Landschaften, Parks und Friedhöfe Gärten Ikonographie Oktober 2009 F

Der Park von Freudenhain: ein Garten, um sich selbst zu finden

Sehnsucht nach Idylle

Versunken im Grün und verdunkelt durch ein dichtes Blätterdach liegen im Nordwesten Passaus, jenseits der Donau, Geheimbotschaften gut versteckt. Wo Büsche und Bäume sich selbst überlassen sind, findet die Romantik heute einen reichen Nährboden. Eine schattige Felsgrotte, rätselhafte Fundamente und eine hölzerne Brücke führen auf die Spur dessen, was einst im Park von Freudenhain geschah.

Denn der Bauherr des Schlosses, Fürstbischof Joseph Franz von Auersperg, lustwandelte hier mit seiner Hofgesellschaft, aber auch die Passauer Freimaurer könnten in der Nacht Stätten für geheime Initiationsrituale gefunden haben. Fürstbischof von Auersperg, der 1783 auf den Passauer Bischofsstuhl gewählt worden war, musste während seiner Regierungszeit erleben, dass sein Bistum auf einen Bruchteil der früheren Größe zusammenschrumpfte, sein weltliches Territorium unbedeutend wurde. So wandte sich von Auersperg den angenehmen Dingen des Lebens zu, der Förderung von Theater, Musik und Architektur. Der 1790 - 92 angelegte Park von Freudenhain sollte - es war die Zeit der Empfindsamkeit - der unbestimmten Sehnsucht dienen, das reale Leben mit idyllischen Stimmungsbildern und gestalteter Landschaft zu überhöhen.

Als einer der wenigen Parkbauten erhalten: der chinesische Pavillon 
© R. Rossner
Als einer der wenigen Parkbauten erhalten: der chinesische Pavillon

Schlossgarten und Parklandschaft waren nicht das Werk eines Einzelnen: Neben dem Hofgarteninspektor beteiligte sich die Hofgesellschaft aus Freunden und Familienmitgliedern an den Ideen für die Gestaltung. Darunter zwei Freimaurer: der Berater des Bischofs, Philipp von Melchior, und dessen Bruder Johann Baptist von Auersperg. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Es gab zum einen nach alter Art den architektonisch durchgezirkelten Garten beim Schloss. Ein strenges Alleensystem führte zu einer pittoresk und gleichzeitig geometrisch im Halbkreis angeordneten holländischen Siedlung. Dorthin zog sich der Fürstbischof mit seinen Vertrauten als Gleicher unter Gleichen in die bewusst klein gehaltenen Häuschen zurück und zelebrierte das einfache Leben. Im Inneren waren die Bauten übrigens äußerst komfortabel ausgestattet. Sie werden noch heute genutzt, genießen aber nicht einmal den Schutz als Baudenkmal. Außerdem fand der Fürst Wohlgefallen an einzelnen symmetrischen Gartenräumen, die sich locker im Gelände gruppierten. Auch ein Elysium - das Gefilde der Seligen - durfte nicht fehlen. Die gestalteten Räume gingen in einen Waldpark über, der immer noch einen Großteil des Geländes ausmacht. Darin schuf der Fürstbischof sogenannte Parkbilder, zu denen künstliche Wege führten und für die Bäume gefällt oder kleine Anhöhen aufgeschüttet wurden. Unbedingtes Muss für diese "Bilder" waren ein chinesischer Pavillon, in dem Porzellan präsentiert wurde. Er ist als einer der wenigen Parkbauten erhalten. Weiter gab es Parapluis, einen Obelisken und Büsten inmitten scheinbar natürlicher Lichtungen.


Eine Vorliebe für das weltferne Genießen der Natur und der Wunsch, in ländlicher Beschäftigung aufzugehen, hatte die vornehme Gesellschaft ergriffen. Der wohlhabende und gebildete Mensch des untergehenden Rokoko lehnte die Pomphaftigkeit eines Ludwig XIV. ab. Er fühlte sich plötzlich unbehaglich und klein in den hochherrschaftlichen Palästen und den überdimensionalen Parks. Allerdings waren diese Kritiker noch dieselben Menschen, die mit gepuderten Zöpfen und spitzenbesetzten seidenen Fräcken in zierlichen Schritten ihre Menuette tanzten. Die reine Natur konnten sie, die begierig nach Unterhaltung und Zerstreuung waren, nicht genießen. Es bedurfte vielfältiger Kunstschöpfungen und angelegter Wegenetze, die Überraschungen in den Landschaftsgarten zauberten.

Auf Luxus im Schloss verzichtete man aber trotz aller Naturliebe nicht. 
© R. Rossner
Auf Luxus im Schloss verzichtete man aber trotz aller Naturliebe nicht.

Eine Vorliebe für das weltferne Genießen der Natur und der Wunsch, in ländlicher Beschäftigung aufzugehen, hatte die vornehme Gesellschaft ergriffen. Der wohlhabende und gebildete Mensch des untergehenden Rokoko lehnte die Pomphaftigkeit eines Ludwig XIV. ab. Er fühlte sich plötzlich unbehaglich und klein in den hochherrschaftlichen Palästen und den überdimensionalen Parks. Allerdings waren diese Kritiker noch dieselben Menschen, die mit gepuderten Zöpfen und spitzenbesetzten seidenen Fräcken in zierlichen Schritten ihre Menuette tanzten. Die reine Natur konnten sie, die begierig nach Unterhaltung und Zerstreuung waren, nicht genießen. Es bedurfte vielfältiger Kunstschöpfungen und angelegter Wegenetze, die Überraschungen in den Landschaftsgarten zauberten.


Die Spaziergänger in ein Wechselbad der Gefühle zu tauchen, Freude auszulösen, Neugier zu schüren und Gänsehaut zu verursachen, war das Ziel. Der Garten sollte, so sagt Schiller im Taschenkalender des Jahres 1795, eine mit Geist beseelte, durch Kunst exaltierte Natur darstellen, die nicht bloß den einfachen, sondern den selbst durch Kultur verwöhnten Menschen befriedigt, indem sie den ersten zum Denken reizt, den letzteren zur Empfindung zurückführt. Der Park von Freudenhain wurde dem gerecht. Ganz im Sinne der Aufklärung bildete sich hier das Volk, fanden der Fürstbischof und seine Verwandten Erholung und Abwechslung. Für seine Freimaurerfreunde - er selbst war nicht Mitglied der Passauer Loge - machte von Auersperg den Garten zur wunderbaren Kulisse und zum idealen Stimmungsträger für das, was sie anstrebten: die eigene Vervollkommnung, die vollständige Erkenntnis der Welt und die geistige Vereinigung mit dem göttlichen Wesen, der Kraft, die die Welt lenkt.

Immer noch voller Zauber: die Canopusgrotte. 
© R. Rossner
Immer noch voller Zauber: die Canopusgrotte.

Die Aura des Rätselhaften schwebt noch immer über dem Garten. An der Canopusgrotte inmitten des verwilderten Parks kommt man seinen Geheimnissen näher. Die Grotte formt eine halbkreisförmige Zyklopenmauer an einem elliptischen Platz. In einer Nische war die Figur des ägyptischen Wassergottes Canopus aufgestellt. Der Gestalt mit dem Vasenkörper und dem menschlichen Kopf lagen einst zwei steinerne Sphingen zu Füßen. Der Verfall über zwei Jahrhunderte und Sicherungsmaßnahmen in jüngerer Zeit haben zwar die Grotte von ihrem ursprünglichen Aussehen entfernt, konnten ihrer Wirkung aber nichts anhaben. Die Anspielung auf Ägypten erschien dem gewöhnlichen Spaziergänger nicht merkwürdig, sondern sie entsprach der damaligen Mode. Die ausgeklügelten Botschaften eröffneten sich nur den Eingeweihten. Ihnen war dieser Park, den der Fürstbischof ursprünglich "Freundenhain" genannt hatte, als ein Reservat der Freundschaft ausdrücklich gewidmet.


In der Legende von Canopus geht es um den Triumph des Wassergottes über den Feuergott der Chaldäer. Ein Mythos, der zwar im 18. Jahrhundert längst angezweifelt wurde, den aber von Auersperg der Tradition gemäß übernahm, wahrscheinlich, weil er so wunderbar in sein Weltbild passte. In Wasser und Feuer sahen die Freimaurer die positiven und negativen, die weltbewegenden Prinzipien, verkörpert durch den wohltätigen Osiris und den zerstörerischen Typhon. Das Erfreuliche an der Canopuslegende war der Sieg des Guten über das Böse. Dies konnte für Wissende die wichtigste Aussage des Canopusstandbildes sein und sie bestärken, denn schließlich spielte das Element Wasser im eigenen Logennamen "Zu den drei vereinigten Wässern" eine zentrale Rolle. Darüber hinaus verwies Canopus auf das geheime Logensiegel, auf dem im Zentrum eines Hexagramms eine Sphinx mit der Flamme der Weisheit auf der linken Pfote zu sehen ist. Die gleichseitigen Dreiecke, aus denen das Hexagramm besteht, stellen die alchimistischen Zeichen für Feuer und Wasser dar. Leidenschaftlich verknüpfte der Bund der Freimaurer, der Siegel und Symbole liebt, die nicht jedermann entschlüsseln kann, alles mit allem, schuf Bezüge und komplizierte Verästelungen.


Daneben galt Canopus als Gott des Nils. Er war für die Überschwemmungen zuständig, die das Land fruchtbar machen. Hier ließ sich eine schöne Parallele zu Passau an den drei Flüssen Donau, Inn und Ilz ziehen, die für die bayerische Stadt ebenfalls Nahrungsquelle und Bedrohung zugleich darstellten. Die seitlichen Kammern der Freudenhainer Canopusgrotte waren ein Bild für Räume, in denen laut Überlieferung Freimaurerkandidaten vor der Aufnahme in die Loge zur Selbstreflexion einige Zeit allein gelassen wurden.

Ein Stich der Canopusgrotte aus dem späten 18. Jahrhundert von Johann Friedrich Karl. 
© Johann Friedrich Karl
Ein Stich der Canopusgrotte aus dem späten 18. Jahrhundert von Johann Friedrich Karl.

Dunkel gemahnte das an die Wasser- und Feuerproben in altägyptischen Einweihungszeremonien, die zur Reinigung der Seele dienten. Manche Freimaurer setzten diese Rituale mit der Aufnahme in den ersten Freimaurergrad gleich und stellten damit ihre Gemeinschaft in die Tradition der bewunderten ägyptischen Priester. Diese Aufnahme ist der Anfangspunkt der Suche nach sich selbst auf dem Weg zur Weisheit und Vollkommenheit. Um das Ziel zu erreichen, müssen die Freimaurer weitere Prüfungen ablegen und werden dann in höhere Grade (Logen) aufgenommen. Vom Lehrling (1. Loge) gelangt man über den Gesellen (2. Grad) zum Meister (3. Grad). An diese sogenannten "blauen Logen" schließen sich in der Regel dreißig Perfektionslogen an.

Die Freimaurer gehen auf die Arbeiterzunft jener Maurer zurück, die quer durch Europa zogen, um die gotischen Kathedralen zu errichten. Daher erklärt sich auch der Ursprung ihrer bekanntesten Symbole: Zirkel, Winkel und Senkblei. Die Maurer waren die besten ihrer Zunft, die ihr "geheimes Wissen" sorgfältig hüteten, denn niemand sollte erfahren, wie diese gottgeweihten, bewundernswerten Gebäude entstanden. Das mag ein Grund dafür sein, warum wir bis heute wenig über die Zeremonien der Freimaurer wissen.
Ehe die Maurer des Mittelalters mit dem Bau einer neuen Kathedrale begannen, errichteten sie einen Versammlungsraum für sich - die Loge. Bis ins 17. Jahrhundert hatten nur Handwerker Zutritt. Nach der Reformation wurden die hochqualifizierten Männer beschäftigungslos, da nicht mehr so prunkvolle Gotteshäuser gebaut wurden. Die Logen, die von nun an im Verborgenen wirkten, mussten sich ein anderes Wirkungsfeld suchen und entwickelten sich zu den Geburts- und Diskussionsstätten von liberalem Gedankengut. Die "freien" Maurer kritisierten in ihren Versammlungen hinter vorgehaltener Hand festgefrorene Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen.

In dem verwunschenen Park am Rande Passaus können aufmerksame Besucher in die Gedankenwelt dieses Männerbundes vordringen. Grotten und Brücken sind eben nicht nur dekoratives Beiwerk, sondern ihre Bedeutung kann Schicht für Schicht enträtselt werden. Ganz durchschauen aber wird man die um Verschwiegenheit bemühten Freimaurer nie, genausowenig wie der Garten von Freudenhain alle seine Geheimnisse preisgeben wird.

Christiane Schillig