Barock Ikonographie April 2010 K

Das Kulissenheiliggrab von Rottach-Egern

Mit Magie bekehrt

Barocke Kulissenheiliggräber wollten die Gläubigen auf der emotionalen Ebene ansprechen, indem sie das Publikum an Tod und Leiden Christi mitfühlen und Jesu triumphale Auferstehung miterleben ließen. Die eindringlichen Bilder hatten offensichtlich mehr Überzeugungskraft als Worte.

Schwarze Vorhänge verdunkelten das Innere der Pfarrkirche St. Laurentius. 65 beleuchtete, farbige Glaskugeln und vom Kirchengewölbe herabhängende Leuchter tauchten den Altarraum in ein mystisches Licht. Die Dekoration war Teil einer sakralen Inszenierung, die man zur Feier der Passion und der Auferstehung Jesu beging, zu der man den Altarraum mit einer monumentalen Heiliggrab-Kulisse ausschmückte. Eine faszinierend himmlische Welt entfaltete sich ab 1757 an den Kar- und Ostertagen vor den Augen der Gläubigen von Egern am Tegernsee.

Die Kreuztragung Christi gehört zu den beweglichen Szenenbildern, die vor das Kulissenheiliggrab geschoben werden konnten. 
© Firma Wiegerling, Gaissach
Die Kreuztragung Christi gehört zu den beweglichen Szenenbildern, die vor das Kulissenheiliggrab geschoben werden konnten.

Das Grab Christi, das am Ostermorgen leer aufgefunden wurde (Mk. 16, 1-8 und Joh. 20, 1-18), ist Zeugnis der christlichen Heilsbotschaft von der Auferstehung. In Anlehnung an die Jerusalemer Grabeskirche mit der Ruhestätte Jesu baute man seit frühchristlicher Zeit auch an anderen Orten Heilige Gräber. Die steinernen Stätten dienten dem liturgischen Gedenken an die Grablegung Christi und der Verwahrung von Reliquien, die man von Pilgerreisen in das Heilige Land mitbrachte. Neben diesen gab es auch vorübergehend aufgestellte Heilige Gräber, an denen Grablegung und Auferstehung gleichermaßen symbolisch mit einer Hostie oder einer Christusfigur nachvollzogen wurden. Aus ihnen entwickelten sich im 17. Jahrhundert die ebenfalls nur kurzfristig präsentierten barocken Kulissenheiliggräber. Ihre Aufbauten ließen sich verwandeln und konnten mit unterschiedlichen figürlichen Szenen kombiniert werden, weshalb an Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern je eigene Motive einsetzbar waren. Am höchsten Punkt der Scheinarchitektur befand sich der Leib Christi in einer meist verschleierten Monstranz.

Ihre Entstehung verdanken die Kulissenheiliggräber dem Jesuitentheater. In farbenfrohen Aufführungen religiöser Themen nutzte der Orden neben der Musik prächtige Bühnen und illusionistische Effekte, um im Zuge der Gegenreforma­tion die Zuschauer vom katholischen Glauben zu überzeugen. Die Spektakel müssen sehr beeindruckend gewesen sein, berichten doch die zeitge­nössischen Schriften von Spontanbekehrungen.

Mit neun Metern Höhe, 4,50 Metern Breite und sechs Metern Tiefe füllte das Kulissenheiliggrab den gesamten Altarraum der Laurentiuskirche aus. Die Abbildung zeigt den Probeaufbau der Dekoration durch die Restauratoren. 
© Firma Wiegerling, Gaissach
Mit neun Metern Höhe, 4,50 Metern Breite und sechs Metern Tiefe füllte das Kulissenheiliggrab den gesamten Altarraum der Laurentiuskirche aus. Die Abbildung zeigt den Probeaufbau der Dekoration durch die Restauratoren.

Auch die barocken Kulissenheiliggräber wollten, ganz im Sinne des Ordensgründers Ignatius von Loyola, die Gläubigen auf der emotionalen Ebene ansprechen, indem sie das Publikum an Tod und Leiden Christi mitfühlen und Jesu triumphale Auferstehung miterleben ließen. Die eindringlichen Bilder hatten offensichtlich mehr Überzeugungskraft als Worte.

Die Festdekoration im bayerischen Egern ließ man von dem Münchner Maler Joseph Ignatz Schilling anfertigen, der sich bereits als Schöpfer von kirchlichen Deckengemälden und Kulissenheiliggräbern einen Namen gemacht hatte. Sie erinnert an das Innere eines barocken Zentralbaus. In dessen unterer Ebene blickt man in eine von zwei schlafenden Wachen flankierte Kammer. Eine historische Zeichnung belegt, dass sie ehemals das "Grab Jesu" aufnahm. In der oberen Ebene entfaltet sich der durch gedrehte Säulen und Löwenfiguren charakterisierte Thronsaal des salomonischen Tempels aus dem Alten Testament. Der Herrschersitz des weisen Königs, dem biblischen Vorfahren Jesu, wird von einer durchlichteten Kuppel überfangen, während auf dem durchgehenden Gesims zwei Engel die Leidenswerkzeuge zeigen. Unter ihnen - jeweils am linken und rechten ­Kulissenrand - sieht man Szenen des Alten Testaments: die Opferung Isaaks durch Abraham und die Aufrichtung der ehernen Schlange durch Mose. Beide Erzählungen gelten als alttestamentliche Vorbilder der Kreuzigung Christi.

Die Auferstehung Jesu wurde in Egern durch das Abbrennen eines roten bengalischen Lichts am Heiligen Grab zum aufsehenerregenden Schauspiel.

Im letzten Moment verhindert ein göttlicher Bote die Tötung Isaaks durch Abraham. 
© Firma Wiegerling, Gaissach
Im letzten Moment verhindert ein göttlicher Bote die Tötung Isaaks durch Abraham.

Heute ist nur noch ein Teil der festlichen Dekoration in einem bedauernswerten Zustand. Über hundert Jahre lagerte sie auf dem Dachboden der Kirche, wo sie durch eindringendes Wasser und starke Temperaturschwankungen Schäden erlitten hat. Restauratoren kümmern sich seit drei Jahren um die Wiederherstellung der Malereien und werden dabei neben anderen Geldgebern auch wesentlich von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz finanziell unterstützt.

Während der Säkularisation wurden die Kulissenheiliggräber unter dem Minister von Montgelas (1799-1817) verboten, da man in ihnen die Erhabenheit der Leidensgeschichte Christi zur bloßen Unterhaltung herabgewürdigt sah. Doch diese Phase währte nicht lange. Nach der Entlassung Montgelas' erfuhren mit Palmen im orientalischen Stil dekorierte Kulissengräber noch einmal eine Blüte. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) waren sie dann endgültig aus der Liturgie verschwunden.

Seit einigen Jahren findet man wieder Kulissenheiliggräber in den Kirchen, wo religiöse Bilderwelten die Besucher nach wie vor anrühren und in ihren Bann ziehen - und das nicht nur in Bayern. In Rottach-Egern darf man das Kulissenheiliggrab während der Fastenzeit 2011 bestaunen. Nur auf das aufflammende bengalische Licht werden die Besucher verzichten müssen.

Julia Ricker