Interviews und Statements

Interview mit Dr. Volker Kielstein

Henry van de Velde und Haus Schulenburg in Gera

Dr. Volker Kielstein erwarb 1996 die Villa Schulenburg, die 1913/14 nach Entwürfen Henry van de Veldes in Gera errichtet wurde. Er berichtet von der Restaurierung des Gebäudes und auch des Gartens.

MO: 1913/14 ließ der Textilfabrikant, Orchideenzüchter und Kunstsammler Paul Schulenburg eine Villa nach den Entwürfen Henry van de Veldes in Gera errichten. Wie kam es dazu, dass Sie Haus Schulenburg 1996 erworben haben, und in welchem Zustand befand sich das Gebäude, das in den 1930er Jahren erstmals umgebaut wurde?


Dr. Volker Kielstein: Haus Schulenburg kenne ich seit meiner Kindheit. Wir wohnten in der Nähe. Mein Vater besaß die bekannte van de Velde-Monographie von Osthaus aus dem Jahr 1920, in dem Haus Schulenburg ausführlich dokumentiert ist. Das Gebäude und seine Anlagen übten auf uns Kinder einen ungewöhnlichen Reiz aus.

Im Haus Schulenburg war bis zur Wende eine Medizinische Fachschule untergebracht, dann stand es leer und verfiel: Es gab undichte Dächer, Wasserschäden in allen Stockwerken und schwere Schäden am Sandstein der Gesimse, der Sockel und Säulen. Das Gewölbe der Einfahrt mit wertvollen Schablonenmalereien van de Veldes war eingebrochen. Die Gartenanlage war verwildert; Wege, Terassen und die Pergola waren zerstört. Bereits 1937 wurde bei einem Umbau des Hauses die zentrale Treppenanlage entfernt. Gravierende Änderungen der Raumstruktur erfolgten mit der Einrichtung der Medizinischen Fachschule seit 1947.

Blick vom Eingang in die untere Diele und das Speisezimmer. 
© Haus Schulenburg, Gera
Blick vom Eingang in die untere Diele und das Speisezimmer.

Die Stadt Gera fand lange keinen Käufer für das kulturhistorisch bedeutende Gebäude. Nach dem Kauf Ende des Jahres 1996 war die Wiederherstellung der Garten-, Gebäude- und Raumstruktur sowie deren originale Ausstattung mein Ziel, um das Gesamtkunstwerk van de Veldes wieder erlebbar zu machen. Außerdem ein Kulturzentrum mit überregionaler und internationaler Ausstrahlung zu etablieren, das ein van de Velde-Museum beherbergt und sich auch der Pflege von Gegenwartskunst widmet, literarische und musikalische Veranstaltungen bietet und eine Kleinkunstbühne im Kellergeschoss besitzt. Ebenfalls wollte ich eine Zweigstelle meiner Magdeburger Tagesklinik an der Sternbrücke errichten, in der Abhängigkeitserkrankungen und psychosomatische Störungen behandelt werden. Das Klinikprojekt scheiterte am Widerstand verschiedener Institutionen in Thüringen.

Inzwischen sind das Äußere und die Innenräume des Hauptgebäudes originalgetreu restauriert. Welche Dokumente dienten Ihnen als Grundlage für die Rekonstruktion des Interieurs?

Dr. Volker Kielstein: Das wichtigste Dokument war das "Gedächtnis" des Gebäudes, das trotz aller Umbauten und allen Verfalls in seiner Grundstruktur erstaunlich gut erhalten war. Das gesamte Objekt wurde restauratorisch untersucht. Da die originalen Baupläne existierten, konnte um 1990 von der Unteren Denkmalbehörde in Gera ein sorgfältig recherchiertes Raumbuch angelegt werden. Im Architekturarchiv in Marburg waren die Fotoplatten für die Dokumentation in der Osthaus-Monographie erhalten, dazu kamen Fotos und Dokumente aus der Familie Schulenburg und aus der Familie des Chauffeurs Müller. Pläne für Baudetails, Möbel und Lampen sind im Archiv "La Cambre" in Brüssel erhalten, im Museum "Bellerive" in Zürich die Stoffe.

Rekonstuierter Musiksalon mit einem Teil der Originalmöbel und einem Gemälde von Hilde Linzen-Gebhardt (Weimar um 1925). 
© Haus Schulenburg, Gera
Rekonstuierter Musiksalon mit einem Teil der Originalmöbel und einem Gemälde von Hilde Linzen-Gebhardt (Weimar um 1925).

Die Pläne des Wohnzimmers von 1928 tauchten 1994 bei einer Versteigerung in Brüssel auf. Wichtige Informationen konnten der historischen Literatur von und über van de Velde entnommen werden.

Außerdem ergaben sich auch Gestaltungsanalogien aus der von mir angelegten und inzwischen international bedeutenden Sammlung von Buchgestaltungen van de Veldes.

MO: Auf welche Weise ist es Ihnen gelungen, originale Möbel aus den Salons im Erdgeschoss wieder zu erwerben?

Dr. Volker Kielstein: Wer ein Gebäude van de Veldes restauriert, lernt automatisch alle kennen, die sich als Liebhaber, Sammler, Gralshüter, Wissenschaftler oder Händler mit ihm befassen. Dieses Netzwerk führt zu den originalen Einrichtungsgegenständen: Die Poudreuse im Schlafzimmer stammt aus dem Kunsthandel in Münster, die Betten und Nachtschränke sind von einem süddeutschen Sammler. Die Möbel des Musiksalons, die in der Fachliteratur bestens bekannt sind, gingen 1937 mit einer Schulenburg-Tochter nach Brasilien und kehrten über den Zwischenaufenthalt bei einem Sammler in München 2005 ins Haus Schulenburg zurück. Die Stühle des Speisezimmers, das Paul Schulenburg 1906 auf der 3. Deutschen Kunstgewerbeausstellung erworben hatte, fanden sich in der Familie des damaligen Chauffeurs. Einen Bücherschrank (Korbarbeit aus Tannroda) schenkte uns ein Freund der Schulenburg-Familie.

Hinzu kommen zahlreiche Einzelpersonen, die ergänzende Fotos, Dokumente oder Gegenstände zur Verfügung stellen.

Speisezimmer mit Stühlen, die 1906 auf der 3. Deutschen Kunstausstellung in Dresden erworben wurden. 
© Haus Schulenburg, Gera
Speisezimmer mit Stühlen, die 1906 auf der 3. Deutschen Kunstausstellung in Dresden erworben wurden.

MO: Für den Pflanzenliebhaber Paul Schulenburg konzipierte Henry van de Velde auf dem Villengelände einen Gartenbaubetrieb mit Gewächshäusern, einen Seerosenteich und eine Brunnenkaskade. Inwiefern war auch die Gartengestaltung in das künstlerische Gesamtkonzept eingebunden, das insbesondere in der Beziehung von Architektur und Interieur zum Ausdruck kommt?

Dr. Volker Kielstein: Es sind bisher keine Pläne van de Veldes für die Gestaltung des etwa 3.500 Quadratmeter großen Hausgartens nachgewiesen. Die terrassenartige Formung des Geländes, das die horizontal gelagerten Baumassen aufnimmt, die Anlage von Pergola und Einfriedungsmauern, die Einbindung von zwei Gartenpavillions und die großzügige Gestaltung der Gartenräume sind ohne ein Gesamtkonzept van de Veldes nicht denkbar. In "archäologischer" Feinarbeit wurde deutlich, dass die Begrenzungen von Terrassen und Mauern, von Hecken, aber auch die Lokalisierung von einzelnen Gehölzen genau auf die Gebäudestruktur bezogen sind.

Das Gleiche gilt für den Hof und die beiden Brunnen, von denen sich der westliche mit der "Kauernden" von Richard Engelmann in der verlängerten Mittelachse des Haupthauses befindet. Das in dieser Achse liegende Speisezimmer mit den großen Mittelfenstern wird durch den Brunnen optisch in den Garten hinein erweitert. Der westlich des Hausgartens gelegene Gartenbaubetrieb Schulenburg mit dem Gärtnerhaus, den Gewächshäusern, dem Seerosenteich und der Brunnenkaskade wurde nachweislich von van de Velde aus seinem Schweizer Exil (1917-1919) in Zusammenarbeit mit seinem in Gera tätigen Schüler Thilo Schoder entworfen und ausgeführt.

MO: Trat Henry van de Velde auch an anderen Orten als Gartengestalter in Erscheinung?

Dr. Volker Kielstein: Van de Velde hatte für seinen eigenen Garten des Hauses "Hohe Pappeln" in Weimar einen Brunnen mit einer Figur von George Minne angelegt. Wie weit er den Rest selbst gestaltet hat, ist mir nicht bekannt. Die weiträumige Park- und Gartenanlage des Heinemann-Stifts in Hannover von 1930 ist ebenfalls in enger Korrespondenz zur Struktur des Gebäudes angelegt und wurde einst als "glückliche Verbindung von Architektur und Natur" gerühmt. Der Gartenarchitekt war Wilhelm Hübotter (1895-1976). Wie weitgreifend die Entwurfstätigkeit van de Veldes in die jeweils realisierte Gartengestaltung hineinging, ist nach meiner Information bisher nie wissenschaftlich untersucht worden.

Pergola mit westlicher Brunnenanlage und Sammlung historischer Dahliensorten 
© Beate Arndt/Presse
Pergola mit westlicher Brunnenanlage und Sammlung historischer Dahliensorten

MO: Heute ist Haus Schulenburg nicht nur Sitz der Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes sondern auch Museum. Welche Ausstellungen und Veranstaltungen können unsere Leser in nächster Zeit besuchen?

Neben den Gartenanlagen, die 2007 Begleitprojekt der Bundesgartenschau waren, sind außerdem die originalgetreu rekonstruierten Innenräume zu besichtigen. Dort wird die Dauerausstellung "Henry van de Velde - Buchgestaltungen, Pläne, Entwürfe, Möbel" präsentiert, einschließlich des künstlerischen Umfeldes van de Veldes wie Constantin Meunier, Richard Engelmann, Thilo Schoder, Otto Dorfner. Daneben sind Objekte der unter van de Veldes Einfluss und dem des Bauhauses gereiften Bürgeler Keramik zu sehen. Außerdem zeigen wir wechselnde Ausstellungen von Gegenwartskünstlern: zur Zeit Porzellandesign von Christine Klauder. Haus Schulenburg steht weiterhin für Hochzeiten und andere Veranstaltungen (bis 80 Personen, Open Air bis zu 350 Teilnehmern) zur Verfügung. Alle Termine, einschließlich denjenigen der Kleinkunstbühne finden Sie auf unseren Internetseiten:


Das Interview führte Julia Ricker

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2 Kommentare

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    Renate Luppa schrieb am 21.03.2016 13:43 Uhr

    Wir waren gestern in diesem Haus, noch ist es ein Geheimtipp. Wir waren einfach begeistert, soviel Wohlfühlen und Liebe zum Detail findet man sehr selten. Späten Dank an den Architekten und Dank an den neuen Besitzer, auch bei den kompetenten und freundlichen Personal möchte ich mich bedanken. Ich werde in meinem bescheidenem Rahmen für dieses Kleinod werben. Freundliche Grüße!

    Auf diesen Kommentar antworten
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    Dr. Helmut Bärthel schrieb am 21.03.2016 13:44 Uhr

    Seit etwa drei Jahren beschäftige ich mich mit dem Bauhaus, wobei ich ein wenig davon ausgehe, dass Henry van de Velde der Vater jeglicher Überlegung war. Er war sich der Wichtigkeit handwerklicher Arbeit bewußt. Seine Arbeiten in Weimar im Schulbereich (einschl. dem Eckgebäude und seiner Einrichtung) bestätigen dies. Ein großartiger Denker und Macher, leider in Weimar falsch aufgehoben. Ich habe eine Album-Doku zu seinen Arbeiten für mich angelegt, in der Ihre Bilder, außer das vom Speisezimmer, enthalten sind.

    Demnächst erscheint eine Zeitschrift Kunst und Technik, ein erster Versuch von Herrn Jähnig aus Leipzig, dort kann man noch mehr Bilder sehen. Schade, dass Henry van de Velde zum Teil wenig bekannt ist. Auch in der Bauhaus-Ausstellung im Gropiusbau ist van de Velde meines Erachtens ungenügend gezeigt und gewürdigt worden. Er hat zwar nicht das Haus am Horn gebaut, aber seine Gedanken und die Ausbildung der Studenten waren revolutionäre Voraussetzungen um den nächsten Schritt zum eigentlichen Gropiusschen Bauhaus zu tun. Ich freue mich riesig über dieses Interview.

    Herzlichen Dank und freundliche Grüße

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