Archäologie Menschen für Denkmale April 2010

Die freiwilligen Helfer der Landesarchäologen

“Auftauchen nicht vergessen!”

Es gab eine Zeit, da hatte sich der Meeresforscher und Filmemacher Hans Hass, um dem Rausch der Tiefe zu entgehen, auf einer Aluminiumtafel notiert: "Auftauchen nicht vergessen!" Damals wurde unter Wasser mit Sauerstoff aus einem Luftsack geatmet. Hans Hass, der mittlerweile 91 Jahre alt ist, machte nahezu alle Techniken der Anpassung an das Universum unter Wasser mit.

©  Henrik Pohl, Salzburg 
© Henrik Pohl, Salzburg
© Henrik Pohl, Salzburg

Hass war ein Abenteurer, ähnlich wie Jacques-Yves Cousteau. Was er über Forschungstaucher im Jahr 2010 denkt, wissen wir nicht. Zwischen seiner Taucherei von gestern und der heutigen liegen Welten. Während er als Pionier experimentierte und sich ständiger Lebensgefahr aussetzte, gibt es inzwischen sogar ein Berufsbild "Forschungstaucher" mit detaillierten Richtlinien.


Dank der sich entwickelnden Technologien, ob bei der Taucherausrüstung, der Fotografie oder beim Film, konnte auch die Unterwasserarchäologie in den vergangenen vierzig Jahren boomen. Schlagzeilen von spektakulären Funden in der Ostsee genauso wie in der Karibik gehen immer wieder durch die Presse. Taucher werden dabei oft als Schatzsucher gesehen. Manchmal zeichnet man sie aber auch als Wissenschaftler aus: Ende 2008 erhielt der Landesverband für Unterwasserarchäologie Mecklenburg-Vorpommern den Deutschen Preis für Denkmalschutz des Nationalkomitees für Denkmalschutz (DNK).

Forschungstaucher müssen wie früher "echte Männer und Frauen der See" sein, unerschrocken, kräftig, ausdauernd und zugleich auf hohem wissenschaftlichen Niveau arbeitend. Letzteres hob das DNK in seiner Begründung lobend hervor. Seit gut 15 Jahren unterstützen mehr als siebzig ehrenamtliche Taucher die Berufsarchäologen beim Aufspüren, Vermessen und Sichern von Schiffswracks oder untergegangenen Siedlungen in der Ostsee und den Binnenseen Mecklenburg-Vorpommerns. Es gibt viel zu tun in dem gewässerreichen Bundesland, dessen Küstenlinie allein 1.470 Kilometer misst.

Die Geschichte dieser Freiwilligen ist keine vom Schönwettertauchen, sondern sie führt in eine sehr raue Welt, in der nur die Abgehärteten unterwegs sind. Andreas Grundmann, der seit 30 Jahren taucht, bezeichnet sich und die anderen als "Freaks". Das ist keineswegs übertrieben, denn Bleigewichte, Pressluftflaschen und Wassertemperaturen knapp über null Grad dürfen die Taucher in der Nähe vom Kap Arkona auf Rügen, der heimischen Tauchbasis des Verbandes, nicht schrecken. In der kalten Jahreszeit ist das Wasser und damit die Sicht klarer. Stürmischer Wind - nicht selten vor Rügen - wühlt hingegen Schlick und Schlamm vom Meeresgrund auf. Aber die Härte der Taucher gegen sich selbst wird immer wieder belohnt: Die Ostsee zählt zu den wrackreichsten Meeren der Erde und ist damit eine wahre Fundgrube.

©  Dr. Harald Luebke 
© Dr. Harald Luebke
© Dr. Harald Luebke

Die Küstengegend war schon früh dicht besiedelt, es wurde reger Handel getrieben, und zahlreiche Kriege hinterließen ihre Spuren im Sand. Außerdem stieg vor vielen tausend Jahren durch Ausgleichsbewegungen der Erdkruste der Meeresspiegel an, wodurch Jäger- und Sammlerkulturen unter Wasser gerieten, aber auch konserviert wurden. Inzwischen haben Archäologen vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns durch Tauchaktionen und mithilfe sogenannter Prospektionen weit mehr als 500 Wracks ausmachen können: darunter Hansekoggen und Schiffe schwedischer Könige.

©  Martin Siegel, Rostock 
© Martin Siegel, Rostock
© Martin Siegel, Rostock

Bis zur Wiedervereinigung war die Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns militärisch abgeschirmtes Grenzgebiet und ein weißer Fleck in den Seekarten. Die Schiffswracks blieben deshalb erhalten und ungeplündert, allein vor Rügen waren mindestens zwanzig Schiffe bei Stürmen gestrandet. Mit bedingter Billigung der Grenztruppen, erzählt Grundmann, wurden damals zwar einige Wrackstellen erkundet und vermessen, doch gab es keine systematische Registrierung im Ostseeküstengebiet. So blieb die Unterwasserarchäologie lange in den Kinderschuhen stecken, und vieles wurde dem Zufall überlassen. Rettungsschwimmer entdeckten 1977 ein Wrack in der Mündung des Prerowstroms, die im 13. Jahrhundert gezimmerte "Darßer Kogge". Sogar bei einzigartigen Fundstücken wie den jungbronzezeitlichen Holzscheibenrädern, die 1983 vor Kühlungsborn gehoben wurden, war staatliche Sicherheit oberstes Gebot. Abzutauchen konnte ja gleichzeitig immer ein Versuch des Wegtauchens, der Flucht, sein. So wurden die Räder unter strenger Aufsicht geborgen. Die Taucher durften sich auch in zweieinhalb Metern Tiefe nur mit Schnorchel ausrüsten.

Nachdem durch die Wende politische Hemmnisse aus dem Weg geräumt waren, zeigten sich neben neuen sensationellen Funden wie der 1997 südlich von Hiddensee gehobenen "Gellenkogge" bald die Schattenseiten der neuen Freiheit. Denn während zu DDR-Zeiten archäologische Fundstellen durch Tauchverbote und den Mangel an Tauchausrüstungen in gewisser Hinsicht geschützt waren, stürzten sich nun in stetig wachsender Zahl Sporttaucher auf die im Salzwasser gut konservierten Wracks. Unter ihnen gibt es eine kleine Gruppe von Schatzsuchern und Raubtauchern, die plündern und dabei archäologisch wertvolle Fundstätten zerstören. Auch damit lernten die passionierten Taucher umzugehen. Dies ist ein weiterer Grund für die hohe Auszeichnung durch das Deutsche Nationalkomitee.

©  Dr. Detlef Jantzen, Schwerin 
© Dr. Detlef Jantzen, Schwerin
© Dr. Detlef Jantzen, Schwerin

Der Landesverband bietet - vorbeugend - für alle diejenigen, die die Abenteuerlust packt und die sich (auch im Sommer!) nicht vor Kälte fürchten, Kurse zum "denkmalgerechten Tauchen" an. Das kann sehr spannend sein. Inzwischen steigen pro Saison fast 1.000 Sportler ganz legal zum Wracktauchen ins Wasser. Die privatwirtschaftlich organisierten Tauchgänge werden mit Vorträgen zur Geschichte und Archäologie des Landes Mecklenburg-Vorpommern unterfüttert. Ohnehin haben Raubtaucher an ihren Beutestücken meist nur wenig Freude: weder an Hölzern noch am "unverwüstlichen" Metall. Bei den Kanonenkugeln etwa vermindert sich, wenn sie Jahrhunderte im Wasser gelegen haben, der Eisengehalt. Werden die Kugeln nach der Bergung nicht sachgerecht restauriert, zerfallen sie auf dem Wohnzimmerregal des Diebs schon bald zu Spänen.

Von all den archäologischen Quellen mit unschätzbarem Wert, den Einbäumen, Koggen, Frachtern, Flüchtlingsbooten und den Resten steinzeitlicher Siedlungen werden nur die allerwenigsten geborgen. Die Konservierung der dickbauchigen "Poeler Kogge", die mit rund 240.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt wurde - neben anderen Geldgebern -, ist ungeheuer aufwendig. Die vollständige Entsalzung der Kiefernholzplanken im Süßwasserbad wird mit 17 Jahren veranschlagt! Es handelt sich um eine Kogge Mecklenburger Typs - erkennbar an ihrem geschwungenen Vordersteven, dem steilen Achtersteven und dem klinkergebauten muschelförmigen Rumpf. Man weiß, dass sie um 1354 gebaut wurde, denn das Spantenholz wurde in jenem Jahr im heutigen Polen geschlagen. Die Wissenschaftler können an dem Fund wertvolle Informationen über die mittelalterliche Schifffahrt und die Geschichte der Hanse ablesen.

©  Frank Junge 
© Frank Junge
© Frank Junge

Die "Poeler Kogge" wurde inzwischen nachgebaut. Durch den guten Erhaltungszustand des originalen Wracks war eine fast vollständige Rekonstruktion möglich. Mit viel Engagement zimmerte der Förderverein "Poeler Kogge" von 2000 bis 2004 unter fachkundlicher Leitung der Schweriner Archäologen an dem Nachbau, der zu Pfingsten 2004 in Wismar vom Stapel lief. Erst anhand der praktischen Arbeiten erschloss sich, wie ausgetüftelt die Schiffsbaukunst damals war.

Die ehrenamtlichen Helfer der Wissenschaftler bei Kap Arkona haben mit den Raubtauchern nichts gemein. Durch ihr Engagement bewirken sie das Gegenteil. Während Schatzsucher das Meer ausbeuten, retten die passionierten Archäologen Kulturgut für die Nachwelt. Sie lassen die meisten Funde dort, wo sie liegen, es sei denn, die berüchtigte Schiffsbohrmuschel droht das Holz zu zerfressen. Am Meeresboden sind die Schätze der Menschheit am sichersten aufgehoben.

Christiane Schillig

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