mark für den Erhalt von Baudenkmalen. 
© Fotoarchiv in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Der Verkauf von drei Volksmusikplatten mit Carolin Reiber erbrachte bei einem Aufpreis von drei Mark zugunsten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz insgesamt 1,8 Millionen Mark für den Erhalt von Baudenkmalen.

In seiner Amtszeit gelang es ihm, dass unser Kapital von 500.000 Mark auf jetzt 30 Millionen Euro aufgestockt werden konnte. Auch wirkt er sehr erfolgreich als verlässlicher Partner der Lotteriegesellschaften der Länder bei der Steigerung der Erlöse aus der Glücks-Spirale und baute die Brandenburgische Schlösser GmbH auf. Sie wird seit einigen Jahren von Dr. Wolfgang Illert erfolgreich geleitet, der auch seit dem 1. Januar 2009 als Geschäftsführer unserer Stiftung für die Sicherung des Erreichten sorgt.

Zusammen mit den Zuwendungen aus der GlücksSpirale konnten wir seit 1991 allein 430 Millionen Euro für die Instandsetzung bedrohter Baudenkmale einsetzen. Dafür gebührt unseren Förderern unser besonderer Dank!

Es ist schon schwierig, einen so großen Aufstieg der Stiftung in so kurzer Zeit zu bewirken, aber nicht minder schwer, diesen für die Zukunft zu sichern.

Das Interview führte Julia Ricker


Mehr zum Thema:

Lesen Sie auch den Vortrag "Der Vergangenheit eine Zukunft geben" von Dr. Volkhard Laitenberger. Das langjährige Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sprach bei einer Festveranstaltung anlässlich des 25. Jubiläums in der Stuttgarter Veitskapelle über Denkmalschutz und Denkmalpflege zwischen staatlicher Fürsorge und Bürgerengagement.

Hier können Sie sich den Vortrag herunterladen:

zum Vortrag...
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1 Kommentare

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    Marie-Luise Niewodniczanska, Bitburg schrieb am 21.03.2016 13:55 Uhr

    Alle, die sich für den Erhalt unserer Baudenkmäler einsetzen, wissen die hervorragende Arbeit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu schätzen und sind stolz auf sie. Prof. Dr. Kiesow, dem Initiator, ist es geglückt, der Stiftung mit Hilfe anerkannter Persönlichkeiten eine breite Basis zu geben. Insbesodnere nach der Wende war die Stiftung für unsere neuen Bundesländer ein wahrer Segen.

    Wir wünschen uns sehr, daß die Erfolgsstory der Deutschen Stiftung Denkmalschutz auch in Zukunft lebendig bleibt.

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