Interviews und Statements Februar 2010

Interview mit Dr. Katharina Corsepius

Das Kölner Stadtarchiv ein Jahr nach dem Einsturz

Interview mit Dr. Katharina Corsepius, Dozentin am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, über den Einsturz des Historischen Archivs in Köln am 3. September 2009.

MO: Vor fast einem Jahr, am 3. März 2009, stürzte das Historische Archiv in Köln in sich zusammen. Das Unglück forderte zwei Todesopfer. Etwa 30 Regalkilometer Archivalien, Zeugnisse von über 1.000 Jahren Stadt- und Regionalgeschichte wurden von den Trümmern verschüttet. Zusammen mit den Feuerwehrleuten und den Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks (THW) beteiligten sich unzählige freiwillige Helfer an der anschließenden Rettung der historischen Dokumente. Ihnen oblag als Dozentin des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn, in Zusammenarbeit mit Ihrem Kollegen Jochen Hermel, die Koordination des Hilfseinsatzes engagierter Studentinnen und Studenten. An welcher Stelle kamen sie zum Einsatz?


Dr. Katharina Corsepius: Das zumeist von Feuerwehrleuten und Mitarbeitern des THW geborgene Archivmaterial wurde per LKW zu einer am Stadtrand gelegenen Lagerhalle gefahren und im sogenannten Erstversorgungszentrum bearbeitet. Unter den dort anwesenden ehrenamtlichen Helfern befanden sich zahlreiche Studierende der verschiedensten geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Allein von der Universität Bonn waren schätzungsweise 150 Studenten und Mitarbeiter in abwechselnden Schichten im Einsatz. Für diejenigen, die im Rahmen ihrer Forschungen auf die Bestände des Archivs angewiesen waren, war es gewissermaßen eine Art "Hilfe zur Selbsthilfe". Die Mehrzahl fühlte sich unabhängig davon dem eigenen Berufsethos verpflichtet, bekundete Solidarität und möchte das Archiv möglichst schnell für Forschung und Öffentlichkeit wieder zugänglich und überlebensfähig sehen. Ermutigend war, dass viele Helfer sogar eigens aus unseren Nachbarländern Österreich, Schweiz, Belgien und den Niederlanden anreisten. Ich denke, die freiwilligen Helfer und die Archivmitarbeiter haben ihr Verantwortungsbewusstsein für unser kulturelles Erbe nach der Katastrophe in Köln eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die Unglückstelle in der Kölner Severinstrasse 
© Katharina Corsepius
Die Unglückstelle in der Kölner Severinstrasse

MO: Welche Arbeiten wurden im Erstversorgungszentrum durchgeführt?

Dr. Katharina Corsepius: Sämtliche Unterlagen wurden zunächst getrocknet und vorgereinigt, damit sie gesichert werden konnten. Bereits bearbeitete Akten wurden vor ihrem Abtransport zu den provisorischen Lagerorten in säurefreie Pappkartons verpackt. Alle Helfer mussten aus Sicherheitsgründen einen weißen Schutzanzug und eine Atemmaske tragen, denn der Staub des eingestürzten Archivbaus lag auch hier in der Luft, und wegen der teils wochenlangen Durchfeuchtung der Akten bestand jederzeit die Gefahr eines akuten Schimmelbefalls.

MO: Wie haben die Helfer ihren Einsatz erlebt?

Dr. Katharina Corsepius: Psychisch belastend war insbesondere der Umgang mit den persönlichen Gegenständen der beiden jungen Männer aus dem Nachbarhaus des Kölner Stadtarchivs, die tot aus dem Trümmerhaufen geborgen wurden. So konnte es passieren, dass sich ein Fahrausweis oder ein Fotoalbum eines der Einsturzopfer zusammen mit einer mittelalterlichen Handschrift in ein und derselben Bergungskiste oder auf ein und demselben Schutthaufen befanden. Diese eigentlich in die Zukunft gerichteten Leben der jungen Opfer lagen in den ersten Tagen der Bergung oft in allen Einzelheiten und in ihrer schutzlosen Intimität vor den Augen der Helfer. Die Bergungs- und Sichtungsarbeiten der Archivalien dauerten mehrere Monate an, bis man sich im Juli 2009 dazu entschloss, die Unglücksstelle aufzugeben. Erst danach erfolgte die eigentliche fachliche Restaurierung und Neuordnung der Bestände, die wohl noch viele Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Die geretteten und "erstversorgten" Archivalien wurden zur Zwischenlagerung in andere Archive gerbracht. Unter anderem in das Kölner Diözesanarchiv, das Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, in das Staatsarchiv Münster und an zahlreiche andere Orte.

Die geretteten Archivalien kommen unsortiert zur Erstversorgungsstelle 
© K. Corsepius
Die geretteten Archivalien kommen unsortiert zur Erstversorgungsstelle

MO: Angesichts neuerer Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung diskutiert man nicht zuletzt nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs auch die Bedeutung der Reproduktion von Originalen. Können digitale Daten ein Original überhaupt ersetzen?

Dr. Katharina Corsepius: Nach der Kölner Katastrophe wurde der Eindruck erweckt, dass der Verlust weit weniger tragisch gewesen wäre, hätte man die Archivalien rechtzeitig digitalisiert. Dies wird nicht selten von Verantwortungsträgern öffentlich unterstrichen. Einer solchen Ideologie folgend wurde einem Digitalisierungszentrum neben einem Archivneubau auch höchste Priorität beigemessen. Analogien zu dieser Entwicklung im Bibliotheks- und Archivwesen finden sich im Bereich der Denkmalpflege in dem vermehrten Wunsch nach Rekonstruktionen historischer Bauten bei gleichzeitigem, fortschreitenden Abriss oder der Kürzung und Streichung von Förderungen für Baudenkmale. Für die Museen ließe sich bezüglich der Pflege ihrer Sammlungen im Verhältnis zu immer aufwendigeren Ausstellungs-Events ähnliches feststellen. Die Stärke der Geisteswissenschaften liegt in der Fähigkeit zur Analyse des Vergangenen, um die Gegenwart zu erklären und eine Orientierung für die Zukunft zu bieten. An dieser Orientierung fehlt es nun in fundamentaler Weise. Um dem gemeinsamen kulturellen Erbe in unserer Gesellschaft einen bedeutenden Platz zu sichern, müssen wir die Einzigartigkeit der Originale betonen und nicht deren scheinbar beliebige Reproduzierbarkeit.

MO: Welche Bedeutung hat der Einsturz des Historischen Archivs für die Kulturpolitik in Deutschland?

Dr. Katharina Corsepius: Wir müssen uns die Frage gefallen lassen, warum wir in Deutschland, dem Land, das einst pathetisch als jenes der "Dichter und Denker" bezeichnet wurde, nicht mehr in der Lage sind, das uns über Generationen anvertraute Kulturerbe zu schützen. Deutschland wird seit einigen Jahren von kulturellen Katastrophen getroffen. Genannt seien die zahlreichen Abrisse bedeutender Baudenkmale insbesondere in den Großstädten, der Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, die Erwägung des Verkaufs wertvoller Handschriften zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben in Baden-Württemberg, der in letzter Minute abgewendet wurde.

Einige Manuskripte sind durch Wasser stark geschädigt. 
© K. Corsepius
Einige Manuskripte sind durch Wasser stark geschädigt.

Nun mag eingewendet werden, es handele sich zumindest bei einem Teil der angeführten Beispiele um Katastrophen, die so nicht vorhersehbar waren. Bei genauerer Betrachtung wird sich jedoch kaum einer dem Eindruck entziehen können, dass es im Vorfeld, wenn nicht willentlich, so doch fahrlässig herbeigeführte Entscheidungsprozesse und Prioritätensetzungen gegeben hat, die in letzter Konsequenz jene Katastrophen erst ermöglichten. Insofern geht der Verlust des Kölner Archivs in seiner Bedeutung weit über die betroffene Region hinaus, stellt er doch nur den bislang offensichtlichsten Höhepunkt einer bereits lange andauernden Entwicklung dar.

Der Schutz des kulturellen Erbes, darunter auch der Denkmalschutz, gehört zu den primären hoheitlichen Aufgaben eines jeden Staates beziehungsweise der Staaten- und Weltgemeinschaft. Auch innerhalb der föderalen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland war der Schutz des Kulturgutes stets ein wesentlicher integraler Bestandteil der hoheitlichen Aufgaben von Bund, Ländern und Kommunen. Heute scheint sich der Staat aus seinen originären Aufgaben weitgehend zurückziehen zu wollen.

Wir müssen zu der Einsicht gelangen, dass kulturelle Aufgaben und Verantwortlichkeiten nicht privatisiert werden können, ohne dass dies mit der Gefährdung des Kulturerbes einherginge.

Einzelne Archivalien wurden in Fragmenten aus den Trümmern geborgen. 
© K. Corsepius
Einzelne Archivalien wurden in Fragmenten aus den Trümmern geborgen.

Letztlich ist der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln eine Mahnung zur Umkehr, die der Staat nicht ignorieren darf. Umso segensreicher ist es, wenn sich Menschen zusammenfinden, um solidarisch zu demonstrieren, dass der Verlust unseres kulturellen Erbes für sie mehr bedeutet als ein in Zahlen zu bemessender Versicherungsschaden. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich unser Staat auf Dauer nicht leisten kann, vorzüglich ausgebildete Fachwissenschaftler in der Arbeitslosigkeit zu belassen, um dann im Ernstfall auf deren ehrenamtliches Engagement zurückzugreifen.

Seit Jahren vermissen wir den "Rettungsschirm" für unser kulturelles Erbe, für unsere Archive und Bibliotheken und für unser Bildungssystem. Denn machen wir uns nichts vor: Wenn wir die Zerstörung der Fundamente unserer gemeinsamen Kultur weiterhin zulassen, erübrigen sich alle weiteren Debatten über die Zukunft unseres Landes und die der Kulturpolitik.

Das Interview führte Julia Ricker